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Gunnar, 40, Köln

Mein Smartphone weckt mich immer mit dem Spruch „How bad do you want it?“

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Gunnar! Ich kenne dich als Interviewer und Youtuber, hauptberuflich bist du Lehrer, du befasst dich mit philosophischen Themen und du schreibst. Du hast also viele Talente und Interessen. Warum bist du Lehrer geworden? Was schätzt du an deinem Job?
Das Schlimme am Schreiben ist ja, wenn man nicht Melanie Raabe ist, dass man nicht weiß, ob da draußen tatsächlich jemand ist, der das Ergebnis all deiner Mühen überhaupt bemerkt. Arbeitet man jahrelang in stiller Einsamkeit am Küchentisch vor sich hin und niemand wird jemals lesen, was du zu Papier bringst. Und wenn es jemand liest – vielleicht wird es ihm nicht einmal gefallen. Vielleicht wird es niemandem etwas bedeuten. Und wenn es jemandem etwas bedeutet – vielleicht wird dieser Mensch sich nie bei dir melden …
Auf Youtube ist das anders: Du siehst recht bald, wie viele Menschen sich das angucken, oft auch, wie es ihnen gefällt, und sie geben dir manchmal Feedback. Kann Fluch oder Segen sein. In der Schule ist es aber noch krasser: Du siehst IMMER, wer dir zusieht und dich bemerkt, du bekommst SOFORT mit, was deine Mühen bei anderen bewegen, und Feedback bekommst du auch unmittelbar – manchmal etwas unmittelbarer, als es eigentlich nötig wäre, aber okay …
Das Problem in der Schule (bei Youtube auch ein wenig) ist allerdings: Was wird das Ganze in hundert Jahren noch wert sein? Niemand wird deinen Namen kennen, niemand wird sich deiner erinnern. Beim Schreiben dagegen kannst du dir stets Hoffnung machen, auch (oder erst) von späteren Generationen geliebt und verehrt zu werden. Und sei es, weil die dann einen guten Lehrer haben, der ihnen deine Werke zur Pflichtlektüre macht.
So gibt mir die Mischung aus Schreiben, Youtube und Unterrichten das Beste aus allen Welten – und das Schlimmste.

Gab es im Job bisher ein besonders schönes (interessantes, prägendes) Erlebnis?
Letzte Woche fragte ich im Philosophiekurs: „In welchen Momenten eures Alltags wird euch klar, dass es an euch selber liegt, den Sinn eures Lebens zu finden?“ – Und ein Schüler sagte: „Immer, wenn ich Sie sehe, Herr Kaiser.“
Es hat mich geprägt, weil ich immer noch nicht weiß, ob es ein Lob oder eine Beleidigung sein soll.
Ansonsten: Die schönsten Epic Fails von Gymnasiasten. „Amphibientheater“, „Auf welcher Insel ist Iphigenie auf Tauris noch mal gelandet?“, „Was fehlt euch in der Schule am meisten? – WLAN!“ u. v. m.

Was hat dich bewogen, auf Youtube aktiv zu werden?
Dagibee, John Green und Stefan Molyneux. Weil man offensichtlich viele Menschen mit dem größten Quatsch erreichen kann, Schreiben und Youtube-Kacke miteinander verbinden kann und auch vor einem Millionenpublikum stundenlange philosophische Gespräche führen kann – Make Youtube Sokrates’ Marktplatz again!

Als Autorin interessiert mich natürlich vor allem auch dein Schreiben. An welcher Art von Texten arbeitest du?
Zurzeit sitze ich an einem philosophischen Sachbuch mit dem Titel „Soll ich bleiben oder gehen?“ – weil wir uns alle schließlich diese Frage immer wieder stellen müssen, in der Liebe, im Job, in der Oper, im Leben … und Philosophinnen und Philosophen haben das auch getan und uns mit ihrem Schicksal und Denken ein paar gute Beispiele und Tipps hinterlassen, ab wann wir nicht mehr sagen können: „Ach, ich versuch es noch mal mit diesem Typen“, sondern: „Haaaalt stop, jetzt gehe ich!“

Klingt spannend! Hast du Lieblingsautoren?
Seit zwei Jahrzehnten ist alle Literatur nur noch eine Reihe von Fußnoten zu Hermann Hesse, wie ich einen Ausspruch von Alfred North Whitehead abwandeln möchte. Die üblichen Verdächtigen sind tote weiße Männer: Thomas Mann, Rilke, Sandor Marai. Unter den Lebenden: Paul Auster und Philip Roth.

Gibt es ein Buch, das du besonders gerne verschenkst?
Für Schüler, die ich mag: Erich Fromms „Haben oder Sein“. Weil ich immer hoffe, sie werden dadurch so wie ich. Klappt zum Glück nie. Für alle anderen: „Lob des Müßiggangs“ von Bertrand Russell. Selbst wenn sie es nicht lesen, kann sie der Titel noch inspirieren, nichts zu tun. Zu Weihnachten: „Niels Lyhne“ von Jens Peter Jacobsen.

Welche Philosophen faszinieren dich besonders?
Seit einiger Zeit Murray Rothbard, der sich mit der Möglichkeit einer freien Gesellschaft befasste. Ich finde das das Wichtigste auf der Welt: Die nächste Diktatur zu verhindern.
Ansonsten versuche ich, die Klassiker der Lebensweisheit in einer kleinen Reihe auf Youtube vorzustellen: Laotse, Epiktet, Seneca, Schopenhauer, R. W. Emerson, Eckhart Tolle, Wayne Dyer …

Wenn ich dich in zehn Jahren anrufe – wo erwische ich dich im Idealfall? Wie sieht dein Leben dann aus?
Möchtest du im Sommer anrufen? Dann in Cornwall am Meer oder in Brandenburg am See. Im Winter bin ich wohl auf Lesereise, ansonsten aber gerne in meinem Stadthaus in Hampstead … Die Frage ist natürlich: Wie teilt man die Bücher auf, wenn man zwei Wohnungen hat? Oder alles doppelt kaufen?

Zurück zu den Ursprüngen: Wo und wie bist du aufgewachsen?
Die jungen Leute von heute würden wohl „im Ghetto“ sagen, obwohl meine Gang und ich das damals nicht so empfunden haben: Köln, das Ehrenfeld der achtziger Jahre (noch ohne Literaturcafé und BoBos, dafür konnte man in den offenen Schächten der U-Bahn spielen, die damals unter der Venloer Straße gebaut wurde); und Köln, das Chorweiler der neunziger Jahre (das sich offenbar kaum verändert hat, zumindest nicht zum Besseren). Nicht weit von da weggekommen zu sein halte ich für den größten Makel meines Lebens.

Wie warst du als Kind?
Ich habe mal gehört, dass Einzelkinder, die von alleinerziehenden Müttern allein erzogen werden, dazu neigen, sehr fügsam zu sein – um Streit und heikle Situationen zu vermeiden.

Und wie war deine Jugend?
Und dann hab ich gehört, dass diese Kinder aber in der Pubertät so tun, als wären sie John Bender aus dem Film „Breakfast Club“ und sich Schals um die Knöchel wickeln und sich über alles lustig machen und zwanghaft keine Autorität anerkennen wollen …

Was bedeutet dir – als Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter – Familie?
Ich kann mich in Familienromane und Family Soaps, Filme wie „Little Miss Sunshine“ und überhaupt alles, wo es um die Tücken und Klippen des Familienlebens geht, nur schwer einfühlen. Dieses liebenswerte Drunter und Drüber, diese Anstrengung, mit dem anderen zurechtkommen wollen – das kommt mir immer etwas künstlich vor. Ist bestimmt etwas Frühkindliches …

Was inspiriert dich?
Alleine sein. Eigentlich egal wo. Beim Wandern, im Café, bei McFit. Irgendwann kommt dann schon eine Idee, wenn der Kopf frei ist vom Geschwätz des Alltags.

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Ich verstehe „schwärmen“ mal als „sexuell attraktiv“ finden (wahrscheinlich ist die Frage anders gemeint, oder?). Von privaten Menschen aus meinem Privatleben mal abgesehen: Grace Kelly, Paul Newman, Hélène Grimaud, Sandra Bullock, Casey Affleck, Daniel Schreiber …

Was macht dich glücklich?
Einen ganzen Tag nur für sich gehabt und ihn zum Schreiben genutzt zu haben.

Was ärgert dich maßlos?
Wenn ich einen ganzen Tag nur für mich gehabt und ihn nicht zum … ach, na ja. Eigentlich ärgere ich mich, wenn überhaupt, dann über mich. Und wenn man zu selbstbezogen ist. 😉
A propos selbstbezogen: Einmal habe ich mich über ein Telefonat geärgert, das ich im Zug mitgehört habe. Der Typ sagte: „Wunder dich nicht, wenn du gleich weg bist, hier kommt gleich ein Funkloch.“ Diese Formulierung fand ich das Inbild von Ich-Bezogenheit, und das hat mich maßlos geärgert.
Ach ja, und: Maßlosigkeit. Wenn Leute keine Grenzen kennen. Einem zu nahe kommen. Aufdringlich sind. Im Zug telefonieren. Ist bestimmt was Frühkindliches …
Ach ja, und: Dass Daniel Kehlmann jünger ist als ich.

Wenn du für einen Tag der Präsident des Planeten Erde wärst: Was würdest du veranlassen?
Präsident wie in „Karnevalspräsident“? Oder wie in „Präsident der Vereinigten Staaten“? Wenn ich der Karnevalspräsident der ganzen Welt wäre, den sich die Mitglieder freiwillig ausgesucht haben, dann müssten alle an diesem Tag vegan leben (ich würd’s dann auch mal versuchen).
Wenn ich ein Präsident wäre, der auch über die bestimmen müsste, die ihn nicht gewählt haben, würde ich mein Amt niederlegen. Vielleicht würde ich die weltweit übertragene Abdankungsrede noch zur Promotion eines Thrillers von Melanie Raabe nutzen … falls das Buch das überhaupt nötig hätte.

Vielen Dank auf jeden Fall! Promo nehme ich immer gerne mit!
Hast du eigentlich ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Mein Smartphone weckt mich immer mit dem Spruch „How bad do you want it?“

Super Idee, ich glaube, die übernehme ich. Hast du Vorbilder?
Ich weiß nie, ob Vorbilder eher hinderlich sind, weil man nicht mehr seinen eigenen Weg geht (und weil man nur neidisch ist und sagt: „So könnte ich nie sein.“), oder ob sie doch eher anspornen. Ich würde gern immer um 4 Uhr morgens aufstehen können wie Haruki Murakami. Ich wäre gern so ein gebildeter älterer Mann wie Alfred Brendel. Ich hätte gerne so volles Haar wie Sir Simon Rattle oder Steven Pinker. Vor allem aber würde ich gerne im Haus von Paul Auster in Park Slope leben. Er, Siri und Sophie können ruhig da wohnen bleiben; ich würde im Wohnzimmer schlafen.

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Als Junge hatte ich mal einen Freund, dem sind immer nur interessante Sachen passiert. Total witzige. Haarsträubende. Ich habe mich lange Zeit gefragt, wie er das macht. Bis ich darauf gekommen bin, dass er entweder lügt oder einfach nur sehr gut erzählen kann (oder beides). Letzteres kann ich leider nicht. (Aber ich habe mal eine Biene in Honig ertrinken sehen.)

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Ich glaube, die mit der Biene und dem Honig. Da verstand ich.

Was ist der Sinn des Lebens?
Hallo? Die Biene …? Der Honig …? – Nicht? Dann möchte ich gerne den Telefonjoker anrufen.

Und welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine echt gute Antwort parat gehabt hättest?
„Wie findest du es, dass du bei diesem Interview mitmachen darfst?“


Das Interview führte Melanie Raabe.

Foto: privat

Mehr von Gunnar gibt es auf http://www.gunnarkaiser.de und auf https://www.youtube.com/user/KaiserFEGBonn