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Sasha, 39, Köln

Ich habe mich damit abgefunden, dass das Leben herrlich sinnlos ist, was auf mich sehr befreiend wirkt.

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Foto: Eva Kruse-Bartsch

 


Sasha! Du bist zum einen bildende Künstlerin – du malst klassisch mit Farben, du machst Street Art und du malst mit Licht. Erzähl doch ein bisschen, wie es dazu gekommen ist und was du an der bildenden Kunst liebst.

Sie bildet. Kunst macht das Leben schöner und manche Realität erträglicher. Wie wäre denn das Leben ohne Kunst? Es ist deprimierend, wenn man das Leben nur auf das Stillen der Grundbedürfnisse und auf die Funktion reduziert. Kunst fängt dort an, wo es Fülle gibt. Innere oder äußere. Kunst entspannt, regt an und bereichert. Sie ist durchaus lebensbejahend und bewegend. Sie steht über Politik und Grenzen, Sprachbarrieren und Regeln. Diese Sprache ist für jeden offen.
Es ist eine Welt, in der keine Lüge existiert, weil in der Kunst alles erlaubt ist.
Für mich ist Kunst ein Rätsel. Ich liebe auch die unendlich vielen Ausdrucksformen und Möglichkeiten. Kunst gibt mir die Möglichkeit, mich selbst zu kultivieren, zu entwickeln und neu zu entdecken, mich selbst zu überraschen.
Wie ist es dazu gekommen…? Als Kind habe ich gerne gemalt, wie jedes Kind es tut, dann habe ich ein paar Techniken gelernt und angefangen, meine Ideen zu realisieren. Dieser Prozess ist bei mir sehr langsam. Es gab Stadien in meiner Arbeit, in denen ich meine Träume, Depressionen, Ängste oder Beziehungen zum Ausdruck brachte. Ich arbeite mit dem, was gerade da ist, und wenn es zu persönlich ist, behalte ich es für mich. Manchmal bin ich voller Taten, manchmal ist es lau.
Seit 2007 male ich auch mit Licht, was sich technisch sehr von der klassischen Malerei unterscheidet, allein schon deshalb, weil du gar nicht vor dir siehst, was du gerade gemalt hast. Es wird erst später auf dem Foto sichtbar, und wenn es nicht gelungen ist, dann machst du es noch mal. Meine Kollegen von Lichtfaktor (Kölner Kollektiv von Light-Painting-Künstlern, Performern, Fotografen und Medienkünstlern, Anm. der Bloggerin) scherzen, dass ich nie zwei Sachen gleich malen kann…

 

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„Dream“ by Sasha Kisselkova

 


Außerdem schreibst du. Was liebst du am Schreiben?

Am Schreiben generell liebe ich meistens die Dinge, auf die ich ohne das Schreiben nicht kommen würde. Sie entstehen im Prozess. Durch das Schreiben lerne ich viel.
Schreiben ist auch Magie. Mich fasziniert, dass die Worte, die so immateriell sind, so eine unglaubliche Kraft haben können. Überhaupt: Die Sprache ist ein mächtiges Instrument. Und jede ist so anders. Jede hat eigene Dynamik und Atmosphäre. Auf Russisch schreibe ich ganz anders als auf Deutsch.
Außerdem ist es, praktisch gesehen, die günstigste aller Künste: fürs Schreiben brauchst du nur deinen Kopf, Papier und Stift, und dann hast du eine Welt erschaffen. Ist das nicht göttlich?
Dazu habe ich die Möglichkeit, mehrere Leben zu erleben und verschiedene Welten und Zeiten zu bereisen. Alles aus meinem Zimmer. Ich kann eine Königin oder eine Kriminelle werden, Mann oder Frau, oder beides, so wie ich will… und es ist alles genehmigt.

Wer sind deine Lieblingsautoren und warum?
Ich mag alles von zeitloser Klassik bis zu Unterhaltungsliteratur. Und ich liebe Märchen. Vor allem liebe ich Bücher, an deren Ende man traurig ist, dass die Geschichte vorbei ist.
Ich liebe Leo Tolstoi. Seine Beschreibungen und seine Liebe zum Detail sind unglaublich präzise. Es ist so spannend, in seine Welten einzutauchen und sie zu erleben, zu schmecken und zu riechen. Eigentlich hast du keine Wahl, er zieht dich hinein und lässt nie wieder los. Es gibt keine einzige Zeile, die ich kritisieren könnte. Durch seine Werke spricht er direkt zu deinem Unterbewusstsein.
Ich mag Dostojewski für sein Verständnis des Abgründigen in der menschlichen Seele und seinen schwarzen Humor, der manchmal so gnadenlos peitscht.
Mikhail Bulgakov hat mir damals in seinem „Meister und Margarita“ einen Anstoß gegeben, die Dinge neu zu betrachten.
Verwirrender Kafka, er erinnert an die Träume, die ich nie geträumt habe.
Mit Daniil Charms könnte ich sterben vor Lachen. Ich bin aber der Meinung, dass er nur auf Russisch funktioniert.
…Ilf und Petrov mit ihrem unverschämten Humor und ihren scharfsinnigen Beobachtungen der Absurditäten und mit ihrer Liebe zum Abenteuer, mit herrlichen Halunken und spitzfindigen Namen.
…Hermann Hesse mit seinen Seelenwanderungen und dem Drang nach Realisierung des Selbst.
Ich liebe Kortazar für die Alternative, die er in seinen Werken anbietet, für das Gefühl, was Leben bedeutet. Er hat mir mal den nötigen Tritt in den Hintern gegeben.
Salinger lese ich immer wieder. Er ist unsterblich.
Michael Ende finde ich toll. Er zeigt Kindern tolle Welten und geißelt die Erwachsenen für die verlorene Lebensfreude.
Mark Twain und Astrid Lindgren begleiten mich seit meiner Kindheit. Und autorenlose Märchen aus aller Welt, vor allem die Russischen.
Das erste Buch, aus dem ich vorgelesen habe, war das Dschungelbuch von Rudyard Kipling! Ich las das im Kindergarten für alle Kinder vor. Da waren noch ganz tolle Illustrationen drin…
Jorge Louis Borgues, Haruki Murakami, Gillian Flynn, Fred Vargas, Sir Arthur Conan Doyle, F.S. Fitzgerald… die Liste könnte unendlich lang werden. Und nicht zuletzt Melanie Raabe, die so gut wie gar nichts braucht, um eine Geschichte spannend zu gestalten. (Ich werde rot. Danke! Anm. der Bloggerin)

Wer sind deine Lieblingskünstler und warum?
Diese Palette ist auch sehr bunt, von Botticcelli und Bosch bis zu modernen Comic-Zeichnern und Streetart-Künstlern. An manchen Künstlern fasziniert mich die Technik, an den anderen die Aussagen und Ideen.
Ich liebe Gerhard Richters Wirkung auf mich. Jedes Mal, wenn ich ein Werk von ihm betrachte, bin ich verwirrt. Er ist ein Großmeister der modernen Kunst.
An Picasso mag ich mehr seine revolutionäre, unabhängige Art, seine Frechheit, die sich in seiner Kunst spiegelt, als seine Kunst selbst.
Ich mag Banksy. Ich hatte sogar dieses Jahr das Glück, sein Dismaland zu besuchen. Er präsentierte dort die Werke von ungefähr 50 Künstlern, und jeder von ihnen war erste Sahne! Es war ein großartiges Erlebnis.
Ich liebe Ernst Fuchs. Ich war eine Zeit lang so begeistert von der Energie in seinen Bildern und seinem Leben, dass ich auf einer Ausstellung von ihm an nichts anderes denken konnte, als ihn darauf anzusprechen, mich als Schülerin aufzunehmen. Ich habe mich nicht getraut.
Nikolai Roerich hatte ein unglaublich feines Gefühl für Licht und Farbe. Alles ist bei ihm so leuchtend und majestätisch still. Ich hätte gerne ein Bild von ihm!
Ich mag Faith47 dafür, dass sie meistens ihre großartigen Werke in Ghettos für die armen Menschen malt.
Die mutige Marina Abramovic. „The Artist is Present“ war meiner Meinung nach eine Heldentat. Die Frau ist großartig.
Dave McKean ist Kafka in der Kunst, er hat seine absolut eigene, unverkennbare Traumwelt und ist ein vielseitiger Künstler dazu.
Jon J. Muth ist ein sehr atmosphärischer Comic Gestalter. Er beherrscht verschiede Techniken von Aquarell bis Kalligrafie mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Ich mag auch, dass er seine Frau in jede Geschichte reinmalt.
Jim Avignon ist für mich ein Freund und ein Geheimnis. Er scheint an der Quelle der Ideen sein Haus gebaut zu haben und in einer anderen Zeitdimension zu leben. Sein Tag hat wahrscheinlich 40 Stunden… Ich weiß gar nicht, wann er das alles schafft. Er kann innerhalb eines Tages jede Halle mit tollen Bilder füllen und macht noch ein Konzert dazu.
BLU spiegelt unsere Gesellschaft auf riesigen Mauern. Mit wenig Mitteln bringt er es immer auf den Punkt.
DRAN finde ich so, so, so witzig. Ich liebe seine bösen Bilder.
Andy Kaufman finde ich genial und sehr überzeugend.
Und ich bin ein großer Fan von Steven Jay Russell, auch wenn er kein Künstler im traditionellen Sinne ist, eher ein Lebenskünstler. Ich finde, man sollte ihn frei lassen!
Ich liebe Vivienne Westwood, Yayoi Kusama, Scott Hampton, Raymond Lemstra, Laszlo Milasovszki, Trisha Brown, Nick Cave und viele mehr.
Und ich stehe auf alle jungen Künstler, die unsere Städte und Straßen schöner machen und uns zum Nachdenken und zum Lächeln bringen.

 

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Light Painting für Lichtfaktor by Sasha Kisselkova

 


Wo und wie bist du aufgewachsen?

Ich bin in Sibirien groß geworden. Oft umgezogen. Viel Zeit im Wald verbracht. Vielleicht zu viel. Im Winter und im Sommer war ich immer draußen. Ich habe viele tolle Orte und geheime Verstecke entdeckt. Ich erinnere mich nicht daran, dass meine Eltern ständig auf mich aufgepasst haben, so hatte ich völlige Freiheit. Ich hatte immer viele Tiere um mich herum. Hunde, Katzen, Vögel. Ich durfte jedes Tier mit nach Hause nehmen. Ich habe auch sehr viel gemalt und seit meinem fünften Lebensjahr viel gelesen.

Wie warst du als Kind?
Sehr neugierig und nicht besonders sozial. Ich war ein wenig wild, als ich mit sechs für ein Jahr in den Kindergarten musste. Aus dem Wald in die schreiende Zwergenmenge, es war hart. Ich habe dort sogar ein Mädchen gebissen, weil sie mir ein Buch über Papagaienarten weggenommen hatte und nicht zurückgeben wollte. Sie war größer als ich und wedelte vor mir mit dem Buch und provozierte mich mit „Na, hol es dir!“. Wir wurden danach beste Freundinnen.
Ich bin ständig aus solchen Anstalten wie Kindergarten oder Schule weggerannt und habe nach Abenteuern und Freiheit gesucht. Wenn ich keine Mitstreiter fand, machte ich es allein. Einmal rannte ich aus dem Kindergarten weg, weil ich keinen Mittagsschlaf halten wollte. Es war ein wunderschöner Herbsttag, rote und gelbe Blätter bedeckten den Boden, die Sonne schien, die Luft kann ich jetzt noch riechen und die Geräusche hören… ich nahm meine Sachen und floh durch das Toilettenfenster. Am Abend wurde meine Idylle mit Gebell von abgerichteten Hunden zerstört…
Ich glaube, ich war kein Traumkind für meine Eltern, wir hatten viele Konflikte, aber es war nie langweilig.
Ich war sehr wissbegierig und stellte viele Fragen. Lernen fiel mir sehr leicht, mich zu benehmen sehr schwer. Ich hatte ein riesiges Problem mit Autoritäten… Später hatte ich gute Freunde, mit denen ich sehr viele Dinge ausprobiert hatte, für die meine Eltern sich geschämt haben. Ich hoffe, sie werden eines Tages noch richtig stolz sein.

Was hat dich nach Köln verschlagen?
Es ist eine lange und gefährliche Geschichte. 😉 Um sie kurz zu halten und nicht zu viel dazu zu erfinden – die Lebensumstände waren so, dass ich umziehen musste, aber ich hatte auch nichts dagegen. Also betrachte ich es im Nachhinein als ein spannendes Abenteuer.

Was magst du an Köln?
Köln ist offen und international. Diese Stadt ist sofort mein Zuhause geworden. Es war die Liebe auf den ersten Blick, auch wenn die Stadt an sich nicht so viele schöne Anblicke anbietet – die Menschen hier sind fantastisch. Und der Dom!

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Eine dieser Personen ist meine liebste Freundin. Über Menschen wie sie sagt man, alles was sie anfassen, wird zu Gold. Außerdem hat sie eine tiefe Einsicht, kombiniert mit dem feinsten Sinn für Humor. Sie sollte Bücher schreiben!
Ich schwärme für den großzügigen Jay Gatsby (Protagonist aus F. Scott Fitzgeralds Roman „The Great Gatsby“, Anm. d. Bloggerin)
Ich liebe und bewundere Alexandra David-Neel. In ihre Zeit hatte sie so krasse Reisen unternommen, die für einen Mann schon fast unmöglich waren, geschweige denn für eine Frau. Als Jugendliche ist sie von Zuhause abgehauen, um von Frankreich nach Spanien mit dem Fahrrad zu reisen. Mit 57 ist sie zu Fuß nach Tibet gegangen, verkleidet und getarnt, weil Tibeter keine Ausländer hinein ließen. Sie war die erste westliche Frau, die dieses Land betrat. Sie ist mit fast 101 gestorben.
Jesus finde ich richtig cool. Aber nicht den leidenden, den man auf den Ikonen sieht, sondern den 100 Prozent lebendigen, freien und rebellischen.
Ich schwärme für Nick Cave. So ein vielseitiger, eigenartiger Künstler und intelligenter Mann. Es tut mir sehr, sehr leid, dass er seinen Sohn verloren hat.

Was ist das Schönste oder Aufregendste, das dir jemals passiert ist?
Das behalte ich für mich.

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Dass ohne schlechte Ereignisse manche guten Dinge nicht geschehen würden.

Erzähl etwas über deine bisher schönste, interessanteste und/oder aufregendste Reise!
Ich hoffe sie liegt noch vor mir. 😉
Aber ich denke immer wieder gerne an eine abenteuerliche Reise, die ich mit einer Freundin unternommen habe. Es war eine 17 Stunden lange Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Der Zug war voll, und wir bekamen keine Schlafplätze in einem geschlossenen Abteil, sondern ganz schlechte Sitzplätze im offenen Waggon neben der Toilette. Es war voll und lustig, es gab viele nette Mitfahrer. Einige hatten Musikinstrumente dabei, und wir sangen zusammen. Irgendwann, fast betäubt von Toilettengerüchen, sind wir in einen anderen Waggon gegangen, der besser war als unserer, lernten dort neue Menschen kennen und haben angefangen, mit ihnen über Gott und die Welt zu diskutieren. Die angesprochenen Themen führten zu großen Meinungsverschiedenheiten und kamen nicht gut bei der Zugpolizei an, den Kosaken. Wir wurden als Unruhestifter verhaftet. Sie brachten uns mit einem Konvoi in ihren komfortablen Polizeiwaggon, sperrten uns dort ein und stellten einen Wachmann vor die Tür. Zwei Kosaken saßen mit uns im Abteil. Erst haben wir über unsere Rechte diskutiert, die Situation und die Kosaken ausgelacht, was zu einem Redeverbot führte. Wir haben es auch ohne zu reden sehr gut verstanden, dass wir diese Reise ziemlich gemütlich fortsetzen können, wenn wir standhalten. In unserer Haft aßen wir gute Hausmannskost, konnten ausschlafen und haben uns dabei ordentlich beschwert über die Einschränkungen. Erst am Ende der Reise haben wir ihnen verraten, was für einen großen Gefallen sie uns getan haben. Zu dem Zeitpunkt haben wir uns schon fast befreundet und zusammen beim Biertrinken Karten und Domino gespielt.

Was inspiriert dich?
Liebe, Gerüche, Essen, Sounds, neue Erfahrungen aller Art, starke Charaktere.

Hast du Vorbilder?
Nicht wirklich. Es gibt Menschen, die ich liebe und Künstler, die ich bewundere, aber ich möchte die beste Version meiner Selbst sein.

Was macht dich glücklich?
Verliebt sein. Achtsamkeit, meine eigene und die der anderen. Ein gut gelungenes Projekt. Im Flow sein. Über eigene Grenzen hinaus gehen. Reisen. Kreieren. Erfüllte Träume. Tief berührt sein. Kleinigkeiten. Ich habe da eine Liste, die fünf Seiten lang ist.

Was ist der Sinn des Lebens?
Liegt er in der Vergänglichkeit? Oder vielleicht darin, das Leben schöner und spannender zu gestalten drum herum? Die Dinge zu schätzen, die man hat?
Ich habe als Teenager intensiv danach gesucht und bin verschiedenen Ideen gefolgt, habe Freunde mitgezogen. Ich habe alles Mögliche, aber keinen Sinn gefunden, und ich habe mich damit abgefunden, dass das Leben herrlich sinnlos ist, was auf mich sehr befreiend wirkt. So oder so muss man irgendwann alles loslassen.

Welche Frage habe ich vergessen zu stellen – und das, obwohl du so eine gute Antwort darauf gehabt hättest?
Ich hätte eher gerne eine Antwort gewusst. Was ist für dich der Sinn des Lebens?

 

Mehr über Sasha gibt es auf: https://www.behance.net/foryou 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Eva Kruse-Bartsch. Bilder: Sasha Kisselkova.

 

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Nilgün, 24, Berlin

„Mich faszinieren Dinge,
die ‚out of the box‘ gedacht sind.“

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Nilgün! Du hast kürzlich geheiratet. Herzlichen Glückwunsch!! Und im Anschluss gleich eine vielleicht völlig dämliche Frage, aber: Warum?
Vielen Dank! Als ich meinen Mann bei „World of Warcraft“ kennengelernt habe, dachte ich auch noch nicht, dass wir mal heiraten würden. Die Füllung für die Worthülse „Ehe“ kommt für mich aus der islamischen Lehre. Im Islam ist die Ehe kein Sakrament, das sich erst durch den Tod eines Ehepartners aufhebt, sondern die Verbundenheit zweier Menschen vor Allah, der so nebenbei gesagt der gleiche Gott Abrahams, Moses‘ und Jesu‘ ist. Es ist zwar die unliebsamste himmlische Erlaubnis, aber es gibt sie, die Erlaubnis zur Scheidung. Trotzdem muss ich sagen, tut es ziemlich gut in Zeiten des „schneller, besser, sexier“ und des Beziehungskonsums, sich auf eine Person voll einlassen zu können und von der Qualität der Beziehung zu leben. Uns wird täglich von der Werbung suggeriert, hey es geht noch was, du besitzt noch nicht alles um glücklich zu sein, und das hat sich stark auf die Partnerschaften unserer Kultur ausgewirkt. Verbindlichkeit geht auch ohne Ja-Wort. Aber mit der islamischen Ehe haben wir hoffentlich Gottes Segen eingeholt und zusätzlich eine fette Party geschmissen. Außerdem ist die Ehe so out, dass sie schon fast wieder in ist. Auf unserer Hochzeit war Stefans Großvater der Einzige, der den bräutigamschen Zylinder altmodisch fand, die anderen haben begeistert nach dem neuen „It-Item“ gefischt.

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Du bist vor einigen Monaten von Köln nach Berlin gezogen. Klare Sache: Pech für Köln! Wie gefällt es dir in der Hauptstadt?
Hier fluktuiert alles, und man trifft so viele unglaubliche und talentierte Menschen. Berlin ist ein interessantes Phänomen, die Stadt bietet nicht unbedingt die besten Studien- oder Arbeitsplätze im Land, aber die Menschen die es hierher verschlägt, kommen wegen ihrer Interessen und ihrem Lebenshunger. In anderen Großstädten wie London oder Paris bestimmt den Zuzug viel mehr die Arbeitssuche. Unfreiwilligerweise hat sich die Natur um Berlin herum gut erhalten, und ich kann es nicht fassen in Brandenburg noch auf Hirsche, Füchse und eine halbwegs intakte Flora zu treffen. Wenn irgendwo ein Bach plätschert, spricht es wohl meine innere Nymphe an.

Du bist eine Frau mit vielen Talenten und Interessen. Vor allem aber machst du großartige Fotos. Was inspiriert dich?
Mich haben früher Romane inspiriert, in denen es starke Frauenbilder und interessante, abweichende Männerrollen gibt. Lesen ist immer noch ein wichtiger Quell von Inspiration für mich, auch asiatische Filme, das Leben meiner Mitmenschen und vor allem die Natur und Mythologien, in denen sie gepriesen wird. Natürlich muss es zu all dem einen guten Soundtrack geben. Meine Fotos geben eine Sehnsucht nach der Natur wieder, wie ich es auch bei vielen anderen zeitgenössischen Künstlern nachempfinden kann. Ich finde es irgendwie ironisch, weil sich dieses Phänomen alle paar Jahrzehnte oder -hunderte wiederholt, aber ich kann mich dem trotzdem nicht entziehen. Meine erste Ausstellung war meiner in jungen Jahren entdeckten „Floral Fixation“ gewidmet.

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Welche Fotografen bewunderst du?
Das Zeitalter der Social Networks hat die Hierarchien abgeflacht und man erfährt viel mehr von jungen Künstlern. Es gibt so viele Fotografen, die wunderbare Arbeiten haben, und ich finde es manchmal faszinierend, wie Qualität und Popularität nicht Hand in Hand zu gehen scheinen. Um einige zu nennen, die vielleicht weniger bekannt sind: Jingna Zhang kommt aus Singapur und ist eine großartige und vielseitige Fotokünstlerin. Interessant finde ich auch, dass sie ebenso wie ich ein Gamer ist und in ähnlichen Dingen Inspiration findet. Kiki Xue ist ein chinesischer Fotograf, Elizaveta Porodina eine russische Fotografin, und Chen Man stammt ebenfalls aus good old Beijing. Außerdem tummeln sich in Krakau besonders viele junge, begabte Analogfotografen. Ich hab demnächst mal vor, dahin zu fahren und mir das Nest anzuschauen.

Hast du noch andere künstlerische Vorbilder?
Botticelli, Dante Gabriel Rossetti, Gustav Klimt, alles Leinwandkünstler vergangener Epochen. Aus der Filmwelt begeistern mich seit jeher Wong Kar Wai, Ang Lee und vor allem Hayao Miyazaki mit seinen Zeichentrickfilmen, in denen man ewig Kind sein und in Fantasie und Weisheit gleichermaßen schwelgen kann. Die Modewelt hat auch einen starken Einfluss auf meine Arbeit und Denkweise, aber nicht direkt die akuten Konsumwellen, die jede Saison neu einschlagen. Um konkret etwas zu nennen: Alexander McQueen, Vivienne Westwood und internationale Kostümgeschichte. Einige Kostüme von den Shootings stammen von mir.

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Für viele Menschen mit vielfältigen Talenten ist es schwer, sich für einen Beruf zu entscheiden. Was ist dein Plan?
Meinen Master machen und dann schauen, was der Arbeitsmarkt bietet. In der Zwischenzeit habe ich vor, ein Dutzend Video und Fotoprojekte umzusetzen, damit ich mich nicht der Schande hingeben muss, dass mein Notizbuch voller ist, als mein Portfolio. Mir gefällt es, finanziell nicht von meiner kreativen Arbeit abhängig zu sein, dann kann ich mich ihr besser hingeben und hoffentlich ehrliche Werke schaffen.

Gibt es irgendein neues Projekt, eine Seite oder irgendwas sonst, das du hier gerne promoten würdest? Fire away!
Da wir so viel über den Glauben geredet haben, würde ich gerne eine Kampagne zur institutionellen wie kulturellen Akzeptanz des Islam in Deutschland vorstellen. Mit „Juma“ (Jung, Muslimisch, Aktiv) arbeiten wir an einem Videobeitrag zum Thema, der kurz vor der Bundestagswahl richtig durchstarten wird. Watch out! http://www.juma-projekt.de/
Und meine Internetseiten! http://www.nilgunakinci.com ist noch im Aufbau und hat so gesehen noch kein Release erfahren.
Dann gibt es noch http://www.nilgunakinci.tumblr.com/ und meine Facebook-Seite
http://www.facebook.com/nilgunakinciphotographer. Like, like, like!

Deine Familie kommt aus der Türkei. Spiegelt es sich in deiner Kunst, dass du in zwei unterschiedlichen Kulturen zu Hause bist?
Das kann gut sein. Aber wie das so ist, sehe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht und stecke zu sehr in meiner Haut, um das zu beurteilen. Ich beschäftige mich mit vielen transkulturellen und Genderthemen, was ich – surprise, surprise – auch studiere. Mich faszinieren Dinge, die „out of the box“ gedacht sind. Das kommt sicher von meiner Macke, mich partout nicht in eine Schublade stecken zu lassen. In zwei Kulturen groß zu werden kann zwei Dinge bedeuten: entweder man fühlt sich keiner der beiden zugehörig und zurückgewiesen oder man sieht es als die größte Chance des Jahrhunderts und als Vorsprung in der Globalisierung der Welt.

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Auf der Facebookseite „Muslima Pride“ hast du kürzlich erläutert, was es für dich bedeutet, Muslimin zu sein. Hat mich – ich bin nicht-praktizierende, evangelische Christin – ziemlich beeindruckt, der Text. Wie hat dich dein Glaube geprägt?
Ich habe in meiner Jugend ein Kopftuch getragen, die Zeit, in der andere Mädchen grelles Make Up und Flirts mit Jungs ausprobieren. Es war toll, muss ich sagen, ich hab mich gefühlt wie Shams-ad-Din, ein Sufi auf Wanderschaft, spirituell unglaublich reich. Aber es macht dich ziemlich früh und unvorbereitet zur Zielscheibe der Gesellschaft und seltsamerweise in irgendeinem Stockholm-Syndrom-Verdreher auch zu der der eigenen Familie, wie es mir aus anderen muslimischen Familien in Deutschland auch zu Ohren gekommen ist. Irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich diese Zielscheibe abgelegt hab und mich in die Anonymität der Kopftuchlosigkeit geflüchtet habe. Es mag seltsam klingen, aber die Gesellschaft hat es mir nicht gegönnt, mit einem Stück Tuch anders zu sein. Wieso wird in unserer Gemeinschaft so etwas intimes wie die Wahl der Kleidung überhaupt in Frage gestellt? Ich habe inzwischen meinen Frieden damit geschlossen, kann es aber nicht akzeptieren, dass anderen Frauen solch eine Diskriminierung widerfährt. Mein Glaube begleitet mich in meinem Alltag und bei besonderen Anlässen, aber ich würde sagen, dass er für meine Mitmenschen erst im Monat Ramadan auffällt, der dieses Jahr wieder in zwei Wochen eintrifft. Ich freue mich darauf, ganz viele Freunde und meine Familie zum Iftar – dem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang – einzuladen und mit ihnen dieses Erlebnis zu teilen. Offenheit gegenüber den Welteinstellungen meiner Mitmenschen ist für mich essentiell, schließlich kennt die Offenbarung viele Wege, sich den Menschen zu zeigen.

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Gender und Feminismus sind für dich – genau wie für mich – große Themen. Was bedeutet es für dich, eine Frau zu sein? Hier und heute, 2013, in Berlin?
Ich habe mir nach harter Arbeit eine Sexismus-freie-Zone geschaufelt, in der ich mich als Frau wohl fühle. Aber ich sehe, wie andere noch daran zu leiden haben, und solange irgendjemand diskriminiert wird, dürfen wir nicht aufgeben, die Gesellschaft den darin Lebenden menschenwürdig anzupassen. Sexismus wird häufig hinter anderen Vorwänden versteckt, wie Arbeitsmoral, Ausländerfeindlichkeit, pure Gewalt, „die Natur der Dinge“ – dass ich nicht lache. Aber irgendwann werden die Ausreden ausgehen, und bis zu diesem Zeitpunkt müssen wir dahinter stehen.

Natalia Le Fay

Sich mit Feminismus und damit automatisch auch mit Sexismus zu befassen, hat für mich lange Zeit bedeutet, eigentlich ständig wütend zu sein. Wie geht es dir damit?
In meiner Jugend war ich rasend vor Wut angesichts der Ungerechtigkeiten, denen ich selbst ausgesetzt war und der andere ausgesetzt waren, wie ich als Betroffene bemerkt habe. Ich frage mich, warum ich nie etwas umgestoßen habe, Autos, Zeitungsständer oder einfältige Lehrer. Zu viele Faktoren trafen aufeinander, Tochter einer akademischen jedoch patriarchischen Familie, Kopftuch-Punk auf einem Schnösel-Gymnasium, Immigrant in der dritten Generation (ich habe gehört, die sind die Besten, lange Vorlaufzeit) und eine Übersensibilität und Verantwortungsbewusstsein für das Leid auf der Welt und die Klimaerwärmung. Glücklicherweise habe ich Geduld, Motivation und Inspiration in den Frauenbildern des Islam und in den Romanhelden meiner Jugend gefunden. Ich hoffe, durch meine Werke, diese Kraft und Inspiration weitergeben zu können. Außerdem habe ich inzwischen die richtigen Menschen getroffen und gelernt, mit den Unrichtigen umzugehen. Sie sind nicht so übermächtig, wie es sich manchmal anfühlt und durch Aufklärungsarbeit, Dialoge und persönliche Kontakte, in denen man sich der Lebensgeschichte des anderen bewusst wird, kann man die Dinge hin zum Positiven bewegen. Omm!

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe. Ganze Biographien von mir gibt’s auf http://www.geschenkbuch-deluxe.de.

Fotos 1 bis 4 von oben: Selbstporträts von Nilgün Akinci, Fotos 5 und 6 von oben: privat, Foto 7 von oben: Natalia Le Fay