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Gunnar, 40, Köln

Mein Smartphone weckt mich immer mit dem Spruch „How bad do you want it?“

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Gunnar! Ich kenne dich als Interviewer und Youtuber, hauptberuflich bist du Lehrer, du befasst dich mit philosophischen Themen und du schreibst. Du hast also viele Talente und Interessen. Warum bist du Lehrer geworden? Was schätzt du an deinem Job?
Das Schlimme am Schreiben ist ja, wenn man nicht Melanie Raabe ist, dass man nicht weiß, ob da draußen tatsächlich jemand ist, der das Ergebnis all deiner Mühen überhaupt bemerkt. Arbeitet man jahrelang in stiller Einsamkeit am Küchentisch vor sich hin und niemand wird jemals lesen, was du zu Papier bringst. Und wenn es jemand liest – vielleicht wird es ihm nicht einmal gefallen. Vielleicht wird es niemandem etwas bedeuten. Und wenn es jemandem etwas bedeutet – vielleicht wird dieser Mensch sich nie bei dir melden …
Auf Youtube ist das anders: Du siehst recht bald, wie viele Menschen sich das angucken, oft auch, wie es ihnen gefällt, und sie geben dir manchmal Feedback. Kann Fluch oder Segen sein. In der Schule ist es aber noch krasser: Du siehst IMMER, wer dir zusieht und dich bemerkt, du bekommst SOFORT mit, was deine Mühen bei anderen bewegen, und Feedback bekommst du auch unmittelbar – manchmal etwas unmittelbarer, als es eigentlich nötig wäre, aber okay …
Das Problem in der Schule (bei Youtube auch ein wenig) ist allerdings: Was wird das Ganze in hundert Jahren noch wert sein? Niemand wird deinen Namen kennen, niemand wird sich deiner erinnern. Beim Schreiben dagegen kannst du dir stets Hoffnung machen, auch (oder erst) von späteren Generationen geliebt und verehrt zu werden. Und sei es, weil die dann einen guten Lehrer haben, der ihnen deine Werke zur Pflichtlektüre macht.
So gibt mir die Mischung aus Schreiben, Youtube und Unterrichten das Beste aus allen Welten – und das Schlimmste.

Gab es im Job bisher ein besonders schönes (interessantes, prägendes) Erlebnis?
Letzte Woche fragte ich im Philosophiekurs: „In welchen Momenten eures Alltags wird euch klar, dass es an euch selber liegt, den Sinn eures Lebens zu finden?“ – Und ein Schüler sagte: „Immer, wenn ich Sie sehe, Herr Kaiser.“
Es hat mich geprägt, weil ich immer noch nicht weiß, ob es ein Lob oder eine Beleidigung sein soll.
Ansonsten: Die schönsten Epic Fails von Gymnasiasten. „Amphibientheater“, „Auf welcher Insel ist Iphigenie auf Tauris noch mal gelandet?“, „Was fehlt euch in der Schule am meisten? – WLAN!“ u. v. m.

Was hat dich bewogen, auf Youtube aktiv zu werden?
Dagibee, John Green und Stefan Molyneux. Weil man offensichtlich viele Menschen mit dem größten Quatsch erreichen kann, Schreiben und Youtube-Kacke miteinander verbinden kann und auch vor einem Millionenpublikum stundenlange philosophische Gespräche führen kann – Make Youtube Sokrates’ Marktplatz again!

Als Autorin interessiert mich natürlich vor allem auch dein Schreiben. An welcher Art von Texten arbeitest du?
Zurzeit sitze ich an einem philosophischen Sachbuch mit dem Titel „Soll ich bleiben oder gehen?“ – weil wir uns alle schließlich diese Frage immer wieder stellen müssen, in der Liebe, im Job, in der Oper, im Leben … und Philosophinnen und Philosophen haben das auch getan und uns mit ihrem Schicksal und Denken ein paar gute Beispiele und Tipps hinterlassen, ab wann wir nicht mehr sagen können: „Ach, ich versuch es noch mal mit diesem Typen“, sondern: „Haaaalt stop, jetzt gehe ich!“

Klingt spannend! Hast du Lieblingsautoren?
Seit zwei Jahrzehnten ist alle Literatur nur noch eine Reihe von Fußnoten zu Hermann Hesse, wie ich einen Ausspruch von Alfred North Whitehead abwandeln möchte. Die üblichen Verdächtigen sind tote weiße Männer: Thomas Mann, Rilke, Sandor Marai. Unter den Lebenden: Paul Auster und Philip Roth.

Gibt es ein Buch, das du besonders gerne verschenkst?
Für Schüler, die ich mag: Erich Fromms „Haben oder Sein“. Weil ich immer hoffe, sie werden dadurch so wie ich. Klappt zum Glück nie. Für alle anderen: „Lob des Müßiggangs“ von Bertrand Russell. Selbst wenn sie es nicht lesen, kann sie der Titel noch inspirieren, nichts zu tun. Zu Weihnachten: „Niels Lyhne“ von Jens Peter Jacobsen.

Welche Philosophen faszinieren dich besonders?
Seit einiger Zeit Murray Rothbard, der sich mit der Möglichkeit einer freien Gesellschaft befasste. Ich finde das das Wichtigste auf der Welt: Die nächste Diktatur zu verhindern.
Ansonsten versuche ich, die Klassiker der Lebensweisheit in einer kleinen Reihe auf Youtube vorzustellen: Laotse, Epiktet, Seneca, Schopenhauer, R. W. Emerson, Eckhart Tolle, Wayne Dyer …

Wenn ich dich in zehn Jahren anrufe – wo erwische ich dich im Idealfall? Wie sieht dein Leben dann aus?
Möchtest du im Sommer anrufen? Dann in Cornwall am Meer oder in Brandenburg am See. Im Winter bin ich wohl auf Lesereise, ansonsten aber gerne in meinem Stadthaus in Hampstead … Die Frage ist natürlich: Wie teilt man die Bücher auf, wenn man zwei Wohnungen hat? Oder alles doppelt kaufen?

Zurück zu den Ursprüngen: Wo und wie bist du aufgewachsen?
Die jungen Leute von heute würden wohl „im Ghetto“ sagen, obwohl meine Gang und ich das damals nicht so empfunden haben: Köln, das Ehrenfeld der achtziger Jahre (noch ohne Literaturcafé und BoBos, dafür konnte man in den offenen Schächten der U-Bahn spielen, die damals unter der Venloer Straße gebaut wurde); und Köln, das Chorweiler der neunziger Jahre (das sich offenbar kaum verändert hat, zumindest nicht zum Besseren). Nicht weit von da weggekommen zu sein halte ich für den größten Makel meines Lebens.

Wie warst du als Kind?
Ich habe mal gehört, dass Einzelkinder, die von alleinerziehenden Müttern allein erzogen werden, dazu neigen, sehr fügsam zu sein – um Streit und heikle Situationen zu vermeiden.

Und wie war deine Jugend?
Und dann hab ich gehört, dass diese Kinder aber in der Pubertät so tun, als wären sie John Bender aus dem Film „Breakfast Club“ und sich Schals um die Knöchel wickeln und sich über alles lustig machen und zwanghaft keine Autorität anerkennen wollen …

Was bedeutet dir – als Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter – Familie?
Ich kann mich in Familienromane und Family Soaps, Filme wie „Little Miss Sunshine“ und überhaupt alles, wo es um die Tücken und Klippen des Familienlebens geht, nur schwer einfühlen. Dieses liebenswerte Drunter und Drüber, diese Anstrengung, mit dem anderen zurechtkommen wollen – das kommt mir immer etwas künstlich vor. Ist bestimmt etwas Frühkindliches …

Was inspiriert dich?
Alleine sein. Eigentlich egal wo. Beim Wandern, im Café, bei McFit. Irgendwann kommt dann schon eine Idee, wenn der Kopf frei ist vom Geschwätz des Alltags.

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Ich verstehe „schwärmen“ mal als „sexuell attraktiv“ finden (wahrscheinlich ist die Frage anders gemeint, oder?). Von privaten Menschen aus meinem Privatleben mal abgesehen: Grace Kelly, Paul Newman, Hélène Grimaud, Sandra Bullock, Casey Affleck, Daniel Schreiber …

Was macht dich glücklich?
Einen ganzen Tag nur für sich gehabt und ihn zum Schreiben genutzt zu haben.

Was ärgert dich maßlos?
Wenn ich einen ganzen Tag nur für mich gehabt und ihn nicht zum … ach, na ja. Eigentlich ärgere ich mich, wenn überhaupt, dann über mich. Und wenn man zu selbstbezogen ist. 😉
A propos selbstbezogen: Einmal habe ich mich über ein Telefonat geärgert, das ich im Zug mitgehört habe. Der Typ sagte: „Wunder dich nicht, wenn du gleich weg bist, hier kommt gleich ein Funkloch.“ Diese Formulierung fand ich das Inbild von Ich-Bezogenheit, und das hat mich maßlos geärgert.
Ach ja, und: Maßlosigkeit. Wenn Leute keine Grenzen kennen. Einem zu nahe kommen. Aufdringlich sind. Im Zug telefonieren. Ist bestimmt was Frühkindliches …
Ach ja, und: Dass Daniel Kehlmann jünger ist als ich.

Wenn du für einen Tag der Präsident des Planeten Erde wärst: Was würdest du veranlassen?
Präsident wie in „Karnevalspräsident“? Oder wie in „Präsident der Vereinigten Staaten“? Wenn ich der Karnevalspräsident der ganzen Welt wäre, den sich die Mitglieder freiwillig ausgesucht haben, dann müssten alle an diesem Tag vegan leben (ich würd’s dann auch mal versuchen).
Wenn ich ein Präsident wäre, der auch über die bestimmen müsste, die ihn nicht gewählt haben, würde ich mein Amt niederlegen. Vielleicht würde ich die weltweit übertragene Abdankungsrede noch zur Promotion eines Thrillers von Melanie Raabe nutzen … falls das Buch das überhaupt nötig hätte.

Vielen Dank auf jeden Fall! Promo nehme ich immer gerne mit!
Hast du eigentlich ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Mein Smartphone weckt mich immer mit dem Spruch „How bad do you want it?“

Super Idee, ich glaube, die übernehme ich. Hast du Vorbilder?
Ich weiß nie, ob Vorbilder eher hinderlich sind, weil man nicht mehr seinen eigenen Weg geht (und weil man nur neidisch ist und sagt: „So könnte ich nie sein.“), oder ob sie doch eher anspornen. Ich würde gern immer um 4 Uhr morgens aufstehen können wie Haruki Murakami. Ich wäre gern so ein gebildeter älterer Mann wie Alfred Brendel. Ich hätte gerne so volles Haar wie Sir Simon Rattle oder Steven Pinker. Vor allem aber würde ich gerne im Haus von Paul Auster in Park Slope leben. Er, Siri und Sophie können ruhig da wohnen bleiben; ich würde im Wohnzimmer schlafen.

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Als Junge hatte ich mal einen Freund, dem sind immer nur interessante Sachen passiert. Total witzige. Haarsträubende. Ich habe mich lange Zeit gefragt, wie er das macht. Bis ich darauf gekommen bin, dass er entweder lügt oder einfach nur sehr gut erzählen kann (oder beides). Letzteres kann ich leider nicht. (Aber ich habe mal eine Biene in Honig ertrinken sehen.)

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Ich glaube, die mit der Biene und dem Honig. Da verstand ich.

Was ist der Sinn des Lebens?
Hallo? Die Biene …? Der Honig …? – Nicht? Dann möchte ich gerne den Telefonjoker anrufen.

Und welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine echt gute Antwort parat gehabt hättest?
„Wie findest du es, dass du bei diesem Interview mitmachen darfst?“


Das Interview führte Melanie Raabe.

Foto: privat

Mehr von Gunnar gibt es auf http://www.gunnarkaiser.de und auf https://www.youtube.com/user/KaiserFEGBonn

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Michael, 72, Wiehl

Alles wirkliche Leben ist Begegnung


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Bitte stellen Sie sich doch kurz vor. Wer sind Sie, was machen Sie?
Ich bin Michael Höhn und wurde am 22.10.1944 in Gießen geboren. Ich überlebte den schweren Bombenangriff am 6. Dezember 1944, weil meine Mutter eine „Vorahnung“ hatte. In Düsseldorf wuchs ich auf, studierte evangelische Theologie und später Sozialpädagogik. Als Vikar in Düsseldorf-Wersten engagierte ich mich gegen Mietwucher und unmenschliche Lebensbedingungen von ausländischen Arbeitern. Von 1971 bis 1979 war ich Gemeindepfarrer im Duisburger Arbeiterviertel Bruckhausen – einem „Sozialen Brennpunkt“. Von 1979 bis 2005 arbeitete ich als Berufsschulpfarrer am Berufskolleg in Gummersbach-Dieringhausen. Zusammen mit meiner Frau Monika lebe ich seit 1979 im oberbergischen Wiehl. Wir sind seit 1968 verheiratet und haben zwei erwachsene Töchter und vier Enkelkinder. Ostern 1993 rief ich gemeinsam mit meiner Frau und nicaraguanischen Freunden auf der Insel Ometepe im Großen Nicaraguasee das sozialmedizinische Ometepe-Projekt Nicaragua ins Leben. Wir besuchen dieses Projekt regelmäßig in jedem Jahr, und nehmen auf unseren Reisen auch interessierte Menschen mit. Über die Jahre hat sich so ein lebendiges Netzwerk Ometepe entwickelt. Ich bin Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (ver.di), Autor im Friedrich-Bödecker-Kreis e.V. und in der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugend und Literatur NRW e.V.
Die „Helden“ meiner zahlreichen Buchveröffentlichungen sind häufig „Außenseiter unserer Gesellschaft“.

Was begeistert Sie an Ihrer Arbeit?
Vor allem, dass ich mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun habe, die mich neugierig machen und von denen ich sehr viel lerne. Das trifft auf meinen Beruf als Pfarrer zu, als auch auf meinen Beruf als Autor. Die Bücher und Geschichten, die ich geschrieben habe, haben alle – auf unterschiedlichste Weise – mit dem zu tun, was ich mit Menschen erlebt habe.

Was würden Sie als Ihre Berufung bezeichnen?
Als ich zehn Jahre alt war, hat mein Volksschullehrer mich am Ende des 4. Schuljahres gefragt, was ich denn mal werden wollte. Ich habe ihm geantwortet: Ich möchte Pfarrer werden, weil ich dann Menschen helfen kann. Woher diese Berufung kam, kann ich nicht genau sagen. Es lag nicht in der Familie. Mein Vater war Bankdirektor.

Was treibt Sie an?
Das Bedürfnis, mit allen Menschen guten Willens gemeinsam für mehr Frieden und Gerechtigkeit im Umfeld meiner Heimat, aber auch weltweit zu arbeiten.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Das Wort Stolz passt nicht so recht in meinen persönlichen Wortschatz. Ich freue mich mehr darüber, wenn mir mit anderen gemeinsam etwas Gutes gelingt.

Welches war Ihre bisher interessanteste Reise?
Das war sicherlich die Reise zu unserer Silberhochzeit Ostern 1993 nach Nicaragua. Was sich aus dieser ersten Reise in eines der ärmsten Länder Lateinamerika entwickelt hat, hätte ich mir nie träumen lassen.

Was ist das Aufregendste oder Interessanteste, was Ihnen je passiert ist?
Als ich 16 Jahre alt war, spielte ich Posaune in einem Posaunenchor der Kirche und zugleich in einer Dixielandband. Bei einem unserer Auftritte in einem Düsseldorfer Keller am 15. Juni 1961 lernte ich meine heutige Frau kennen. Ohne sie wäre mein Leben sicherlich vollkommen anders und vielleicht weniger spannend verlaufen. Das ist die Kurzfassung…

Was ist die wichtigste Lektion, die Sie bisher gelernt haben?
Diese Lektion habe ich von einem meiner theologischen Lehrer, dem jüdischen Theologen Martin Buber gelernt: Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

Haben Sie Vorbilder?
Ja, eine ganze Reihe: Jesus von Nazareth, Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King – um nur die wichtigsten zu nennen.

Was inspiriert Sie?
Jeden Morgen um kurz nach 6 Uhr sitzen meine Frau und ich in unseren Sesseln und lesen uns gegenseitig aus einem oder zwei Bücher vor, die uns wichtig sind. Danach ergeben sich unglaublich konstruktive Gespräche über Gott und die Welt – und unser ganz persönliches Leben.

Was macht Sie glücklich?
Geliebt zu werden – von meiner Frau, meinen Töchtern und meinen Enkelkindern. Und von zahlreichen Menschen aus der Nähe und der Ferne – von Wiehl bis nach Nicaragua.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Ich denke, dass der Satz von Martin Buber so etwas ist. Aber auch der Satz von Jesus hat mich sehr geprägt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Der zweite Teil ist mir dabei sehr wichtig.

Was ist der Sinn des Lebens?
Einen allgemeinen für alle Menschen verbindlichen Sinn des Lebens gibt es für mich nicht. Jeder sollte ihn für sich selber suchen und finden, sagt eines meiner Vorbilder, Viktor Frankl. Für mich liegt er in dem, was ich weiter vorhin gesagt habe.

 Infos zum im Interview genannten Projekt finden sich auf www.ometepe-projekt-nicaragua.de

Das Interview führte Melanie Raabe.
Fotos: privat

 

Sasha, 39, Köln

Ich habe mich damit abgefunden, dass das Leben herrlich sinnlos ist, was auf mich sehr befreiend wirkt.

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Foto: Eva Kruse-Bartsch

 


Sasha! Du bist zum einen bildende Künstlerin – du malst klassisch mit Farben, du machst Street Art und du malst mit Licht. Erzähl doch ein bisschen, wie es dazu gekommen ist und was du an der bildenden Kunst liebst.

Sie bildet. Kunst macht das Leben schöner und manche Realität erträglicher. Wie wäre denn das Leben ohne Kunst? Es ist deprimierend, wenn man das Leben nur auf das Stillen der Grundbedürfnisse und auf die Funktion reduziert. Kunst fängt dort an, wo es Fülle gibt. Innere oder äußere. Kunst entspannt, regt an und bereichert. Sie ist durchaus lebensbejahend und bewegend. Sie steht über Politik und Grenzen, Sprachbarrieren und Regeln. Diese Sprache ist für jeden offen.
Es ist eine Welt, in der keine Lüge existiert, weil in der Kunst alles erlaubt ist.
Für mich ist Kunst ein Rätsel. Ich liebe auch die unendlich vielen Ausdrucksformen und Möglichkeiten. Kunst gibt mir die Möglichkeit, mich selbst zu kultivieren, zu entwickeln und neu zu entdecken, mich selbst zu überraschen.
Wie ist es dazu gekommen…? Als Kind habe ich gerne gemalt, wie jedes Kind es tut, dann habe ich ein paar Techniken gelernt und angefangen, meine Ideen zu realisieren. Dieser Prozess ist bei mir sehr langsam. Es gab Stadien in meiner Arbeit, in denen ich meine Träume, Depressionen, Ängste oder Beziehungen zum Ausdruck brachte. Ich arbeite mit dem, was gerade da ist, und wenn es zu persönlich ist, behalte ich es für mich. Manchmal bin ich voller Taten, manchmal ist es lau.
Seit 2007 male ich auch mit Licht, was sich technisch sehr von der klassischen Malerei unterscheidet, allein schon deshalb, weil du gar nicht vor dir siehst, was du gerade gemalt hast. Es wird erst später auf dem Foto sichtbar, und wenn es nicht gelungen ist, dann machst du es noch mal. Meine Kollegen von Lichtfaktor (Kölner Kollektiv von Light-Painting-Künstlern, Performern, Fotografen und Medienkünstlern, Anm. der Bloggerin) scherzen, dass ich nie zwei Sachen gleich malen kann…

 

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„Dream“ by Sasha Kisselkova

 


Außerdem schreibst du. Was liebst du am Schreiben?

Am Schreiben generell liebe ich meistens die Dinge, auf die ich ohne das Schreiben nicht kommen würde. Sie entstehen im Prozess. Durch das Schreiben lerne ich viel.
Schreiben ist auch Magie. Mich fasziniert, dass die Worte, die so immateriell sind, so eine unglaubliche Kraft haben können. Überhaupt: Die Sprache ist ein mächtiges Instrument. Und jede ist so anders. Jede hat eigene Dynamik und Atmosphäre. Auf Russisch schreibe ich ganz anders als auf Deutsch.
Außerdem ist es, praktisch gesehen, die günstigste aller Künste: fürs Schreiben brauchst du nur deinen Kopf, Papier und Stift, und dann hast du eine Welt erschaffen. Ist das nicht göttlich?
Dazu habe ich die Möglichkeit, mehrere Leben zu erleben und verschiedene Welten und Zeiten zu bereisen. Alles aus meinem Zimmer. Ich kann eine Königin oder eine Kriminelle werden, Mann oder Frau, oder beides, so wie ich will… und es ist alles genehmigt.

Wer sind deine Lieblingsautoren und warum?
Ich mag alles von zeitloser Klassik bis zu Unterhaltungsliteratur. Und ich liebe Märchen. Vor allem liebe ich Bücher, an deren Ende man traurig ist, dass die Geschichte vorbei ist.
Ich liebe Leo Tolstoi. Seine Beschreibungen und seine Liebe zum Detail sind unglaublich präzise. Es ist so spannend, in seine Welten einzutauchen und sie zu erleben, zu schmecken und zu riechen. Eigentlich hast du keine Wahl, er zieht dich hinein und lässt nie wieder los. Es gibt keine einzige Zeile, die ich kritisieren könnte. Durch seine Werke spricht er direkt zu deinem Unterbewusstsein.
Ich mag Dostojewski für sein Verständnis des Abgründigen in der menschlichen Seele und seinen schwarzen Humor, der manchmal so gnadenlos peitscht.
Mikhail Bulgakov hat mir damals in seinem „Meister und Margarita“ einen Anstoß gegeben, die Dinge neu zu betrachten.
Verwirrender Kafka, er erinnert an die Träume, die ich nie geträumt habe.
Mit Daniil Charms könnte ich sterben vor Lachen. Ich bin aber der Meinung, dass er nur auf Russisch funktioniert.
…Ilf und Petrov mit ihrem unverschämten Humor und ihren scharfsinnigen Beobachtungen der Absurditäten und mit ihrer Liebe zum Abenteuer, mit herrlichen Halunken und spitzfindigen Namen.
…Hermann Hesse mit seinen Seelenwanderungen und dem Drang nach Realisierung des Selbst.
Ich liebe Kortazar für die Alternative, die er in seinen Werken anbietet, für das Gefühl, was Leben bedeutet. Er hat mir mal den nötigen Tritt in den Hintern gegeben.
Salinger lese ich immer wieder. Er ist unsterblich.
Michael Ende finde ich toll. Er zeigt Kindern tolle Welten und geißelt die Erwachsenen für die verlorene Lebensfreude.
Mark Twain und Astrid Lindgren begleiten mich seit meiner Kindheit. Und autorenlose Märchen aus aller Welt, vor allem die Russischen.
Das erste Buch, aus dem ich vorgelesen habe, war das Dschungelbuch von Rudyard Kipling! Ich las das im Kindergarten für alle Kinder vor. Da waren noch ganz tolle Illustrationen drin…
Jorge Louis Borgues, Haruki Murakami, Gillian Flynn, Fred Vargas, Sir Arthur Conan Doyle, F.S. Fitzgerald… die Liste könnte unendlich lang werden. Und nicht zuletzt Melanie Raabe, die so gut wie gar nichts braucht, um eine Geschichte spannend zu gestalten. (Ich werde rot. Danke! Anm. der Bloggerin)

Wer sind deine Lieblingskünstler und warum?
Diese Palette ist auch sehr bunt, von Botticcelli und Bosch bis zu modernen Comic-Zeichnern und Streetart-Künstlern. An manchen Künstlern fasziniert mich die Technik, an den anderen die Aussagen und Ideen.
Ich liebe Gerhard Richters Wirkung auf mich. Jedes Mal, wenn ich ein Werk von ihm betrachte, bin ich verwirrt. Er ist ein Großmeister der modernen Kunst.
An Picasso mag ich mehr seine revolutionäre, unabhängige Art, seine Frechheit, die sich in seiner Kunst spiegelt, als seine Kunst selbst.
Ich mag Banksy. Ich hatte sogar dieses Jahr das Glück, sein Dismaland zu besuchen. Er präsentierte dort die Werke von ungefähr 50 Künstlern, und jeder von ihnen war erste Sahne! Es war ein großartiges Erlebnis.
Ich liebe Ernst Fuchs. Ich war eine Zeit lang so begeistert von der Energie in seinen Bildern und seinem Leben, dass ich auf einer Ausstellung von ihm an nichts anderes denken konnte, als ihn darauf anzusprechen, mich als Schülerin aufzunehmen. Ich habe mich nicht getraut.
Nikolai Roerich hatte ein unglaublich feines Gefühl für Licht und Farbe. Alles ist bei ihm so leuchtend und majestätisch still. Ich hätte gerne ein Bild von ihm!
Ich mag Faith47 dafür, dass sie meistens ihre großartigen Werke in Ghettos für die armen Menschen malt.
Die mutige Marina Abramovic. „The Artist is Present“ war meiner Meinung nach eine Heldentat. Die Frau ist großartig.
Dave McKean ist Kafka in der Kunst, er hat seine absolut eigene, unverkennbare Traumwelt und ist ein vielseitiger Künstler dazu.
Jon J. Muth ist ein sehr atmosphärischer Comic Gestalter. Er beherrscht verschiede Techniken von Aquarell bis Kalligrafie mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Ich mag auch, dass er seine Frau in jede Geschichte reinmalt.
Jim Avignon ist für mich ein Freund und ein Geheimnis. Er scheint an der Quelle der Ideen sein Haus gebaut zu haben und in einer anderen Zeitdimension zu leben. Sein Tag hat wahrscheinlich 40 Stunden… Ich weiß gar nicht, wann er das alles schafft. Er kann innerhalb eines Tages jede Halle mit tollen Bilder füllen und macht noch ein Konzert dazu.
BLU spiegelt unsere Gesellschaft auf riesigen Mauern. Mit wenig Mitteln bringt er es immer auf den Punkt.
DRAN finde ich so, so, so witzig. Ich liebe seine bösen Bilder.
Andy Kaufman finde ich genial und sehr überzeugend.
Und ich bin ein großer Fan von Steven Jay Russell, auch wenn er kein Künstler im traditionellen Sinne ist, eher ein Lebenskünstler. Ich finde, man sollte ihn frei lassen!
Ich liebe Vivienne Westwood, Yayoi Kusama, Scott Hampton, Raymond Lemstra, Laszlo Milasovszki, Trisha Brown, Nick Cave und viele mehr.
Und ich stehe auf alle jungen Künstler, die unsere Städte und Straßen schöner machen und uns zum Nachdenken und zum Lächeln bringen.

 

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Light Painting für Lichtfaktor by Sasha Kisselkova

 


Wo und wie bist du aufgewachsen?

Ich bin in Sibirien groß geworden. Oft umgezogen. Viel Zeit im Wald verbracht. Vielleicht zu viel. Im Winter und im Sommer war ich immer draußen. Ich habe viele tolle Orte und geheime Verstecke entdeckt. Ich erinnere mich nicht daran, dass meine Eltern ständig auf mich aufgepasst haben, so hatte ich völlige Freiheit. Ich hatte immer viele Tiere um mich herum. Hunde, Katzen, Vögel. Ich durfte jedes Tier mit nach Hause nehmen. Ich habe auch sehr viel gemalt und seit meinem fünften Lebensjahr viel gelesen.

Wie warst du als Kind?
Sehr neugierig und nicht besonders sozial. Ich war ein wenig wild, als ich mit sechs für ein Jahr in den Kindergarten musste. Aus dem Wald in die schreiende Zwergenmenge, es war hart. Ich habe dort sogar ein Mädchen gebissen, weil sie mir ein Buch über Papagaienarten weggenommen hatte und nicht zurückgeben wollte. Sie war größer als ich und wedelte vor mir mit dem Buch und provozierte mich mit „Na, hol es dir!“. Wir wurden danach beste Freundinnen.
Ich bin ständig aus solchen Anstalten wie Kindergarten oder Schule weggerannt und habe nach Abenteuern und Freiheit gesucht. Wenn ich keine Mitstreiter fand, machte ich es allein. Einmal rannte ich aus dem Kindergarten weg, weil ich keinen Mittagsschlaf halten wollte. Es war ein wunderschöner Herbsttag, rote und gelbe Blätter bedeckten den Boden, die Sonne schien, die Luft kann ich jetzt noch riechen und die Geräusche hören… ich nahm meine Sachen und floh durch das Toilettenfenster. Am Abend wurde meine Idylle mit Gebell von abgerichteten Hunden zerstört…
Ich glaube, ich war kein Traumkind für meine Eltern, wir hatten viele Konflikte, aber es war nie langweilig.
Ich war sehr wissbegierig und stellte viele Fragen. Lernen fiel mir sehr leicht, mich zu benehmen sehr schwer. Ich hatte ein riesiges Problem mit Autoritäten… Später hatte ich gute Freunde, mit denen ich sehr viele Dinge ausprobiert hatte, für die meine Eltern sich geschämt haben. Ich hoffe, sie werden eines Tages noch richtig stolz sein.

Was hat dich nach Köln verschlagen?
Es ist eine lange und gefährliche Geschichte. 😉 Um sie kurz zu halten und nicht zu viel dazu zu erfinden – die Lebensumstände waren so, dass ich umziehen musste, aber ich hatte auch nichts dagegen. Also betrachte ich es im Nachhinein als ein spannendes Abenteuer.

Was magst du an Köln?
Köln ist offen und international. Diese Stadt ist sofort mein Zuhause geworden. Es war die Liebe auf den ersten Blick, auch wenn die Stadt an sich nicht so viele schöne Anblicke anbietet – die Menschen hier sind fantastisch. Und der Dom!

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Eine dieser Personen ist meine liebste Freundin. Über Menschen wie sie sagt man, alles was sie anfassen, wird zu Gold. Außerdem hat sie eine tiefe Einsicht, kombiniert mit dem feinsten Sinn für Humor. Sie sollte Bücher schreiben!
Ich schwärme für den großzügigen Jay Gatsby (Protagonist aus F. Scott Fitzgeralds Roman „The Great Gatsby“, Anm. d. Bloggerin)
Ich liebe und bewundere Alexandra David-Neel. In ihre Zeit hatte sie so krasse Reisen unternommen, die für einen Mann schon fast unmöglich waren, geschweige denn für eine Frau. Als Jugendliche ist sie von Zuhause abgehauen, um von Frankreich nach Spanien mit dem Fahrrad zu reisen. Mit 57 ist sie zu Fuß nach Tibet gegangen, verkleidet und getarnt, weil Tibeter keine Ausländer hinein ließen. Sie war die erste westliche Frau, die dieses Land betrat. Sie ist mit fast 101 gestorben.
Jesus finde ich richtig cool. Aber nicht den leidenden, den man auf den Ikonen sieht, sondern den 100 Prozent lebendigen, freien und rebellischen.
Ich schwärme für Nick Cave. So ein vielseitiger, eigenartiger Künstler und intelligenter Mann. Es tut mir sehr, sehr leid, dass er seinen Sohn verloren hat.

Was ist das Schönste oder Aufregendste, das dir jemals passiert ist?
Das behalte ich für mich.

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Dass ohne schlechte Ereignisse manche guten Dinge nicht geschehen würden.

Erzähl etwas über deine bisher schönste, interessanteste und/oder aufregendste Reise!
Ich hoffe sie liegt noch vor mir. 😉
Aber ich denke immer wieder gerne an eine abenteuerliche Reise, die ich mit einer Freundin unternommen habe. Es war eine 17 Stunden lange Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Der Zug war voll, und wir bekamen keine Schlafplätze in einem geschlossenen Abteil, sondern ganz schlechte Sitzplätze im offenen Waggon neben der Toilette. Es war voll und lustig, es gab viele nette Mitfahrer. Einige hatten Musikinstrumente dabei, und wir sangen zusammen. Irgendwann, fast betäubt von Toilettengerüchen, sind wir in einen anderen Waggon gegangen, der besser war als unserer, lernten dort neue Menschen kennen und haben angefangen, mit ihnen über Gott und die Welt zu diskutieren. Die angesprochenen Themen führten zu großen Meinungsverschiedenheiten und kamen nicht gut bei der Zugpolizei an, den Kosaken. Wir wurden als Unruhestifter verhaftet. Sie brachten uns mit einem Konvoi in ihren komfortablen Polizeiwaggon, sperrten uns dort ein und stellten einen Wachmann vor die Tür. Zwei Kosaken saßen mit uns im Abteil. Erst haben wir über unsere Rechte diskutiert, die Situation und die Kosaken ausgelacht, was zu einem Redeverbot führte. Wir haben es auch ohne zu reden sehr gut verstanden, dass wir diese Reise ziemlich gemütlich fortsetzen können, wenn wir standhalten. In unserer Haft aßen wir gute Hausmannskost, konnten ausschlafen und haben uns dabei ordentlich beschwert über die Einschränkungen. Erst am Ende der Reise haben wir ihnen verraten, was für einen großen Gefallen sie uns getan haben. Zu dem Zeitpunkt haben wir uns schon fast befreundet und zusammen beim Biertrinken Karten und Domino gespielt.

Was inspiriert dich?
Liebe, Gerüche, Essen, Sounds, neue Erfahrungen aller Art, starke Charaktere.

Hast du Vorbilder?
Nicht wirklich. Es gibt Menschen, die ich liebe und Künstler, die ich bewundere, aber ich möchte die beste Version meiner Selbst sein.

Was macht dich glücklich?
Verliebt sein. Achtsamkeit, meine eigene und die der anderen. Ein gut gelungenes Projekt. Im Flow sein. Über eigene Grenzen hinaus gehen. Reisen. Kreieren. Erfüllte Träume. Tief berührt sein. Kleinigkeiten. Ich habe da eine Liste, die fünf Seiten lang ist.

Was ist der Sinn des Lebens?
Liegt er in der Vergänglichkeit? Oder vielleicht darin, das Leben schöner und spannender zu gestalten drum herum? Die Dinge zu schätzen, die man hat?
Ich habe als Teenager intensiv danach gesucht und bin verschiedenen Ideen gefolgt, habe Freunde mitgezogen. Ich habe alles Mögliche, aber keinen Sinn gefunden, und ich habe mich damit abgefunden, dass das Leben herrlich sinnlos ist, was auf mich sehr befreiend wirkt. So oder so muss man irgendwann alles loslassen.

Welche Frage habe ich vergessen zu stellen – und das, obwohl du so eine gute Antwort darauf gehabt hättest?
Ich hätte eher gerne eine Antwort gewusst. Was ist für dich der Sinn des Lebens?

 

Mehr über Sasha gibt es auf: https://www.behance.net/foryou 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Eva Kruse-Bartsch. Bilder: Sasha Kisselkova.

 

Mara, 29, Göttingen

„Mir kam niemals auch nur die Idee, dass ich nicht das Leben leben könnte, das ich leben wollte.“



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Mara, Du betreibst – offensichtlich mit viel Liebe und hohem zeitlichen Aufwand – den wunderbaren Literatur-Blog „Buzzaldrins Bücher“. Wie bist du zum Bloggen gekommen?
Ich war viele Jahre lang in einem Bücherforum aktiv – in der Büchereule. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich gerne mehr Raum für meine Besprechungen über Bücher haben möchte. Wenn ich lese, dann gehen mir immer so viele Worte und Gedanken durch den Kopf, die ich gerne dazu aufschreiben würde. Die Entscheidung, mir einen Blog einzurichten, ist dann relativ spontan gefallen, doch ich bin dabei geblieben und kann mir ein Leben ohne „Buzzaldrins Bücher“ heutzutage nur noch schwer vorstellen.

Wo bist du aufgewachsen?
Im hohen Norden, genauer gesagt in Bremen. Weggezogen hat es mich von dort erst, als mein Studium begann – über Bayreuth und Dresden hat es mich dann nach Göttingen verschlagen. Noch heute vermisse ich das Wasser und den Hafen mit all seinen Gerüchen.

Hast du einen „day job“? Welchen?
Ich habe Germanistik studiert und mit einer Masterarbeit über Uwe Tellkamp abgeschlossen – das Thema war naheliegend, denn ich habe damals in Dresden gelebt. Nun bin ich schon eine ganze Weile auf Jobsuche. Ich würde natürlich gerne in einem Verlag arbeiten und glaube auch, dass ich ganz gute Kenntnisse habe. Wer also das hier liest und einen Job zu vergeben hat: immer her damit!

Welche Menschen – ganz egal, ob aus deinem persönlichen Umfeld oder große Denker der Weltgeschichte – haben dich am meisten beeinflusst?
Am meisten beeinflusst hat mich wohl mein Hund Bandit, er ist kein Mensch und sicherlich auch kein großer Denker der Weltgeschichte, aber er ist mein ganz persönlicher Held. Seit einem schweren Unfall vor einigen Jahre ist er behindert, aber er hat nie seine Lebenslust verloren. Ich kenne kaum jemanden, der so viel Freude daran hat, da zu sein, wie Bandit und durch seinen ganz besonderen Blick auf das Leben, der nur nach vorne ausgerichtet ist, ist er mir ein ganz großes Vorbild.

 

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Was inspiriert dich?
Gute Bücher, gute Texte. Bei mir funktioniert fast alles über das geschriebene Wort. Aber auch die Natur inspiriert mich, genauso wie gute Gespräche.

Was macht dich glücklich?
Lange Spaziergänge durch den Wald. Kuschelstunden mit dem Hund. Überhaupt: das Zusammensein mit den Menschen, die ich liebe.

Was ist das Schönste, das dir je passiert ist?
Wahrscheinlich all das, was in den letzten dreieinhalb Jahren rund um meinen Blog geschehen ist. Ich habe wahnsinnig tolle Menschen kennengelernt, interessante Gespräche geführt, durfte Autoren und Autorinnen interviewen, habe Verlage von innen besichtigt. Ich glaube, dass ich mir all das nie habe erträumen können, als ich meinen Blog eingerichtet habe. Ich bin mir nicht sicher, ob es das Schönste ist, aber es sind wunderbare Erfahrungen, die ich machen durfte.

 

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Hast du Vorbilder? Helden?
Ich habe ein Vorbild in meinem Arbeitsbereich und ich glaube auch, dass es ganz wichtig ist, bei dem was man tut, Vorbilder zu haben. Mein Vorbild ist Karla Paul, die irgendwann auch einmal gebloggt hat und jetzt wieder damit anfängt, mittlerweile aber auch in einem Verlag arbeitet – bei Hoffmann & Campe. Ich bewundere sie für ihr unermüdliches Engagement und frage mich manchmal, ob ihre Tage nicht doch 48 Stunden haben. Es gibt noch nicht viele Menschen, die beides vereinen, was ich so liebe: gute Bücher und den gemeinsamen virtuellen Austausch darüber. Ich hoffe, dass ich als Bloggerin irgendwann selbst zum Vorbild für andere werden kann: ich gebe gerne Ratschläge und freue mich immer dann, wenn ich andere Blogger und Bloggerinnen unterstützend und helfend begleiten kann.

Hast du ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Mein Lebensmotto ist zugleich Lieblingszitat und ich habe es mir bei Susan Sontag geklaut, die diese wunderschönen beiden Sätze gesagt hat: „Mir kam niemals auch nur die Idee, dass ich nicht das Leben leben könnte, das ich leben wollte. Ich dachte, ich gebe einfach nicht auf.“

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Alle Fotos: privat.

 

Rikje, 32, Hannover

„Den Blick auf das Gute wenden“

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Isabelle Hannemann




Rikje! Wenn ich versuche, mir dich als Kind vorzustellen, dann taucht vor meinem inneren Auge ein sehr cooles, sehr wildes kleines Mädchen auf, das auf die höchsten Bäume klettert und vor praktisch nichts Angst hat. Liege ich richtig? Wie war deine Kindheit?
Auha, nun kommt meine wahre Seite zum Vorschein. All diejenigen, die dachten, ich hätte bereits mit sieben Jahren Dreadlocks gehabt, da ich wild geknurrt habe, sobald meine Haare geschnitten oder gewaschen werden sollten, liegen leider falsch. Ich habe sogar, es fällt mir schwer das zu sagen, Matrosenkleidchen getragen, wenn es einen festlichen Anlass gab (jeder Mensch hat irgendwie ein Kindheitstrauma – danke Mama!). ABER: Deine Interpretation ist nicht ganz falsch. Meistens hat mich mein großer Bruder mitgenommen (von dem ich übrigens die alten Kleidungsstücke auftragen musste – das hat mich aber auch nicht sonderlich gestört um ehrlich zu sein), und dadurch kroch ich durch Matsch und Sand, versuchte mit meiner zarten Mädchenstimme grunzende und brutal klingende Geräusche nachzumachen und wurde eigentlich immer irgendwie geduldet. Mein großer Bruder hat mich aber überwiegend ohne Diskussionen im Schlepptau gehabt. Das hat sich ausgezahlt, dafür habe ich statt einer langweiligen Hochzeitsrede einen Text für ihn geschrieben, der die Geschichte des kleinen Zahnlücken-Cowboys auf der Suche nach der perfekten Frau erzählte. Aber die Jugend meines Bruders bot auch einfach das perfekte Futter für einen solchen Text.

Und wie war deine Jugend?
Oh, meine Jugend. Mein kleinster Bruder – ich habe noch zwei kleinere Halbbrüder – steckt mitten im kleinen Horrorladen namens „Pubertät“. Ich bin so unendlich dankbar, dass ich das hinter mich bringen durfte. Alles war peinlich. Selbst atmen in einigen Situationen. Ich war äußerst schüchtern, was Jungs betraf, in die ich „verknallt“ war. Kein Wunder, denn dadurch, dass ich nicht mehr atmete (die Nase könnte dabei ja komische Geräusche machen), sagte ich keinen Ton und rannte ziemlich schnell weg, um nicht zu ersticken. Somit war meine Jugend äußerst behütet – neben den üblichen Streitereien mit den peinlichen Eltern. (Wie sich das Blatt auch wendet: Heute bin ich ihnen eher peinlich – sehr witzig!) Also, Jugend-Rikje begann mit „Bravo“ lesen, in enge Hosen mit Schlag und übergroße Pullis gekleidet „Kelly Family“- und „Backstreet Boys“-Konzerte besuchend. (Jaja, lacht ihr alle). Mit fünfzehn oder sechzehn wurden es dann Hardcore- und Punk-Konzerte. Zum Glück, sonst wäre ich wohl heute noch Jungfrau.

Was wolltest du als Kind gerne werden, „wenn du mal groß bist“?
Da ich bei meinen Großeltern immer viel fernsehgucken durfte – ich bin die Tochter einer Pädagogin –, guckte ich auch viel die Fernsehserie „Quincy“. Damals war mir nicht klar, dass er Rechtsmediziner sein sollte, da er so viel im Gerichtssaal stand. Dadurch dachte ich immer, es wäre total aufregend Anwältin zu sein. Nun, Anwältin bin ich nicht geworden, scheint als hätte mein Verstand dann doch noch gesiegt.

Und was bist du geworden bzw. was wirst du?
Da mein Abi nicht den besten Schnitt hatte, war mir klar, dass das mit meinem Gedanken, „Tiermedizin“ zu studieren, schwierig werden könnte. Somit kombinierte ich knattertonartig und entschied mich dafür, eher ein Medizinstudium anzustreben. Zumindest war die Wartezeit etwas kürzer. Glücklicherweise war ich schlau genug zu wissen, dass ich bestimmt drei Jahre hätte warten müssen, und so begann ich eine Ausbildung zur examinierten Krankenschwester (heute: Gesundheits- und Krankenpflegerin). In meiner Ausbildung bemerkte ich die sehr dominierenden negativen Seiten des Medizinerlebens. Mein einer Lehrer in der Ausbildung brachte mich auf die Idee „Pflegewissenschaft“ und „Deutsch auf Sekundarstufe. II“ zu studieren. Bei diesem Studiengang war es damals noch möglich, mit zwei Abschlüssen abzuschließen. Und so habe ich mein erstes Staatsexamen auf Lehramt und zudem ein Diplom, das mich dazu berechtigt, in der Wissenschaft tätig zu sein. Somit habe ich beides für mich genutzt. Ich arbeite sowohl in einer Kranken- und Kinderkrankenpflegeschule an einer Universitätsklinik als Lehrerin sowie im Bereich der Versorgungsforschung im Bereich Palliativmedizin (Wissenschaftsstellen sind ja meist nur mit 50% Stellen ausgeschrieben – unfassbar!). Darin promoviere ich auch gerade, zumindest versuche ich es.

 

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Bellabellinsky Photographie

 

 

Gemeinsam mit deinem Kumpel Mirco Buchwitz hast du zudem ein sehr cooles, sehr lustiges Buch geschrieben, das kürzlich bei Rowohlt erschienen ist („Arschbacken zusammenkneifen, Prinzessin“). Wie kam es dazu?
Danke für dieses Lob, das freut mich! In Kurzfassung: Mirco und ich hatten mal einen Abend zu tief ins Glas geguckt – ach was rede ich, wir waren rotzevoll. Ich erzählte ihm, dass mich diese typischen „frechen Frauenromane“ annerven, da sie den Ist-Stand nicht wirklich darstellen. Meistens sind dies Frauen Mitte Dreißig, die ihren Typen scheiße finden, da er sich zu wenig um sie kümmert bzw. ihre Hollywood-Erwartungen nicht erfüllt. Sie trennen sich dann von ihm, und dort beginnt dann die eigentliche Story. Auf dem Weg der Trauerverarbeitung fahren sie nach Sylt oder zu einem anderen übermäßig teuren Ziel, schmeißen die Kohle zum Fenster raus und finden dann letztlich den perfekten Typen, der mit ihnen Kinder zeugt. Wer sagt, dass eine Frau Anfang/Mitte dreißig unzufrieden sein muss, da sie keine Kinder hat bzw. keinen Typen, der mit ihr potentiell Kinder machen könnte? Wieso dürfen Frauen nicht auch mal ihr „Leben leben“, ohne gleich als „Schlampe“ zu wirken, da sie das machen, worauf sie Lust haben und nicht dem Rollenbild der Gesellschaft entsprechen (es gibt Frauen, die auch gerne Sex haben und das auch gerne leben)? Und überhaupt, wer hat dieses Rollenbild überhaupt erfunden? Männer sind die geilen Hengste und Frauen eben Schlampen. Das Schlimmste: Dieses Urteil treffen überwiegend die Frauen selbst über ihre gleichgeschlechtlichen Mitstreiterinnen. Und welche Frau Mitte dreißig hat bereits selbstständig so viel Geld verdient, dass sie einen schwulen Star-Friseur bezahlen, ein abbezahltes geiles Auto fahren und ihrem überzüchteten Hund „Evian“ zu saufen geben kann? Lustige Passagen haben diese Romane, das möchte ich nicht bestreiten. Doch können wir Frauen nicht auch anders sein, als das, was von uns erwartet wird? Somit kamen wir auf die Idee. Mirco hat irgendwann einfach angefangen zu schreiben, da er viel mehr Erfahrung darin hat als ich. Wir sprachen immer wieder über den Story-Verlauf, über Charaktere, und er ließ mir dann immer wieder die Kapitel zukommen, wozu ich dann noch Dinge hinzugefügt oder verändert habe, und am Ende kam dabei ein Buch raus.

Wird es noch mehr Bücher geben – von euch als Duo oder von dir alleine?
Sowohl als auch. Mirco ist bereits fleißig am Schreiben anderer Romane (ja, der Plural an dieser Stelle war vollkommen bewusst gewählt), und ich plane gerade ebenfalls noch einen Roman. Alles ist denkbar. Mal gucken, was die Zukunft für uns bereits hält.

Als ich dich gegoogelt habe, bin ich über ein Projekt namens Demenz-Poesie gestolpert. Das klingt irre spannend. Was hat es damit auf sich?
Ich werde nun mal etwas förmlicher, da es mir wichtig ist, dabei die Ernsthaftigkeit des Projektes darzustellen und zu zeigen, dass dahinter ein durchdachtes Konzept steckt: DemenzPoesie® ist eine Therapieform zur Gedächtnisrehabilitation von Menschen mit Demenzerkrankung. Meine Kollegin Pauline Füg (sie selbst ist Diplom-Psychologin und ebenfalls Bühnenautorin) und ich machen das zusammen. Das Gedächtnis wird dabei rehabilitiert, indem bestehende Ressourcen genutzt und gefördert werden. Bei DemenzPoesie® erfolgt dies anhand eines sehr lebendigen Vortrags von Gedichten, die die demenzkranken Teilnehmer noch aus Kindertagen kennen. Dadurch werden sie in einer Gruppensitzung – „Session“ genannt – interaktiv und kreativ an Sprache und Rhythmus herangeführt. Anhand von audiovisuellen, haptischen, taktilen und olfaktorischen Reizen werden Menschen mit Demenzerkrankung stimuliert, an ihrer Umwelt aktiv teilzuhaben. Die Förderung der eigenen Sprache, des Ausdrucks, der Wahrnehmung und des positiven Gruppengefühls werden dabei verfolgt. Zum Ende jeder Session wird gemeinsam mit den erkrankten Teilnehmern ein so genanntes Improvisationsgedicht erschaffen. Nachdem ich in New York hospitierte, wird anlehnend an das im Museum of Modern Art in New York seit 2009 durchgeführte Projekt “The MoMA‘s Alzheimer‘s Project” (gefördert vom US-Ministerium für Bildung [Department of Education]), seit 2013 das DemenzPoesie®-Projekt in der Form erweitert, dass die Sessions neben in Seniorenheimen auch in Museen vor Kunstgemälden und -gegenständen stattfinden. Dazu werden die Gemälde und anderen Kunstwerke gemeinsam mit dem demenzerkrankten Menschen betrachtet, besprochen und dazu passende Gedichte vorgetragen. Diese Umsetzung erfreut sich steigender Beliebtheit, und so wurden Sessions in unterschiedlichen Museen (Kunst-, Historische- und Heimatmuseen) in ganz Deutschland durchgeführt. Die Konzeption und Durchführung der DemenzPoesie®-Sitzungen geschah in enger Zusammenarbeit mit dem Erfinder: Der amerikanische Poet Gary Glazner rief 2004 das Alzheimer‘s Poetry Project ins Leben.

Du hast auch noch in anderer Hinsicht mit Poetry zu tun: Du trittst bei Poetry Slams auf! Chapeau! Ich finde den Gedanken, bei einem Poetry Slam mitzumachen, in etwa so verlockend wie ein Date mit einem hungrigen Grizzly. Seit wann machst du das und was reizt dich am gesprochenen Wort?
Mit Poetry Slam wurde ich bereits 2004 in meinem Studium konfrontiert. Daraufhin fing ich an, öfter als Gast dort anwesend zu sein. Damals waren die Zuschauerräume noch übersichtlich gefüllt, und die Texte waren experimentell. Sehr spannend, teilweise etwas merkwürdig, aber individuell und angenehm fern vom Mainstream. Ich selbst hatte mich aber nie getraut, dort aufzutreten, obwohl es mich immer gereizt hat. Da ich mir 2009/2010 zum Jahreswechsel vorgenommen hatte, mich Herausforderungen zu stellen, die ich bis dato nicht durchgezogen hatte, kam es dann am 18.02.2010 zu meinem ersten Poetry-Slam-Auftritt in Hannover. Für zwei Jahre war ich dann, so wie es mein Arbeitspensum zuließ, auf einigen Poetry Slams und Lesebühnen unterwegs. Nach einer Zeit bemerkte ich auf den Slams eine Veränderung für mich, die mir selbst nicht mehr so gefiel. Es galt nur noch, den lustigsten Text mit der besten Performance zu haben und nicht mehr, sich auf schriftstellerischer Ebene auszuprobieren und neues zu probieren. Deine Aussage „ein Date mit einem hungrigen Grizzly zu haben“ trifft es meiner Meinung nach. Es hatte mich auch irgendwann so sehr blockiert, dass ich beim Schreiben darüber nachdachte, ob es denn beim Publikum „ankommen würde“, anstatt diese Geschichte nach meinen Ideen und Gedanken zu verfassen. Somit bin ich nicht mehr auf Slams unterwegs, denn das Format passt nicht mehr zu mir. Es gibt viele Menschen, die sind hervorragende Slammer und die bewundere ich dabei. Ich selbst hätte Lust, eine hervorragende Schriftstellerin zu werden, aber diesen Wunsch haben ja viele. Somit schreibe ich weiterhin für mich, habe Spaß dabei, und wer weiß, vielleicht darf ich irgendwann damit meinen Lebensunterhalt verdienen. Das wäre ein Lebenswunsch. Drückt mir die Daumen!

 

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Bellabellinsky Photographie

 

 

Die Daumen sind gedrückt. Welche Poetry Slammer sind es denn, die du bewunderst?
Pauline Füg – sie ist schon ewig dabei, hat einen eigenen Stil kreiert – der leider zu viel kopiert wurde – und kämpft sich mit ihren sehr guten lyrischen Texten (echte Lyrik, keine Hausfrauenlyrik) weiterhin auf den Bühnen durch, obwohl Personen aus dem Publikum anfangen, laut zu reden oder gar laut zu rülpsen. Schade! Sehr schade!

Und wen liest du? Wer sind deine Lieblingsautoren?
Ehrlich gesagt lese ich beruflich bedingt viel Fachliteratur und wenig Romane. Ich dürfte dies zwar nicht zugeben, aber ich oute mich jetzt hier. Ansonsten liebe ich Roald Dahl und Jonathan Safran Foer. Mirco Buchwitz schreibt auch in einer faszinierenden, individuellen Art, was ich unabhängig von unserer Zusammenarbeit hier mal erwähnen möchte.

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Puh, früher hätte ich was von Johnny Depp erzählt, aber irgendwie wird der immer unspektakulärer, seit er in einer Art Midlife-Crisis steckt. Irgendwie habe ich aufgehört zu schwärmen. Wenn ich mir aber mal eine Person aussuchen dürfte, mit der ich eine Kneipentour machen möchte, dann sage ich selbstbewusst „Carolin Kebekus“. Obwohl sie unser Horbüch eingelesen hat, hatte ich leider nicht das Vergnügen, sie selbst kennen lernen zu dürfen. Ich denke aber, wir hätten gemeinsam verdammt viel Spaß.

Was ist das Schönste, das dir jemals passiert ist?
Ich war mal für vier Monate in Australien, aber bevor ich das machte, fragte ich mich, ob es denn so eine gute Idee sei, die ganzen Ersparnisse dafür zu verbraten und ganz allein mit mindermäßigen Englischkenntnissen dahin zu fliegen. (Meine Mutter ist Englisch-Lehrerin, ich denke jedem ist nun klar, welches mein schlechtestes Schulfach war). Ich war bereits im Studium und arbeitete nebenher auf einer Station als Krankenschwester. Ich war zum Spätdienst eingeteilt und ein Mann klingelte, sodass ich sein Zimmer aufsuchte. Er selbst war an Morbus Parkinson erkrankt und wollte vom Badezimmer zurück in sein Bett begleitet werden. Menschen mit Parkinson können einen so genannten Stupor bekommen. Sie können zwar klar denken, aber der Körper führt keine Bewegungen mehr aus, und sie verfallen in eine Art „Starre“. Er entschuldigte sich und sagte, dass er einen Moment brauche, bis er sich wieder bewegen könne. Ich verdeutlichte ihm, er solle sich die Zeit nehmen, die er brauche, und ich wäre jetzt nur für ihn da. Er erzählte mir, er habe früher viel gearbeitet, hätte eine eigene Gärtnerei gehabt und viel Geld damit verdient. Immer hätte er sich gesagt, er wollte auf Reisen gehen, wenn er in Rente sei. Mit seinem Rentenbescheid kam jedoch fast zeitgleich seine Diagnosestellung, weswegen er nichts von der Welt gesehen habe. Er klopfte mir auf die Schulter, sah mich an und meinte mit einer tiefen Weisheit in seinen Augen: „Mädchen, was immer Sie tun, tun Sie es jetzt.“
Nach meiner Schicht fuhr ich nach Hause und buchte sofort meinen Flug. Mein Australienaufenthalt im Jahr 2008 war mit das Beste, das ich in meinem Leben bisher getan habe. Ich sehe diesen Herrn als eine Art Erfüllungsgehilfen für einen absolut wichtigen Teil meines Lebens an. Durch ihn habe ich gelernt, dass ich keine Konjunktive in meinen Erzählungen finden möchte, da ich es getan und nicht „immer nur drüber nachgedacht“ habe. Ich konnte es ihm nie mitteilen, doch hoffe ich, dass er es spüren konnte.

Was ist das Schlimmste, das dir jemals passiert ist?
Meine Schulzeit in Verbindung mit meiner Pubertät – die Hölle!

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Sei dankbar!

Was inspiriert dich?
Das Leben. Dazu muss ich viel reisen und viel erleben. Ich kann nur selten stillsitzen, da ich mich sonst langweile. Sonnenbaden beispielsweise wäre für mich eine Foltermethode!

Hast du Vorbilder?
Die Erfinder von „Dschungel-Camp“. Eine unglaublich geniale Idee, die die Menschen (vor allem die Akademiker, wie es ja immer gesagt wird) vor den Fernseher zieht ,um irgendwelche „Promis“ dabei zuzugucken, wie sie ekelige Sachen machen und essen müssen. Grandios! Die haben sich zu Recht eine goldene Nase verdient. Immer wieder frage ich mich: „Verdammt, wieso hattest du nicht einen so genieartigen Gedanken?“

Was macht dich glücklich?
Reisen, meine Familie, meine Freunde, Menschen treffen, viel reden – manchmal zu viel –, Essen, Bier, gute Filme, stumpfe TV-Shows (Bauer sucht Frau ist bei mir auch ganz weit oben), Fleisch und Wurst, Käse und Quark, Marmelade, Gartenarbeit, kochen, PC-Spiele spielen… Manchmal auch schreiben (an alle nicht Autoren: das kann verdammt harte Arbeit sein!).

Was ist der Sinn des Lebens?
Die Erfindung von kalorienarmer Schokolade bei gleicher Geschmacksintensität!
Ernsthaft: Mein Sinn liegt darin, den Blick auf das Gute zu wenden, auch wenn das Schlechte Oberhand gewinnt. Sonst gibt es irgendwann nur noch Psychiatrie-Blöcke, die wir als unsere Wohnadresse angeben.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

 

Richard, 42, Freising

„I’m not there“


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Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Ein trostloser fragmentarischer Ablauf, eher einer Skizze ähnlich als dem Leben. Mein Vater war dem Alkohol nicht gerade abgeneigt. Sämtliche Verwandte und Bekannte erschienen mir merkwürdig. Eigenartige, verschrobene Gestalten, sehr konservativ. Ein immerzu herbstliches Landleben, alles immer unter Zwang. Bei uns wurden keine Bücher gelesen, der kulturelle Einfluss war nicht vorhanden. Hier wurde körperlich gearbeitet, nicht gelesen. Arbeit war überaus wichtig, eigentlich das Wichtigste überhaupt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ein Kind studieren zu lassen oder vorhandene Möglichkeiten auszuschöpfen. So war die Kindheit eine Melange aus Alpträumen und Schattengestalten, eigentlich stetigen Regentagen. Im Rückblick ein hässliches Tim-Burton-Szenario. Alles schief, vom Wind davon getragen. Nachts klopften die Gespenster an das Fenster, daran kann ich mich erinnern. Nicht symbolisch, sondern tatsächlich. Jene Gespenster aus dem Bauch.
Natürlich wollte ich diesem Leben entfliehen. Zur Anpassung neigte ich nie. Als Kind jedoch gibt es für eine Flucht nur wenige Möglichkeiten. Man setzt sich diesbezüglich auch mit dem Sterben auseinander. Dem Suizid, sozusagen. Und wenn man als Kind diesem Gedanken nahe kommt, blickt man in einen Abgrund und stellt relativ früh fest, wie lächerlich alles ist. Jeglicher Zwang. Als Jugendlicher musste ich mich in einigen Berufen versuchen. Das wollten meine Eltern so. Denn, wie gesagt, die Arbeit war das höchste Gut. Körperliche Arbeit, wohlgemerkt.
Leider verliert man dadurch eine Menge Zeit, zahlreiche Möglichkeiten. Die Wege sind vorbestimmt, und das Ausbrechen ein waghalsiges Unternehmen. Erst zu dieser Zeit fing ich an zu lesen. Mein Plan danach war eigentlich einfach: Bücher schreiben, um Zeit für das Leben zu gewinnen. Ich versuchte mich als Journalist im lokalen Bereich. Leider hat nichts davon tatsächlich funktioniert. Ein wenig später dann erlernte ich, eher aus Zufall und Hoffnungslosigkeit, den Beruf der Krankenpflege. Warum? Vermutlich weil die Arbeit am Menschen ebenso abseitig ist wie meine Träume, Leben und Sterben ganz nahe. Neue Reibungspunkte entstanden, da ich schwer, eigentlich kaum mit Hierarchien umgehen kann und will. Vielleicht reanimiere ich deshalb täglich das Kind in mir. Um die Gespenster zu vertreiben.

Du bist Autor. (Und zwar ein guter. Ich wünsche dir Ruhm und Ehre und all das.) Wann und unter welchen Umständen hast du mit dem Schreiben begonnen?
Wie schon erwähnt, begann das Schreiben eher als Befreiungsschlag. Der nicht glückte, aber dennoch einen Impuls freisetzte. Anfänglich als Imitation anderer Autoren. Es entstanden vorwiegend Kurzgeschichten. Man weiß ja, dass man in Deutschland mit Kurzgeschichten keinen Blumentopf gewinnen kann (was ich nach wie vor als äußerst merkwürdig empfinde), sie gelten als vergebene Mühe, als belanglose Fingerübung. Es zählt der Roman. Für längere Erzählungen fehlte mir später dann aber schlichtweg die Zeit. Vor allem Schichtdienst ist ja der Tod aller Kunst.
Dennoch hielt ich regelmässig Lesungen ab und schrieb Bühnen-Programme für mich selbst. Fragmentarische Szenenbilder. Meist mit Musikern, die dann die Texte untermalten. Gastierte in Buchhandlungen, auf kleinen Theater-Bühnen. Das fiel natürlich nicht sonderlich auf. Oft las ich nur für eine Handvoll Zuhörer. Wenn ich darüber nachdenke, hat sich das eigentlich nicht sonderlich geändert.

Dein Buch „Amerika Plakate“ ist bei einem kleinen, feinen Verlag erschienen und hat sehr gute Rezensionen bekommen. Worum geht es in dem Buch?
Verlust, Schuld und Erlösung. Liebe. Jene Themen, die unser Leben beeinflussen wie kaum andere. Aber auch das implizierte Thema, dass nichts vorhersehbar ist. Dass manche Wege unpassierbar sind und manche nur dunkel. Ich schätze Geschichten, die nicht klar verlaufen, die sich immer ein Geheimnis bewahren. Wir kennen immer weniger solche Erzählungen, leider. Heutzutage ist vieles glattgeschliffen, von jeglicher Nebenhandlung befreit. Eine phantastische Geschichte, magisch im besten Sinne von verrückt. Vermutlich nicht allzu einfach, aber das ist nicht sonderlich wichtig. Darf man das sagen? Vermutlich nicht, denn was nicht marktgängig ist, ist automatisch merkwürdig. Verschroben. Ich bin allerdings gern verschroben, muss ich zugeben. Schweifen wir diesbezüglich kurz ab: Schauen wir uns einmal einen Jim Jarmusch Film an. Nehmen wir Night on Earth. Ein wundervoller Film, den ich vermissen würde. Aber natürlich ein extrem verschrobener Film, nicht wahr? Aber dennoch erscheint mir dieser Film wichtiger als der Mittwochs-ARD-Abendfilm. In der Literatur jedoch erleben wir gerade jenes: Alles was merkwürdig ist, geht nicht oder bestenfalls sehr schwer. Das ängstigt mich zunehmend.

Die zugrunde liegende Kurzgeschichte mit dem gleichen Titel kann man sich – sehr schön gelesen von Katharina Wackernagel – anhören. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
An einem Winterabend sah ich mir eine Folge der wundervollen Serie „Bloch“ mit Dieter Pfaff an, Katharina Wackernagel spielt seine Tochter. Und ich fragte mich, wie es wohl sei, wenn sie „Amerika Plakate“ lesen würde. Am nächsten Tag schrieb ich ihre Agentur an. Die Kurzgeschichte gefiel Katharina auf Anhieb und so einigten wir uns relativ schnell. Letztendlich natürlich völlig absurd. Es gab weder ein Buch, geschweige denn einen Roman. Nur eine Kurzgeschichte von einem unbekannten Autor. Aber solche Dinge gefallen mir. Später dann wurde diese Aufnahme vom WDR ausgestrahlt, was mich sehr gefreut hat. Grundsätzlich hätte ich gern diese Aufnahme dem Buch beigelegt, was sich allerdings als zu kostspielig herausgestellt hat.

Was bedeutet dir das Schreiben?
Wir alle haben einen Traum. Suchen das versteckte Schlupfloch des Lebens. Um uns selbst Geschichten zu erzählen, wenn die Ostwinde zu kalt werden. Es ist tatsächlich eine schwere Frage, genau betrachtet. Warum tun wir Dinge? Was bedeuten sie? Weshalb lieben wir, weshalb hassen wir? Vermutlich tut man etwas, um Dinge zu verändern. Andere Wege gehen zu können. Mir würde das gefallen – was sich jedoch als unglaublich schwer herausstellt. Schwerer als jemals gedacht. Vermutlich schreibe ich auch, um die Gespenster der Vergangenheit in mir zu unterhalten, um sie zu besänftigen. Um dem Außenseiter in mir eine Gestalt zu geben, einen Namen. Mich zu solidarisieren mit den Verlorenen, den Zerbrochenen. Von ihnen zu erzählen. Vielleicht auch nur, um die Welt zu verstehen.

Was liest du?
Diese Frage ist relativ schwer zu beantworten, weil es lange dauern würde, sie befriedigend zu beantworten. Paul Auster schätze ich ungemein. Friedrich Ani ist meiner Meinung nach einer der besten deutschen Erzähler der Gegenwart. Seine Tabor-Süden-Romane glänzen. Ray Bradbury, Truman Capote, Harper Lee, Stephen King, Joe Hill, Neil Gaiman (zu lange unterschätzt), Friedrich Dürrenmatt, George Simenon, Richard Brautigan (völlig verkannt), Hunter S. Thompson, Charles Bukowski (unbedingt die Maro-Ausgaben kaufen!), Cornell Woolrich. Vor allem mag ich Bücher, die mich überraschen. Die ich vielleicht sogar nicht einmal beim ersten Lesen verstehe. So ging es mir bei Brautigans „Forellenfischen in Amerika“, aber dennoch liebe ich dieses Buch. Und ich liebe das Geheimnis, das darin steckt. Ich möchte nicht beiläufig unterhalten werden, denn dafür kann ich ja auch einen Fernsehkrimi ansehen. Ein Buch muss mich schlaflos machen – egal auf welche Art und Weise. „Shining“ von Stephen King gelingt das anders als Harper Lee.

Was machst du, wenn du nicht schreibst? Hast du einen day job? Was hast du gelernt oder studiert?
Momentan schreibe ich ausschließlich. Vermutlich wird das nicht mehr lange so sein, und ich werde wieder im Pflegeberuf arbeiten müssen. Denn schließlich haben wir nur ein Leben und das kann man nicht mit Warten verbringen. Vor allem braucht man ja auch ein wenig Geld. Ich arbeite gerne mit Schwerkranken, mit Sterbenden. Zuletzt habe ich auf einer Onkologie gearbeitet. Gefallen würde mir aber auch eine Tätigkeit in einer Psychiatrie. Natürlich wäre ich gerne Schriftsteller, würde damit gern ein wenig Geld verdienen. Momentan aber scheint mir dieses Unterfangen relativ aussichtlos. Folge-Publikationen sind nicht in Sicht, wenngleich auch „Amerika Plakate“ sehr positiv aufgenommen wurde. Ich hoffe immer und bete, aber der Himmel bleibt düster. Ein scheußliches Gefühl, vor allem weil ich ja nicht aus der Literatur-Branche komme. Es nicht studiert habe und deshalb auch nicht in diese Richtung arbeiten kann. Letztendlich bin ich ein Arbeiterkind, das gehofft hatte.

Gibt es noch andere Kunstformen neben der Literatur, die dich interessieren?
Meine Geschichten sind immer beeinflusst von Musik und Film. Gerade bei „Amerika Plakate“ ist das sehr deutlich zu erkennen. Ich spiele ein wenig Gitarre. Manchmal male ich, aber nicht sehr gut.

Was würdest du dir von der berühmten guten Fee wünschen?
Würde. Dass wir in Würde leben können. Und in Würde sterben dürfen.

Hast du Vorbilder? Helden?
Literarische Vorbilder sicherlich. Paul Auster und die merkwürdigen Gestalten, abseits vom Mainstream. Im Leben sicherlich Menschen wie die Geschwister Scholl. Aufrechte, unbequeme Leute.

Was inspiriert dich?
Abseitige Geschehnisse. Merkwürdige Bücher, eigenartige Filme. Tom Waits‘ Songs. Obdachlose, taumelnd auf einer Straße, die mich nach Gott fragen und ob es Jesus tatsächlich gibt. Lebensfragmente, alles unfertige. Zerbrochene Dinge inspirieren mich.

Was macht dich glücklich?
Bei Menschen zu sein, dich ich mag, schätze oder/und liebe. Glücklich macht mich auch jener zeitweise Hauch der Möglichkeit, das zu tun, was man möchte. Woran man glaubt. Einfache Dinge. Kaffee und Zigaretten. Ein guter Film. Ein gutes Buch. Charlie Parkers Musik um Mitternacht.

Hast du ein Lebensmotto?
I´m not there.

Oder ein Lieblingszitat?
No Direction Home.

Was ist der Sinn des Lebens?
Dass manchmal selbst der Präsident nackt dastehen muss. Sagt jedensfalls Bob Dylan.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Deliah Lorenz.

Sophie, 25, Lübeck

„Offen, ehrlich und menschlich durch die Welt gehen“



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Sophie! Was antwortest du, wenn dich ein Fremder auf einer Party fragt, „was du so machst“?
Meistens sage ich zunächst, dass ich Buchhändlerin („Das kann man lernen?“) bin, das klingt irgendwie halbwegs bodenständig. Wenn da ein Schimmer Interesse erkennbar wird, sage ich auch mal, dass ich einen Literaturblog betreibe, oft genug können die Gesprächspartner damit aber wenig anfangen und fragen auch nicht weiter. Irgendwas jedenfalls habe ich mit Literatur zu tun, das reicht den meisten.

Du lebst in Lübeck. Was magst du an der Stadt – und was so gar nicht?
Lübeck hat eine sehr schöne Altstadt, wenn auch mittlerweile durch den einen oder anderen Erlebnis-Shopping-Glasklotz verschandelt. Es lohnt eine Reise, wenn man nicht schon einmal dort war. Insgesamt gibt es mir hier aber bedeutend zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten im kulturellen bzw. literarischen Bereich. Auch wenn die Stadt sich als Wiege der Manns und Günter Grass vielfach sehr offen präsentiert, sind die Lübecker insgesamt doch wenig experimentierfreudig. Für viele Veranstaltungen fahre ich nach Hamburg, weil es sie in der Form in Lübeck einfach nicht gibt. Und in Lübeck abends wegzugehen, bringt einen – so ohne Führerschein – eigentlich stetig in Konflikt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Was das betrifft ist es doch eher eine süße Kleinstadt. Da werden halt früh die Bürgersteige hochgeklappt – und ich bin nun wahrlich kein Nachtmensch!

Wo kommst du ursprünglich her?
Geboren bin ich in Magdeburg, für mich noch immer eine der hässlichsten und unsympathischsten Städte, die ich jemals gesehen habe. Mit dem Umzug 2001 habe ich mich also in ästhetischer Hinsicht deutlich verbessert. Ich würde niemals nach Magdeburg zurückkehren, auch nicht für Geld und gute Worte.

Wie warst du als Kind?
Seltsam. Außenseiter. Niemals so richtig beliebt, aber auch nie so unbeliebt, dass es mich oder ich die anderen gestört hätte. Als Einzelkind war ich viel mit mir allein. Hing über Büchern. Wenn ich das jetzt so lese: Ich war ein richtiges Klischeekind, was Komischsein betrifft, bloß dass es dafür früher noch keinen hippen Begriff gab.

Und als Jugendliche?
Ein Alptraum; ich bin auch ganz froh, dass ich nicht meine eigene Mutter sein musste, ich würde wohl auf entbehrungsreiche und stressige Jahre zurückblicken. Ich war jetzt nicht unbedingt Rebell, aber doch sehr schwierig, für mich selbst und mein Umfeld aber gleichermaßen – so hat sich das vielleicht ein bisschen ausgeglichen.

Ich kenne dich vor allem als leidenschaftliche Literatur-Bloggerin. Was hat deine Liebe zur Literatur entfacht?
Eine Frage, die ich immer schwer beantworten kann, weil ich mich an keine Zeit erinnere, in der Bücher nicht elementarer Bestandteil meines Alltags waren. Ich habe als Kind – und da konnte ich noch nicht lesen – sogar ein Buch derart geliebt, dass ich es auswendig konnte. Wort für Wort. Ich schätze, es ist mir einfach einerseits vorgelebt worden, andererseits womöglich auch ein Stück vererbt. Mein Vater, zu dem ich allerdings nie Kontakt hatte, ist studierter Kultur– und Literaturwissenschaftler, womöglich ist irgendwas davon in mir verwirklicht.

Was bedeuten dir Bücher?
Sehr viel, weil sie in dem, was sie bieten, so vielseitig sind. Sie können mich gut unterhalten, sie können meinen Horizont erweitern, sie können mich ganz profan – deshalb aber nicht minder bedeutsam – etwas lehren, sie können mich meinen Alltag und mein Leben vergessen lassen. Und ich finde es schön, dass ich mich nicht auf eine dieser „Funktionen“ von Literatur beschränken muss. Damit täte ich den Büchern ja Unrecht. Was auch der Grund dafür ist, dass ich so manchen Literatursnobismus eher anstrengend finde. So Leute, die einen Unterhaltungsroman bloß mit der Kneifzange anfassen oder ein schwierigeres Buch nach drei Seiten zuklappen, weil es ihnen zu anstrengend ist. Ich finde es zwar manchmal nervtötend, größtenteils aber großartig, dass mir die Bücher niemals ausgehen werden, solange ich lebe. Weil es noch so viel gibt, was ich wissen möchte.



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Du sagst, dass du insbesondere das Abgründige und Abseitige in der Literatur magst. Welche Bücher oder Autoren fallen dir dazu spontan ein?
Im ersten Moment überraschenderweise Klassiker wie ,Dr. Jekyll & Mr.Hyde‘, oder ,Frankenstein‘, die ja trotz ihres etwas fantastischen Ansatzes sehr weltliche Entwicklungen thematisieren – ich schätze es aber auch in Gegenwartsliteratur, wenn sie sich Themen widmet, die sonst in Gesprächen aufgrund ihres unangenehmen Beigeschmacks eher schnell unter den Teppich gekehrt werden. Psychische Erkrankungen, Armut, Vereinsamung, Gewalt, Verfall – sowas zieht mich oft magisch an. Nicht nur in der Literatur. Nicht umsonst bin ich ein sehr großer Hitchcockfan. Mich interessiert, wie Menschen funktionieren bzw. was geschieht, wenn sie nicht mehr funktionieren.

Welches sind deine Lieblingsbücher – und warum?
Eines meiner Lieblingsbücher ist und bleibt seit Jahren „Vincent“ von Joey Goebel, weil ich diesen leicht zynischen Blick auf Unterhaltungsindustrie und Künstlerdasein sehr gelungen fand. Was macht mich zum Künstler? Ist es mein Leid? Wenn ja, muss ich jetzt mein ganzes Leben lang leiden? Zum Thema Leid auch einer meiner Dauerbrenner: „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick. Trotzdem es schon so alt ist ein fantastisches Buch darüber, wie man sich selbst so richtig unglücklich machen kann. Oftmals ohne es zu bemerken, nur mit unseren Annahmen über die Welt, die Menschen in ihr und uns selbst. Wenn man dieses Buch liest, lacht man drüber, bemerkt aber an vielen Stellen Parallelen zu eigenen Unarten. Ich bin außerdem – ohne da jetzt ein Buch gesondert rausgreifen zu können – eine große Verehrerin Max Goldts. In Gänze. Sogar so sehr, dass ich zwei T-Shirts aus dem Rumpfkluft-Shop von Katz & Goldt habe. (http://www.katzundgoldt.de/rumpfkluft.htm)
Und ich verehre Sherlock Holmes. Und zwar nicht den coolen Zeitgemäßen.

Mit welchem Autor würdest du gerne mal ein Glas Wein trinken?
Saša Stanišić. Ein ungeheuer sympathischer Typ – und „Vor dem Fest“ habe ich geliebt.

Du betreibst nicht nur das Literatur-Blog „Literaturen“, sondern bist auch Teil von „We read Indie“, eines Zusammenschlusses von Bloggern, der auf Literatur aus unabhängigen Verlagen aufmerksam macht. Warum ist dir das wichtig?
Weil Literatur vielseitig ist und sich kleine Verlage oftmals einen größeren experimentellen Spielraum erlauben. Da geht es nicht ausschließlich um Verkäuflichkeit und Marktkonformität, um die Wiederholung des ewig Gleichen (nach dem Hundertjährigen brachen ja reihenweise irgendwelche skurrilen Gestalten irgendwo aus, gingen auf Reisen und alles mit gewollt verschnörkeltem Titel), da werden Dinge ausprobiert, da werden Dinge riskiert. Und damit die Literaturlandschaft nicht irgendwann so gleichförmig aussieht wie unsere Innenstädte .. ist es mir wichtig, kleinere, unabhängige Verlage und ihre Publikationen sichtbar(er) zu machen.



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Welche Kunstformen interessieren dich neben der Literatur?

Vornehmlich Film und Musik. Bei Filmen bin ich allerdings seltsam, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Kino war. Und mein Interesse an aktuellen Blockbustern hält sich auch irgendwie in Grenzen. Ich liebe diese richtig alten Klassiker, Screwballkomödien wie „Leoparden küsst man nicht“ oder Großartigkeiten wie „Die zwölf Geschworenen“. Was Musik anbelangt, so liebe ich Liedermacher und Chansoniers. Deshalb schreibe ich für „Ein Achtel Lorbeerblatt“ (http://einachtellorbeerblatt.wordpress.com/) und bin seit kurzem Jurymitglied der Liederbestenliste. Man findet mich also höchstwahrscheinlich auf Konzerten von Bodo Wartke und Sebastian Krämer … oder bei einem Weißwein mit Musik von den Beatles, Bob Dylan oder Johnny Cash.

Was ist das Aufregendste, was dir je passiert ist?

Ich fand es sehr aufregend, als ich dieses Jahr Bodo Wartke persönlich von Angesicht zu Angesicht interviewen durfte, aber ob das das Aufregendste war, was mir je passiert ist .. – ich glaub nicht. Da ich generell ein irgendwie eher nervöser Mensch bin, ist für mich vieles aufregender als für andere.

Hast du ein Vorbild?

Vorbild nicht, aber Menschen, die ich für ihr Tun und Lassen sehr bewundere. Oben genannte Musiker und solche wie z.B. Georg Kreisler. Generell sind mir aber Menschen Vorbilder, die offen, ehrlich und menschlich durch die Welt gehen. Idealisten. Leute mit Profil und Ideen.

Hast du ein Lebensmotto?

Nein. Ich hab auch nie gute Vorsätze an Silvester.

Was inspiriert dich?

Kunst, Kultur, Menschen und das Atmen so an und für sich.

Welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine richtig gute Antwort darauf gehabt hättest?

Ich bin fraglos glücklich!



Sophies Blog findet sich hier: http://literatourismus.net/

Das Interview führte Melanie Raabe.