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Inga, 34, Mannheim

An optimist is someone who figures out that taking a step backward after taking a step forward is not a disaster, it’s more like a cha-cha.


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Inga! Fangen wir doch am Anfang an. Wo und wie bist du aufgewachsen?
In einem kleinen Dorf in der „Nähe“ von Köln oder auch Bonn, je nachdem wie man das sehen will – im Laufe meines Lebens hat sich die Beschreibung dessen verändert. Jedenfalls muss man lange in öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto sitzen, um eine Straßenbahn oder ein Kino zu Gesicht zu bekommen.

Wie warst du als Kind?
Abenteuerlustig, ein Raufbold, der Klassenclown, manchmal bestimmt eine Nervensäge. Ich habe lieber mit Jungs gespielt als mit Mädchen und mich manchmal geprügelt. Ich hatte kurze Haare, wollte zeitweise Ingo genannt werden und habe mich bis zur vierten Klasse geweigert, ein Kleid zu tragen (ein Psychoanalytiker hätte seine wahre Freude an mir). Ich wollte alles alleine machen, gleichzeitig konnte ich bis zur siebten Klasse keine Klassenfahrt mitmachen vor lauter Heimweh. Ich hatte immer Angst, alleine zu sein. Ich bin das Nesthäkchen der Familie, meine große Schwester war immer mein größtes Vorbild.

Was bedeutet dir Familie?
Beziehungen bedeuten mir extrem viel, natürlich allen voran die Familie. Manchmal so viel, dass es mir Angst macht. Angst, dass ich mich auflöse und gar nicht mehr als einzelne Person existiere.

Wie war deine Jugend?
Nach einem Stimmungstief in der 6. und 7. Klasse (ich hatte oft Angst, den Anforderungen in der Schule nicht zu genügen und in meinem Freundeskreis nicht dazu zu gehören) habe ich im Theaterverein, dem Schau-Spiel-Studio Oberberg, ein zweites Zuhause gefunden. Der Rest meiner Schulzeit spielte sich hauptsächlich dort ab. Ich war Feuer und Flamme fürs Theater spielen und es war eine ganz tolle Truppe, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe.

Hättest du dir vorstellen können, die Schauspielerei zu deinem Beruf zu machen?
Ja, das habe ich auch versucht. Mir wurde gesagt ich habe Talent, aber mir fehle es an Durchsetzungsvermögen und Persönlichkeitsprofil. Das stimmt, ich war gerade 18 Jahre alt und alles andere als eine ausgereifte Persönlichkeit… Und ich bezweifle, dass ich das jemals von mir behaupten werde.
Meine Überlegung war dann, dass es eine gute Alternative wäre, Psychologie zu studieren, weil man sich dort sehr ähnliche Fragen stellt wie beim Theater spielen: Warum handelt/fühlt/denkt diese Person jetzt gerade so? Die Herangehensweise an diese Fragen unterscheidet sich natürlich sehr stark, und ich denke, die wissenschaftliche Perspektive der Psychologie liegt mir im Endeffekt mehr.

Du bist Diplom-Psychologin. Was fasziniert dich an deiner Arbeit?
Ich würde immer wieder Psychologie studieren, es ist ein ungeheuer vielseitiges Fach. Jetzt gerade bin ich sehr glücklich in der Forschung. Ich liebe es, mir Experimente auszudenken, auszuwerten und dadurch ein bisschen darüber herauszufinden, was langfristig Patienten helfen könnte. Ich bin nicht sicher, ob ich immer in der Forschung bleiben möchte oder kann – dafür ist die Konkurrenzsituation zu groß, und ich bin nicht bereit, deswegen bezüglich Partnerschaft und Familie zu weit zurückzustecken.
Leider hindert das Wissenschaftszeitgesetz viele interessierte junge Wissenschaftler, vor allem Frauen, daran, langfristig in der Forschung zu bleiben. Es führt letztlich dazu, dass man es irgendwann auf eine Professur schaffen muss, oder man fliegt sechs Jahre nach der Promotion raus – weil der Vertrag dann entfristet werden müsste, und sich die Unis das nicht leisten können oder wollen. Das heißt für mich: Entweder es klappt mit der Professur, oder ich werde mich irgendwann als Verhaltenstherapeutin niederlassen, und hoffe, dass ich bis dahin noch ganz viel Lebenserfahrung sammle und weise werde.

Was inspiriert dich?
In die Natur zu gehen und dort allmählich zur Ruhe zu kommen. Ich habe, zuerst im Rahmen meiner Selbsterfahrung, mehrtägige Wanderungen gemacht, um die Angst vor dem Alleinsein zu verlieren. Ich habe dabei ein ganz neues Gefühl kennen gelernt, eine Klarheit und Ruhe, die ich sonst selten so stark erlebt habe.

 

 

NZ (210)

 

 

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?Es gibt Menschen, die sind so ganz im Reinen mit sich und strahlen das auch aus. Immer wenn mir so jemand begegnet, bin ich ganz fasziniert.

Was macht dich glücklich?
Meine Tochter aufwachsen zu sehen. Meine Arbeit. Zeit mit meiner Familie oder Freunden zu verbringen. Die richtige Balance von Action und Stille.

Was ärgert dich maßlos?
Machtmissbrauch.

Hast du ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Mein Lebensziel ist es, immer weiter zu wachsen. Das ist nicht immer angenehm, aber ich bin Optimist und davon überzeugt, dass ich das Beste aus den Gegebenheiten machen werde.

Hast du Vorbilder?
Ja klar, für jeden Lebensbereich und jede Rolle, die ich einnehme, habe ich mehrere Vorbilder. Das sind alles Menschen, die ich aus meiner Biografie kenne. Du zum Beispiel, liebe Melanie, bist ein großes Vorbild für mich, wenn es um meine Rolle als Frau geht. Du bist intelligent und reflektiert, selbstbewusst, mutig, erfüllst dir deine Träume und genießt es, sexy zu sein. (Die Bloggerin wird rot. Anm. d. Bloggerin)

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Das ist eine wichtige Frage an mich. Ich möchte ja sehr gerne ein interessanter und besonderer Mensch (für andere) sein. Aber gleichzeitig führe ich ein stinknormales Leben, wie Millionen andere auch. Ich habe festgestellt, dass es sehr interessant ist, mir selbst zu begegnen, ohne die Perspektive anderer Menschen immer gleich mitzudenken. Gelingt mir aber eher selten.

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Von meiner Tochter habe ich sehr eindrücklich gelernt, dass die Entwicklung nicht linear verläuft, sondern aus einem ewigen Vor und Zurück beziehungsweise Auf und Ab besteht. Ich kannte zwar schon länger das folgende Zitat, aber jetzt verstehe ich es wirklich: „An optimist is someone who figures out that taking a step backward after taking a step forward is not a disaster, it’s more like a cha-cha.“

Was ist der Sinn des Lebens?
Herauszufinden, was dich auszeichnet und glücklich macht – und das dann auch zu leben.

Und welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine echt gute Antwort parat gehabt hättest?
Ich denke gerade viel darüber nach, wie es mich verändert, Mutter zu sein. Dazu habe ich keine gute Antwort, aber suche oft danach. Heute Morgen dachte ich, es ist wie mit einem zusätzlichen Ball jonglieren zu lernen.
Ich merke auch, dass es sehr en vogue ist, als junge Eltern ganz viel zu jammern über Schlafmangel und die enorme Zerrissenheit zwischen den einzelnen Lebensbereichen (Kind, Partnerschaft, Arbeit, Freunde und Familie, Freiräume für sich selbst). Natürlich stimmt das, aber es ist eben nur die halbe Wahrheit. Das Problem daran ist, dass es mir selbst ganz häufig ein schlechtes Gefühl macht, wenn ich so viel rumjammere. Ich kenne allerdings kaum junge Eltern, die sich trauen, öffentlich darüber zu reden, wie schön es ist, ein Kind zu haben. Ich glaube, das liegt auch daran, dass man die Glücksmomente (wie das erste „Mama“ durchs Babyphon, ihre ersten Schritte, von meiner Tochter ganz fest gedrückt zu werden) und die dazu gehörenden Gefühle so schwer mit Worten beschreiben kann. Da ist die Message „Ich habe heute Nacht nur drei Stunden geschlafen“ leider einfacher mitzuteilen.

  

Das Interview führte Melanie Raabe.
Fotos: privat

 

Bea, 37, Köln

„Ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf“


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Bea! Du lebst in Köln. Wo bist du geboren?
Sozusagen „In einem Land vor unserer Zeit“, nämlich 1977 in der DDR, genauer gesagt in Dessau. Ich bin also in zwei Ländern aufgewachsen. Bis zu meinem zwölften Lebensjahr in der DDR und dann in der BRD. Geprägt hat mich beides. Heute denke ich manchmal, wie verrückt und aufregend es doch ist, ein winziger Teil unserer Geschichte zu sein. Mir fallen dann meine Oma ein und ihre Erzählungen. Sie hatte in ihrem Leben auch drei Währungsreformen erlebt, genau wie ich.

Du arbeitest als Schauspielerin und Regisseurin. Wie bist du zum Theater gekommen?
Das Theaterblut fließt seit Generationen in den Adern meiner Familie. Urgroßvater Opernsänger, Großeltern Opernsänger, Vater Schauspieler… Naja, da war ich für jeden anderen Beruf verdorben. Ich bin schon als kleines Kind im Dessauer Theater auf der Bühne rumgesprungen, da ich dort im Chor gesungen habe. Es war eine tolle Kindheit, denn das Theater war für mich wie ein riesiger Abenteuerspielplatz, und so kam ich mir zwischen all den Kulissen und Kostümen wie Alice im Wunderland vor. Leider habe ich nie mit meinem Vater zusammen auf der Bühne gestanden, denn er starb als ich 10 war. Ab diesem Moment war der Wunsch, selber Schauspielerin zu werden und in seine Fußstapfen zu treten, noch größer. Der Beruf ist immer noch meine Verbindung zu ihm, und dadurch, dass ich seinen Künstlernamen angenommen habe, habe ich das Gefühl, sein Andenken zu bewahren.

Was würdest du machen, wenn du nicht am Theater gelandet wärst?
Zum Glück (oder leider?) gab es nie eine Alternative. Als es nach dem Abitur drei Jahre lang nicht mit einem Studienplatz für Schauspiel geklappt hat, begann ich für vier Semester Design am Bauhaus zu studieren. Glücklicherweise kam dann die „Erlösung“ durch den Ausbildungsplatz am Theater der Keller. Ich glaube, für jeden anderen Beruf fehlt mir das Talent.

Du hast also schließlich an der Schauspielschule des Theaters der Keller studiert. Wie war die Zeit dort?
Sie war der letzte Versuch nach drei erfolglosen Jahren des Vorsprechens. Ich weiß noch genau, dass ich den Nachtzug von Dessau nach Köln gar nicht nehmen wollte und mich erst in letzer Sekunde dazu aufraffen konnte, doch zu fahren. Als der Zug dann morgens um 7 Uhr über die Hohenzollernbrücke rollte, war ein wunderschöner Regenbogen über der Stadt zu sehen und ich wußte: „Das wird mein Tag.“ Wenn ich so zurückschaue, ist es gut, dass ich lange darum kämpfen musste, Schauspielerin werden zu dürfen. Ich habe mich dadurch auch geprüft und weiß, dass ich nie etwas anderes machen möchte, auch wenn es immer mal Rückschläge gibt. In der Schauspielschule habe ich eine richtige Wandlung durchgemacht, innerlich wie äußerlich, denn ich war anfangs extrem schüchtern und unscheinbar. Großartig war, dass man schon während der Ausbildung am „Keller“ spielen durfte und dadurch das Erlernte nicht im sterilen Klassenraum blieb, sondern sein Publikum fand. So war ich auf das Berufsleben da „draußen“ gut vorbereitet. Und ich hatte wunderbare Lehrer. Herbert Wandschneider zum Beispiel, bei dem ich mich ohne Angst in „Gombrichs Geschichte(n)“ freispielen und ausprobieren konnte.

Was würdest du jungen Schauspielerinnen raten?
Der Beruf ist hart, besonders für Frauen. Prüfe dich, ob du es wirklich willst, mit allen Konsequenzen. Und wenn du es wirklich von Herzen willst, dann mach es mit deinem ganzen Herzen.

Was liebst du an deinem Job?
Das Unerwartete, das Lampenfieber, die Kreativität, die Energie, und die Erleichterung und Freude nach einer gelungenen Premiere.

Und was weniger?
Es ist ein sehr unsicherer und manchmal auch unfairer Beruf. Oft entscheidet nur der „Typ“ und nicht die Leistung.

Ist Köln ein guter Ort für Theaterleute?
Es ist sicherlich ein guter Ort um gleichgesinnte, kreative Leute kennenzulernen und sich auszutauschen oder gegenseitig zu inspirieren. An den äußeren Bedingungen in der freien Szene ließe sich aber noch so einiges optimieren. Als freies Ensemble wie es das „Theater Skurreal Noir“ ist, muss man sich für ziemlich viel Geld in einer Spielstätte einmieten und trägt ganz allein das Risiko. Bekämen diese freien Spielstätten Zuschüsse, müssten sie keine so hohen Mieten nehmen, und es würden sicher noch mehr Stücke in Eigeninitiative produziert. Köln könnte in dieser Hinsicht also noch um einiges bunter sein. Obwohl die freie Szene in Köln auch jetzt schon beachtlich ist.

Welches ist deine Traumrolle? Hast du sie schon gespielt?
Ich mag es, Figuren mit Ecken und Kanten zu spielen. Eine Traumrolle selber gibt es nicht. Meist „verliebe“ ich mich in die Rolle, die ich gerade spiele, und versuche ihr Leben einzuhauchen.

Du hast mit einer tollen, unglaublich detailverliebten Inszenierung von „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ dein Regiedebüt gegeben. Was hat dich gereizt an diesem Stoff?
Danke. Ja, es war wirklich mein erstes eigenes „Baby“ und ist eigentlich aus der Not heraus geboren. 2013 war für mich ein schwieriges Jahr, viele Vorsprechen, viele Absagen, viele Selbstzweifel. Eines abends im Mai kam dieser großartige Film im Fernsehen. Ich liebe ihn schon seit meiner Kindheit und bleibe jedesmal davor hängen, wenn er läuft. Doch diesmal traf es mich wie ein Blitz und ich dachte: „Den Stoff muss ich auf die Bühne bringen“. Es ist eine makabere und düstere Geschichte mit abgründigem schwarzen Humor. Genau das, was ich liebe. Ab diesem Moment spürte ich eine enorme innere Kraft, die mich bis zur Premiere angetrieben hat. In relativ kurzer Zeit habe ich eine Bühnenfassung geschrieben, das Stück besetzt (denn die Schauspieler hatte ich bereits beim Schreiben vor Augen), das Bühnenbild entworfen und dann losgeprobt. Ich hätte mir das vorher nie zugetraut und ich habe auch einige damit überrascht. Vor allem mich selbst.

Wie ist das Projekt gelaufen? Und planst du, erneut als Regisseurin zu arbeiten?
Trotz aller Anfängerfehler, die ich gemacht habe, und um die ich auch weiß, bin ich stolz auf unser „Baby“. Ich sage ganz bewußt „unser“, denn es ist eine wirkliche Gemeinschaftsarbeit zwischen den Schauspielern und mir gewesen. Gerade Gisela Nohl, die als „Jane“ das Stück tragen musste, hat sich ohne zu zögern ganz der Rolle geöffnet und eine vielschichtige Figur erschaffen. Und mit Uta-Maria Schütze stand meine ehemalige Schauspiellehrerin als Blanche an ihrer Seite. Ich bin sehr dankbar, dass sie dieses Experiment mit mir gewagt hat. Sonia Fontana hat als Hausmädchen alle spanischen Texte beigesteuert und ganz nebenbei noch die Choreografie gezaubert. Es ist also das Ergebnis vieler fleißiger und selbstloser Menschen, die wie ich an die Sache geglaubt haben. Und wir wurden auch mit viel positivem Feedback belohnt. Eigentlich sollte das Stück auch ab Januar 2015 wieder laufen, aber leider ereilte mich im Oktober ein Anruf aus Amerika, und nun dürfen wir aus rechtlichen Gründen das Stück nicht mehr spielen. Das ist sehr bitter und ein herber Schlag, denn wir wollten alle unbedingt und mit Freude weiterspielen. Nun machen sich Entsetzen und Enttäuschung breit. Bevor der Anruf kam, begann sich in meinem Kopf schon das nächste Projekt zu formen. Ich spiele mit dem Gedanken, „Psycho“ auf die Bühne zu bringen. Bilder und Besetzung habe ich schon vor Augen und Lust wieder zu schreiben auch. Aber die Lähmung nach dem „Baby Jane“-Schock ist noch da. Aber ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf. Irgendwann muss die Energie wieder sprudeln, sonst platze ich.

Hast du Vorbilder?
Schon lange bewundere und verehre ich Judi Dench und Imelda Staunton. Zwei Ausnahmeschauspielerinnen.

Was macht dich glücklich?
Es sind die kleinen Dinge, die mich innerlich lächeln lassen. Mein Kater schnurrend auf meinem Schoß, ein schöner Abend mit Freunden, Besuche in der Heimat, ein Stück Schokolade langsam auf der Zunge zergehen zu lassen, lange Spaziergänge, ein guter Film. Es gibt so vieles.

Was inspiriert dich?
Andere Menschen und Kulturen. Musik.

Hast du ein Lebensmotto?
Gib niemals auf. Und gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Das für mich wichtigste Erlebnis war der Mauerfall. Ohne den wäre ich jetzt nicht in Köln und vieles wäre anders.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Lukas, 28, Köln

„We’re all born naked. The rest is drag.“

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Lukas! Du bist auf dem Land aufgewachsen. Wie würdest du deine Kindheit beschreiben?
Wie in einer Traumwelt. Ich bin in einem Dorf mit sehr vielen ungefähr gleichaltrigen Kindern aufgewachsen, habe so viel Zeit wie möglich draußen verbracht, ständig war irgendwas los, ob man im Wald Buden gebaut hat, ganze Straßenzüge mit Labyrinthen vollmalte, alle Kinder zur auf der im haushohen Walnussbaum aufgehängten Schaukel oder zur selbstgebauten Wasserrutsche kamen. Manchmal habe ich abstrakte Bilder vor Augen, wie das bunt angemalte Holz des Wagens, auf dem man vom Traktor gezogen über das Stadtfest fuhr. Oder eine bewachsene Mauer, auf der man oft gesessen hat und sich Dinge ausdachte. Manchmal habe ich den Anflug eines Gefühls, wie ein Geruch, an den man sich plötzlich erinnert, dann habe ich kurz eine Idee davon, wie es damals war, zu denken. Gelegentlich wünsche ich mich in diesen Zustand zurück – noch einmal fühlen können wie damals. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine jetzige harte Realität. Aber es war schon toll, als ein Hochsitz noch eine Piratenfestung oder ein Raumschiff sein konnte. So schön es auch war, ein fantasievolles Kind zu sein: Ich hatte sehr viele Alpträume, die ich mir glücklicherweise abtrainiert habe. Nach und nach brach die Realität dann über mich herein, wie es jedem Kind ergeht. Im Dorf gab es „Herr der Fliegen“-artige Cliquenbildung, die coolen Raucher gegen die Pferdemädchen. Mir gaben solche Konflikte damals nichts, also gehörte ich tendenziell mehr zu den Pferdemädchen, denen der Konflikt egaler war. Unser Haus stand sogar zwischen denen der beiden Lager. Ähnliche Erfahrungen gab es dann auch während der Schulzeit. Nirgendwo richtig dazuzugehören, habe ich irgendwie immer als positiv empfunden. Manchmal frage ich mich natürlich doch, wie es als cooler Junge gewesen wäre. Wenn ich früh Teil einer größeren Clique gewesen wäre. Ob ich dann Sozialkompetenzen hätte, die mir jetzt – noch – fehlen. Andererseits hätte dann vielleicht der ausgleichende, pazifistische Lukas an vielen Stellen gefehlt. Wie ich schon sagte, alles richtig so…

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Heute lebst du in Köln. Wie empfindest du die Stadt?
Köln war meine Befreiung. Ich habe vorher nur auf dem Land und in der schönen Leiche Bonn gewohnt, hier in Köln konnte ich – so platt das klingt – endlich ich selbst sein. Köln ist rau, nicht wirklich schön – abgesehen vom Dom – aber, und man kann einer Stadt kein besseres Kompliment machen, hier kann man leben. Und es ist eine glückliche schwule Insel. Das ist anfangs aufregend und lustig, zwischendurch auch mal eklig, am Ende aber befreiend.

Wo du gerade die glückliche, schwule Insel ansprichst – das empfinde ich genauso. Wir feiern den CSD, tanzen in irgendwelchen Clubs und singen „I’m on the right track baby, I was born this way“. Und sind dabei in einer glücklichen, bunten Seifenblase mit all unseren Freunden aus aller Herren Länder und mit allen möglichen sexuellen Identitäten und wissen zwar, dass man es in Deutschland damit ganz schön gut hat, aber irgendwie vergessen wir den Rest der Welt, in dem es entscheidend anders aussieht, dann doch. Zumindest ging es mir so. Bis so etwas passiert wie in Russland. Mich macht es absolut sprachlos. Wie geht es dir als schwulem Mann damit?
Mir hat das auch nochmal bewusst gemacht, in was für einer glücklichen Position wir uns befinden. Im ersten Moment war ich wirklich kurz davor, mir wie die Berliner Transe Barbie Breakout aus Protest vor der Kamera den Mund zuzunähen. Ich sah mich schon mit dem rosa Winkel im KZ. Es war körperlich. Wenn ich meine Gedanken dazu nicht aufgeschrieben hätte, wäre ich wohl geplatzt. Ich habe dann überlegt, was ich tun kann, und bin zu dem Schluss gekommen, dass man dort, wo es verhältnismäßig gut läuft, also hier, die Sache trotzdem noch weiter vorantreiben sollte. Auch hier in Köln gibt es Homophobie, nicht nur nachts auf den Ringen, auch bei den Homosexuellen selbst. Ich beobachte so oft selbstzerstörerische Tendenzen, die Bereitschaft sich mit Aids zu infizieren ist gestiegen – Stichwort Bugchaser (http://de.wikipedia.org/wiki/Bugchasing – Anm. d. Bloggerin) – in diversen Kölner Grünflächen gehen die Männer cruisen, weil sie sich entweder nicht outen und/oder sich in Gefahr begeben wollen. Manche nehmen sich homophobe Äußerungen zu sehr zu Herzen, und fangen an, ihre eigene Existenz beziehungsweise ihr Recht auf Leben in Frage zu stellen. Es ist schon ein Kampf. Deswegen ist es so wichtig, dass Schwule, wie beim CSD, sichtbar sind. Dieses Jahr beim CSD hab ich mich zum ersten Mal bei Tageslicht als Transe auf die Straße getraut – es war toll. Bisher war ich so nur ab und zu auf Partys. Es ist so wichtig das zu tun, nicht nur um anderen, sondern auch sich selbst zu zeigen, dass das schlichtweg: geht. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft gibt es zwei Transen. Eine ist eine umfassbare Trümmertranse mit Netzstrümpfen, einer pinken Strähne in den blonden Locken und halbhohen Schuhen, in denen sie nicht laufen kann. Die andere hat die Figur eines Models, lange blonde Haare, ist wahnsinnig gut angezogen und könnte eine Chefredakteurin sein. Ich vergöttere beide. Auf den ersten Blick mögen sie die Leute nur irritieren, aber auf den zweiten Blick demonstrieren sie, in was für einer gesellschaftlichen Unfreiheit alle anderen leben. Das ist die harte Wahrheit, mit der nicht alle zurecht kommen. Als Jugendlicher habe ich Transen nicht verstanden, damals dachte ich auch noch, alle Schwulen sehen aus wie Alfred Biolek oder tragen Schnurrbärte und Ledergeschirre – und ich würde auch so enden müssen. Heutzutage gibt es zum Glück viele geoutete, auch gutaussehende Promis. Aber immer noch nicht genug! Gerade bei den Geschehnissen in Russland wünsche ich mir manchmal Zwangsoutings à la Rosa von Praunheim. Ich hoffe jetzt, dass Homophobie irgendwann, vielleicht ausgelöst durch Russland, genauso tabu wird wie Antisemitismus. Die Liste der -isms ist lang genug, einer weniger wäre schon prima.

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Lass uns vom Scheußlichsten zum Schönsten kommen – der Kunst. Du hast in deiner Jugend viel Theater gespielt. Was hast du von der Bühne mitgenommen?
Die Entscheidung, Theater zu spielen, war eine der ersten, die wirklich so richtig von mir selbst kam. Mit süßen 16 debütierte ich in einem Märchen und lernte so viele Leute kennen, nachdem ich vorher nur mit meinen zwei Nerd-Freunden rumgehangen hatte – nichts gegen Nerds! Das Theater war also auch mein Freundeskreis, und ich habe es vor allem gemacht, weil wir so eine tolle Truppe waren und gemeinsam eine ziemliche Narrenfreiheit genossen. Ich habe damals nicht wirklich gelernt, wie man schauspielert – ich zerbreche mir heute noch den Kopf, wie das funktioniert – aber habe gemerkt, dass ich dadurch gut vor größeren Gruppen sprechen kann und mir auch selten der Gesprächsstoff ausgeht. Mit am liebsten mochte ich, wenn wir beim wöchentlichen Training improvisiert haben. Da sind unglaublich gute Sachen bei entstanden und es war das pure Gefühl von Freiheit. Mein Wunsch, Theater zu spielen, hing mit meiner Tendenz zusammen, alles sein zu wollen, was ich sein konnte und mich nie festlegen zu müssen. Eine Art Eskapismus, den ich aufgegeben habe. Ich habe die Schauspielerei abgehakt, als ich gemerkt habe, dass ich mich eigentlich gar nicht richtig kenne. Also wollte ich mich von nun an darauf konzentrieren, ich selbst zu sein. Als ich Jahre später am Schauspiel Köln gearbeitet habe, schwante mir, was es heißen könnte, ein guter Schauspieler zu sein: In außerordentlicher Weise man selbst zu sein.

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Am Schauspiel Köln hast du einige Assistenzen absolviert, auch unter Karin Beier. Kannst du dir vorstellen, nach dem Studium am Theater zu arbeiten?
Unter Umständen, durchaus. So richtig bin ich das Theater ja nie losgeworden. Es kann aber auch in eine völlig andere Richtung gehen. Derzeit ist mein Plan ja: Popstar in Südkorea werden und dann Korea wiedervereinen, so wie damals David Hasselhoff in Deutschland. (lacht)

Apropos Korea! Du bist ein großer K-Pop-Fan, also ein Freund von südkoreanischer Popmusik. Wie speziell! Wie kamst du drauf und warum liebst du ausgerechnet K-Pop so?
Zwei Freundinnen von mir sind Tänzerinnen und hatten Auftritte in Südkorea. Als sie wiederkamen, erzählten sie begeistert von einem Lied, das dort gerade in den Charts war: „Be My Baby“ von Wonder Girls. Ein halbes Jahr später war dann PSY mit „Gangnam Style“ in den Charts und wieder ein halbes Jahr später blieb ich bei Youtube immer öfter bei K-Pop hängen. Da gab es dann eine Menge zu entdecken. Nicht bloß die in der Regel ziemlich aufwendigen Musikvideos, auch sehr viel drumherum: Auftritte der Stars in herrlich albernen bis zuckersüßen Gameshows, tonnenweise Backstagevideos, Zusammenschnitte von Fans – ich habe mir das alles gerne gegeben. Man weiß dort, wie Fan-Service funktioniert. Die Promis sind alle so viel sympathischer und liebenswerter, auch fleißiger und motivierter, als zum Beispiel in Deutschland, wo ich mich zum Beispiel frage, wann das letzte Mal jemand bei Markus Lanz saß, den ich in irgendeiner Weise sympathisch fand. Oder wann ich das letzte Mal gerne eine deutsche Gameshow geguckt habe, deren Kandidaten charmant waren. In Deutschland werden Prominente grundsätzlich erstmal gehasst – das scheinen die zu wissen und geben sich auch keine Mühe. Und deutsche Popmusik gibt es ja auch nicht mehr wirklich. Selbst die amerikanische oder britische ist für mich nicht mehr das, was sie einmal war. Ich habe das Gefühl, alle im Hintergrund Beteiligten des Popbusiness – zum größten Teil vermutlich skandinavische Songschreiber – konzentrieren sich jetzt auf Korea. Es hat sich sogar schon der Begriff der „Korean Wave“ gebildet, die koreanische Popkultur, die auf die anderen asiatischen Länder rüberschwappt.

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Welche Musik prägt abgesehen von K-Pop dein Jahr 2013?
Keine. Na gut, ein paar Popsongs und Indie-Hits haben schon eine Rolle gespielt: „Flexxin“ und „Fester“ von den Dutch Uncles und „Play By Play“ von Autre Ne Veut habe ich zum Beispiel recht viel gehört, bevor K-Pop zu dominant wurde. Ich weiß, dass mich der Großteil meiner Freunde wohl für bescheuert hält oder vielleicht glaubt, dass ich einen Fetisch für asiatische Boys habe – aber da müssen die durch!

Eine gemeine Frage: Was willst du werden, wenn du groß bist? Also außer dem Wiedervereiniger Koreas.
Ich will vor allem: werden. Und weiter werden. Meine Oma hat immer gesagt: Wer rastet, der rostet. Man muss sich seine Fragezeichen im Leben bewahren.

Hast du Vorbilder?
Ich picke mir von vielen das Beste raus. Ziemlich weit oben sind zum Beispiel Fran Drescher, Lady Gaga und Spongebob. Aber eigentlich sind meine wichtigsten Vorbilder meine Freunde.

Was ist das Interessanteste, was dir je passiert ist?
Ich hab mal eine Sternschnuppe gesehen, die in Wellenform flog. Das glaubt mir jetzt keiner, ne? Die ist halt so geeiert. Wahrscheinlich war sie einfach nicht stromlinienförmig. Herrje, warum fällt mir nichts Interessanteres ein? Ich bin mal, als ein Sturm tobte und der Zug aus der Heimat nach Köln wegen umgestürzten Bäumen nicht mehr weiter fuhr, mit einem großen Haufen Gepäck ausgestiegen und einfach zehn Kilometer nach Köln gelaufen. Leider bog ich an einer Stelle falsch ab und landete nach ungefähr vier Stunden in Köln-Porz-Eil. Ja, Porz hat sogar noch Unterorte! Auf dem Weg hab ich aber viel von der Welt gesehen, Landschaften, Stimmungen… Es war irgendwie eine total gute, anregende Erfahrung. Man sollte sich öfter verlaufen.

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Was ist das Krasseste, was dir je passiert ist?
Ich hatte mal ein halbes Jahr lang Panikattacken, das war schon ziemlich heftig. Ich wusste am Anfang überhaupt nicht, wie mir geschieht, hatte noch nie von sowas gehört. Nach einem kurzen Moment der Überlegung, ob ich mich jetzt für eine „geistige“ Krankheit schämen soll, entschied ich zügig, mit allen so viel ich wollte darüber zu sprechen und mich nicht zu verstecken. Wenn jemand, den ich kenne, das auch kriegen würde, sollte der sich schließlich auch nicht schämen, sondern wissen, dass zumindest ich für ihn da bin. Ich wusste auch, dass ich das so gut es geht selbst loswerden wollte, habe keine Medikamente genommen und nach dem halben Jahr merkte ich dann tatsächlich, wie sich in mir eine kleine Stimme erhob und sagte: „So, es reicht jetzt.“ Ich muss aber auch sagen: Ich war mir selbst nie näher als zu dieser Zeit. So verstörend und beängstigend es auch ist, wenn kein Verdrängungsmechanismus mehr funktioniert und das Unterbewusstsein wie eine offene Wunde vor einem liegt – man ist mal ganz bei sich, man ist ganz wach, maximal bewusst und auch am Weitesten entfernt von irgendeiner Affekthandlung. Sozusagen in den Brunnen gefallen, aber man kann eben nicht mehr tiefer fallen. Das hat eine seltsame Art von Sicherheit gegeben. Vielleicht brauchte ich das einfach mal.

Und was ist das Schönste, was dir je passiert ist?
Das letzte Stück, bei dem ich im Theater mitgespielt habe, war ein ziemlich ambitioniertes Projekt, in das sehr viel Herzblut geflossen ist. Es war somit ein perfekter Abschluss für mich. Ich habe der Regisseurin später gesagt, dass das das Beste ist, was ich je gemacht habe. Die Wehmut hielt sich im Nachhinein allerdings in Grenzen, dank des bis heute immer mal wiederkehrenden Alptraums, ohne Vorbereitung auf einer Bühne stehen zu müssen.

Hast du ein Lebensmotto?
Hab ich mir die Tage erst überlegt: Man muss im Leben zwei Sachen lernen: Not feeling bad about being happy – and not being happy about feeling bad.

Hast du auch ein Lieblingszitat?
„We’re all born naked. The rest is drag.“ – RuPaul

Was inspiriert dich?
Es gibt Musik, zu der ich wunderbar geistig abdriften kann – teilweise sehe ich ganze Filmszenen vor mir. Alleine spazieren gehen kann auch toll sein. Oder natürlich gute Gespräche mit Freunden. Aber eigentlich muss man sich nur mal in Ruhe irgendwo hinsetzen und genau hinhören. Dann sprudelt es auch aus einem raus.

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe.

Alle Fotos: Benjamin Wiese