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Inga, 34, Mannheim

An optimist is someone who figures out that taking a step backward after taking a step forward is not a disaster, it’s more like a cha-cha.


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Inga! Fangen wir doch am Anfang an. Wo und wie bist du aufgewachsen?
In einem kleinen Dorf in der „Nähe“ von Köln oder auch Bonn, je nachdem wie man das sehen will – im Laufe meines Lebens hat sich die Beschreibung dessen verändert. Jedenfalls muss man lange in öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto sitzen, um eine Straßenbahn oder ein Kino zu Gesicht zu bekommen.

Wie warst du als Kind?
Abenteuerlustig, ein Raufbold, der Klassenclown, manchmal bestimmt eine Nervensäge. Ich habe lieber mit Jungs gespielt als mit Mädchen und mich manchmal geprügelt. Ich hatte kurze Haare, wollte zeitweise Ingo genannt werden und habe mich bis zur vierten Klasse geweigert, ein Kleid zu tragen (ein Psychoanalytiker hätte seine wahre Freude an mir). Ich wollte alles alleine machen, gleichzeitig konnte ich bis zur siebten Klasse keine Klassenfahrt mitmachen vor lauter Heimweh. Ich hatte immer Angst, alleine zu sein. Ich bin das Nesthäkchen der Familie, meine große Schwester war immer mein größtes Vorbild.

Was bedeutet dir Familie?
Beziehungen bedeuten mir extrem viel, natürlich allen voran die Familie. Manchmal so viel, dass es mir Angst macht. Angst, dass ich mich auflöse und gar nicht mehr als einzelne Person existiere.

Wie war deine Jugend?
Nach einem Stimmungstief in der 6. und 7. Klasse (ich hatte oft Angst, den Anforderungen in der Schule nicht zu genügen und in meinem Freundeskreis nicht dazu zu gehören) habe ich im Theaterverein, dem Schau-Spiel-Studio Oberberg, ein zweites Zuhause gefunden. Der Rest meiner Schulzeit spielte sich hauptsächlich dort ab. Ich war Feuer und Flamme fürs Theater spielen und es war eine ganz tolle Truppe, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe.

Hättest du dir vorstellen können, die Schauspielerei zu deinem Beruf zu machen?
Ja, das habe ich auch versucht. Mir wurde gesagt ich habe Talent, aber mir fehle es an Durchsetzungsvermögen und Persönlichkeitsprofil. Das stimmt, ich war gerade 18 Jahre alt und alles andere als eine ausgereifte Persönlichkeit… Und ich bezweifle, dass ich das jemals von mir behaupten werde.
Meine Überlegung war dann, dass es eine gute Alternative wäre, Psychologie zu studieren, weil man sich dort sehr ähnliche Fragen stellt wie beim Theater spielen: Warum handelt/fühlt/denkt diese Person jetzt gerade so? Die Herangehensweise an diese Fragen unterscheidet sich natürlich sehr stark, und ich denke, die wissenschaftliche Perspektive der Psychologie liegt mir im Endeffekt mehr.

Du bist Diplom-Psychologin. Was fasziniert dich an deiner Arbeit?
Ich würde immer wieder Psychologie studieren, es ist ein ungeheuer vielseitiges Fach. Jetzt gerade bin ich sehr glücklich in der Forschung. Ich liebe es, mir Experimente auszudenken, auszuwerten und dadurch ein bisschen darüber herauszufinden, was langfristig Patienten helfen könnte. Ich bin nicht sicher, ob ich immer in der Forschung bleiben möchte oder kann – dafür ist die Konkurrenzsituation zu groß, und ich bin nicht bereit, deswegen bezüglich Partnerschaft und Familie zu weit zurückzustecken.
Leider hindert das Wissenschaftszeitgesetz viele interessierte junge Wissenschaftler, vor allem Frauen, daran, langfristig in der Forschung zu bleiben. Es führt letztlich dazu, dass man es irgendwann auf eine Professur schaffen muss, oder man fliegt sechs Jahre nach der Promotion raus – weil der Vertrag dann entfristet werden müsste, und sich die Unis das nicht leisten können oder wollen. Das heißt für mich: Entweder es klappt mit der Professur, oder ich werde mich irgendwann als Verhaltenstherapeutin niederlassen, und hoffe, dass ich bis dahin noch ganz viel Lebenserfahrung sammle und weise werde.

Was inspiriert dich?
In die Natur zu gehen und dort allmählich zur Ruhe zu kommen. Ich habe, zuerst im Rahmen meiner Selbsterfahrung, mehrtägige Wanderungen gemacht, um die Angst vor dem Alleinsein zu verlieren. Ich habe dabei ein ganz neues Gefühl kennen gelernt, eine Klarheit und Ruhe, die ich sonst selten so stark erlebt habe.

 

 

NZ (210)

 

 

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?Es gibt Menschen, die sind so ganz im Reinen mit sich und strahlen das auch aus. Immer wenn mir so jemand begegnet, bin ich ganz fasziniert.

Was macht dich glücklich?
Meine Tochter aufwachsen zu sehen. Meine Arbeit. Zeit mit meiner Familie oder Freunden zu verbringen. Die richtige Balance von Action und Stille.

Was ärgert dich maßlos?
Machtmissbrauch.

Hast du ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Mein Lebensziel ist es, immer weiter zu wachsen. Das ist nicht immer angenehm, aber ich bin Optimist und davon überzeugt, dass ich das Beste aus den Gegebenheiten machen werde.

Hast du Vorbilder?
Ja klar, für jeden Lebensbereich und jede Rolle, die ich einnehme, habe ich mehrere Vorbilder. Das sind alles Menschen, die ich aus meiner Biografie kenne. Du zum Beispiel, liebe Melanie, bist ein großes Vorbild für mich, wenn es um meine Rolle als Frau geht. Du bist intelligent und reflektiert, selbstbewusst, mutig, erfüllst dir deine Träume und genießt es, sexy zu sein. (Die Bloggerin wird rot. Anm. d. Bloggerin)

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Das ist eine wichtige Frage an mich. Ich möchte ja sehr gerne ein interessanter und besonderer Mensch (für andere) sein. Aber gleichzeitig führe ich ein stinknormales Leben, wie Millionen andere auch. Ich habe festgestellt, dass es sehr interessant ist, mir selbst zu begegnen, ohne die Perspektive anderer Menschen immer gleich mitzudenken. Gelingt mir aber eher selten.

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Von meiner Tochter habe ich sehr eindrücklich gelernt, dass die Entwicklung nicht linear verläuft, sondern aus einem ewigen Vor und Zurück beziehungsweise Auf und Ab besteht. Ich kannte zwar schon länger das folgende Zitat, aber jetzt verstehe ich es wirklich: „An optimist is someone who figures out that taking a step backward after taking a step forward is not a disaster, it’s more like a cha-cha.“

Was ist der Sinn des Lebens?
Herauszufinden, was dich auszeichnet und glücklich macht – und das dann auch zu leben.

Und welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine echt gute Antwort parat gehabt hättest?
Ich denke gerade viel darüber nach, wie es mich verändert, Mutter zu sein. Dazu habe ich keine gute Antwort, aber suche oft danach. Heute Morgen dachte ich, es ist wie mit einem zusätzlichen Ball jonglieren zu lernen.
Ich merke auch, dass es sehr en vogue ist, als junge Eltern ganz viel zu jammern über Schlafmangel und die enorme Zerrissenheit zwischen den einzelnen Lebensbereichen (Kind, Partnerschaft, Arbeit, Freunde und Familie, Freiräume für sich selbst). Natürlich stimmt das, aber es ist eben nur die halbe Wahrheit. Das Problem daran ist, dass es mir selbst ganz häufig ein schlechtes Gefühl macht, wenn ich so viel rumjammere. Ich kenne allerdings kaum junge Eltern, die sich trauen, öffentlich darüber zu reden, wie schön es ist, ein Kind zu haben. Ich glaube, das liegt auch daran, dass man die Glücksmomente (wie das erste „Mama“ durchs Babyphon, ihre ersten Schritte, von meiner Tochter ganz fest gedrückt zu werden) und die dazu gehörenden Gefühle so schwer mit Worten beschreiben kann. Da ist die Message „Ich habe heute Nacht nur drei Stunden geschlafen“ leider einfacher mitzuteilen.

  

Das Interview führte Melanie Raabe.
Fotos: privat

 

Sabrina, 28, Siegen

„Einfach mal machen!

 

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Sabrina! Genau wie ich auch bist du in einer Kleinstadt namens Wiehl aufgewachsen. Wie war deine Kindheit?
Grün. Ich kann nicht genau sagen warum, aber ich empfinde meine Kindheit als grün. Grüne Wiesen, grüne Bäume und eine furchtbare grüne Leggins haben sich in meinem Kopf als Erinnerungen festgesetzt. Wahrscheinlich eine kognitive Dissonanz, weil ich eigentlich immer nur lesen wollte und man mich regelrecht zwingen musste, das Haus zu verlassen. Die städtische Bibliothek durchzulesen war eher mein Ziel als auf Bäume zu klettern oder Blumenkränze zu basteln.

Und deine Jugend?
Schnell. Vereine, Theater, Abi-Organisation. Von einem Projekt zum nächsten. Immer auf der Suche nach Beschäftigung, dem nächsten Projekt, in das ich mich einbringen kann. Auf der Suche nach der einen Leidenschaft in Zusammenarbeit mit spannenden Menschen.

Du hast eine Zeit lang Theater gespielt. Hat dir das was gebracht – abgesehen von Spaß?
In jedem Fall die Erkenntnis, dass ich Grenzen im Kopf habe, die zu schnell eingreifen, als dass ich frei Theater spielen könnte. Deshalb bin ich recht schnell auf die andere Seite gewechselt und habe versucht, kreative Köpfe in ihrer Kreativität zu unterstützen, indem ich Rahmenbedingungen schaffe. Das ist eher meine Stärke. Aber Theater spielen hat mir in jedem Fall die Freiheit gegeben, vor Menschen sprechen zu können. Wenn man dann noch in einer Zeit Theater gespielt hat, in der Sprechtraining mit Balladen auf dem Programm stand, weiß man, wie man „König“ ausspricht, man weiß wie man so atmet, dass man 1,5 Stunden lang deutlich, klar und kräftig sprechen kann und man weiß, wieviel Arbeit gute Rhetorik ist. Das hilft mir heute oftmals. Den ersten Tag eines zweitätigen Rhetoriktrainings kann ich mir für gewöhnlich sparen. Auch dass eine Bühne in Balance sein sollte, hilft mir bei meinen Präsentationen häufig. Und dass Theater und Literatur eine Leidenschaft ist, die ich, egal welche Karrierewege ich einschlage, nicht aufgeben möchte, das wird mir auch immer wieder klar, wenn ich an meine „Jugend“ zurückdenke.

Gehst du immer noch kreativen Hobbies nach? Welchen?
Zur Zeit leider nicht. Meine Promotion ist gerade mein Hobby. Ich habe im letzten Jahr alles andere aufgegeben, um mich völlig darauf konzentrieren zu können. Aber das wird sich bald wieder ändern. Denn es reicht einfach nicht. Bis 2014 habe ich zusammen mit ein paar extrem spannenden Leuten ein studentisches Wirtschaftsmagazin entwickelt und vermarktet. Dort habe ich mich an neuen Textsorten versucht, über Grafiken diskutiert und daran gearbeitet, Grenzen im Kopf zu überwinden. Das war eine unglaublich spannende Zeit! Mit Ingenieuren über Wörter zu streiten, mit Grafikern Farben und Designelemente zu diskutieren und mit BWLern zu diskutieren, ob auch philosophische Ansätze in einem Wirtschaftsmagazin ihren Platz finden dürfen, war unglaublich inspirierend. Ich war für die „Mädchen-Themen“ zuständig, in einer Gruppe voller Männer. Das hat viel Raum für anregende Diskussionen gegeben und war immer wieder spannend!

Du bist Juristin. War Jura schon immer der Plan? Was reizt dich an Jura?
Ich bin in der vierten Klasse aufs Gymnasium gegangen, weil ich Jura studieren wollte, habe in der siebten Klasse Latein gewählt, weil ich Jura studieren wollte, habe das Abi durchgezogen weil ich Jura studieren wollte und habe es dann schlussendlich nicht getan. Mein Sozialwissenschaftsleistungskurs war schuld. Da hatte ich einfach zu viel Spaß daran, ökonomische und politische Fragestellungen zu diskutieren. Deshalb habe ich Wirtschaftsrecht studiert, nach zwei Semestern noch ein Bachelorstudium in Literatur, Kultur und Medienwissenschaften begonnen, um heute in BWL zu promovieren. Ich finde Jura immer noch spannend, der Glaube an Gerechtigkeit und Regeln ist elementar, aber die Themen, mit denen ich mich derzeit beschäftige sind einfach spannender.

Bist du ehrgeizig?
Es war es mir nie wert, für eine Eins ein privates Projekt aufzugeben. Eine Drei hätte ich aber auch nicht akzeptieren können. In dem Rahmen spielt sich mein Ehrgeiz ab.

Was treibt dich an?
Selbstverwirklichung und der Drang, Sachen besser zu machen, als sie bisher sind.

Woran arbeitest du gerade?
Derzeit nur an meiner Promotion. Die muss fertig werden. Ich hatte einen Zeitplan, und wenn ich den einhalten will, dann muss die Promotion Prio 1 haben. Aber Folgeprojekte sind in meinem Kopf, ich muss mal anfangen andere Köpfe zu suchen, die Lust haben, neue Projekte mit mir zu verwirklichen.

Was wünschst du dir für deine berufliche Zukunft?
Selbstverwirklichung. Arbeit ist mehr als ein Beruf. Ich möchte nie das Gefühl haben, für Sachen bezahlt zu werden, die ich nicht machen möchte, im Sinne von „Arbeit ist Leid und Bezahlung Schmerzensgeld“. Wir arbeiten so viele Stunden am Tag, dass Arbeit ein elementarer Bestandteil unseres Lebens ist. Deshalb möchte ich mit meiner Arbeit was erreichen. Das kann ich mir im wissenschaftlichen Bereich vorstellen, weil ich Studenten mag, Familienunternehmen faszinierend finde und glaube, mit interdisziplinären Forschergruppen noch richtig viel erreichen zu können. Das kann ich mir aber auch in der Privatwirtschaft vorstellen, mit Menschen, die was mit ihrem Produkt erreichen wollen, die werteorientiert Gewinne erzielen und die nicht an das Hamsterrad und an „Ich muss leiden also musst du auch leiden!“ glauben, sondern an motivierte Arbeitnehmer, die mit und in dem Unternehmen etwas verändern wollen und dafür bereit sind, Leistung zu erbringen.

Und was wünschst du dir für deine private Zukunft?
Ausgeglichenheit. Familie und Freunde im näheren Umfeld als Erdung und Motivator.

Was würdest du anordnen, wenn du für einen Tag die Welt beherrschen würdest?
Ruhe. Ich selbst kann Nichts-Tun nur schwerlich ertragen, aber ich erkenne immer mehr, wie wichtig es ist, zur Ruhe zu kommen. Ich könnte mir vorstellen, dass wenn alle Menschen auf der Welt gleichzeitig einen Tag wie den folgenden verleben würden: Aufstehen, Frühstücken, ein Spaziergang, eine Stunde bei einer Tasse Tee schweigen und nachdenken, Kommunikation mit Menschen über die Dinge über die man nachgedacht hat, Mittagessen, ein Mittagsschlaf, eine Stunde schweigen und nachdenken, Kommunikation über die Dinge über die man nachgedacht hat, ein Spaziergang, Abendessen, Kommunikation bei einem Glas Wein über die Erkenntnisse des Tages, schlafen – … dass dann viele Probleme der Welt gelöst werden könnten.

Was inspiriert dich?
Kunstprojekte, Unternehmensgründungen und Gründer. Zuletzt hat mich eine Installation in Düsseldorf inspiriert: In Orbit. So dass ich zwei mal da war, um diese zu erleben. Kunst zusammen mit Ingenieuren entwickelt und umgesetzt. So eine starke Wirkung hatte selten etwas auf mich. Unternehmensgründungen und Gründer faszinieren mich immer wieder. Menschen, die aussteigen, um ihr Ding zu machen. Was es für unglaublich coole Projekte und Menschen gibt! Wäre ich doch nicht so furchtbar deutsch und risikoavers…

Was macht die glücklich?
To-do-Listen abhaken.

Was ärgert dich maßlos?
Ungerechtigkeit, Selbstgefälligkeit, Pseudoreligiöse, Umweltverschmutzung, Werbung in guten Filmen, schlechtes Essen …

Hast du Vorbilder? Helden?
Das wechselt immer mal wieder. Menschen, die Verantwortung übernehmen und für Ideen einstehen und sich nicht vom System einengen lassen, es aber dennoch berücksichtigen und in ihm agieren finde ich großartig. Ich glaube nicht daran, dass Fähnchen im Wind, die immer den untersten Weg gehen nur um nicht anzuecken, erfolgreich und glücklich werden. Gründer und Gründerinnen sind oft dabei. Immer wieder verneige ich mich vor meiner guten Freundin Katharina, die sich mit Lokaldesign in Hamburg immer und immer wieder neu erfindet, die kämpft, um Lokaldesign am leben zu erhalten, besser zu machen und diese eine Idee die Idee ihres Lebens werden zu lassen. Es gibt Wissenschaftler in meinem Feld, von denen ich lernen will. Mein aktuelles Vorbild ist in jedem Fall Nadine Kammerlander, weil sie mich immer wieder an den Punkt bringt zu fragen: „Wie macht sie das bloß?“ 2014 warst du meine Heldin, ich bin gespannt wer es 2015 wird.

Hui! Also erstens: Danke für das Kompliment! Und zweitens: Wer oder was hat dich in deinem Leben am meisten beeinflusst?
Literatur, gute Filme und meine Zeit in der studentischen Unternehmensberatung. Dass ich mich für den Literaturwissenschaftsbachelor entschieden habe, hat mich definitiv am meisten geschult im Denken und in der Möglichkeit, Sichtweisen zu ändern. Und meine Zeit in der studentischen Unternehmensberatung hat mich präsentieren, diskutieren und moderieren gelehrt. Ich habe während dieser Zeit so spannende Menschen kennengelernt. Keine Diskussion, kein Konzept, kein Projekt und keinen kennengelernten Menschen würde ich missen wollen.

Wie würdest du dich in drei Worten selbst beschreiben?
Leidenschaftlich, kritisch und streitbar.

Was glaubst du, wie andere dich in drei Worten beschreiben würden?
Strukturiert, ehrgeizig, durchdacht.

Hast du ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Ich glaube an Lebensabschnitte und an deren eigenes Gefühl. Deshalb ändern sich die Mottos auch ständig. Zur Zeit fühlt sich mein Leben an wie ein Marathon in dem es gilt durchzuhalten, dennoch halte ich an einem Grundsatz fest: „Einfach mal machen!“

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: privat.

 

Renate, 38, Gummersbach

„All you need is love!“



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Renate! Ich habe das Gefühl, dass es kaum einen optimistischeren, ausgeglicheneren Menschen als dich gibt. Wie zum Teufel machst du das?
Danke. Vermutlich hat meine Mutter zu dieser Entwicklung einen großen Teil beigetragen. Sie war schwer krank und starb früh. Sie hat an mich geglaubt und mich unterstützt, wo sie konnte. Sie hat mich oft zum Lachen gebracht. Ich war als Kind und Jugendliche bereits Pflegeperson meiner Mama. Ich habe sie gefüttert, sie an- und ausgezogen, sie gewaschen, den Popo abgewischt … das volle Programm. Durch ihre schwere Krankheit wurde mir jeden Tag vor Augen geführt, wie glücklich ich mich schätzen darf, gesund und unabhängig zu sein.
Ich habe zahlreiche Interessen, einen vollen Terminkalender und liebe es, Neues kennen zu lernen. Das macht mich zu einem recht ausgeglichenen und optimistischen Menschen. Aber du kennst meine düstere melancholische Seite noch nicht. Ich kann unheimlich gut leiden. Mit der entsprechenden Musik geht das noch besser. Dann schwelge ich in Melancholie und gebe mich aussichtslosen und sehnsuchtsvollen Gedanken hin. Das macht bis zu einem gewissen Grad sogar Spaß! Und wenn dann das Unwiderrufliche und noch Unerreichte in meiner Gedankenwelt durch genügend Tränen aus meinem Bewusstsein gespült wurde, widme ich mich wieder dem Sanguiniker in mir und den großartigen Möglichkeiten und Menschen um mich herum. Die melancholische Seite findet natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, ohne Publikum, meist in den sonnenarmen Monaten oder beim Tango. Da kann ich die schwerfälligen Gefühle zu passender Musik einfach wegtanzen. Aber danke für das Kompliment, welches ich an dieser Stelle gerne an dich zurückgebe. Du gehörst zweifelsohne zu den optimistischsten Menschen, die ich kenne und zu den Menschen, die überall das Gute sehen, und das finde ich inspirierend und erstrebenswert. Energy flows where attention goes! Ich versuche meinen Blick auf das Schöne und Gute zu richten und auf den Weg nach vorne. Es gibt keinen Weg zurück und der Weg, der vor uns liegt, hält noch so manches Abenteuer parat. Jeden Tag. Ist das nicht der Wahnsinn? Sich Wünsche zu erfüllen, dankbar zu sein und das zu tun, was einen glücklich macht, sind der einfachste Weg zu Ausgeglichenheit und Freude am Leben.

Schön gesagt. Danke! Glaubst du eigentlich, dass es dich geprägt hat, dass du in Polen geboren bist? Wie lange hast du da gelebt und sprichst du eigentlich Polnisch?
Ich bin bis zu meinem fünften Lebensjahr in Polen aufgewachsen. In Deutschland wurden meine Eltern dazu aufgefordert, nur noch deutsch mit mir und meiner jüngeren Schwester zu sprechen. Das ist ein Grund dafür, das mein Polnisch es nie über die Kindergartensprache hinausgebracht hat und sich im Laufe der Jahre in den hintersten Synapsen-Knoten meines Gehirns verschachert hat. Ich kann nach dem Weg fragen und verstehe vieles, eine längere Konversation kann ich leider nicht mehr führen. Schade.
Die fünf Jahre in Polen und der Verlust meiner Muttersprache haben dazu geführt, dass ich mich eine lange Zeit meines Lebens in Deutschland fremd gefühlt habe. Keine richtige Deutsche aber auch keine Polin. Als junge Erwachsene habe ich oft gesagt, ich sei Europäerin, hat man mich nach meiner Herkunft gefragt. So fühle ich mich auch heute noch, denn ich reise unheimlich gerne und habe viele Eindrücke und kulturelle Besonderheiten der unterschiedlichen Nationen in mich aufgesogen.
Meine Kindheit in Polen war geprägt von Freiheit und Wildnis. Hinter keinem Busch hat sich eine Mutter versteckt, um nach dem Rechten zu schauen. Wenn es dunkel wurde, musste man zu Hause sein, das war die Regel. Ich habe auf sandigen Straßen gespielt, auf denen kein Auto fuhr und wenn, dann war das die Attraktion des Tages. Im Winter sind wir mit der Pferdekutsche durch den Wald gestreift, hinten dran eine Kette aus dreißig Schlitten mit vielen lachenden Kindern. Wir hatten ein Pferd. Es hieß Lalka, zu deutsch: Puppe. Ich erinnere mich an ein Foto, auf dem ich kleiner Knirps unter dem Pferd stehe, mein Kopf berührt knapp seinen Bauch. Irgendwie sieht das sehr geborgen aus.
Meine Zeit in Polen hat mich insofern geprägt, als ich als Kind von allen Vorteilen des Sozialismus profitieren konnte. Es gab ein großes Miteinander. Die Menschen hatten sehr wenig, doch sie hielten zusammen, feierten viel und halfen sich, wo sie konnten. Das habe ich später in Deutschland nicht mehr so wahrgenommen. Während meine Schulkameraden in den All-Inklusive-Urlaub nach Spanien oder Griechenland flogen, reisten wir in den großen Ferien in den Polenurlaub nach Masuren in Ostpreußen, wo ich geboren wurde. Ein zauberhafter Fleck Erde. Damals brauchte man ein Visum und musste durch die ehemalige DDR fahren. Überall standen bewaffnete Grenzsoldaten und schauten finster drein. Das Auto, bis oben hin bepackt mit Kaffee, Schokolade und Gummibärchen – Luxuskonsumgüter, die in Polen nicht gerade erschwinglich waren – rüttelte und schüttelte sich im Takt der alten Beton-Autobahn aus Hitlers Zeiten. Es war jedes Mal eine große Erleichterung, die Grenze zu passieren und endlich auf den Landstraßen Polens mit vielen Pferdekutschen und Autos wie aus einer anderen Welt, gelandet zu sein. Damals fuhren so wenige deutsche Autos, dass es jedes Mal ein Highlight war, einen Wagen mit deutschem Kennzeichen zu sehen. Lichthupe, anhalten und kurzer Austausch über Herkunft und Ziel inklusive. Polen war für mich als Kind und Jugendliche immer ein märchenhaftes Land. Ich durfte dort viele Abenteuer erleben. Nachts im Wald beim Lagerfeuer Würste auf dem Stock grillen, im kleinsten Auto der Welt, dem Fiat Bambino, zu acht Mann über buckelige Sandstraßen zur nächsten Dorfdisko fahren und immer und überall die betörende Weite des masurischen Himmels genießen. Polen, insbesondere Masuren, war für mich immer ein Land mit zauberhaften, freundlichen, lachenden und herzlichen Menschen, mit einem unermüdlichem Improvisationstalent. Ein Land mit einer fast beschämenden Gastfreundlichkeit, reich gedeckten Tischen mit allem, was die Jahreszeit so gerade her gab. Was in dem Land nicht wuchs oder gedieh, gab es einfach nicht. Alles war so natürlich und ursprünglich. Als in einem Sommerurlaub plötzlich Plastiktüten beim Obsthändler auftauchten, musste ich fast weinen, und als wenig später tatsächlich großformatige Werbeplakate an den Hauswänden hingen oder neben dem Ortseingangsschild die verschiedensten Produkte darboten, rollten tatsächlich die Tränen. Mein unschuldiges Märchenland hatte seine Seele verloren, und den Kapitalismus mit all seinen Nebenwirkungen gefunden.
Vielleicht sind mein soziales Wesen, mein Improvisationstalent und mein Helfersyndrom tatsächlich in meiner Herkunft begründet. Die Liebe zu Menschen der verschiedensten Kulturen, Gemeinschaft haben und feste Feiern, mit Tischen, wo sich die Balken biegen, sind auf jeden Fall Resultat meiner Herkunft und meiner Reiselust.

Du hast an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie studiert. Zudem hast du schon als Teenager auf Theaterbühnen gestanden. Welche Kunstform ist dir näher, Schauspielerei oder Regie?
Puh… die Frage meines Lebens! Mein Herz lacht und ist voller Freude, wenn ich als Schauspielerin auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen darf. Ich liebe es, eine Rolle mit Leben zu füllen und genauso liebe ich es, ein Werk zu erschaffen und als Regisseurin Sparringspartnerin der Schauspieler zu sein, um aus ihnen das Beste für das Gesamtkunstwerk heraus zu holen. Ich habe lange Zeit meines Lebens damit geliebäugelt, Schauspielerin zu werden. Zur Regie kam ich erst durch meine Ausbildung als Mediengestalterin in Bild und Ton beim WDR in Köln. Während des dritten Lehrjahrs kursierte ein Hochglanzmagazin der Filmakademie Baden-Württemberg in unserer Mediengestalter-Klasse. Alle waren fasziniert davon und meinten, wenn man hier aufgenommen würde, hätte man es geschafft. Ich hatte damals meiner Verwandtschaft zuliebe den Wunsch, Schauspielerei zu studieren, an den Nagel gehängt und eine „ordentliche“ Ausbildung begonnen. Zum Ende des dritten Lehrjahrs juckte es mich wieder in den kreativen Fingerspitzen, und so bewarb ich mich mit einigen meiner Ausbildungskameraden an der Filmakademie in Ludwigsburg und wurde genommen. Dies sah ich als Zeichen, vor allem, weil einige der meiner Meinung nach sehr begabten Mitbewerber nicht angenommen wurden. Ich kündigte meine unbefristete Stellung beim WDR und ließ mich auf das Abenteuer Regiestudium ein. Schon während des ersten Studienjahres vermisste ich die Schauspielerei so sehr, dass ich mich an einer Schauspielschule bewarb und ebenfalls genommen wurde. Die erste Hälfte meines zweiten Regie-Studienjahres verbrachte ich zum größten Teil an der Schauspielschule. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber ich hatte stets das Gefühl unterfordert zu sein. Ich wollte etwas Neues lernen und entschied mich für das Regiestudium. Irgendwann werde ich in meinem eigenen Film als Schauspielerin mitwirken, hatte ich damals beschlossen.

Welches war die wichtigste Lektion, die du während deines Studiums gelernt hast?
Nicht alles, was glänzt ist Gold, und der Weg zum Ziel ein hart umkämpfter! Wir waren privilegiert in Ludwigsburg. Acht Studenten in einem Kurs. Unsere Kantine war das Szene-Café „Blauer Engel“. Unser Campus, mitten in der schwäbischen Kleinstadt Ludwigsburg, gelegen wie ein Mikrokosmos. Ein Ort voller kreativer Köpfe aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Ein Ort, wo Magie, ewige Geschäftigkeit und Glamour auf ehrgeizige Kreative und Egozentriker trafen, ein Ort, der Konkurrenzkampf begünstigte, um auf das spätere so harte Filmgeschäft vorzubereiten. Für die einheimischen Ludwigsburger selber wohl auch ein Ort wie ein fremder Planet mit vielen Außerirdischen fernab von jeglicher schwäbischer Normalität. Während meines Studiums habe ich sehr viel Neid, Größenwahnsinn und die verrücktesten Psychosen erlebt. Genialität und Wahnsinn liegen ja oft nah beieinander. Lektionen habe ich in Ludwigsburg sehr viele gelernt. Die wichtigste war wohl, sich für Projekte mit positiven Menschen zusammen zu schließen, mit Menschen, die eine gewinnbringende Zusammenarbeit fördern und die eigene künstlerische Vision teilen bzw. unterstützen. Einer meiner Kommilitonen meinte in meinem ersten Studienjahr zu mir, einen Film zu drehen sei wie Krieg führen. Lange Zeit ging ich mit seinen düsteren Worten schwanger, denn tatsächlich kommt man bei dem Unterfangen Filmproduktion schnell an seine Grenzen und muss für seine Vision kämpfen. Im Laufe der Jahre konnte ich die Kriegsmetapher durch ein anderes Bild für mich ersetzen. Eines, das viel besser zu mir passt: Einen Film zu drehen ist wie Ballett. Stetig im Balanceakt und im Kontakt zu seinen Mittänzern für die perfekte Choreographie.

Was war dein stolzester kreativer Moment?
Auszeichnungen machen stolz und setzen unheimliche Glücksgefühle frei. Ich bin im Quadrat gehüpft, als ich erfahren habe, das mein Diplomfilm „Weiße Ameisen“ mit dem ARD CIVIS Preis für Integration und kulturelle Vielfalt prämiert wird. Positives Feedback von Kollegen, die gerne mit mir zusammen arbeiten, erfüllt mich ebenso mit Stolz und Dankbarkeit wie beflügelte Kommentare ergriffener Theaterbesucher nach einer Darbietung als Schauspielerin. Einen einzigen Moment kann ich gar nicht hervorheben.

Mit welcher Schauspielerin oder welchem Schauspieler würdest du gerne mal drehen?
Johnny Depp. Definitiv. Sophia Loren, Juliette Binoche, Robert de Niro, Jonathan Rhys-Meyers und da gibt es noch einige andere internationale Größen, wo ich zerplatzen würde vor Freude, wenn ich mit ihnen drehen könnte. Quatsch mit Soße. Wahrscheinlich würde ich vor Ehrfurcht im Boden versinken und jemand anderes müsste meinen Job übernehmen. Auf dem nationalen Feld stehen Hannelore Elsner, Nadja Uhl, Jürgen Vogel, Matthias Schweighöfer und Benno Führmann auf meiner Wunschliste ganz oben. Hey, das wäre doch eine schöne Kombi für einen spannenden Ensemblefilm und eine internationale Co-Produktion. Jetzt fehlt nur noch das Drehbuch. Wie schaut es aus Melanie? Hast Du Lust?

Aber immer, liebe Renate! Aber lass uns das später besprechen. 😉
Du bist sehr erfolgreich und enorm produktiv. Hast du noch unerfüllte, kreative Träume?

Oh, danke für die Blumen, Melanie. Tja, einen unerfüllten Traum habe ich soeben in der vorherigen Antwort genannt, wie gesagt, fehlt nur noch das Buch. Nach meinem Regiestudium bin ich sehr schnell in die Fernsehwelt eingetaucht und habe für viele unterschiedliche Serienformate gedreht. Meinen Debüt-Langspielfilm drehen und die Goldene Palme in Cannes gewinnen, stehen noch auf meiner To-Do-Liste. Klar. Ich habe noch hunderte unerfüllte kreative Träume. Das Leben ist zu kurz, um keine Träume zu haben, und jeder tut gut daran, einige von ihnen in Erfüllung gehen zu lassen.

Da stimme ich dir vollkommen zu. Hast du eigentlich einen absoluten, ultimativen Lieblingsfilm?
Den ultimativen Lieblingsfilm gibt es nicht, aber viele, die ich mehrfach gesehen habe oder die mich sehr beeinflusst und inspiriert haben. Dazu gehören Filme von Pedro Almodóvar, Krystof Kieslowski, Emir Kusturica, Lars von Trier, Tom Tykwer und James Cameron. Einen Lieblingsregisseur habe ich nicht.

Du reist gerne. Was war dein schönster Trip?
Tatsächlich waren die schönsten und intensivsten Trips diejenigen, bei denen ich für längere Zeit und alleine unterwegs war. Wie eine Therapie. Voller Abenteuer, Freiheit und seelischer Erneuerung. Südamerika und Asien, ich kann keine Präferenz geben, dafür waren die Reisen zu unterschiedlich. In Asien habe ich tauchen gelernt, war in einem buddhistischen Kloster und habe wilde Full-Moon-Partys an den thailändischen Stränden gefeiert. In Südamerika bin ich an der chilenisch-argentinischen Grenze in den Anden auf 5000 Meter Höhe rumgekrackselt, habe an den wunderschönen Küsten Brasiliens gebadet und in den ältesten Tangosalons von Buenos Aires mein Tanzbein geschwungen.

Was fasziniert dich am Tangotanzen? Denn das ist ja eines deiner liebsten Hobbys, oder?
Ich liebe es zu tanzen, egal ob auf elektronische Beats während einer vernebelten Party oder ganz klassisch im Tanzsalon. Beim Tanzen nutze ich meinen Körper, um mich auszudrücken und bringe mein Innerstes nach außen. Tango ist der Tanz des Herzens. Ich bin völlig erfüllt, wenn ich mit einem Tanzpartner in die Symbiose zur Musik gehe. Ich bin im Flow und mein Herz lacht und weint gleichzeitig, gerührt von den harmonischen Bewegungen und Drehungen im Tanz, sich verzehrend vor Sehnsucht und Melancholie durch den virtuosen, erdigen und so archaischen Klang des Bandoneons und des leidenschaftlichen Gesangs.

(Renate hat sich gewünscht, dass ich meinen lieben Leserinnen und Lesern an dieser Stelle ein Lied präsentiere, was ich gerne tue. Anmerkung der Bloggerin)

Ich habe mich schon als junges Mädchen dem Tango verbunden gefühlt. Ich weiß auch nicht genau warum. Ich habe einen Film gesehen und war seitdem verzaubert und wollte ebenfalls Tango tanzen. Vielleicht, weil der Tango so archaisch und temperamentvoll ist, voller Leben und Kreativität. Bei diesem Tanz wird einem niemals langweilig, denn er lebt von Improvisation. Kein Tanz ist gleich. Ich tanze auch Standard, Latein und karibische Tänze wie Salsa und Bachata, aber Tango Argentino ist definitiv mein Lieblingstanz. Mir gefällt auch die Kultur des Aufforderns. In Deutschland fordern auch die Frauen auf, in Argentinien ist diese Rolle natürlich immer noch nur den Männern vorbehalten. Ich selber kann nicht so gut auffordern. Aus Angst vor einer Ablehnung bleibe ich lieber sitzen und warte, bis mich jemand auffordert. Ich kann die Jungs gut verstehen, die ebenfalls große Angst vor einem Korb haben und sich nicht trauen, aufzufordern. Bei mir gäbe es deshalb sowieso keinen Korb. Never! Der Mut muss belohnt werden. Es ist verrückt, wenn ein wildfremder Mensch dich umarmt, man also als Paar in Tanzhaltung geht und die Energien fließen, bis man sich plötzlich im Gleichklang zur Musik bewegt. Was dabei heraus kommt, ist mit jedem Tanzpartner anders. Beim Tango verbinden sich zwei Körper, zwei Herzen und zwei Seelen im Rhythmus der Musik zu einem Ganzen für die Dauer eines Liedes. Ist der Tanz gelungen, strahlen sich zwei Augenpaare an. Ganz ehrlich: Tango ist fast so schön wie Liebe machen. Ich bin sehr dankbar, dass ich mir einen meiner großen Träume, in Buenos Aires Tango zu tanzen, bereits erfüllen konnte. Vielleicht sollte ich Mal einen Tango-Film drehen. Oh ja.

Wie erholst du dich am Liebsten?
Im Bett, auf dem Tanzparkett und im Düsenjet… ab in die Ferne!

Was würdest du dir von der berühmten guten Fee wünschen?
Liebe für alle! Einen 1963 Ferrari 250 GTO und ein lebenslang gültiges Around-the-World-Ticket.

Was inspiriert dich?
Die Natur, Musik, Kunst und Menschen, die aus dem nichts etwas geschaffen haben und immer wieder neue Ideen haben, um etwas zu starten.

Hast du ein Lebensmotto?
All you need is love! Tanze, als ob dir niemand zusieht, singe, als ob dich niemand hört, und liebe, als wärst du nie verletzt worden.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: privat.

 

Bea, 37, Köln

„Ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf“


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Bea! Du lebst in Köln. Wo bist du geboren?
Sozusagen „In einem Land vor unserer Zeit“, nämlich 1977 in der DDR, genauer gesagt in Dessau. Ich bin also in zwei Ländern aufgewachsen. Bis zu meinem zwölften Lebensjahr in der DDR und dann in der BRD. Geprägt hat mich beides. Heute denke ich manchmal, wie verrückt und aufregend es doch ist, ein winziger Teil unserer Geschichte zu sein. Mir fallen dann meine Oma ein und ihre Erzählungen. Sie hatte in ihrem Leben auch drei Währungsreformen erlebt, genau wie ich.

Du arbeitest als Schauspielerin und Regisseurin. Wie bist du zum Theater gekommen?
Das Theaterblut fließt seit Generationen in den Adern meiner Familie. Urgroßvater Opernsänger, Großeltern Opernsänger, Vater Schauspieler… Naja, da war ich für jeden anderen Beruf verdorben. Ich bin schon als kleines Kind im Dessauer Theater auf der Bühne rumgesprungen, da ich dort im Chor gesungen habe. Es war eine tolle Kindheit, denn das Theater war für mich wie ein riesiger Abenteuerspielplatz, und so kam ich mir zwischen all den Kulissen und Kostümen wie Alice im Wunderland vor. Leider habe ich nie mit meinem Vater zusammen auf der Bühne gestanden, denn er starb als ich 10 war. Ab diesem Moment war der Wunsch, selber Schauspielerin zu werden und in seine Fußstapfen zu treten, noch größer. Der Beruf ist immer noch meine Verbindung zu ihm, und dadurch, dass ich seinen Künstlernamen angenommen habe, habe ich das Gefühl, sein Andenken zu bewahren.

Was würdest du machen, wenn du nicht am Theater gelandet wärst?
Zum Glück (oder leider?) gab es nie eine Alternative. Als es nach dem Abitur drei Jahre lang nicht mit einem Studienplatz für Schauspiel geklappt hat, begann ich für vier Semester Design am Bauhaus zu studieren. Glücklicherweise kam dann die „Erlösung“ durch den Ausbildungsplatz am Theater der Keller. Ich glaube, für jeden anderen Beruf fehlt mir das Talent.

Du hast also schließlich an der Schauspielschule des Theaters der Keller studiert. Wie war die Zeit dort?
Sie war der letzte Versuch nach drei erfolglosen Jahren des Vorsprechens. Ich weiß noch genau, dass ich den Nachtzug von Dessau nach Köln gar nicht nehmen wollte und mich erst in letzer Sekunde dazu aufraffen konnte, doch zu fahren. Als der Zug dann morgens um 7 Uhr über die Hohenzollernbrücke rollte, war ein wunderschöner Regenbogen über der Stadt zu sehen und ich wußte: „Das wird mein Tag.“ Wenn ich so zurückschaue, ist es gut, dass ich lange darum kämpfen musste, Schauspielerin werden zu dürfen. Ich habe mich dadurch auch geprüft und weiß, dass ich nie etwas anderes machen möchte, auch wenn es immer mal Rückschläge gibt. In der Schauspielschule habe ich eine richtige Wandlung durchgemacht, innerlich wie äußerlich, denn ich war anfangs extrem schüchtern und unscheinbar. Großartig war, dass man schon während der Ausbildung am „Keller“ spielen durfte und dadurch das Erlernte nicht im sterilen Klassenraum blieb, sondern sein Publikum fand. So war ich auf das Berufsleben da „draußen“ gut vorbereitet. Und ich hatte wunderbare Lehrer. Herbert Wandschneider zum Beispiel, bei dem ich mich ohne Angst in „Gombrichs Geschichte(n)“ freispielen und ausprobieren konnte.

Was würdest du jungen Schauspielerinnen raten?
Der Beruf ist hart, besonders für Frauen. Prüfe dich, ob du es wirklich willst, mit allen Konsequenzen. Und wenn du es wirklich von Herzen willst, dann mach es mit deinem ganzen Herzen.

Was liebst du an deinem Job?
Das Unerwartete, das Lampenfieber, die Kreativität, die Energie, und die Erleichterung und Freude nach einer gelungenen Premiere.

Und was weniger?
Es ist ein sehr unsicherer und manchmal auch unfairer Beruf. Oft entscheidet nur der „Typ“ und nicht die Leistung.

Ist Köln ein guter Ort für Theaterleute?
Es ist sicherlich ein guter Ort um gleichgesinnte, kreative Leute kennenzulernen und sich auszutauschen oder gegenseitig zu inspirieren. An den äußeren Bedingungen in der freien Szene ließe sich aber noch so einiges optimieren. Als freies Ensemble wie es das „Theater Skurreal Noir“ ist, muss man sich für ziemlich viel Geld in einer Spielstätte einmieten und trägt ganz allein das Risiko. Bekämen diese freien Spielstätten Zuschüsse, müssten sie keine so hohen Mieten nehmen, und es würden sicher noch mehr Stücke in Eigeninitiative produziert. Köln könnte in dieser Hinsicht also noch um einiges bunter sein. Obwohl die freie Szene in Köln auch jetzt schon beachtlich ist.

Welches ist deine Traumrolle? Hast du sie schon gespielt?
Ich mag es, Figuren mit Ecken und Kanten zu spielen. Eine Traumrolle selber gibt es nicht. Meist „verliebe“ ich mich in die Rolle, die ich gerade spiele, und versuche ihr Leben einzuhauchen.

Du hast mit einer tollen, unglaublich detailverliebten Inszenierung von „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ dein Regiedebüt gegeben. Was hat dich gereizt an diesem Stoff?
Danke. Ja, es war wirklich mein erstes eigenes „Baby“ und ist eigentlich aus der Not heraus geboren. 2013 war für mich ein schwieriges Jahr, viele Vorsprechen, viele Absagen, viele Selbstzweifel. Eines abends im Mai kam dieser großartige Film im Fernsehen. Ich liebe ihn schon seit meiner Kindheit und bleibe jedesmal davor hängen, wenn er läuft. Doch diesmal traf es mich wie ein Blitz und ich dachte: „Den Stoff muss ich auf die Bühne bringen“. Es ist eine makabere und düstere Geschichte mit abgründigem schwarzen Humor. Genau das, was ich liebe. Ab diesem Moment spürte ich eine enorme innere Kraft, die mich bis zur Premiere angetrieben hat. In relativ kurzer Zeit habe ich eine Bühnenfassung geschrieben, das Stück besetzt (denn die Schauspieler hatte ich bereits beim Schreiben vor Augen), das Bühnenbild entworfen und dann losgeprobt. Ich hätte mir das vorher nie zugetraut und ich habe auch einige damit überrascht. Vor allem mich selbst.

Wie ist das Projekt gelaufen? Und planst du, erneut als Regisseurin zu arbeiten?
Trotz aller Anfängerfehler, die ich gemacht habe, und um die ich auch weiß, bin ich stolz auf unser „Baby“. Ich sage ganz bewußt „unser“, denn es ist eine wirkliche Gemeinschaftsarbeit zwischen den Schauspielern und mir gewesen. Gerade Gisela Nohl, die als „Jane“ das Stück tragen musste, hat sich ohne zu zögern ganz der Rolle geöffnet und eine vielschichtige Figur erschaffen. Und mit Uta-Maria Schütze stand meine ehemalige Schauspiellehrerin als Blanche an ihrer Seite. Ich bin sehr dankbar, dass sie dieses Experiment mit mir gewagt hat. Sonia Fontana hat als Hausmädchen alle spanischen Texte beigesteuert und ganz nebenbei noch die Choreografie gezaubert. Es ist also das Ergebnis vieler fleißiger und selbstloser Menschen, die wie ich an die Sache geglaubt haben. Und wir wurden auch mit viel positivem Feedback belohnt. Eigentlich sollte das Stück auch ab Januar 2015 wieder laufen, aber leider ereilte mich im Oktober ein Anruf aus Amerika, und nun dürfen wir aus rechtlichen Gründen das Stück nicht mehr spielen. Das ist sehr bitter und ein herber Schlag, denn wir wollten alle unbedingt und mit Freude weiterspielen. Nun machen sich Entsetzen und Enttäuschung breit. Bevor der Anruf kam, begann sich in meinem Kopf schon das nächste Projekt zu formen. Ich spiele mit dem Gedanken, „Psycho“ auf die Bühne zu bringen. Bilder und Besetzung habe ich schon vor Augen und Lust wieder zu schreiben auch. Aber die Lähmung nach dem „Baby Jane“-Schock ist noch da. Aber ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf. Irgendwann muss die Energie wieder sprudeln, sonst platze ich.

Hast du Vorbilder?
Schon lange bewundere und verehre ich Judi Dench und Imelda Staunton. Zwei Ausnahmeschauspielerinnen.

Was macht dich glücklich?
Es sind die kleinen Dinge, die mich innerlich lächeln lassen. Mein Kater schnurrend auf meinem Schoß, ein schöner Abend mit Freunden, Besuche in der Heimat, ein Stück Schokolade langsam auf der Zunge zergehen zu lassen, lange Spaziergänge, ein guter Film. Es gibt so vieles.

Was inspiriert dich?
Andere Menschen und Kulturen. Musik.

Hast du ein Lebensmotto?
Gib niemals auf. Und gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Das für mich wichtigste Erlebnis war der Mauerfall. Ohne den wäre ich jetzt nicht in Köln und vieles wäre anders.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Annette, „39, mal wieder“, Köln

„Wahre Liebe lässt los“

 

faecher

Liebe Annette! Du machst so viele unterschiedliche und spannende Dinge. Wenn dich ein Fremder fragt, „was du beruflich machst“ – was antwortest du?
Am Liebsten sage ich: ICH BIN ICH … was auch immer das in dem Moment bedeuten mag. Ich habe so viele Berufe, dass ich manchmal denke, die Leute sind überfordert, wenn ich die alle aufzähle. Also wähle ich immer einen oder zwei aus, je nach Situation, aber ich kann ja mal den Versuch einer Aufzählung machen: Zigarenmanufactrice – das Wort hab ich selbst kreiert – Zigarrenrollerin, Autorin, Sängerin, Dolmetscherin, Künstleragentin, Eventmanagerin, Regisseurin …

Wie schöpfst du die Energie für all deine Projekte?
Ich hab sehr viel Energie von Natur aus. Und wenn ich Menschen begeistern kann, bekomme ich jede Menge zurück. Und wenn die Speicher mal leer laufen, gehe ich in die Natur oder singe.

Wo kommst du her und wie bist du aufgewachsen?
Ich komme aus einer Provinzhauptstadt in Südbaden namens Rheinfelden. Dort bin ich geboren, am südlichen Rande des Schwarzwaldes.

Du reist offensichtlich gerne und viel. Welches war dein schönstes oder interessantestes Erlebnis auf Reisen?
Als afrikanische Voodookünstler, die ich produziert und getourt habe, auf dem Marktplatz eines Dorfes in den Anden Glas zerkaut und runtergeschluckt haben, um den Indios, die noch nie schwarze Menschen gesehen hatten, ein Stück ihrer religiösen Kultur zu zeigen.

Welches ist der interessanteste Mensch, dem du je begegnet bist?
Ahmet Ertegün, der Gründer von Atlantic Records, New York, den ich zwei Jahre vor seinem Tod in Bodrum kennengelernt habe. Er hat mit den Rolling Stones, Led Zeppelin, Aretha Franklin und endlos vielen weltberühmten Musikern gearbeitet. Es war ein gegenseitiges „Sich-Erkennen“ von zwei Persönlichkeiten, als wir uns begegneten, eine Art „platonische Liebe auf den ersten Blick“.

Du bist Besitzerin einer Kölner Zigarrenbar. Wie kamst du auf die Idee? Erzähl doch ein bisschen von deinem Laden.
Das ist keine Zigarrenbar, sondern eine Zigarrenmanufaktur mit Laden und kleinem Salon, in dem wir Seminare abhalten. Die Zigarren sind mir zugeflogen wie ein verirrter Papagei. Ich liebe Kuba, die kubanische Musik und Kultur. Ich habe viele Tourneen kubanischer Künstler organisiert und irgendwann begann ich die „Kunst des Zigarrenrollens“ auf Events zu zeigen, also so eine Art mobile Zigarrenmanufaktur und eh ich mich versah, hatte ich meine eigene Zigarrenmanufaktur – ein Stück Kuba in Köln …

Zudem bist du Autorin. Was hat es mit deinem Buch auf sich? Was steht drin und warum hast du es geschrieben?
Ich erzähle von einem Liebesexperiment, das ich durchgeführt habe. Fünf Männer, fünf Beziehungen parallel wollte ich haben, und das ganz offen und ehrlich. Ich wollte mal was ganz Neues ausprobieren, ausbrechen aus den Konventionen unserer Vorstellung von Partnerschaft. Ich erzähle heiße Stories aus dem Nähkästchen, es geht um Sex, Eifersucht, wilde Experimente und die Sehnsucht nach Liebe. Das Buch hat in der Presse einige Wellen geschlagen, ich war bei vielen Talkshows zu Gast, u.a. bei Markus Lanz, bei Plasberg oder in Backes’ Nachtcafé und erntete nicht wenig pikierte Blicke der Männerwelt.

Du stehst auch immer mal wieder auf der Bühne. Was bedeutet es dir, vor Publikum zu stehen?
Ich liebe die Bühne, ich liebe es, meine innere Rampensau rauszulassen. Wenn ich dann noch Rückmeldungen bekomme, dass ich irgendwas in den Menschen bewege durch meine Musik oder meine Texte, dann bin ich glücklich!

Kennst du Lampenfieber?
Oh ja und wie! Aber ich glaube, das gehört zu einer guten Performance dazu.
 



zigarre

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast im Leben?
Die wahre Kraft und das Glück liegt in Dir. Und in jeder Katastrophe, auch wenn du es erst nicht glauben kannst, ist irgendwo ein Geschenk versteckt.

Hast du ein Lebensmotto oder eine Lebensphilosophie?
Wahre Liebe lässt los.

Was inspiriert dich?
Städte wie Istanbul oder Paris. Am Liebsten sitze ich in Straßencafés und lasse das Leben an mir vorbeiziehen.

Was macht dich glücklich?
Musik. Sex. Sonne.

Gibt es etwas – eine Veranstaltung, ein Buch, eine Homepage – die oder das du gerne promoten würdest? Das ist die Gelegenheit!
Ab 24.10. trete ich mit meiner Show zum Buch „Fünf Männer für mich“ im Kölner Arkadastheater – Bühne der Kulturen auf, (Spieldaten: 24.10 / 30.10. / 11.11. / 18.11. / 11.12. / 23.12 jeweils 20.15 h ) Vorverkauf unter 0221-550 43 15, weitere infos hier www.annettemeisl.de
Mein Buch „Fünf Männer für mich“ kann man in allen Buchhandlungen bekommen oder hier: http://shop.lagalana.de/artikel/fuenf-maenner-fuer-mich
Und in meinem Zigarrensalon gibt es spannende Seminare zu Zigarrenherstellung und Rumverkostungen. www.lagalana.de

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Fotos: Dario Scandura.

Jörn, 31, Lübeck/Ingolstadt

„Offene Augen, Ohren, Herz.“


Copyright: Olaf Malzahn

Lieber Jörn! Was ist das Interessanteste, was dir je passiert ist?
Momentan, dass ich genau diese Frage neulich jemandem gestellt habe. In Ermangelung auf der Hand liegenderer Themen in einem stockenden Gespräch. Und als Antwort bekam ich eine tolle Geschichten über Seekrankheit auf dem Polarmeer zu hören. Ich selber habe aber folgende Geschichte erzählt: Freundinnen von mir haben zufällig einen Typen in seinem Garten aufgestört, der meinte „Och nee, jetzt habt ihr mich beim meditieren gestört“ Er hat sie dann aber eingeladen irgendwann nochmal wiederzukommen. Das haben die auch gemacht und mich und ein paar Sixpacks mitgenommen. Wir saßen dann also einen Abend im Wohnzimmer dieses Menschen. Exakt die Sorte vor denen meine Mutter mich immer gewarnt hat. Ernsthafte Drogenvergangenheit, esoterische Wolfsbilder an der Wand, alles ein bisschen runtergekommen. Aber plötzlich sitzt dir ein wildfremder Mensch, dem du sonst nur an Flaschenrückgabeautomaten begegnen würdest, gegenüber und erzählt Dir, was er denkt, was er erlebt habt, fühlt und so weiter. Das war sehr überraschend und prägend. Und definitiv genauso interessant wie der Abend als ich mit Günter Grass Rotwein getrunken habe. Aber das ist eine andere Geschichte…

Du kommst vom Land – genauer gesagt aus dem Oberbergischen. Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
„Da wo ich herkomm / stehn die Kühe auf den Wiesen / und seh´n aus wie / Götter aus grünem Gras / Hier sind die Eier frisch / und man kennt die Namen / der Tiere die man ist / Chorus: Das ist da, das ist da wo ich herkomm / das ist da wo ich herkommm … / Da wo ich herkomm / tragen Jungen Karohemden / trinken gerne Bier/ haben ordentliches Haar/ Die Mädchen machen gern eine Ausbildung / und sehen zuviel fern / das ist da…
(Bridge:) Nicht so viele Kneipen /aber jeden Menge Spaß / Fußballverein und Grillfleisch / barfuß durch das Gras / Repeat Chorus …“

Also so hab ich das jedenfalls 2000 beschrieben und da steckte ich ja noch mittendrin.
Mir war relativ früh klar ,dass ich das, was ich in meinem Leben machen wollte, dort nicht würde umsetzen können. Und das entspannt ungemein. Jedesmal wenn ich jetzt da bin freu ich mich über Freunde und Verwandte, die noch da sind (und entspannt sind), genieße die vielen Hügel und Bäume und reg mich auf, weil immer mehr zugebaut wird und die Bäcker, die diese großartigen Teilchen gemacht haben, alle zumachen. Dafür kommen da jetzt Billo-Vintage-Schreiner rein. Und die Kuhställe werden alle zu Wohnungen umgebaut. Überhaupt ein unterschätztes Thema: Gentrifizierung im ländlichen Raum.

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Du hast schon als Kind auf der Bühne gestanden, du hast Schauspiel studiert, du warst am Stadttheater und du warst freier Schauspieler, du führst Regie, du hast in Spanien Theaterseminare gegeben, warst kürzlich auf einem Theaterfestival in Serbien und kommst auch so ziemlich rum. Was ist deine schönste, lustigste oder schrägste Anekdote aus der wunderbaren, wunderbaren, sexy Welt des Theaters?
Oh mein Gott. Theateranekdoten. Das ist für außenstehende meist gar nicht so lustig. (Haben mir schon einige Freunde nach Partys erzählt). Aber ich mochte es sehr, bei den Bayerischen Theatertagen 2006 in Bamberg mit einem ziemlich postdramatischen Stück eingeladen gewesen zu sein und von einem Zuschauer zu hören „Ich han sowas noch nie net gsehe aber desch war großartig.“

Copyright: Olaf Malzahn



Wie bist du zum Theater gekommen?
Auf dem Land. Da wird Vereinsleben ja noch großgeschrieben und ist auch ratsam, weil man als junger Mensch seine Energie irgendwie kanalisieren lernen will und soll. Mein sportlicher Ehrgeiz war eher begrenzt, auf Chöre hatte ich keine Lust und meine Begeisterung für christliche Jugendarbeit reichte nicht über die Rezeption hinaus. Zum Glück gab es eine offene und ehrgeizige Theatergruppe. Gegründet von Enthusiasten und dann von einem altgedienten Theatertier durchorganisiert. Da hab ich mich ab zwölf engagiert, Blut geleckt, ausprobiert. Ich hab da später dankenswerterweise viel Freiraum zum Ausprobieren bekommen.

Auf welches deiner vielen Projekte bist du besonders stolz?
Auf alle wo man nach neugierigen Probenwochen mit Stolz auf das Ergebnis blickt und sagt: So cool hatte ich es mir gar nicht vorgestellt. Ein paar Sachen aus meiner Landtheatervergangenheit gehören da rein, definitiv meine Lübecker Jugendclubs und natürlich meine Lesereihe „Prima Vista Social Club“, bei der ich einfach in Kneipen und an anderen tollen Or ten sitze, Texte vorlese und mit Menschen ins Gespräch komme. Die Resonanz auf diese simple Schnapsidee war so positiv, wie ich das selten erlebt habe und mit der Reihe auch nach zweieinhalb jahren gerne unterwegs bin.

Was ist das Coolste, das du je auf einer Bühne tun durftest?
Das Tolle ist ja, dass man relativ viele Sachen auf der Bühne macht, zu denen man sonst nicht ohne Strafanzeige kommt. Singen, tanzen, schießen, fechten, klettern, schreien. Das macht einen privat sehr entspannt (warum so viele Schauspieler so hysterisch sind, weiß ich auch nicht.) Viele Leute sprechen mich auch nach sechs Jahren immer noch auf „Werther“ an. So sehr man über das Mittel streiten kann: Vor einem Publikum mit 600 OberstufenschülerInnen komplett nackt eine drei Meter-Wand hochklettern war sowohl für die wie für mich ein spannendes Erlebnis.

Und was ist das Blödeste, das du je auf einer Bühne tun musstest?
Wenn man blöde Sachen auf der Bühne macht ohne dem Regisseur zu widersprechen, ist man selber Schuld und mault nachher nicht rum.

Welches ist dein größter, noch unerfüllter kreativer Traum?
Die perfekte Wohnung mit dem richtigen Menschen gemütlich machen.
Und natürlich ne Menge Zeug, das aber an der Finanzierung, eigenem Unvermögen und Ehrgeizlosigkeit scheitert. (Sorry, Hollywood und Frankfurter Buchmesse.)

Lass uns über Musik reden. Immerhin sind deine Compilations, die du an gute Freunde verteilst, fast schon legendär. Welches sind deine Lieblingssongs derzeit?
Vielen Dank für die Blumen. Musik zu teilen ist ja ne schöne Art, was über eigene Gefühle zu erzählen. Ich steh auf alles was raffiniert und überraschend ist und wühl gern in der Musik- und Popgeschichte. Momentan ist es Februar 2014. Ich hab ne Menge um die Ohren. Deshalb brauch ich Happy Music zum Zweitwohnsitz schönmachen und Hüften wackeln. Perfekt ist „Jeepster“ von T.Rex (gewinnt nach dem zehnten Hören). Die letzte CD (!) die ich mir dank der EbayGrabbeltischGlobalisierung aus Jersey bestellt habe: „Resident Alien“ von Spacehog. Eine zu unrecht vergessene Perle des 90er-Pops.

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Welches sind deine Lieblingsfilme?
Velvet Goldmine, Rumba, Labyrinth, Smoke, Stardust – das sind die, die ich alle anderthalb Jahre sehen muss. Ja, ich liebe witzigen Kitsch.

Mit welcher Person – egal ob realistisch oder unrealistisch, lebendig oder tot – würdest du gerne mal Tee trinken?
Das ist so ne Einsame-Insel-Frage… Da kann man nur verlieren. Im Moment aber mit meiner Freundin. Wir haben grad ne berufsbedingte Fernbeziehung und da zieh ich sie dem Dalai Lama definitiv vor.

Du bist einer der kreativsten Menschen, die ich kenne. Was inspiriert dich?
Offene Augen, Ohren, Herz.

Was macht dich glücklich?
Liebe Menschen in angenehmer Umgebung und dazu vielleicht noch ein frisch gezapftes Bier – reicht schon.

Hast du ein Lebensmotto?
Nicht mehr.

Hast du Vorbilder?
Leute, die mit Mut und Sorgfalt ihr Ding machen und dran bleiben.

Was ist der Sinn des Lebens?
Rumwuseln. (Hab ich zumindest auch 2000 so aufgeschrieben und je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass ich recht hatte.)


Jörn live gibt’s beim Prima Vista Social Club:

Mi, 26.03.2014, 20h – Diagonal, Kreuzstraße 12, Ingolstadt

Sa 26.4. , 20h – Feuerwerk, Hansestraße 24, Lübeck

So 18.5., 19.30h – Tonfink, Große Burgstraße 46, Lübeck

und Sa 21.6., 20h – „Mein schönstes Ferienerlebnis“ – Diary Slam – Theater Lübeck, Studio


Das Interview führte Melanie Raabe. 

Foto 1 und Foto 3 (von oben nach unten): Olaf Malzahn, http://olafmalzahn.de/

Foto 2 und Foto 4 (von oben nach unten): Thorsten Wulff, http://www.thorstenwulff.com/

Lukas, 28, Köln

„We’re all born naked. The rest is drag.“

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Lukas! Du bist auf dem Land aufgewachsen. Wie würdest du deine Kindheit beschreiben?
Wie in einer Traumwelt. Ich bin in einem Dorf mit sehr vielen ungefähr gleichaltrigen Kindern aufgewachsen, habe so viel Zeit wie möglich draußen verbracht, ständig war irgendwas los, ob man im Wald Buden gebaut hat, ganze Straßenzüge mit Labyrinthen vollmalte, alle Kinder zur auf der im haushohen Walnussbaum aufgehängten Schaukel oder zur selbstgebauten Wasserrutsche kamen. Manchmal habe ich abstrakte Bilder vor Augen, wie das bunt angemalte Holz des Wagens, auf dem man vom Traktor gezogen über das Stadtfest fuhr. Oder eine bewachsene Mauer, auf der man oft gesessen hat und sich Dinge ausdachte. Manchmal habe ich den Anflug eines Gefühls, wie ein Geruch, an den man sich plötzlich erinnert, dann habe ich kurz eine Idee davon, wie es damals war, zu denken. Gelegentlich wünsche ich mich in diesen Zustand zurück – noch einmal fühlen können wie damals. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine jetzige harte Realität. Aber es war schon toll, als ein Hochsitz noch eine Piratenfestung oder ein Raumschiff sein konnte. So schön es auch war, ein fantasievolles Kind zu sein: Ich hatte sehr viele Alpträume, die ich mir glücklicherweise abtrainiert habe. Nach und nach brach die Realität dann über mich herein, wie es jedem Kind ergeht. Im Dorf gab es „Herr der Fliegen“-artige Cliquenbildung, die coolen Raucher gegen die Pferdemädchen. Mir gaben solche Konflikte damals nichts, also gehörte ich tendenziell mehr zu den Pferdemädchen, denen der Konflikt egaler war. Unser Haus stand sogar zwischen denen der beiden Lager. Ähnliche Erfahrungen gab es dann auch während der Schulzeit. Nirgendwo richtig dazuzugehören, habe ich irgendwie immer als positiv empfunden. Manchmal frage ich mich natürlich doch, wie es als cooler Junge gewesen wäre. Wenn ich früh Teil einer größeren Clique gewesen wäre. Ob ich dann Sozialkompetenzen hätte, die mir jetzt – noch – fehlen. Andererseits hätte dann vielleicht der ausgleichende, pazifistische Lukas an vielen Stellen gefehlt. Wie ich schon sagte, alles richtig so…

aufmacher

Heute lebst du in Köln. Wie empfindest du die Stadt?
Köln war meine Befreiung. Ich habe vorher nur auf dem Land und in der schönen Leiche Bonn gewohnt, hier in Köln konnte ich – so platt das klingt – endlich ich selbst sein. Köln ist rau, nicht wirklich schön – abgesehen vom Dom – aber, und man kann einer Stadt kein besseres Kompliment machen, hier kann man leben. Und es ist eine glückliche schwule Insel. Das ist anfangs aufregend und lustig, zwischendurch auch mal eklig, am Ende aber befreiend.

Wo du gerade die glückliche, schwule Insel ansprichst – das empfinde ich genauso. Wir feiern den CSD, tanzen in irgendwelchen Clubs und singen „I’m on the right track baby, I was born this way“. Und sind dabei in einer glücklichen, bunten Seifenblase mit all unseren Freunden aus aller Herren Länder und mit allen möglichen sexuellen Identitäten und wissen zwar, dass man es in Deutschland damit ganz schön gut hat, aber irgendwie vergessen wir den Rest der Welt, in dem es entscheidend anders aussieht, dann doch. Zumindest ging es mir so. Bis so etwas passiert wie in Russland. Mich macht es absolut sprachlos. Wie geht es dir als schwulem Mann damit?
Mir hat das auch nochmal bewusst gemacht, in was für einer glücklichen Position wir uns befinden. Im ersten Moment war ich wirklich kurz davor, mir wie die Berliner Transe Barbie Breakout aus Protest vor der Kamera den Mund zuzunähen. Ich sah mich schon mit dem rosa Winkel im KZ. Es war körperlich. Wenn ich meine Gedanken dazu nicht aufgeschrieben hätte, wäre ich wohl geplatzt. Ich habe dann überlegt, was ich tun kann, und bin zu dem Schluss gekommen, dass man dort, wo es verhältnismäßig gut läuft, also hier, die Sache trotzdem noch weiter vorantreiben sollte. Auch hier in Köln gibt es Homophobie, nicht nur nachts auf den Ringen, auch bei den Homosexuellen selbst. Ich beobachte so oft selbstzerstörerische Tendenzen, die Bereitschaft sich mit Aids zu infizieren ist gestiegen – Stichwort Bugchaser (http://de.wikipedia.org/wiki/Bugchasing – Anm. d. Bloggerin) – in diversen Kölner Grünflächen gehen die Männer cruisen, weil sie sich entweder nicht outen und/oder sich in Gefahr begeben wollen. Manche nehmen sich homophobe Äußerungen zu sehr zu Herzen, und fangen an, ihre eigene Existenz beziehungsweise ihr Recht auf Leben in Frage zu stellen. Es ist schon ein Kampf. Deswegen ist es so wichtig, dass Schwule, wie beim CSD, sichtbar sind. Dieses Jahr beim CSD hab ich mich zum ersten Mal bei Tageslicht als Transe auf die Straße getraut – es war toll. Bisher war ich so nur ab und zu auf Partys. Es ist so wichtig das zu tun, nicht nur um anderen, sondern auch sich selbst zu zeigen, dass das schlichtweg: geht. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft gibt es zwei Transen. Eine ist eine umfassbare Trümmertranse mit Netzstrümpfen, einer pinken Strähne in den blonden Locken und halbhohen Schuhen, in denen sie nicht laufen kann. Die andere hat die Figur eines Models, lange blonde Haare, ist wahnsinnig gut angezogen und könnte eine Chefredakteurin sein. Ich vergöttere beide. Auf den ersten Blick mögen sie die Leute nur irritieren, aber auf den zweiten Blick demonstrieren sie, in was für einer gesellschaftlichen Unfreiheit alle anderen leben. Das ist die harte Wahrheit, mit der nicht alle zurecht kommen. Als Jugendlicher habe ich Transen nicht verstanden, damals dachte ich auch noch, alle Schwulen sehen aus wie Alfred Biolek oder tragen Schnurrbärte und Ledergeschirre – und ich würde auch so enden müssen. Heutzutage gibt es zum Glück viele geoutete, auch gutaussehende Promis. Aber immer noch nicht genug! Gerade bei den Geschehnissen in Russland wünsche ich mir manchmal Zwangsoutings à la Rosa von Praunheim. Ich hoffe jetzt, dass Homophobie irgendwann, vielleicht ausgelöst durch Russland, genauso tabu wird wie Antisemitismus. Die Liste der -isms ist lang genug, einer weniger wäre schon prima.

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Lass uns vom Scheußlichsten zum Schönsten kommen – der Kunst. Du hast in deiner Jugend viel Theater gespielt. Was hast du von der Bühne mitgenommen?
Die Entscheidung, Theater zu spielen, war eine der ersten, die wirklich so richtig von mir selbst kam. Mit süßen 16 debütierte ich in einem Märchen und lernte so viele Leute kennen, nachdem ich vorher nur mit meinen zwei Nerd-Freunden rumgehangen hatte – nichts gegen Nerds! Das Theater war also auch mein Freundeskreis, und ich habe es vor allem gemacht, weil wir so eine tolle Truppe waren und gemeinsam eine ziemliche Narrenfreiheit genossen. Ich habe damals nicht wirklich gelernt, wie man schauspielert – ich zerbreche mir heute noch den Kopf, wie das funktioniert – aber habe gemerkt, dass ich dadurch gut vor größeren Gruppen sprechen kann und mir auch selten der Gesprächsstoff ausgeht. Mit am liebsten mochte ich, wenn wir beim wöchentlichen Training improvisiert haben. Da sind unglaublich gute Sachen bei entstanden und es war das pure Gefühl von Freiheit. Mein Wunsch, Theater zu spielen, hing mit meiner Tendenz zusammen, alles sein zu wollen, was ich sein konnte und mich nie festlegen zu müssen. Eine Art Eskapismus, den ich aufgegeben habe. Ich habe die Schauspielerei abgehakt, als ich gemerkt habe, dass ich mich eigentlich gar nicht richtig kenne. Also wollte ich mich von nun an darauf konzentrieren, ich selbst zu sein. Als ich Jahre später am Schauspiel Köln gearbeitet habe, schwante mir, was es heißen könnte, ein guter Schauspieler zu sein: In außerordentlicher Weise man selbst zu sein.

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Am Schauspiel Köln hast du einige Assistenzen absolviert, auch unter Karin Beier. Kannst du dir vorstellen, nach dem Studium am Theater zu arbeiten?
Unter Umständen, durchaus. So richtig bin ich das Theater ja nie losgeworden. Es kann aber auch in eine völlig andere Richtung gehen. Derzeit ist mein Plan ja: Popstar in Südkorea werden und dann Korea wiedervereinen, so wie damals David Hasselhoff in Deutschland. (lacht)

Apropos Korea! Du bist ein großer K-Pop-Fan, also ein Freund von südkoreanischer Popmusik. Wie speziell! Wie kamst du drauf und warum liebst du ausgerechnet K-Pop so?
Zwei Freundinnen von mir sind Tänzerinnen und hatten Auftritte in Südkorea. Als sie wiederkamen, erzählten sie begeistert von einem Lied, das dort gerade in den Charts war: „Be My Baby“ von Wonder Girls. Ein halbes Jahr später war dann PSY mit „Gangnam Style“ in den Charts und wieder ein halbes Jahr später blieb ich bei Youtube immer öfter bei K-Pop hängen. Da gab es dann eine Menge zu entdecken. Nicht bloß die in der Regel ziemlich aufwendigen Musikvideos, auch sehr viel drumherum: Auftritte der Stars in herrlich albernen bis zuckersüßen Gameshows, tonnenweise Backstagevideos, Zusammenschnitte von Fans – ich habe mir das alles gerne gegeben. Man weiß dort, wie Fan-Service funktioniert. Die Promis sind alle so viel sympathischer und liebenswerter, auch fleißiger und motivierter, als zum Beispiel in Deutschland, wo ich mich zum Beispiel frage, wann das letzte Mal jemand bei Markus Lanz saß, den ich in irgendeiner Weise sympathisch fand. Oder wann ich das letzte Mal gerne eine deutsche Gameshow geguckt habe, deren Kandidaten charmant waren. In Deutschland werden Prominente grundsätzlich erstmal gehasst – das scheinen die zu wissen und geben sich auch keine Mühe. Und deutsche Popmusik gibt es ja auch nicht mehr wirklich. Selbst die amerikanische oder britische ist für mich nicht mehr das, was sie einmal war. Ich habe das Gefühl, alle im Hintergrund Beteiligten des Popbusiness – zum größten Teil vermutlich skandinavische Songschreiber – konzentrieren sich jetzt auf Korea. Es hat sich sogar schon der Begriff der „Korean Wave“ gebildet, die koreanische Popkultur, die auf die anderen asiatischen Länder rüberschwappt.

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Welche Musik prägt abgesehen von K-Pop dein Jahr 2013?
Keine. Na gut, ein paar Popsongs und Indie-Hits haben schon eine Rolle gespielt: „Flexxin“ und „Fester“ von den Dutch Uncles und „Play By Play“ von Autre Ne Veut habe ich zum Beispiel recht viel gehört, bevor K-Pop zu dominant wurde. Ich weiß, dass mich der Großteil meiner Freunde wohl für bescheuert hält oder vielleicht glaubt, dass ich einen Fetisch für asiatische Boys habe – aber da müssen die durch!

Eine gemeine Frage: Was willst du werden, wenn du groß bist? Also außer dem Wiedervereiniger Koreas.
Ich will vor allem: werden. Und weiter werden. Meine Oma hat immer gesagt: Wer rastet, der rostet. Man muss sich seine Fragezeichen im Leben bewahren.

Hast du Vorbilder?
Ich picke mir von vielen das Beste raus. Ziemlich weit oben sind zum Beispiel Fran Drescher, Lady Gaga und Spongebob. Aber eigentlich sind meine wichtigsten Vorbilder meine Freunde.

Was ist das Interessanteste, was dir je passiert ist?
Ich hab mal eine Sternschnuppe gesehen, die in Wellenform flog. Das glaubt mir jetzt keiner, ne? Die ist halt so geeiert. Wahrscheinlich war sie einfach nicht stromlinienförmig. Herrje, warum fällt mir nichts Interessanteres ein? Ich bin mal, als ein Sturm tobte und der Zug aus der Heimat nach Köln wegen umgestürzten Bäumen nicht mehr weiter fuhr, mit einem großen Haufen Gepäck ausgestiegen und einfach zehn Kilometer nach Köln gelaufen. Leider bog ich an einer Stelle falsch ab und landete nach ungefähr vier Stunden in Köln-Porz-Eil. Ja, Porz hat sogar noch Unterorte! Auf dem Weg hab ich aber viel von der Welt gesehen, Landschaften, Stimmungen… Es war irgendwie eine total gute, anregende Erfahrung. Man sollte sich öfter verlaufen.

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Was ist das Krasseste, was dir je passiert ist?
Ich hatte mal ein halbes Jahr lang Panikattacken, das war schon ziemlich heftig. Ich wusste am Anfang überhaupt nicht, wie mir geschieht, hatte noch nie von sowas gehört. Nach einem kurzen Moment der Überlegung, ob ich mich jetzt für eine „geistige“ Krankheit schämen soll, entschied ich zügig, mit allen so viel ich wollte darüber zu sprechen und mich nicht zu verstecken. Wenn jemand, den ich kenne, das auch kriegen würde, sollte der sich schließlich auch nicht schämen, sondern wissen, dass zumindest ich für ihn da bin. Ich wusste auch, dass ich das so gut es geht selbst loswerden wollte, habe keine Medikamente genommen und nach dem halben Jahr merkte ich dann tatsächlich, wie sich in mir eine kleine Stimme erhob und sagte: „So, es reicht jetzt.“ Ich muss aber auch sagen: Ich war mir selbst nie näher als zu dieser Zeit. So verstörend und beängstigend es auch ist, wenn kein Verdrängungsmechanismus mehr funktioniert und das Unterbewusstsein wie eine offene Wunde vor einem liegt – man ist mal ganz bei sich, man ist ganz wach, maximal bewusst und auch am Weitesten entfernt von irgendeiner Affekthandlung. Sozusagen in den Brunnen gefallen, aber man kann eben nicht mehr tiefer fallen. Das hat eine seltsame Art von Sicherheit gegeben. Vielleicht brauchte ich das einfach mal.

Und was ist das Schönste, was dir je passiert ist?
Das letzte Stück, bei dem ich im Theater mitgespielt habe, war ein ziemlich ambitioniertes Projekt, in das sehr viel Herzblut geflossen ist. Es war somit ein perfekter Abschluss für mich. Ich habe der Regisseurin später gesagt, dass das das Beste ist, was ich je gemacht habe. Die Wehmut hielt sich im Nachhinein allerdings in Grenzen, dank des bis heute immer mal wiederkehrenden Alptraums, ohne Vorbereitung auf einer Bühne stehen zu müssen.

Hast du ein Lebensmotto?
Hab ich mir die Tage erst überlegt: Man muss im Leben zwei Sachen lernen: Not feeling bad about being happy – and not being happy about feeling bad.

Hast du auch ein Lieblingszitat?
„We’re all born naked. The rest is drag.“ – RuPaul

Was inspiriert dich?
Es gibt Musik, zu der ich wunderbar geistig abdriften kann – teilweise sehe ich ganze Filmszenen vor mir. Alleine spazieren gehen kann auch toll sein. Oder natürlich gute Gespräche mit Freunden. Aber eigentlich muss man sich nur mal in Ruhe irgendwo hinsetzen und genau hinhören. Dann sprudelt es auch aus einem raus.

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe.

Alle Fotos: Benjamin Wiese