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Caterina, 28, Frankfurt a.M.

„Pure Vernunft darf niemals siegen“

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Du bist auf einer Insel aufgewachsen. Stelle ich mir sehr schön vor – solange man noch ein Kind ist. Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Heiter bis glücklich. Auf einer Insel, die noch dazu direkt ans Festland angebunden ist, aufzuwachsen ist im Grunde nichts Besonderes, doch zuerst direkt am Strand und später in einem alten Forsthaus mitten im Wald aufzuwachsen ist es eben doch – selbst über das Kindsein hinaus. Ich hätte mir keine andere Kindheit und Jugend wünschen können. Aber gleichzeitig weiß ich: An diesen Ort kehre ich allenfalls als Touristin oder als Rentnerin zurück, er kann mir nicht das geben, was ich heute zum Leben brauche.

Was hat dich in deiner Jugend am meisten geprägt?
Angesichts meines Werdegangs müsste ich sagen: Bücher. Doch das wäre eine Verdrehung der Tatsachen, denn die Wahrheit ist, dass Musik und Kunst einen viel höheren Stellenwert in meinem Leben hatten. Vor allem aber waren es schon damals die Menschen in meinem Umkreis, die mich am meisten geprägt haben. Meine Familie ebenso wie meine Freunde. Sie – und gemeinsame Erfahrungen mit ihnen – haben mich zu jemandem gemacht, der an anderen Menschen, Kulturen und Sprachen interessiert ist, und das ist es, was wohl auch heute noch am meisten mein Wesen ausmacht.

Welche Art von Teenager warst du?
Diese Frage würde ich am liebsten überspringen, da meine Antwort in etwa so unspektakulär ausfällt, wie ich als Teenager war. Ich tanzte nur unwesentlich aus der Reihe, war nicht wilder als die anderen und genauso sonderbar, fiel auch sonst kaum auf. Gehörte zu den Stillen im Hintergrund, beobachtete, machte mein Ding, bewegte aber nicht die Welt. Daran hat sich bis heute wenig geändert. – Aber vielleicht spricht da auch nur die Bescheidenheit aus mir, von der eine Lehrerin einmal sagte, sie sei »mein Charakteristikum«. Ich habe das immer als Kompliment aufgefasst.

Du hast eine Zeit lang in Italien studiert. Wie war’s?
Das Studium? Nicht der Rede wert. Das Leben? Fantastisch. Eine schöne Zeit – ich bereue es nicht, sie dort verbracht zu haben, auch wenn das gleichzeitig heißt, sie nicht in Berlin und mit meinen Freunden verbracht zu haben. Ich liebe die Sprache, liebe viele der Menschen, die ich dort kennengelernt habe, und viele der Orte, an denen ich war. Nach vier Jahren hat es mir zum Leben zwar nicht mehr gereicht, und einiges, was Land und Leute ausmacht, ärgert mich – und doch: Mir fehlt Italien. Wenn ich heute hinfahre, ist es wie nach Hause kommen.

Was antwortest du, wenn dich ein Fremder auf einer Party fragt, „was du so machst“?
In solchen Situationen lässt sich immer ganz wunderbar der Name einer Initiative zur Vernetzung der Branche zitieren: »Ich mach was mit Büchern«. Es folgt in der Regel ein erwartungsvolles Augenbrauenheben, woraufhin ich präzisiere: »Ich arbeite in einer Literaturagentur.« Die meisten finden das spannend genug, um nachzuhaken und mir eine halbe Stunde lang Fragen zu stellen. Was toll ist, weil mir selbst immer schon nach zwei Fragen die Puste ausgeht, wenn mir jemand erzählt, er sei Wirtschaftsinformatiker oder Maschinenbauingenieur.

Wie bist du in der Literaturbranche gelandet?
Über einen relativ geraden Weg (zumindest in meinen Augen, aber manch anderer würde unter »gerade« vermutlich etwas anderes verstehen). Am Ende meines geisteswissenschaftlichen Bachelorstudiums habe ich mir in den Kopf gesetzt, ins Verlagswesen zu wollen, daraufhin habe ich einen Masterstudiengang namens »Journalismus und Verlagskultur« gewählt (inhaltlich leider eher zu vernachlässigen, aber der Titel genügte für alles Weitere), einige Praktika im Kulturbetrieb absolviert, u.a. in einer Mailänder Literaturagentur und in einem Berliner Verlag, die mir den Weg wiesen, schließlich ein Volontariat gesucht und gefunden, und zwar in jener Frankfurter Literaturagentur, in der ich bis heute tätig bin.

Was würdest du machen, wenn du nicht in der Buchbranche gelandet wärst?
Nach dem Abitur hatte ich mir fest vorgenommen, ein Studium der Bildenden Kunst zu absolvieren. Aber die Wahrheit ist, dass ich eine lausige Malerin und Zeichnerin bin, es reichte gerade einmal zum Beschenken von Verwandten. Zu Beginn meines Italienischstudiums hatte ich mir schließlich fest vorgenommen, etwas mit Sprachen zu machen. Eine deutlich weniger abwegige Idee als die Kunst, und so ähnlich ist es ja auch gekommen. Was gut ist, denn ich kann mir kaum etwas anderes vorstellen: Wenn es nicht die Buchbranche wäre, dann doch zumindest der Kulturbetrieb im weitesten Sinne, mich reizt zum Beispiel die Arbeit des Goethe Instituts. Das Geisteswissenschaftlerklischee – Taxifahren – kann ich hingegen nicht erfüllen, da ich nicht Auto fahre.

Woran erkennst du ein gutes Buch?
Es gibt keinen Kriterienkatalog, entlang dessen ich ein Buch beurteile. Es muss mich schlichtweg einnehmen, inhaltlich, vor allem aber stilistisch. Es muss etwas in mir auslösen, mich bewegen, aufrütteln, eiskalt erwischen und nicht wieder loslassen. Das kann ein Gegenwartsroman ebenso wie ein Krimi leisten. Wobei man natürlich unterscheiden muss, für wen und was ich das Buch beurteile: In der Agentur muss ich immer auch die Ausrichtung der Verlagsprogramme, die Bedürfnisse des Marktes und somit die Verkäuflichkeit des Stoffes im Blick haben, »gut« ist hier also relativ; bei meinen privaten Lektüren lege ich ganz andere Kriterien an, da bin ich wie jeder Leser radikal subjektiv.

Welches sind deine Lieblingsautoren?
Lieblingsbücher habe ich einige – Lieblingsautoren hingegen kaum, da ich von den wenigsten Autoren mehr als ein oder zwei Bücher kenne. Das ist keine bewusste Entscheidung, es ergibt sich nur meistens so, weil es schlichtweg so viele literarische Stimmen zu entdecken gibt. Unumstritten an erster Stelle steht jedoch Jonathan Safran Foer, dessen Bücher genau das mit mir machen, was ich vorher beschrieben habe. Weitere Anwärter auf den Olymp: David Grossman, Nicole Krauss, Salman Rushdie und einige andere. Im deutschsprachigen Raum sind es Autoren wie Sibylle Berg, Clemens J. Setz und Tilman Rammstedt, deren Schaffen ich rege mitverfolge. Und darf’s auch noch etwas Italienisches sein? Et voilà: Andrea Bajani und Andrea De Carlo.

Was war deine coolste (interessanteste, lustigste…) Begegnung mit einem Autor?
Das Tolle an meinen Job ist ja: Coole Begegnungen mit Autoren habe ich ständig, was auch daran liegt, dass Autoren einfach eine coole Spezies sind. Ich würde jetzt zum Beispiel gerne erzählen, wie ich einmal mit Tilman Rammstedt in einer Bar in Berlin Mitte versumpft bin. Da ich aber ohnehin schon Gefahr laufe, für einen Groupie gehalten zu werden, erzähle ich an dieser Stelle lieber, wie ich im Rahmen eines Betriebsausflugs gemeinsam mit Stephan Thome den Grenzgang im hessischen Biedenkopf bestritt. Das ist jenes Volksfest, das als Kulisse für Thomes gleichnamigen Debütroman diente und bei dem drei Tage lang zunächst eifrig gewandert und dann eifrig gefeiert wird.
Im Detail hieß das für mich: fünf Uhr morgens aufstehen, zwei Stunden auf dem Marktplatz stehen und den Biedenköpfern beim Aufmarsch zugucken, anschließend strammen Schrittes durch den Wald, fünfzehn Kilometer bergauf, bergab, zwischendurch eine Frühstückspause samt Bier und Würstchen, abends im Festzelt mit dem Autor zu Schlagermusik schunkeln (wobei ich gestehen muss, dass ich nur einen der drei Tage mitgemacht habe). Ein mitunter bizarres Ereignis, wie wohl jedes Volksfest, zumindest aus der Sicht des Außenstehenden – aber amüsant war’s allemal. Und da bekommt das Eintauchen in literarische Welten gleich eine ganz andere Bedeutung.


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Mit welchem Autor würdest du gerne mal ein Bier trinken und über das Leben philosophieren?
Nachdem ich mit Herrn Rammstedt nun schon trinken war, würde ich jetzt gerne mal Clemens J. Setz einen ausgeben. Seinen Roman Die Frequenzen habe ich geliebt, noch mehr aber liebe ich seine Lesungen, denn Setz ist ein großartiger Erzähler, der über ein üppiges Repertoire an skurrilen, tragikomischen und wundersamen Geschichten verfügt. Nicht anders stelle ich mir einen Kneipenabend mit ihm vor: Er erzählt, ich nippe schweigend an meinem Bier und kichere und/oder staune vor mich hin. Daher mein Kulturtipp für alle: Wenn Clemens Setz in eurer Stadt liest, geht hin, hört zu und seid glücklich!

Welches sind deine Lieblingsbücher – und warum?
Ich frage mich, ob jemals ein Buch kommen wird, das David Grossmans Stichwort: Liebe und Jonathan Safran Foers Everything Is Illuminated von ihrem Thron stürzen wird. Seit Jahren sind es diese beiden Bücher, die ich nennen muss, wenn ich nach meinen Lieblingsbüchern gefragt werde. So klug, so erschütternd, so unfassbar schön sind sie. Auf faszinierend kunstvolle Weise erzählen sie Geschichten, die einen mit voller Wucht erwischen und nie wieder loslassen. Und genau diesen Anspruch habe ich an Literatur. Der erste Roman, der mich in meinem Werdegang als Leserin sprachlich vollkommen eingenommen hat (mir liegt häufig mehr an der Sprache als an der erzählten Geschichte), ist allerdings Vladimir Nabokovs Lolita. Ich habe ihn zuerst mit sechzehn oder siebzehn gelesen und seither noch einige Male. Wunderschön, wie Humbert Humbert, dieses Scheusal, von seiner Liebe zu dem minderjährigen Mädchen spricht. Der Kontrast zwischen der Abscheulichkeit der Geschichte und der Poesie, mit der diese Abscheulichkeit dargestellt wird, fesselt mich, lässt mich schaudern, berührt mich.

Du betreibst nicht nur das Literatur-Blog „Schöne Seiten“, sondern bist auch Teil von „We read Indie“, eines Zusammenschlusses von Bloggern, der auf Literatur aus unabhängigen Verlagen aufmerksam macht. Warum ist dir das wichtig?
Weil es auf dem Buchmarkt zu viel Mittelmaß gibt, zu viel Belangloses und Uninspiriertes. Viele kleine Literaturverlage bemühen sich im Kontrast dazu um ein anspruchsvolles Programm abseits des Mainstreams, sie stehen hinter jedem einzelnen Buch, das sie machen, statt sich an irgendwelchen Trends zu orientieren – heraus kommen Produkte mit hochwertigem Inhalt und ebenso hochwertiger Ausstattung. Doch leider haben diese Verlage häufig nicht die Kraft, um auf sich aufmerksam zu machen, weil sie schlichtweg nicht über dieselben finanziellen und personellen Ressourcen verfügen wie die großen Publikumsverlage. »We read Indie« ist unser kleiner Beitrag, um die Sichtbarkeit dieser Verlage zu erhöhen.

Welche Bücher aus kleinen Indie-Verlagen hätten deiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdient? Dies ist die Gelegenheit, uns ein paar zu empfehlen!
Zuletzt habe ich den wunderbaren Liebeskind Verlag aus München für mich entdeckt, den ich vor allem (aber nicht nur) für die aufregenden amerikanischen Schriftsteller schätze, die er in den letzten Jahren ins Deutsche übertragen hat. Daniel Woodrell, Donald Ray Pollock, James Sallis – das ist harte, düstere Literatur, die einem den Atem raubt. Doch dass Liebeskind auch anders kann, beweist der Verlag mit Romanen wie denen der Japanerin Yoko Ogawa, die surreal-verträumte Geschichten schreibt. Eines der beeindruckendsten Indie-Bücher, die ich je gelesen habe, ist allerdings nicht bei Liebeskind erschienen, sondern in der Frankfurter Verlagsanstalt: Mein sanfter Zwilling von Nino Haratischwili. Was für eine Wucht, was für ein intensives Leseerlebnis! Außerdem überaus empfehlenswert: die bereits erwähnten Frequenzen von Clemens J. Setz (Residenz), Schipino von Svenja Leiber (Schöffling & Co.) und Ich nannte ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar (Wagenbach), um nur ein paar weitere Highlights zu nennen. Und es gibt so viele andere großartige Indie-Verlage, die es zu entdecken lohnt: beispielsweise mairisch aus Hamburg, Matthes & Seitz aus Berlin sowie Salis aus Zürich/Berlin.

Wie war der Literaturjahrgang 2013 aus deiner Sicht? Was waren für dich die Highlights?
Ich muss zugeben, dass ich mich zwar eingehend mit Neuerscheinungen befasse, indem ich regelmäßig die Verlagsvorschauen sichte, einer Handvoll Literaturblogs folge und täglich das Feuilleton scanne – doch selten landen diese Bücher auf der Stelle in meiner Bibliothek, und noch seltener werden sie auf der Stelle gelesen. Ich lese, was für mich dringend ist – und das können ganz andere Sachen sein als die, die frisch erschienen sind. Insofern spiegeln meine Lesejahre nur bedingt das, was auf dem Markt geschieht, wider. Am besten fragst du mich in zwei, drei Jahren noch einmal nach dem Literaturjahrgang 2013. 😉
Was mein persönliches Lesejahr betrifft, hätte ich mir etwas mehr Rauschzustände gewünscht. Wirklich betörend war nur ein Roman für mich, und zwar Katharina Hartwells Debüt Das fremde Meer, erschienen im Berlin Verlag (sieh an: eine Neuerscheinung!). Vieles andere war gut, darunter die oben erwähnten Amerikaner im Liebeskind Verlag; vieles aber leider auch Mittelmaß. 2014 hat in dieser Hinsicht hoffentlich mehr zu bieten.

Kannst du dir vorstellen, selbst mal ein Buch zu schreiben?
Ich würde es mir gerne vorstellen können, weil ich die Idee schön finde, irgendwann ein Buch in den Händen zu halten, das hübsch anzusehen ist und meinen Namen trägt. Aber diesen Gedanken habe ich längst aufgegeben, da ich eingesehen habe, dass ich keine Schriftstellerin bin. Ich kann an Geschichten arbeiten, die bereits auf dem Papier existieren; was ich nicht kann, ist, eine Geschichte selbst zu erfinden, dafür fehlt mir die Beobachtungsgabe, vermutlich auch eine eigene Stimme. Vor allem aber: der Drang zu schreiben. Zumindest momentan.

Welche Kunstformen interessieren dich neben der Literatur?
In erster Linie: Musik und Filme. Sie sind zwar nicht Inhalt meiner Arbeit wie die Literatur, und ich kann nicht behaupten, dass ich Ahnung davon hätte, aber begeistern kann ich mich für sie allemal, mein Leben könnte ich ohne sie ebenso wenig bestreiten wie ohne Bücher. Aber auch andere Kunstformen interessieren und begleiten mich, die Fotografie etwa oder die Malerei. Und selbst das Theater, bei dem ich immer Berührungsängste hatte, entdecke ich gerade für mich, dank einiger grandioser Inszenierungen am Schauspiel Frankfurt.

Hast du einen Lieblingsfilm?
Eher einen Lieblingsregisseur, dessen Werk ich verfolge wie sonst kein anderes: Wes Anderson. Darjeeling Limited liebte ich, aber auch Royal Tenenbaums und Moonrise Kingdom, und ich kann es kaum erwarten, dass der neueste Film, The Budapest Hotel, ins Kino kommt. Ich mag den schrägen Humor und die skurrilen Bilderwelten, die Anderson entwirft, und ich mag all die fabelhaften Schauspieler, die wie lebende Running Gags sein Werk durchziehen, allen voran Bill Murray. Aber es gibt natürlich auch großartige Filme jenseits von Wes Anderson: Lost in Translation von Sofia Coppola, Heaven von Tom Tykwer, Shame von Steve McQueen, In the Mood For Love von Wong Kar-Wai, Gegen die Wand von Fatih Akin. Und verdammt viele andere.


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Welche Bands und Songs gehören auf den Soundtrack deines Lebens?
Meines aktuellen Lebens? Meines Lebens überhaupt? Da müsste ich auf jeden Fall Sting, The Police und R.E.M. nennen, die mich in meiner Jugend begleiteten. Außerdem gibt es eine Handvoll Songs, die damals unsere Samstagabende prägten, die wir im immer gleichen Club verbrachten (es überrascht sicher nicht, wenn ich sage, dass die Insel nicht viel abseits des Mainstreams zu bieten hatte): von der deutschen Ska-Combo Lex Barker Experience über »Creep« von Radiohead und »Like the Way I Do« von Melissa Etheridge bis hin zu System of a Down und The Prodigy.
Heute höre ich vor allem Indie und Alternative, darunter auch einiges Elektronisches. Das kann Sigur Rós ebenso wie der fabelhafte kanadische Singer-Songwriter Patrick Watson sein, Arcade Fire, Woodkid oder The Knife. Zuletzt entdeckt: das französische Duo Sexy Sushi, das wüsten Elektro macht, die ruhige Isländerin Sóley, die Schweizer Indie-Bands Alvin Zealot und One Sentence. Supervisor sowie Soap&Skin aus Österreich, deren umwerfende Stimme ich zuerst in dem Song »Goodbye« von Apparat gehört habe. Es war von Anfang an Liebe.

Welches war das beste Konzert, auf dem du je warst?
Das beste ist in der Regel das, was zuletzt war und am präsentesten in meiner Erinnerung ist. Und das war Sigur Rós in Frankfurt im November vergangenen Jahres. Aber selbst wenn es nicht das letzte Konzert wäre, würde ich vermutlich behaupten, es sei eines der besten gewesen: zwei Stunden lang Gänsehaut, zwei Stunden lang völlige Entrückung. Ebenfalls toll: die italienischen Musiker Max Gazzè und Raphael Gualazzi vor einigen Jahren – der eine in einem Theater in Bologna, der andere im Garten einer Mailänder Villa, ganz anders als Sigur Rós, aber beide auf ihre Weise hinreißend. Ein Konzert, auf dem ich noch nicht war, das aber – ich ahne es – eines der besten meines Lebens werden könnte: Woodkid samt Orchester.

Momentan wohnst du wegen des Jobs in Frankfurt, bist aber auch oft in Berlin. Wo würdest du leben, wenn du vollkommen freie Wahl hättest?
Keine Frage: Berlin. Viele meiner Freunde leben dort, und ich habe das Gefühl, dass es in dieser Stadt noch viel für mich zu entdecken gibt. Kultur, Kneipen, Clubs. Und auch die Literaturbranche scheint mir dort um einiges lebendiger, man geht auf Lesungen und kommt immer mit tollen Leuten ins Gespräch, bestenfalls versackt man anschließend in einer Bar. In Frankfurt gibt es – so mein Eindruck – weniger Austausch, mit Ausnahme vielleicht der Buchmesse, die ja eine einzige große Party ist. Aber jenseits von Berlin reizen mich natürlich auch andere Städte: Tel Aviv ist eine davon – seit einigen Jahren hat sich in meinem Kopf die Idee festgesetzt, irgendwann einmal ein paar Monate dort zu verbringen.

Wo siehst du dich in zehn Jahren? (Sorry, wenn das jetzt ein bisschen nach Bewerbungsgespräch klingt! 😉 )
Hätte man mich das vor zehn Jahren beim Abi gefragt, hätte ich mit Sicherheit nicht gesagt: in Frankfurt lebend und als Lektorin arbeitend. Wer landet schon in Frankfurt, von der Ostsee aus gesehen? Und mit Literatur hatte ich auch nichts am Hut, zumindest nicht in dem Maße, dass ich mir hätte vorstellen können, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Weil es also vermutlich ohnehin anders kommt, halte ich mich mal mit meinen Prognosen für die nächsten zehn Jahre zurück. Ich ahne aber, dass es cool wird.

Was ist das Aufregendste, was dir je passiert ist?
Einen bestimmten Moment gibt es nicht, den ich in meinem Leben herausstellen würde, eher eine Zeit. Die Jahre in Italien waren zum Beispiel so eine Zeit, das Leben, Denken, Lieben in einer anderen Sprache – das war schon klasse. Aber auch die Zeit seit meiner Rückkehr nach Deutschland ist aufregend – schlichtweg, weil der Beruf, den ich habe, und die Leute, denen ich dadurch begegne, aufregend sind. Würde ich jetzt auch noch in Berlin oder Tel Aviv leben, wäre das vermutlich zu viel der Aufregung. 😉

Hast du ein Vorbild?
Kein Vorbild im eigentlich Sinne, an dem ich mich auf meinem Lebensweg orientiere. Aber genügend Menschen, die ich für das, was sie tun und sind – auch wenn es etwas vollkommen anderes ist als das, was ich tue und bin –, sehr bewundere, die mich faszinieren und mich beeindrucken, auf ganz unterschiedliche Art. Das können Freunde ebenso wie Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, sein. Auf die Gefahr hin, dass der Name in diesem Interview inflationär gebraucht wird: Jonathan Safran Foer ist so ein Mensch. Er hat etwas zu sagen, und er tut es auf eine so einzigartige und inspirierende Weise, dass man ihm unbedingt zuhören möchte.

Hast du ein Lebensmotto?
Der Tocotronic-Songtitel »Pure Vernunft darf niemals siegen«. Zumindest arbeite ich dran.

Was inspiriert dich?
Alles, worüber wir bisher gesprochen haben. Literatur, Musik, Filme – Künste aller Art. Orte. Und Menschen. Menschen, die sich für eine Sache begeistern und diese Begeisterung auf andere übertragen können. Vor allem die.

Welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine total coole Antwort darauf gehabt hättest?
Ich halte mich an Proust und frage: »Deine größte Extravaganz?« (Wobei ich vor allem die Frage mag – eine »total coole« Antwort ist jetzt vielleicht ein bisschen zu viel verlangt.)

Wie lautet die Antwort?
Meine Rastlosigkeit.



Caterina betreibt das fabelhafte Buch-Blog http://caterinaseneva.wordpress.com/ und schreibt zudem für http://readindie.wordpress.com/, einen Zusammenschluss von Literatur-Bloggern, die sich mit Veröffentlichungen aus Indie-Verlagen befassen.

Das Interview führte Melanie Raabe. 

Alle Fotos: privat

Christian, 33, Köln

„Beautiful things are temporary. Life is temporary. Make the most of it.“



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Christian! Du bist mein unangefochtener Lieblingsfotograf. Wie bist du zum Fotografieren gekommen?
Warum bin ich denn dein Lieblingsfotograf?!?

Weil bei dir jeder aussieht wie’n verdammt cooler Rockstar. Auch normale Leute. Selbst die Natur, Landschaft, Tiere… alles sieht bei dir rock’n’rollig und irgendwie musikalisch aus. Deswegen. Aber genug des Lobes. Wann hast du gemerkt, dass du das beruflich machen willst?
Als ich mich das erste Mal gefragt habe, was ich beruflich machen will, ist mir einfach nichts Besseres eingefallen. Ich habe meine erste Kamera, eine Nikon RF-10 aus Plastik, mit 15 Jahren bekommen. Seitdem fotografiere ich. Ich glaube, jeder Mensch braucht einen Weg um sich auszudrücken, um seine Gefühle – manchmal auch ein wenig verschroben – nach außen zu tragen. Andere schreiben, fluchen, malen, ich fotografiere halt.

Gibt es Kunstformen neben der Fotografie, die dich begeistern?
Ich sterbe für gute Musik. Musik ist die höchste Kunstform auf Erden.

Wer ist dein Lieblingsfotograf?
Glen E. Friedman.

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Was ist das Coolste, was dir als Fotograf jemals passiert ist?
Mein Anwalt hat mir verboten, darüber zu sprechen.

Du bist auf dem Land aufgewachsen. Wie war das so?
Nicht so toll. Ich habe mich da immer als einziger normaler Mensch unter einem Haufen Sonderlingen gefühlt. Man könnte auch sagen: Ich habe mich als Sonderling gefühlt – umgekehrt klingt es in meinen Ohren aber besser. Zu den paar Menschen, in deren Schusslinie man nicht geraten ist, weil es ihnen ähnlich ging, sind aber auch große Freundschaften entstanden, die ein Leben lang halten.

Momentan lebst du in Köln, wenn ich mich nicht ganz irre. Was magst du an Köln? Was hasst du an Köln?
Ich mag das „King Georg“. Ich mag die Skateparks und die vielen Kinos. Ich hasse die „Ringe“ an den Wochenenden und natürlich den Karneval.

Welches sind deine Lieblingsorte in Köln?
Das „King Georg“, meine Wohnung, das „Rex“, das „Signor Verde“ und der Lentpark. Die Reihenfolge variiert je nach Gefühlslage.

Du bist viel auf Konzerten unterwegs – als Fotograf, privat, als Veranstalter. Welches ist das beste Konzert, das du je gesehen hast?
Wizo live auf dem Bizarre-Festival 1996.

Welches sind momentan deine Lieblingsbands?
Bei mir läuft gerade Robert Foster, Chastity Belt, Jaakko Eino Kalevi, Jungle, Quilt, Courtney Barnett und Ballet School in Dauerschleife.

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Du bist seit vielen Jahren Veganer. Wie kam’s?
Oh, es gibt so wahnsinnig viele gute Gründe um sich vegan zu ernähren, aber nicht einen einzigen guten Grund sich nicht vegan zu ernähren. Einer davon: Würden alle Menschen vegan leben, gäbe es mehr als genug Lebensmittel für die gesamte Weltbevölkerung. 1984 gab es zum Beispiel eine Hungersnot in Äthiopien; nicht, weil die äthiopische Landwirtschaft keine Lebensmittel produzierte – ganz im Gegenteil: Während der Krise, die zehntausende Menschen das Leben kostete, importierten europäische Staaten aus dem verarmten Land Getreide, um damit Hühner, Schweine und Kühe in Europa zu füttern. Wäre das Getreide dazu verwendet worden, die äthiopische Bevölkerung zu ernähren, die es angebaut hat, hätte die Hungersnot gelindert, wenn nicht gar abgewendet werden können. Es gibt sicher Menschen, denen das egal ist oder die das für zu theoretisch halten, aber vielleicht wäre für sie ja die eigene Gesundheit ein Argument. Dr. T. Colin Campbell, Leiter der bekannten „China Study“ an der Cornell University – eine Langzeitstudie, die den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit untersucht – ist z.B. zu dem Ergebnis gekommen, dass 80 bis 90 Prozent aller Krebserkrankungen und Herzkreislauferkrankungen verhindert werden könnten, indem man tierische Produkte aus seinem Speiseplan streicht. Argumente à la „Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen”, sind in meinen Ohren absoluter Dünnpiff. Der Mensch ist auch immer davon ausgegangen, dass die Erde eine Scheibe ist, bis ihm jemand gezeigt hat, dass die Erde rund ist. So was nennt sich Fortschritt und auf diesen sollte man sich ruhig einlassen. Und überhaupt: It’s never just an animal! 

Was hat sich, seit du angefangen hast, vegan zu leben, geändert? Hat man’s heute leichter?
Erstmal sollte man wissen, dass es überhaupt nicht schwer ist, vegan zu leben. Heute hat man natürlich eine größere Auswahl an Lebensmitteln bzw. Fertigprodukten, Kochbüchern und Restaurants. Durch die größere öffentliche Wahrnehmung ist aber auch das Problem hinzu gekommen, dass man ernst genommen wird. Dadurch fühlen sich Fleischesser oft angegriffen und bedroht. Ich sage bewusst „Problem“, in Bezug auf deine Frage, da es natürlich in Wirklichkeit ein glücklicher Umstand ist, ernst genommen zu werden. Ich habe das Gefühl, dass unsere Generation hinsichtlich des Veganismus und Vegetarismus echt etwas reißen kann und natürlich aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber kommenden Generationen in der Pflicht ist – da unsere Eltern und Großeltern, diesbezüglich echt nur Scheiße gebaut haben. Meine liebe Mutter soll sich hier bitte nicht persönlich angesprochen fühlen, da sie mittlerweile auch fast vegan lebt.

Verrätst du mir das Geheimnis deiner veganen Crispy Rolls?
Natürlich nicht!

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Verdammt! Na gut, ganz anderes Thema. Hast du Vorbilder?
Es gibt auf jeden Fall Menschen, bei denen ich immer denke, dass es nicht schlecht wäre, wenn ich ein bisschen mehr wie sie wäre. Meist sind das allerdings fiktionale Charaktere aus Filmen. Wie John Connor in „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“, Data von den „Goonies“ und natürlich Marty Mcfly. Einen besonders tollen Charakter hatte auch Matt Dillon in „L.A Crash“ als Officer Ryan. Was ich an seiner Figur so beeindruckend fand, ist die Tatsache, dass er, wenn es drauf ankommt, ein Held ist. Officer Ryans Rolle erinnert mich immer an den Song „Please Please Please“ von The Smiths: „See, the life I’ve had. Can make a good man bad.“ Was die Herzlichkeit angeht, ist mein Großvater immer mein Vorbild gewesen. Wenn ich mal nur die Hälfte von dem abrufen kann, was mein Großvater an Großvater-Skills drauf hatte, dann werden meine Enkel einen ziemlich tollen Opa haben.

Hast du ein Lebensmotto?
Beautiful things are temporary. Life is temporary. Make the most of it.

Was macht dich glücklich?
Karma.

Das Interview führte Melanie Raabe.

Alle Fotos: Christian Faustus Photography. 

Mehr Christian gibt’s auf  http://www.christian-faustus.de/ , http://christian-faustus.tumblr.com/ und auf http://www.letsgethey.de/

Lukas, 28, Köln

„We’re all born naked. The rest is drag.“

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Lukas! Du bist auf dem Land aufgewachsen. Wie würdest du deine Kindheit beschreiben?
Wie in einer Traumwelt. Ich bin in einem Dorf mit sehr vielen ungefähr gleichaltrigen Kindern aufgewachsen, habe so viel Zeit wie möglich draußen verbracht, ständig war irgendwas los, ob man im Wald Buden gebaut hat, ganze Straßenzüge mit Labyrinthen vollmalte, alle Kinder zur auf der im haushohen Walnussbaum aufgehängten Schaukel oder zur selbstgebauten Wasserrutsche kamen. Manchmal habe ich abstrakte Bilder vor Augen, wie das bunt angemalte Holz des Wagens, auf dem man vom Traktor gezogen über das Stadtfest fuhr. Oder eine bewachsene Mauer, auf der man oft gesessen hat und sich Dinge ausdachte. Manchmal habe ich den Anflug eines Gefühls, wie ein Geruch, an den man sich plötzlich erinnert, dann habe ich kurz eine Idee davon, wie es damals war, zu denken. Gelegentlich wünsche ich mich in diesen Zustand zurück – noch einmal fühlen können wie damals. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine jetzige harte Realität. Aber es war schon toll, als ein Hochsitz noch eine Piratenfestung oder ein Raumschiff sein konnte. So schön es auch war, ein fantasievolles Kind zu sein: Ich hatte sehr viele Alpträume, die ich mir glücklicherweise abtrainiert habe. Nach und nach brach die Realität dann über mich herein, wie es jedem Kind ergeht. Im Dorf gab es „Herr der Fliegen“-artige Cliquenbildung, die coolen Raucher gegen die Pferdemädchen. Mir gaben solche Konflikte damals nichts, also gehörte ich tendenziell mehr zu den Pferdemädchen, denen der Konflikt egaler war. Unser Haus stand sogar zwischen denen der beiden Lager. Ähnliche Erfahrungen gab es dann auch während der Schulzeit. Nirgendwo richtig dazuzugehören, habe ich irgendwie immer als positiv empfunden. Manchmal frage ich mich natürlich doch, wie es als cooler Junge gewesen wäre. Wenn ich früh Teil einer größeren Clique gewesen wäre. Ob ich dann Sozialkompetenzen hätte, die mir jetzt – noch – fehlen. Andererseits hätte dann vielleicht der ausgleichende, pazifistische Lukas an vielen Stellen gefehlt. Wie ich schon sagte, alles richtig so…

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Heute lebst du in Köln. Wie empfindest du die Stadt?
Köln war meine Befreiung. Ich habe vorher nur auf dem Land und in der schönen Leiche Bonn gewohnt, hier in Köln konnte ich – so platt das klingt – endlich ich selbst sein. Köln ist rau, nicht wirklich schön – abgesehen vom Dom – aber, und man kann einer Stadt kein besseres Kompliment machen, hier kann man leben. Und es ist eine glückliche schwule Insel. Das ist anfangs aufregend und lustig, zwischendurch auch mal eklig, am Ende aber befreiend.

Wo du gerade die glückliche, schwule Insel ansprichst – das empfinde ich genauso. Wir feiern den CSD, tanzen in irgendwelchen Clubs und singen „I’m on the right track baby, I was born this way“. Und sind dabei in einer glücklichen, bunten Seifenblase mit all unseren Freunden aus aller Herren Länder und mit allen möglichen sexuellen Identitäten und wissen zwar, dass man es in Deutschland damit ganz schön gut hat, aber irgendwie vergessen wir den Rest der Welt, in dem es entscheidend anders aussieht, dann doch. Zumindest ging es mir so. Bis so etwas passiert wie in Russland. Mich macht es absolut sprachlos. Wie geht es dir als schwulem Mann damit?
Mir hat das auch nochmal bewusst gemacht, in was für einer glücklichen Position wir uns befinden. Im ersten Moment war ich wirklich kurz davor, mir wie die Berliner Transe Barbie Breakout aus Protest vor der Kamera den Mund zuzunähen. Ich sah mich schon mit dem rosa Winkel im KZ. Es war körperlich. Wenn ich meine Gedanken dazu nicht aufgeschrieben hätte, wäre ich wohl geplatzt. Ich habe dann überlegt, was ich tun kann, und bin zu dem Schluss gekommen, dass man dort, wo es verhältnismäßig gut läuft, also hier, die Sache trotzdem noch weiter vorantreiben sollte. Auch hier in Köln gibt es Homophobie, nicht nur nachts auf den Ringen, auch bei den Homosexuellen selbst. Ich beobachte so oft selbstzerstörerische Tendenzen, die Bereitschaft sich mit Aids zu infizieren ist gestiegen – Stichwort Bugchaser (http://de.wikipedia.org/wiki/Bugchasing – Anm. d. Bloggerin) – in diversen Kölner Grünflächen gehen die Männer cruisen, weil sie sich entweder nicht outen und/oder sich in Gefahr begeben wollen. Manche nehmen sich homophobe Äußerungen zu sehr zu Herzen, und fangen an, ihre eigene Existenz beziehungsweise ihr Recht auf Leben in Frage zu stellen. Es ist schon ein Kampf. Deswegen ist es so wichtig, dass Schwule, wie beim CSD, sichtbar sind. Dieses Jahr beim CSD hab ich mich zum ersten Mal bei Tageslicht als Transe auf die Straße getraut – es war toll. Bisher war ich so nur ab und zu auf Partys. Es ist so wichtig das zu tun, nicht nur um anderen, sondern auch sich selbst zu zeigen, dass das schlichtweg: geht. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft gibt es zwei Transen. Eine ist eine umfassbare Trümmertranse mit Netzstrümpfen, einer pinken Strähne in den blonden Locken und halbhohen Schuhen, in denen sie nicht laufen kann. Die andere hat die Figur eines Models, lange blonde Haare, ist wahnsinnig gut angezogen und könnte eine Chefredakteurin sein. Ich vergöttere beide. Auf den ersten Blick mögen sie die Leute nur irritieren, aber auf den zweiten Blick demonstrieren sie, in was für einer gesellschaftlichen Unfreiheit alle anderen leben. Das ist die harte Wahrheit, mit der nicht alle zurecht kommen. Als Jugendlicher habe ich Transen nicht verstanden, damals dachte ich auch noch, alle Schwulen sehen aus wie Alfred Biolek oder tragen Schnurrbärte und Ledergeschirre – und ich würde auch so enden müssen. Heutzutage gibt es zum Glück viele geoutete, auch gutaussehende Promis. Aber immer noch nicht genug! Gerade bei den Geschehnissen in Russland wünsche ich mir manchmal Zwangsoutings à la Rosa von Praunheim. Ich hoffe jetzt, dass Homophobie irgendwann, vielleicht ausgelöst durch Russland, genauso tabu wird wie Antisemitismus. Die Liste der -isms ist lang genug, einer weniger wäre schon prima.

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Lass uns vom Scheußlichsten zum Schönsten kommen – der Kunst. Du hast in deiner Jugend viel Theater gespielt. Was hast du von der Bühne mitgenommen?
Die Entscheidung, Theater zu spielen, war eine der ersten, die wirklich so richtig von mir selbst kam. Mit süßen 16 debütierte ich in einem Märchen und lernte so viele Leute kennen, nachdem ich vorher nur mit meinen zwei Nerd-Freunden rumgehangen hatte – nichts gegen Nerds! Das Theater war also auch mein Freundeskreis, und ich habe es vor allem gemacht, weil wir so eine tolle Truppe waren und gemeinsam eine ziemliche Narrenfreiheit genossen. Ich habe damals nicht wirklich gelernt, wie man schauspielert – ich zerbreche mir heute noch den Kopf, wie das funktioniert – aber habe gemerkt, dass ich dadurch gut vor größeren Gruppen sprechen kann und mir auch selten der Gesprächsstoff ausgeht. Mit am liebsten mochte ich, wenn wir beim wöchentlichen Training improvisiert haben. Da sind unglaublich gute Sachen bei entstanden und es war das pure Gefühl von Freiheit. Mein Wunsch, Theater zu spielen, hing mit meiner Tendenz zusammen, alles sein zu wollen, was ich sein konnte und mich nie festlegen zu müssen. Eine Art Eskapismus, den ich aufgegeben habe. Ich habe die Schauspielerei abgehakt, als ich gemerkt habe, dass ich mich eigentlich gar nicht richtig kenne. Also wollte ich mich von nun an darauf konzentrieren, ich selbst zu sein. Als ich Jahre später am Schauspiel Köln gearbeitet habe, schwante mir, was es heißen könnte, ein guter Schauspieler zu sein: In außerordentlicher Weise man selbst zu sein.

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Am Schauspiel Köln hast du einige Assistenzen absolviert, auch unter Karin Beier. Kannst du dir vorstellen, nach dem Studium am Theater zu arbeiten?
Unter Umständen, durchaus. So richtig bin ich das Theater ja nie losgeworden. Es kann aber auch in eine völlig andere Richtung gehen. Derzeit ist mein Plan ja: Popstar in Südkorea werden und dann Korea wiedervereinen, so wie damals David Hasselhoff in Deutschland. (lacht)

Apropos Korea! Du bist ein großer K-Pop-Fan, also ein Freund von südkoreanischer Popmusik. Wie speziell! Wie kamst du drauf und warum liebst du ausgerechnet K-Pop so?
Zwei Freundinnen von mir sind Tänzerinnen und hatten Auftritte in Südkorea. Als sie wiederkamen, erzählten sie begeistert von einem Lied, das dort gerade in den Charts war: „Be My Baby“ von Wonder Girls. Ein halbes Jahr später war dann PSY mit „Gangnam Style“ in den Charts und wieder ein halbes Jahr später blieb ich bei Youtube immer öfter bei K-Pop hängen. Da gab es dann eine Menge zu entdecken. Nicht bloß die in der Regel ziemlich aufwendigen Musikvideos, auch sehr viel drumherum: Auftritte der Stars in herrlich albernen bis zuckersüßen Gameshows, tonnenweise Backstagevideos, Zusammenschnitte von Fans – ich habe mir das alles gerne gegeben. Man weiß dort, wie Fan-Service funktioniert. Die Promis sind alle so viel sympathischer und liebenswerter, auch fleißiger und motivierter, als zum Beispiel in Deutschland, wo ich mich zum Beispiel frage, wann das letzte Mal jemand bei Markus Lanz saß, den ich in irgendeiner Weise sympathisch fand. Oder wann ich das letzte Mal gerne eine deutsche Gameshow geguckt habe, deren Kandidaten charmant waren. In Deutschland werden Prominente grundsätzlich erstmal gehasst – das scheinen die zu wissen und geben sich auch keine Mühe. Und deutsche Popmusik gibt es ja auch nicht mehr wirklich. Selbst die amerikanische oder britische ist für mich nicht mehr das, was sie einmal war. Ich habe das Gefühl, alle im Hintergrund Beteiligten des Popbusiness – zum größten Teil vermutlich skandinavische Songschreiber – konzentrieren sich jetzt auf Korea. Es hat sich sogar schon der Begriff der „Korean Wave“ gebildet, die koreanische Popkultur, die auf die anderen asiatischen Länder rüberschwappt.

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Welche Musik prägt abgesehen von K-Pop dein Jahr 2013?
Keine. Na gut, ein paar Popsongs und Indie-Hits haben schon eine Rolle gespielt: „Flexxin“ und „Fester“ von den Dutch Uncles und „Play By Play“ von Autre Ne Veut habe ich zum Beispiel recht viel gehört, bevor K-Pop zu dominant wurde. Ich weiß, dass mich der Großteil meiner Freunde wohl für bescheuert hält oder vielleicht glaubt, dass ich einen Fetisch für asiatische Boys habe – aber da müssen die durch!

Eine gemeine Frage: Was willst du werden, wenn du groß bist? Also außer dem Wiedervereiniger Koreas.
Ich will vor allem: werden. Und weiter werden. Meine Oma hat immer gesagt: Wer rastet, der rostet. Man muss sich seine Fragezeichen im Leben bewahren.

Hast du Vorbilder?
Ich picke mir von vielen das Beste raus. Ziemlich weit oben sind zum Beispiel Fran Drescher, Lady Gaga und Spongebob. Aber eigentlich sind meine wichtigsten Vorbilder meine Freunde.

Was ist das Interessanteste, was dir je passiert ist?
Ich hab mal eine Sternschnuppe gesehen, die in Wellenform flog. Das glaubt mir jetzt keiner, ne? Die ist halt so geeiert. Wahrscheinlich war sie einfach nicht stromlinienförmig. Herrje, warum fällt mir nichts Interessanteres ein? Ich bin mal, als ein Sturm tobte und der Zug aus der Heimat nach Köln wegen umgestürzten Bäumen nicht mehr weiter fuhr, mit einem großen Haufen Gepäck ausgestiegen und einfach zehn Kilometer nach Köln gelaufen. Leider bog ich an einer Stelle falsch ab und landete nach ungefähr vier Stunden in Köln-Porz-Eil. Ja, Porz hat sogar noch Unterorte! Auf dem Weg hab ich aber viel von der Welt gesehen, Landschaften, Stimmungen… Es war irgendwie eine total gute, anregende Erfahrung. Man sollte sich öfter verlaufen.

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Was ist das Krasseste, was dir je passiert ist?
Ich hatte mal ein halbes Jahr lang Panikattacken, das war schon ziemlich heftig. Ich wusste am Anfang überhaupt nicht, wie mir geschieht, hatte noch nie von sowas gehört. Nach einem kurzen Moment der Überlegung, ob ich mich jetzt für eine „geistige“ Krankheit schämen soll, entschied ich zügig, mit allen so viel ich wollte darüber zu sprechen und mich nicht zu verstecken. Wenn jemand, den ich kenne, das auch kriegen würde, sollte der sich schließlich auch nicht schämen, sondern wissen, dass zumindest ich für ihn da bin. Ich wusste auch, dass ich das so gut es geht selbst loswerden wollte, habe keine Medikamente genommen und nach dem halben Jahr merkte ich dann tatsächlich, wie sich in mir eine kleine Stimme erhob und sagte: „So, es reicht jetzt.“ Ich muss aber auch sagen: Ich war mir selbst nie näher als zu dieser Zeit. So verstörend und beängstigend es auch ist, wenn kein Verdrängungsmechanismus mehr funktioniert und das Unterbewusstsein wie eine offene Wunde vor einem liegt – man ist mal ganz bei sich, man ist ganz wach, maximal bewusst und auch am Weitesten entfernt von irgendeiner Affekthandlung. Sozusagen in den Brunnen gefallen, aber man kann eben nicht mehr tiefer fallen. Das hat eine seltsame Art von Sicherheit gegeben. Vielleicht brauchte ich das einfach mal.

Und was ist das Schönste, was dir je passiert ist?
Das letzte Stück, bei dem ich im Theater mitgespielt habe, war ein ziemlich ambitioniertes Projekt, in das sehr viel Herzblut geflossen ist. Es war somit ein perfekter Abschluss für mich. Ich habe der Regisseurin später gesagt, dass das das Beste ist, was ich je gemacht habe. Die Wehmut hielt sich im Nachhinein allerdings in Grenzen, dank des bis heute immer mal wiederkehrenden Alptraums, ohne Vorbereitung auf einer Bühne stehen zu müssen.

Hast du ein Lebensmotto?
Hab ich mir die Tage erst überlegt: Man muss im Leben zwei Sachen lernen: Not feeling bad about being happy – and not being happy about feeling bad.

Hast du auch ein Lieblingszitat?
„We’re all born naked. The rest is drag.“ – RuPaul

Was inspiriert dich?
Es gibt Musik, zu der ich wunderbar geistig abdriften kann – teilweise sehe ich ganze Filmszenen vor mir. Alleine spazieren gehen kann auch toll sein. Oder natürlich gute Gespräche mit Freunden. Aber eigentlich muss man sich nur mal in Ruhe irgendwo hinsetzen und genau hinhören. Dann sprudelt es auch aus einem raus.

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe.

Alle Fotos: Benjamin Wiese