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Renate, 38, Gummersbach

„All you need is love!“



Renate


Renate! Ich habe das Gefühl, dass es kaum einen optimistischeren, ausgeglicheneren Menschen als dich gibt. Wie zum Teufel machst du das?
Danke. Vermutlich hat meine Mutter zu dieser Entwicklung einen großen Teil beigetragen. Sie war schwer krank und starb früh. Sie hat an mich geglaubt und mich unterstützt, wo sie konnte. Sie hat mich oft zum Lachen gebracht. Ich war als Kind und Jugendliche bereits Pflegeperson meiner Mama. Ich habe sie gefüttert, sie an- und ausgezogen, sie gewaschen, den Popo abgewischt … das volle Programm. Durch ihre schwere Krankheit wurde mir jeden Tag vor Augen geführt, wie glücklich ich mich schätzen darf, gesund und unabhängig zu sein.
Ich habe zahlreiche Interessen, einen vollen Terminkalender und liebe es, Neues kennen zu lernen. Das macht mich zu einem recht ausgeglichenen und optimistischen Menschen. Aber du kennst meine düstere melancholische Seite noch nicht. Ich kann unheimlich gut leiden. Mit der entsprechenden Musik geht das noch besser. Dann schwelge ich in Melancholie und gebe mich aussichtslosen und sehnsuchtsvollen Gedanken hin. Das macht bis zu einem gewissen Grad sogar Spaß! Und wenn dann das Unwiderrufliche und noch Unerreichte in meiner Gedankenwelt durch genügend Tränen aus meinem Bewusstsein gespült wurde, widme ich mich wieder dem Sanguiniker in mir und den großartigen Möglichkeiten und Menschen um mich herum. Die melancholische Seite findet natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, ohne Publikum, meist in den sonnenarmen Monaten oder beim Tango. Da kann ich die schwerfälligen Gefühle zu passender Musik einfach wegtanzen. Aber danke für das Kompliment, welches ich an dieser Stelle gerne an dich zurückgebe. Du gehörst zweifelsohne zu den optimistischsten Menschen, die ich kenne und zu den Menschen, die überall das Gute sehen, und das finde ich inspirierend und erstrebenswert. Energy flows where attention goes! Ich versuche meinen Blick auf das Schöne und Gute zu richten und auf den Weg nach vorne. Es gibt keinen Weg zurück und der Weg, der vor uns liegt, hält noch so manches Abenteuer parat. Jeden Tag. Ist das nicht der Wahnsinn? Sich Wünsche zu erfüllen, dankbar zu sein und das zu tun, was einen glücklich macht, sind der einfachste Weg zu Ausgeglichenheit und Freude am Leben.

Schön gesagt. Danke! Glaubst du eigentlich, dass es dich geprägt hat, dass du in Polen geboren bist? Wie lange hast du da gelebt und sprichst du eigentlich Polnisch?
Ich bin bis zu meinem fünften Lebensjahr in Polen aufgewachsen. In Deutschland wurden meine Eltern dazu aufgefordert, nur noch deutsch mit mir und meiner jüngeren Schwester zu sprechen. Das ist ein Grund dafür, das mein Polnisch es nie über die Kindergartensprache hinausgebracht hat und sich im Laufe der Jahre in den hintersten Synapsen-Knoten meines Gehirns verschachert hat. Ich kann nach dem Weg fragen und verstehe vieles, eine längere Konversation kann ich leider nicht mehr führen. Schade.
Die fünf Jahre in Polen und der Verlust meiner Muttersprache haben dazu geführt, dass ich mich eine lange Zeit meines Lebens in Deutschland fremd gefühlt habe. Keine richtige Deutsche aber auch keine Polin. Als junge Erwachsene habe ich oft gesagt, ich sei Europäerin, hat man mich nach meiner Herkunft gefragt. So fühle ich mich auch heute noch, denn ich reise unheimlich gerne und habe viele Eindrücke und kulturelle Besonderheiten der unterschiedlichen Nationen in mich aufgesogen.
Meine Kindheit in Polen war geprägt von Freiheit und Wildnis. Hinter keinem Busch hat sich eine Mutter versteckt, um nach dem Rechten zu schauen. Wenn es dunkel wurde, musste man zu Hause sein, das war die Regel. Ich habe auf sandigen Straßen gespielt, auf denen kein Auto fuhr und wenn, dann war das die Attraktion des Tages. Im Winter sind wir mit der Pferdekutsche durch den Wald gestreift, hinten dran eine Kette aus dreißig Schlitten mit vielen lachenden Kindern. Wir hatten ein Pferd. Es hieß Lalka, zu deutsch: Puppe. Ich erinnere mich an ein Foto, auf dem ich kleiner Knirps unter dem Pferd stehe, mein Kopf berührt knapp seinen Bauch. Irgendwie sieht das sehr geborgen aus.
Meine Zeit in Polen hat mich insofern geprägt, als ich als Kind von allen Vorteilen des Sozialismus profitieren konnte. Es gab ein großes Miteinander. Die Menschen hatten sehr wenig, doch sie hielten zusammen, feierten viel und halfen sich, wo sie konnten. Das habe ich später in Deutschland nicht mehr so wahrgenommen. Während meine Schulkameraden in den All-Inklusive-Urlaub nach Spanien oder Griechenland flogen, reisten wir in den großen Ferien in den Polenurlaub nach Masuren in Ostpreußen, wo ich geboren wurde. Ein zauberhafter Fleck Erde. Damals brauchte man ein Visum und musste durch die ehemalige DDR fahren. Überall standen bewaffnete Grenzsoldaten und schauten finster drein. Das Auto, bis oben hin bepackt mit Kaffee, Schokolade und Gummibärchen – Luxuskonsumgüter, die in Polen nicht gerade erschwinglich waren – rüttelte und schüttelte sich im Takt der alten Beton-Autobahn aus Hitlers Zeiten. Es war jedes Mal eine große Erleichterung, die Grenze zu passieren und endlich auf den Landstraßen Polens mit vielen Pferdekutschen und Autos wie aus einer anderen Welt, gelandet zu sein. Damals fuhren so wenige deutsche Autos, dass es jedes Mal ein Highlight war, einen Wagen mit deutschem Kennzeichen zu sehen. Lichthupe, anhalten und kurzer Austausch über Herkunft und Ziel inklusive. Polen war für mich als Kind und Jugendliche immer ein märchenhaftes Land. Ich durfte dort viele Abenteuer erleben. Nachts im Wald beim Lagerfeuer Würste auf dem Stock grillen, im kleinsten Auto der Welt, dem Fiat Bambino, zu acht Mann über buckelige Sandstraßen zur nächsten Dorfdisko fahren und immer und überall die betörende Weite des masurischen Himmels genießen. Polen, insbesondere Masuren, war für mich immer ein Land mit zauberhaften, freundlichen, lachenden und herzlichen Menschen, mit einem unermüdlichem Improvisationstalent. Ein Land mit einer fast beschämenden Gastfreundlichkeit, reich gedeckten Tischen mit allem, was die Jahreszeit so gerade her gab. Was in dem Land nicht wuchs oder gedieh, gab es einfach nicht. Alles war so natürlich und ursprünglich. Als in einem Sommerurlaub plötzlich Plastiktüten beim Obsthändler auftauchten, musste ich fast weinen, und als wenig später tatsächlich großformatige Werbeplakate an den Hauswänden hingen oder neben dem Ortseingangsschild die verschiedensten Produkte darboten, rollten tatsächlich die Tränen. Mein unschuldiges Märchenland hatte seine Seele verloren, und den Kapitalismus mit all seinen Nebenwirkungen gefunden.
Vielleicht sind mein soziales Wesen, mein Improvisationstalent und mein Helfersyndrom tatsächlich in meiner Herkunft begründet. Die Liebe zu Menschen der verschiedensten Kulturen, Gemeinschaft haben und feste Feiern, mit Tischen, wo sich die Balken biegen, sind auf jeden Fall Resultat meiner Herkunft und meiner Reiselust.

Du hast an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie studiert. Zudem hast du schon als Teenager auf Theaterbühnen gestanden. Welche Kunstform ist dir näher, Schauspielerei oder Regie?
Puh… die Frage meines Lebens! Mein Herz lacht und ist voller Freude, wenn ich als Schauspielerin auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen darf. Ich liebe es, eine Rolle mit Leben zu füllen und genauso liebe ich es, ein Werk zu erschaffen und als Regisseurin Sparringspartnerin der Schauspieler zu sein, um aus ihnen das Beste für das Gesamtkunstwerk heraus zu holen. Ich habe lange Zeit meines Lebens damit geliebäugelt, Schauspielerin zu werden. Zur Regie kam ich erst durch meine Ausbildung als Mediengestalterin in Bild und Ton beim WDR in Köln. Während des dritten Lehrjahrs kursierte ein Hochglanzmagazin der Filmakademie Baden-Württemberg in unserer Mediengestalter-Klasse. Alle waren fasziniert davon und meinten, wenn man hier aufgenommen würde, hätte man es geschafft. Ich hatte damals meiner Verwandtschaft zuliebe den Wunsch, Schauspielerei zu studieren, an den Nagel gehängt und eine „ordentliche“ Ausbildung begonnen. Zum Ende des dritten Lehrjahrs juckte es mich wieder in den kreativen Fingerspitzen, und so bewarb ich mich mit einigen meiner Ausbildungskameraden an der Filmakademie in Ludwigsburg und wurde genommen. Dies sah ich als Zeichen, vor allem, weil einige der meiner Meinung nach sehr begabten Mitbewerber nicht angenommen wurden. Ich kündigte meine unbefristete Stellung beim WDR und ließ mich auf das Abenteuer Regiestudium ein. Schon während des ersten Studienjahres vermisste ich die Schauspielerei so sehr, dass ich mich an einer Schauspielschule bewarb und ebenfalls genommen wurde. Die erste Hälfte meines zweiten Regie-Studienjahres verbrachte ich zum größten Teil an der Schauspielschule. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber ich hatte stets das Gefühl unterfordert zu sein. Ich wollte etwas Neues lernen und entschied mich für das Regiestudium. Irgendwann werde ich in meinem eigenen Film als Schauspielerin mitwirken, hatte ich damals beschlossen.

Welches war die wichtigste Lektion, die du während deines Studiums gelernt hast?
Nicht alles, was glänzt ist Gold, und der Weg zum Ziel ein hart umkämpfter! Wir waren privilegiert in Ludwigsburg. Acht Studenten in einem Kurs. Unsere Kantine war das Szene-Café „Blauer Engel“. Unser Campus, mitten in der schwäbischen Kleinstadt Ludwigsburg, gelegen wie ein Mikrokosmos. Ein Ort voller kreativer Köpfe aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Ein Ort, wo Magie, ewige Geschäftigkeit und Glamour auf ehrgeizige Kreative und Egozentriker trafen, ein Ort, der Konkurrenzkampf begünstigte, um auf das spätere so harte Filmgeschäft vorzubereiten. Für die einheimischen Ludwigsburger selber wohl auch ein Ort wie ein fremder Planet mit vielen Außerirdischen fernab von jeglicher schwäbischer Normalität. Während meines Studiums habe ich sehr viel Neid, Größenwahnsinn und die verrücktesten Psychosen erlebt. Genialität und Wahnsinn liegen ja oft nah beieinander. Lektionen habe ich in Ludwigsburg sehr viele gelernt. Die wichtigste war wohl, sich für Projekte mit positiven Menschen zusammen zu schließen, mit Menschen, die eine gewinnbringende Zusammenarbeit fördern und die eigene künstlerische Vision teilen bzw. unterstützen. Einer meiner Kommilitonen meinte in meinem ersten Studienjahr zu mir, einen Film zu drehen sei wie Krieg führen. Lange Zeit ging ich mit seinen düsteren Worten schwanger, denn tatsächlich kommt man bei dem Unterfangen Filmproduktion schnell an seine Grenzen und muss für seine Vision kämpfen. Im Laufe der Jahre konnte ich die Kriegsmetapher durch ein anderes Bild für mich ersetzen. Eines, das viel besser zu mir passt: Einen Film zu drehen ist wie Ballett. Stetig im Balanceakt und im Kontakt zu seinen Mittänzern für die perfekte Choreographie.

Was war dein stolzester kreativer Moment?
Auszeichnungen machen stolz und setzen unheimliche Glücksgefühle frei. Ich bin im Quadrat gehüpft, als ich erfahren habe, das mein Diplomfilm „Weiße Ameisen“ mit dem ARD CIVIS Preis für Integration und kulturelle Vielfalt prämiert wird. Positives Feedback von Kollegen, die gerne mit mir zusammen arbeiten, erfüllt mich ebenso mit Stolz und Dankbarkeit wie beflügelte Kommentare ergriffener Theaterbesucher nach einer Darbietung als Schauspielerin. Einen einzigen Moment kann ich gar nicht hervorheben.

Mit welcher Schauspielerin oder welchem Schauspieler würdest du gerne mal drehen?
Johnny Depp. Definitiv. Sophia Loren, Juliette Binoche, Robert de Niro, Jonathan Rhys-Meyers und da gibt es noch einige andere internationale Größen, wo ich zerplatzen würde vor Freude, wenn ich mit ihnen drehen könnte. Quatsch mit Soße. Wahrscheinlich würde ich vor Ehrfurcht im Boden versinken und jemand anderes müsste meinen Job übernehmen. Auf dem nationalen Feld stehen Hannelore Elsner, Nadja Uhl, Jürgen Vogel, Matthias Schweighöfer und Benno Führmann auf meiner Wunschliste ganz oben. Hey, das wäre doch eine schöne Kombi für einen spannenden Ensemblefilm und eine internationale Co-Produktion. Jetzt fehlt nur noch das Drehbuch. Wie schaut es aus Melanie? Hast Du Lust?

Aber immer, liebe Renate! Aber lass uns das später besprechen. 😉
Du bist sehr erfolgreich und enorm produktiv. Hast du noch unerfüllte, kreative Träume?

Oh, danke für die Blumen, Melanie. Tja, einen unerfüllten Traum habe ich soeben in der vorherigen Antwort genannt, wie gesagt, fehlt nur noch das Buch. Nach meinem Regiestudium bin ich sehr schnell in die Fernsehwelt eingetaucht und habe für viele unterschiedliche Serienformate gedreht. Meinen Debüt-Langspielfilm drehen und die Goldene Palme in Cannes gewinnen, stehen noch auf meiner To-Do-Liste. Klar. Ich habe noch hunderte unerfüllte kreative Träume. Das Leben ist zu kurz, um keine Träume zu haben, und jeder tut gut daran, einige von ihnen in Erfüllung gehen zu lassen.

Da stimme ich dir vollkommen zu. Hast du eigentlich einen absoluten, ultimativen Lieblingsfilm?
Den ultimativen Lieblingsfilm gibt es nicht, aber viele, die ich mehrfach gesehen habe oder die mich sehr beeinflusst und inspiriert haben. Dazu gehören Filme von Pedro Almodóvar, Krystof Kieslowski, Emir Kusturica, Lars von Trier, Tom Tykwer und James Cameron. Einen Lieblingsregisseur habe ich nicht.

Du reist gerne. Was war dein schönster Trip?
Tatsächlich waren die schönsten und intensivsten Trips diejenigen, bei denen ich für längere Zeit und alleine unterwegs war. Wie eine Therapie. Voller Abenteuer, Freiheit und seelischer Erneuerung. Südamerika und Asien, ich kann keine Präferenz geben, dafür waren die Reisen zu unterschiedlich. In Asien habe ich tauchen gelernt, war in einem buddhistischen Kloster und habe wilde Full-Moon-Partys an den thailändischen Stränden gefeiert. In Südamerika bin ich an der chilenisch-argentinischen Grenze in den Anden auf 5000 Meter Höhe rumgekrackselt, habe an den wunderschönen Küsten Brasiliens gebadet und in den ältesten Tangosalons von Buenos Aires mein Tanzbein geschwungen.

Was fasziniert dich am Tangotanzen? Denn das ist ja eines deiner liebsten Hobbys, oder?
Ich liebe es zu tanzen, egal ob auf elektronische Beats während einer vernebelten Party oder ganz klassisch im Tanzsalon. Beim Tanzen nutze ich meinen Körper, um mich auszudrücken und bringe mein Innerstes nach außen. Tango ist der Tanz des Herzens. Ich bin völlig erfüllt, wenn ich mit einem Tanzpartner in die Symbiose zur Musik gehe. Ich bin im Flow und mein Herz lacht und weint gleichzeitig, gerührt von den harmonischen Bewegungen und Drehungen im Tanz, sich verzehrend vor Sehnsucht und Melancholie durch den virtuosen, erdigen und so archaischen Klang des Bandoneons und des leidenschaftlichen Gesangs.

(Renate hat sich gewünscht, dass ich meinen lieben Leserinnen und Lesern an dieser Stelle ein Lied präsentiere, was ich gerne tue. Anmerkung der Bloggerin)

Ich habe mich schon als junges Mädchen dem Tango verbunden gefühlt. Ich weiß auch nicht genau warum. Ich habe einen Film gesehen und war seitdem verzaubert und wollte ebenfalls Tango tanzen. Vielleicht, weil der Tango so archaisch und temperamentvoll ist, voller Leben und Kreativität. Bei diesem Tanz wird einem niemals langweilig, denn er lebt von Improvisation. Kein Tanz ist gleich. Ich tanze auch Standard, Latein und karibische Tänze wie Salsa und Bachata, aber Tango Argentino ist definitiv mein Lieblingstanz. Mir gefällt auch die Kultur des Aufforderns. In Deutschland fordern auch die Frauen auf, in Argentinien ist diese Rolle natürlich immer noch nur den Männern vorbehalten. Ich selber kann nicht so gut auffordern. Aus Angst vor einer Ablehnung bleibe ich lieber sitzen und warte, bis mich jemand auffordert. Ich kann die Jungs gut verstehen, die ebenfalls große Angst vor einem Korb haben und sich nicht trauen, aufzufordern. Bei mir gäbe es deshalb sowieso keinen Korb. Never! Der Mut muss belohnt werden. Es ist verrückt, wenn ein wildfremder Mensch dich umarmt, man also als Paar in Tanzhaltung geht und die Energien fließen, bis man sich plötzlich im Gleichklang zur Musik bewegt. Was dabei heraus kommt, ist mit jedem Tanzpartner anders. Beim Tango verbinden sich zwei Körper, zwei Herzen und zwei Seelen im Rhythmus der Musik zu einem Ganzen für die Dauer eines Liedes. Ist der Tanz gelungen, strahlen sich zwei Augenpaare an. Ganz ehrlich: Tango ist fast so schön wie Liebe machen. Ich bin sehr dankbar, dass ich mir einen meiner großen Träume, in Buenos Aires Tango zu tanzen, bereits erfüllen konnte. Vielleicht sollte ich Mal einen Tango-Film drehen. Oh ja.

Wie erholst du dich am Liebsten?
Im Bett, auf dem Tanzparkett und im Düsenjet… ab in die Ferne!

Was würdest du dir von der berühmten guten Fee wünschen?
Liebe für alle! Einen 1963 Ferrari 250 GTO und ein lebenslang gültiges Around-the-World-Ticket.

Was inspiriert dich?
Die Natur, Musik, Kunst und Menschen, die aus dem nichts etwas geschaffen haben und immer wieder neue Ideen haben, um etwas zu starten.

Hast du ein Lebensmotto?
All you need is love! Tanze, als ob dir niemand zusieht, singe, als ob dich niemand hört, und liebe, als wärst du nie verletzt worden.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: privat.

 

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Richard, 42, Freising

„I’m not there“


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Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Ein trostloser fragmentarischer Ablauf, eher einer Skizze ähnlich als dem Leben. Mein Vater war dem Alkohol nicht gerade abgeneigt. Sämtliche Verwandte und Bekannte erschienen mir merkwürdig. Eigenartige, verschrobene Gestalten, sehr konservativ. Ein immerzu herbstliches Landleben, alles immer unter Zwang. Bei uns wurden keine Bücher gelesen, der kulturelle Einfluss war nicht vorhanden. Hier wurde körperlich gearbeitet, nicht gelesen. Arbeit war überaus wichtig, eigentlich das Wichtigste überhaupt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ein Kind studieren zu lassen oder vorhandene Möglichkeiten auszuschöpfen. So war die Kindheit eine Melange aus Alpträumen und Schattengestalten, eigentlich stetigen Regentagen. Im Rückblick ein hässliches Tim-Burton-Szenario. Alles schief, vom Wind davon getragen. Nachts klopften die Gespenster an das Fenster, daran kann ich mich erinnern. Nicht symbolisch, sondern tatsächlich. Jene Gespenster aus dem Bauch.
Natürlich wollte ich diesem Leben entfliehen. Zur Anpassung neigte ich nie. Als Kind jedoch gibt es für eine Flucht nur wenige Möglichkeiten. Man setzt sich diesbezüglich auch mit dem Sterben auseinander. Dem Suizid, sozusagen. Und wenn man als Kind diesem Gedanken nahe kommt, blickt man in einen Abgrund und stellt relativ früh fest, wie lächerlich alles ist. Jeglicher Zwang. Als Jugendlicher musste ich mich in einigen Berufen versuchen. Das wollten meine Eltern so. Denn, wie gesagt, die Arbeit war das höchste Gut. Körperliche Arbeit, wohlgemerkt.
Leider verliert man dadurch eine Menge Zeit, zahlreiche Möglichkeiten. Die Wege sind vorbestimmt, und das Ausbrechen ein waghalsiges Unternehmen. Erst zu dieser Zeit fing ich an zu lesen. Mein Plan danach war eigentlich einfach: Bücher schreiben, um Zeit für das Leben zu gewinnen. Ich versuchte mich als Journalist im lokalen Bereich. Leider hat nichts davon tatsächlich funktioniert. Ein wenig später dann erlernte ich, eher aus Zufall und Hoffnungslosigkeit, den Beruf der Krankenpflege. Warum? Vermutlich weil die Arbeit am Menschen ebenso abseitig ist wie meine Träume, Leben und Sterben ganz nahe. Neue Reibungspunkte entstanden, da ich schwer, eigentlich kaum mit Hierarchien umgehen kann und will. Vielleicht reanimiere ich deshalb täglich das Kind in mir. Um die Gespenster zu vertreiben.

Du bist Autor. (Und zwar ein guter. Ich wünsche dir Ruhm und Ehre und all das.) Wann und unter welchen Umständen hast du mit dem Schreiben begonnen?
Wie schon erwähnt, begann das Schreiben eher als Befreiungsschlag. Der nicht glückte, aber dennoch einen Impuls freisetzte. Anfänglich als Imitation anderer Autoren. Es entstanden vorwiegend Kurzgeschichten. Man weiß ja, dass man in Deutschland mit Kurzgeschichten keinen Blumentopf gewinnen kann (was ich nach wie vor als äußerst merkwürdig empfinde), sie gelten als vergebene Mühe, als belanglose Fingerübung. Es zählt der Roman. Für längere Erzählungen fehlte mir später dann aber schlichtweg die Zeit. Vor allem Schichtdienst ist ja der Tod aller Kunst.
Dennoch hielt ich regelmässig Lesungen ab und schrieb Bühnen-Programme für mich selbst. Fragmentarische Szenenbilder. Meist mit Musikern, die dann die Texte untermalten. Gastierte in Buchhandlungen, auf kleinen Theater-Bühnen. Das fiel natürlich nicht sonderlich auf. Oft las ich nur für eine Handvoll Zuhörer. Wenn ich darüber nachdenke, hat sich das eigentlich nicht sonderlich geändert.

Dein Buch „Amerika Plakate“ ist bei einem kleinen, feinen Verlag erschienen und hat sehr gute Rezensionen bekommen. Worum geht es in dem Buch?
Verlust, Schuld und Erlösung. Liebe. Jene Themen, die unser Leben beeinflussen wie kaum andere. Aber auch das implizierte Thema, dass nichts vorhersehbar ist. Dass manche Wege unpassierbar sind und manche nur dunkel. Ich schätze Geschichten, die nicht klar verlaufen, die sich immer ein Geheimnis bewahren. Wir kennen immer weniger solche Erzählungen, leider. Heutzutage ist vieles glattgeschliffen, von jeglicher Nebenhandlung befreit. Eine phantastische Geschichte, magisch im besten Sinne von verrückt. Vermutlich nicht allzu einfach, aber das ist nicht sonderlich wichtig. Darf man das sagen? Vermutlich nicht, denn was nicht marktgängig ist, ist automatisch merkwürdig. Verschroben. Ich bin allerdings gern verschroben, muss ich zugeben. Schweifen wir diesbezüglich kurz ab: Schauen wir uns einmal einen Jim Jarmusch Film an. Nehmen wir Night on Earth. Ein wundervoller Film, den ich vermissen würde. Aber natürlich ein extrem verschrobener Film, nicht wahr? Aber dennoch erscheint mir dieser Film wichtiger als der Mittwochs-ARD-Abendfilm. In der Literatur jedoch erleben wir gerade jenes: Alles was merkwürdig ist, geht nicht oder bestenfalls sehr schwer. Das ängstigt mich zunehmend.

Die zugrunde liegende Kurzgeschichte mit dem gleichen Titel kann man sich – sehr schön gelesen von Katharina Wackernagel – anhören. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
An einem Winterabend sah ich mir eine Folge der wundervollen Serie „Bloch“ mit Dieter Pfaff an, Katharina Wackernagel spielt seine Tochter. Und ich fragte mich, wie es wohl sei, wenn sie „Amerika Plakate“ lesen würde. Am nächsten Tag schrieb ich ihre Agentur an. Die Kurzgeschichte gefiel Katharina auf Anhieb und so einigten wir uns relativ schnell. Letztendlich natürlich völlig absurd. Es gab weder ein Buch, geschweige denn einen Roman. Nur eine Kurzgeschichte von einem unbekannten Autor. Aber solche Dinge gefallen mir. Später dann wurde diese Aufnahme vom WDR ausgestrahlt, was mich sehr gefreut hat. Grundsätzlich hätte ich gern diese Aufnahme dem Buch beigelegt, was sich allerdings als zu kostspielig herausgestellt hat.

Was bedeutet dir das Schreiben?
Wir alle haben einen Traum. Suchen das versteckte Schlupfloch des Lebens. Um uns selbst Geschichten zu erzählen, wenn die Ostwinde zu kalt werden. Es ist tatsächlich eine schwere Frage, genau betrachtet. Warum tun wir Dinge? Was bedeuten sie? Weshalb lieben wir, weshalb hassen wir? Vermutlich tut man etwas, um Dinge zu verändern. Andere Wege gehen zu können. Mir würde das gefallen – was sich jedoch als unglaublich schwer herausstellt. Schwerer als jemals gedacht. Vermutlich schreibe ich auch, um die Gespenster der Vergangenheit in mir zu unterhalten, um sie zu besänftigen. Um dem Außenseiter in mir eine Gestalt zu geben, einen Namen. Mich zu solidarisieren mit den Verlorenen, den Zerbrochenen. Von ihnen zu erzählen. Vielleicht auch nur, um die Welt zu verstehen.

Was liest du?
Diese Frage ist relativ schwer zu beantworten, weil es lange dauern würde, sie befriedigend zu beantworten. Paul Auster schätze ich ungemein. Friedrich Ani ist meiner Meinung nach einer der besten deutschen Erzähler der Gegenwart. Seine Tabor-Süden-Romane glänzen. Ray Bradbury, Truman Capote, Harper Lee, Stephen King, Joe Hill, Neil Gaiman (zu lange unterschätzt), Friedrich Dürrenmatt, George Simenon, Richard Brautigan (völlig verkannt), Hunter S. Thompson, Charles Bukowski (unbedingt die Maro-Ausgaben kaufen!), Cornell Woolrich. Vor allem mag ich Bücher, die mich überraschen. Die ich vielleicht sogar nicht einmal beim ersten Lesen verstehe. So ging es mir bei Brautigans „Forellenfischen in Amerika“, aber dennoch liebe ich dieses Buch. Und ich liebe das Geheimnis, das darin steckt. Ich möchte nicht beiläufig unterhalten werden, denn dafür kann ich ja auch einen Fernsehkrimi ansehen. Ein Buch muss mich schlaflos machen – egal auf welche Art und Weise. „Shining“ von Stephen King gelingt das anders als Harper Lee.

Was machst du, wenn du nicht schreibst? Hast du einen day job? Was hast du gelernt oder studiert?
Momentan schreibe ich ausschließlich. Vermutlich wird das nicht mehr lange so sein, und ich werde wieder im Pflegeberuf arbeiten müssen. Denn schließlich haben wir nur ein Leben und das kann man nicht mit Warten verbringen. Vor allem braucht man ja auch ein wenig Geld. Ich arbeite gerne mit Schwerkranken, mit Sterbenden. Zuletzt habe ich auf einer Onkologie gearbeitet. Gefallen würde mir aber auch eine Tätigkeit in einer Psychiatrie. Natürlich wäre ich gerne Schriftsteller, würde damit gern ein wenig Geld verdienen. Momentan aber scheint mir dieses Unterfangen relativ aussichtlos. Folge-Publikationen sind nicht in Sicht, wenngleich auch „Amerika Plakate“ sehr positiv aufgenommen wurde. Ich hoffe immer und bete, aber der Himmel bleibt düster. Ein scheußliches Gefühl, vor allem weil ich ja nicht aus der Literatur-Branche komme. Es nicht studiert habe und deshalb auch nicht in diese Richtung arbeiten kann. Letztendlich bin ich ein Arbeiterkind, das gehofft hatte.

Gibt es noch andere Kunstformen neben der Literatur, die dich interessieren?
Meine Geschichten sind immer beeinflusst von Musik und Film. Gerade bei „Amerika Plakate“ ist das sehr deutlich zu erkennen. Ich spiele ein wenig Gitarre. Manchmal male ich, aber nicht sehr gut.

Was würdest du dir von der berühmten guten Fee wünschen?
Würde. Dass wir in Würde leben können. Und in Würde sterben dürfen.

Hast du Vorbilder? Helden?
Literarische Vorbilder sicherlich. Paul Auster und die merkwürdigen Gestalten, abseits vom Mainstream. Im Leben sicherlich Menschen wie die Geschwister Scholl. Aufrechte, unbequeme Leute.

Was inspiriert dich?
Abseitige Geschehnisse. Merkwürdige Bücher, eigenartige Filme. Tom Waits‘ Songs. Obdachlose, taumelnd auf einer Straße, die mich nach Gott fragen und ob es Jesus tatsächlich gibt. Lebensfragmente, alles unfertige. Zerbrochene Dinge inspirieren mich.

Was macht dich glücklich?
Bei Menschen zu sein, dich ich mag, schätze oder/und liebe. Glücklich macht mich auch jener zeitweise Hauch der Möglichkeit, das zu tun, was man möchte. Woran man glaubt. Einfache Dinge. Kaffee und Zigaretten. Ein guter Film. Ein gutes Buch. Charlie Parkers Musik um Mitternacht.

Hast du ein Lebensmotto?
I´m not there.

Oder ein Lieblingszitat?
No Direction Home.

Was ist der Sinn des Lebens?
Dass manchmal selbst der Präsident nackt dastehen muss. Sagt jedensfalls Bob Dylan.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Deliah Lorenz.

Marguerite, 36, Berlin

„Schokolade für alle und Weltfrieden“


MARGUERITE

 

Marguerite! Ich folge dir irre gerne auf Twitter. Zum einen, weil du einen großartigen Geschmack hast. Und zum anderen, weil das, was du zu den Themen äußerst, die mich interessieren – Bücher, Kultur, Feminismus… – immer so wunderbar klug und auf den Punkt ist. Wer oder was hat dich und dein Denken am meisten beeinflusst?
Danke für das sehr liebe Kompliment, Melanie!
Am meisten hat mich meine familiäre Umgebung beeinflusst sowie die Regale voller Bücher, die es bei uns zuhause gab. Als Französin in Süddeutschland / Stuttgart aufzuwachsen, hatte für uns viel mit Anderssein, und Doch-dabei-sein-Können zu tun. Das Anderssein manifestierte sich zum Beispiel dadurch, dass meine Eltern beide berufstätig waren und sind und beide gleichermaßen für uns Kinder zuständig und präsent waren. Diese Differenz wurde mir sehr schnell bewusst. Es hat mich auch mit Stolz erfüllt und mich in der Wahl meines Lebensweges stark geprägt. Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dementsprechend eines, was mich heute immer noch beschäftigt und anspricht.

Du arbeitest in der Buchbranche. Woran arbeitest du gerade?
Ich leite zwei digitale Imprints bei den Ullstein Buchverlagen, die wir im Sommer 2014 aus der Taufe gehoben haben.

Gibt es etwas, wofür du hier gerne und ganz schamlos ein bisschen Werbung machen würdest? Das ist die Gelegenheit!
Oh sehr gerne! Wir freuen uns bei Midnight und Forever (zu finden auf http://midnight.ullstein.de bzw. auf http://forever.ullstein.de; Anm. d. Bloggerin)  – so heißen unsere digitalen Kinder – immer über tolle Autorinnen und Autoren und über viele neue Leser! Wenn ihr also eine Geschichte geschrieben habt und auf der Suche nach einem Verlag seid, immer her damit! und wenn ihr gerne kurzweilige Lektüre für eure E-Reader sucht, seid ihr bei uns auch an der richtigen Stelle!

Was bedeuten dir Bücher?
Bücher sind für mich Zufluchtsorte und Lernstätten. Sie gehören zu meinem täglichen Leben genauso selbstverständlich wie Essen und Trinken.

Welches sind derzeit deine Lieblingsbücher?
In diesem Jahr habe ich so viele tolle Bücher gelesen, die mich lange beschäftigt haben und die ich unbedingt empfehlen möchte: Why be happy when you could be normal, von Jeanette Winterson. Die komplette Kate-Daniels-Serie von Ilona Andrews, alles von Jeaniene Frost; Der geteilte Himmel, Christa Wolf (endlich Christa Wolf gelesen, nachdem ich das großartige Gesprächsbuch ihrer Enkelin Jana Simon gelesen habe!), Americanah von Chimamanda Ngozie Adichie, My Struggle, pt. I von Karl Ove Knausgaard. Außerdem verschlungen habe ich in diesem Jahr sehr viel Courtney Milan und eine Menge Patricia Briggs.

Und deine Alltime Favourites?
Ich bin ein Riesenfan der Serie Desert Island Discs und könnte dir sofort acht Alben und sogar acht Musikstücke nennen, die meine Alltime Favourites sind und mir etwas bedeuten. Bei Büchern finde ich es absolut unmöglich. Ich schummle also mal und nenne dir drei Lieblingsbücher, die ich so oft als Lektüre empfohlen habe, dass sie bestimmt zu Lieblingsbüchern aller Zeiten wurden: The White Album, Joan Didion; Jahrestage, Uwe Johnson und La Douleur von Marguerite Duras.

Welche Kunstformen interessieren dich neben der Literatur?
Vor allem Kunst und Musik. Musik beeindruckt mich immer, weil ich es irre finde, wie Gedanken in einer Sprache ausgedrückt werden können, die ich nicht schreiben, aber dennoch verstehen kann. Mit Kunst beschäftige ich mich leider nicht mehr so oft wie früher, aber einige Kunstwerke sind, wenn ich sie wieder besuche, ein bisschen wie ein Besuch zu Hause.

Du lebst in Berlin. Was magst du an der Stadt – und was so gar nicht?
Berlin ist eine Stadt, in der es viel Platz gibt und in der wir mit unseren drei Kindern auch gut leben können. Ich bin aber auch schon so lange hier – nämlich seit 1998 – dass ich meine, die besten und wildesten Zeiten der Stadt sowieso schon miterlebt zu haben. Was mich an Berlin immer nervt ist, dass es keinen Horizont gibt, den ich aus der Stadt sehen kann. Und dass der Winter grau und dunkel ist. Das wird aber meist mit einem Wahnsinnsfrühling und -sommer wettgemacht!

Was ist das Aufregendste, was dir je passiert ist?
Als ich 2002 meinen Mann kennengelernt habe. Das war so ziemlich das Aufregendste, weil aus dieser Begegnung alles weitere Aufregende passiert ist. Er kommt aus Kanada und wir haben uns bei der Eröffnung der elften Documenta im völlig unwahrscheinlichen Kassel kennengelernt, mit 6000 Menschen um uns herum. Er war für zehn Tage in Europa, ich nur für die Eröffnung in Kassel. Ein totaler Fall von Liebe auf den ersten (wirklich, den allerallerersten!) Blick. Ob es nun Schicksal oder Zufall war, es war aufregend, und das ist es bis heute.

Hast du ein Vorbild?
Diese Frage hat mich nicht losgelassen. Ich habe Vorbilder in meinen Eltern, die ich schon erwähnt habe. Aber als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass es in Deutschland sehr wenige Vorbilder gibt für Frauen wie mich. Man liest viel über Frauen, die Babys bekommen und im Beruf bleiben oder aus dem Beruf wegbleiben. Über Frauen, die ein bisschen ältere Kinder haben, liest man gar nichts mehr, möglicherweise, weil wir dann irgendwann zu viel zu tun haben, um auch noch darüber zu sprechen? Weil wir andere Kämpfe kämpfen?
Und weil ich so wenige Vorbilder im öffentlichen Leben sehe, habe ich innerlich beschlossen, selber auch Vorbild zu sein, Rat zu geben etc. Soll heißen, ich dränge mich da nicht auf, finde es aber wichtig die Erfahrungen, die ich gemacht und aus denen ich gelernt habe, an Frauen in meinem Alter oder an Jüngere weiter zu geben und Mut zu machen, dass es Wege gibt, um sein Leben so zu gestalten wie es einem wichtig ist.
Wenn du mich nach weiblichen Idolen fragst, dann bin auch ich nicht immun gegen die POW-ness von Beyoncé, die Vorreiterin Madonna, oder der verrückten Weiblichkeit einer Stevie Nicks.

Was inspiriert dich?
Ich esse wahnsinnig gerne. Und ich meine wirklich wahnsinnig. Deswegen sind Kochen und Backen Aktivitäten, die zwar ganz alltäglich sind, die ich aber immer noch sehr gerne und mit Begeisterung mache. Kochen und Backen sind auch zwei Bereiche, in denen ich wirklich gerne inspiriert werde und für die ich mich aktiv interessiere. Meine Kochbuch- und Kochzeitschriftensammlung kann es bezeugen!

Wenn du für einen Tag die Welt beherrschen dürftest, was würdest du anordnen?
Schokolade für alle und Weltfrieden. Beides vereint dann hier: http://www.splendidtable.org/recipes/world-peace-cookies

 

Das Interview führte Melanie Raabe. 

Foto: privat.

Sophie, 25, Lübeck

„Offen, ehrlich und menschlich durch die Welt gehen“



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Sophie! Was antwortest du, wenn dich ein Fremder auf einer Party fragt, „was du so machst“?
Meistens sage ich zunächst, dass ich Buchhändlerin („Das kann man lernen?“) bin, das klingt irgendwie halbwegs bodenständig. Wenn da ein Schimmer Interesse erkennbar wird, sage ich auch mal, dass ich einen Literaturblog betreibe, oft genug können die Gesprächspartner damit aber wenig anfangen und fragen auch nicht weiter. Irgendwas jedenfalls habe ich mit Literatur zu tun, das reicht den meisten.

Du lebst in Lübeck. Was magst du an der Stadt – und was so gar nicht?
Lübeck hat eine sehr schöne Altstadt, wenn auch mittlerweile durch den einen oder anderen Erlebnis-Shopping-Glasklotz verschandelt. Es lohnt eine Reise, wenn man nicht schon einmal dort war. Insgesamt gibt es mir hier aber bedeutend zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten im kulturellen bzw. literarischen Bereich. Auch wenn die Stadt sich als Wiege der Manns und Günter Grass vielfach sehr offen präsentiert, sind die Lübecker insgesamt doch wenig experimentierfreudig. Für viele Veranstaltungen fahre ich nach Hamburg, weil es sie in der Form in Lübeck einfach nicht gibt. Und in Lübeck abends wegzugehen, bringt einen – so ohne Führerschein – eigentlich stetig in Konflikt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Was das betrifft ist es doch eher eine süße Kleinstadt. Da werden halt früh die Bürgersteige hochgeklappt – und ich bin nun wahrlich kein Nachtmensch!

Wo kommst du ursprünglich her?
Geboren bin ich in Magdeburg, für mich noch immer eine der hässlichsten und unsympathischsten Städte, die ich jemals gesehen habe. Mit dem Umzug 2001 habe ich mich also in ästhetischer Hinsicht deutlich verbessert. Ich würde niemals nach Magdeburg zurückkehren, auch nicht für Geld und gute Worte.

Wie warst du als Kind?
Seltsam. Außenseiter. Niemals so richtig beliebt, aber auch nie so unbeliebt, dass es mich oder ich die anderen gestört hätte. Als Einzelkind war ich viel mit mir allein. Hing über Büchern. Wenn ich das jetzt so lese: Ich war ein richtiges Klischeekind, was Komischsein betrifft, bloß dass es dafür früher noch keinen hippen Begriff gab.

Und als Jugendliche?
Ein Alptraum; ich bin auch ganz froh, dass ich nicht meine eigene Mutter sein musste, ich würde wohl auf entbehrungsreiche und stressige Jahre zurückblicken. Ich war jetzt nicht unbedingt Rebell, aber doch sehr schwierig, für mich selbst und mein Umfeld aber gleichermaßen – so hat sich das vielleicht ein bisschen ausgeglichen.

Ich kenne dich vor allem als leidenschaftliche Literatur-Bloggerin. Was hat deine Liebe zur Literatur entfacht?
Eine Frage, die ich immer schwer beantworten kann, weil ich mich an keine Zeit erinnere, in der Bücher nicht elementarer Bestandteil meines Alltags waren. Ich habe als Kind – und da konnte ich noch nicht lesen – sogar ein Buch derart geliebt, dass ich es auswendig konnte. Wort für Wort. Ich schätze, es ist mir einfach einerseits vorgelebt worden, andererseits womöglich auch ein Stück vererbt. Mein Vater, zu dem ich allerdings nie Kontakt hatte, ist studierter Kultur– und Literaturwissenschaftler, womöglich ist irgendwas davon in mir verwirklicht.

Was bedeuten dir Bücher?
Sehr viel, weil sie in dem, was sie bieten, so vielseitig sind. Sie können mich gut unterhalten, sie können meinen Horizont erweitern, sie können mich ganz profan – deshalb aber nicht minder bedeutsam – etwas lehren, sie können mich meinen Alltag und mein Leben vergessen lassen. Und ich finde es schön, dass ich mich nicht auf eine dieser „Funktionen“ von Literatur beschränken muss. Damit täte ich den Büchern ja Unrecht. Was auch der Grund dafür ist, dass ich so manchen Literatursnobismus eher anstrengend finde. So Leute, die einen Unterhaltungsroman bloß mit der Kneifzange anfassen oder ein schwierigeres Buch nach drei Seiten zuklappen, weil es ihnen zu anstrengend ist. Ich finde es zwar manchmal nervtötend, größtenteils aber großartig, dass mir die Bücher niemals ausgehen werden, solange ich lebe. Weil es noch so viel gibt, was ich wissen möchte.



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Du sagst, dass du insbesondere das Abgründige und Abseitige in der Literatur magst. Welche Bücher oder Autoren fallen dir dazu spontan ein?
Im ersten Moment überraschenderweise Klassiker wie ,Dr. Jekyll & Mr.Hyde‘, oder ,Frankenstein‘, die ja trotz ihres etwas fantastischen Ansatzes sehr weltliche Entwicklungen thematisieren – ich schätze es aber auch in Gegenwartsliteratur, wenn sie sich Themen widmet, die sonst in Gesprächen aufgrund ihres unangenehmen Beigeschmacks eher schnell unter den Teppich gekehrt werden. Psychische Erkrankungen, Armut, Vereinsamung, Gewalt, Verfall – sowas zieht mich oft magisch an. Nicht nur in der Literatur. Nicht umsonst bin ich ein sehr großer Hitchcockfan. Mich interessiert, wie Menschen funktionieren bzw. was geschieht, wenn sie nicht mehr funktionieren.

Welches sind deine Lieblingsbücher – und warum?
Eines meiner Lieblingsbücher ist und bleibt seit Jahren „Vincent“ von Joey Goebel, weil ich diesen leicht zynischen Blick auf Unterhaltungsindustrie und Künstlerdasein sehr gelungen fand. Was macht mich zum Künstler? Ist es mein Leid? Wenn ja, muss ich jetzt mein ganzes Leben lang leiden? Zum Thema Leid auch einer meiner Dauerbrenner: „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick. Trotzdem es schon so alt ist ein fantastisches Buch darüber, wie man sich selbst so richtig unglücklich machen kann. Oftmals ohne es zu bemerken, nur mit unseren Annahmen über die Welt, die Menschen in ihr und uns selbst. Wenn man dieses Buch liest, lacht man drüber, bemerkt aber an vielen Stellen Parallelen zu eigenen Unarten. Ich bin außerdem – ohne da jetzt ein Buch gesondert rausgreifen zu können – eine große Verehrerin Max Goldts. In Gänze. Sogar so sehr, dass ich zwei T-Shirts aus dem Rumpfkluft-Shop von Katz & Goldt habe. (http://www.katzundgoldt.de/rumpfkluft.htm)
Und ich verehre Sherlock Holmes. Und zwar nicht den coolen Zeitgemäßen.

Mit welchem Autor würdest du gerne mal ein Glas Wein trinken?
Saša Stanišić. Ein ungeheuer sympathischer Typ – und „Vor dem Fest“ habe ich geliebt.

Du betreibst nicht nur das Literatur-Blog „Literaturen“, sondern bist auch Teil von „We read Indie“, eines Zusammenschlusses von Bloggern, der auf Literatur aus unabhängigen Verlagen aufmerksam macht. Warum ist dir das wichtig?
Weil Literatur vielseitig ist und sich kleine Verlage oftmals einen größeren experimentellen Spielraum erlauben. Da geht es nicht ausschließlich um Verkäuflichkeit und Marktkonformität, um die Wiederholung des ewig Gleichen (nach dem Hundertjährigen brachen ja reihenweise irgendwelche skurrilen Gestalten irgendwo aus, gingen auf Reisen und alles mit gewollt verschnörkeltem Titel), da werden Dinge ausprobiert, da werden Dinge riskiert. Und damit die Literaturlandschaft nicht irgendwann so gleichförmig aussieht wie unsere Innenstädte .. ist es mir wichtig, kleinere, unabhängige Verlage und ihre Publikationen sichtbar(er) zu machen.



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Welche Kunstformen interessieren dich neben der Literatur?

Vornehmlich Film und Musik. Bei Filmen bin ich allerdings seltsam, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Kino war. Und mein Interesse an aktuellen Blockbustern hält sich auch irgendwie in Grenzen. Ich liebe diese richtig alten Klassiker, Screwballkomödien wie „Leoparden küsst man nicht“ oder Großartigkeiten wie „Die zwölf Geschworenen“. Was Musik anbelangt, so liebe ich Liedermacher und Chansoniers. Deshalb schreibe ich für „Ein Achtel Lorbeerblatt“ (http://einachtellorbeerblatt.wordpress.com/) und bin seit kurzem Jurymitglied der Liederbestenliste. Man findet mich also höchstwahrscheinlich auf Konzerten von Bodo Wartke und Sebastian Krämer … oder bei einem Weißwein mit Musik von den Beatles, Bob Dylan oder Johnny Cash.

Was ist das Aufregendste, was dir je passiert ist?

Ich fand es sehr aufregend, als ich dieses Jahr Bodo Wartke persönlich von Angesicht zu Angesicht interviewen durfte, aber ob das das Aufregendste war, was mir je passiert ist .. – ich glaub nicht. Da ich generell ein irgendwie eher nervöser Mensch bin, ist für mich vieles aufregender als für andere.

Hast du ein Vorbild?

Vorbild nicht, aber Menschen, die ich für ihr Tun und Lassen sehr bewundere. Oben genannte Musiker und solche wie z.B. Georg Kreisler. Generell sind mir aber Menschen Vorbilder, die offen, ehrlich und menschlich durch die Welt gehen. Idealisten. Leute mit Profil und Ideen.

Hast du ein Lebensmotto?

Nein. Ich hab auch nie gute Vorsätze an Silvester.

Was inspiriert dich?

Kunst, Kultur, Menschen und das Atmen so an und für sich.

Welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine richtig gute Antwort darauf gehabt hättest?

Ich bin fraglos glücklich!



Sophies Blog findet sich hier: http://literatourismus.net/

Das Interview führte Melanie Raabe.

Pasquale Virginie, 36, Berlin

„It’s O.K. You can breathe. The change happens by itself.“


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Liebe Pasquale! Was machst du beruflich?
Gerade habe ich eine Entscheidung hinter mir: Ich habe entschieden, nach zwei intensiven Jahren Ausbildung zur Praktikerin der Grinberg-Methode mit eben dieser zu pausieren. Ich liebe Entscheidungen! Diese hier gibt mir gerade viel neuen Freiraum nachzufühlen, was ich eigentlich noch so liebe im Leben, außer Menschen zu berühren! Oder anders: mich wieder darauf zu besinnen, wie ich Menschen – außer mit meinen Händen – noch berühren kann, um sie dabei zu unterstützen, ihr Leben zu verändern. Seit 2008 bin ich als Beraterin und Trainerin der politischen Bildungsarbeit tätig, freiberuflich und im gesamten Bundesgebiet. Ich werde von Migrant_innenselbstorganisationen, Universitäten, Stiftungen und politischen Initiativen angefragt, Trainings und Workshops zu den Themen machtkritische Diversity, Empowerment für Menschen mit Rassismuserfahrung und Antidiskriminierung zu geben. Manchmal moderiere ich auch Veranstaltungen und Fachgespräche oder werde für Mediationen angefragt, in denen die Konfliktparteien sich eine rassismus-sensible Begleitung wünschen. In all diesen Bereichen versuche ich, Lernprozesse so ganzheitlich wie möglich zu gestalten. Also methodisch so zu arbeiten, dass der Körper ein selbstverständlicher Teil von Lern- und Transformationsprozessen ist. Denn Diskriminierungformen wie Rassismus oder Sexismus machen sich ja am Körper fest! Gesellschaftliche Vielfalt und daran gekoppelte Diskriminierungerfahrungen sind im Körper eingeschrieben, geschaffene Machtgefälle, konstruierte Unterschiede und Gewalt werden körperlich performiert. Da erscheint es mir absurd, individuelle und gesellschaftliche Transformation ausschließlich mit intellektuellen Analysen, kopflastiger Reflexion und vielen schlauen Worten erreichen zu wollen. Und dann: Ich schreibe. Ja, ich liebe das Schreiben, und ich will mehr davon in meinem Leben haben.

Wo und wie bist du aufgewachsen? Hattest du eine glückliche Kindheit?
„Eine glückliche Kindheit“? Das klingt in meinen Ohren fast schon kitschig. Nun, ich habe viele einzelne Erinnerungen an schöne Momente in meiner Kindheit. Der Rest verschwimmt. Prägend war, dass ich alleine mit einer schwer depressiven Mutter aufgewachsen bin. Also mit einem Menschen, der zwar nicht suizidgefährdet war, jedoch meistens mit der Intensität des Lebens überfordert war. Daher kommt es wahrscheinlich, dass ich mich im Laufe des Aufwachsens immer wieder bewusst für das Leben entschieden habe und es auch heute immer wieder muss! Das Wien der 80er und 90er Jahre war – naja – von beschaulich, idyllisch über geleckt, verstaubt bis morbid und rassistisch.

Wie warst du als Teenager?
Die längste Zeit ein „Fliegengewicht“ das „von Liebe und frischer Luft“ lebt, mit „Bienenstichen statt Brüsten“ – wurde mir öfter mal gesagt. In Wirklichkeit war ich als Teenager im Wesentlichen damit beschäftigt, mich von meiner Mutter abzugrenzen, fröhlich zu sein, auch wenn ich es gar nicht war, zwischendurch von zu Hause abzuhauen, unglücklich verliebt zu sein, mit meiner besten Freundin eng umschlungen in der Klasse zu sitzen, unglaublich viel Gummizeugs zu essen, auf den Flohmärkten die schicksten Teile aus den Klamottenhaufen zu fischen  – und solche Dinge halt. Irgendwann wollte ich Gogo-Tänzerin werden, weil ich in den Gogo-Tänzer vom Club P1 in Wien verknallt war. Doch Vater – den ich mit 13 kennengelernt hatte – ist ausgerastet und hat es mir verboten. Und weil ich so froh war, dass mein Vater überhaupt – auch wenn mit Verboten – irgendwie in Erscheinung trat, hab ich es gelassen.

 

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Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Ich schlafe gerne lang. Das heißt, wenn ich nicht gerade um 8 Uhr einen Zug nach München oder Köln nehmen muss, geht vor 9 bei mir gar nichts. Meine Woche ist in der Regel strukturiert durch ausgedehnte Rumdaddelphasen, die ich oft mit „Freizeit“ verwechsle und im Internet verbringe, und Arbeitsphasen, in denen ich irgendeiner Frist hinterherjage um eine Zusage zu erfüllen, die ich irgendwann mal gemacht habe. Oder ich schreibe Mails, in denen es darum geht, wann ich die gemachte Zusage erfüllen kann. Oder To-Do-Listen mit Namen, wen ich alles an- oder zurückrufen muss. In den Rumdaddelphasen gehe ich auch mit Freundinnen oder Freunden im Kiez Mittagessen, ’ne Runde um den Block und Café trinken. Dann habe ich mehrmals in der Woche Skype- oder Face-to-face-Besprechungen, in denen ich mich mit meinen diversen Kolleginnen und Kollegen kurzschließe, wir Anfragen, Trainingskonzepte oder Organisatorisches besprechen. Am Abend bin ich entweder mit Freundinnen und Freunden oder meinem Partner unterwegs oder genieße es sehr, gerade nicht unterwegs zu sein und alleine zu sein. Und irgendwann ab 23 Uhr schlagen die Fristen in meinem Kopf Alarm, ich werde produktiv, haue in die Tasten, habe die besten Ideen, bin fürchterlich inspiriert und denke intensiv darüber nach, dass und wie ich am nächsten Tag mein Leben ändern werde. Donnerstag oder Freitag geht es dann los nach Bremen, Stuttgart, München, Köln oder wo auch immer das Training stattfindet, am Sonntagabend oder am Montag geht es zurück nach Berlin, und ich versuche, einen Tag frei zu nehmen, was dann meisten rumdaddeln heißt. In den letzten zwei Jahren war ich in der Ausbildung zur Grinberg-Praktikerin, das ist eine Methode der Körperarbeit. Da waren meine Tage durch Einzelsitzungen mit Klientinnen und Klienten strukturiert, jeweils einen ganzen Vormittag oder Nachmittag, das hat mir echt gut getan. Doch ich habe vor Kurzem entschieden mit der Ausbildung zu pausieren, also wird sich mein Arbeitsalltag jetzt wohl wieder neu strukturieren.


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Was liebst du an deinem Job? Und gibt es auch etwas, das dich frustriert?
Ich liebe es, Menschen zu berühren. Ich liebe es, dass ich, so wie ich bin, Räume schaffen und begleiten kann, in denen Menschen Neues über sich und die Welt erfahren, in denen sie es wagen, sich zu zeigen und Lust bekommen, sich von in Körper und Geist gespeichertem rassistischen Wissen zu befreien. Ich liebe es, mitbekommen zu dürfen, wie sich Menschen, Gedanken, Ideen, Sichtweisen, Erfahrungen etc. transformieren, wie Menschen „werden“ wenn sie sich dafür öffnen, etwas Neues zu denken, zu erleben und zu fühlen. Was mich in den letzten Jahren eher frustriert hat, ist das Gefühl, meinen Freundinnen und Freunden in Berlin nicht meine Wertschätzung zeigen zu können, weil ich einfach so viel unterwegs bin. Ich habe das Gefühl, nicht wirklich für sie da sein zu können. Da ich überwiegend am Wochenende Trainings habe, verpasse ich die meisten Geburtstage, Ausstellungseröffnungen, Lesungen, Parties und sonstige Aktivitäten. Doch vielleicht irre ich mich. Ich könnte ja mal meine Freundinnen und Freunde fragen, ob sie das auch so erleben. Und das Reisen strengt mich auch an, das soll anders werden. Es geht also eher um die Rahmenbedingungen meines Jobs, inhaltlich und atmosphärisch erlebe ich meine Arbeit als das Gegenteil von Frust.

Hast du Vorbilder?

Alle Menschen, die tiefe Widersprüche in sich tragen und schwere Krisen überleben. Meine Mutter mit ihrer Todessehnsucht und ihrer Lebendigkeit. Mein Vater mit seinen Träumen und seinen Misserfolgen. Menschen, die sich treu bleiben und es dennoch – oder genau deshalb? – wagen, heute „hü“ und morgen „hott“ zu sagen. Einfach weil sie eine neue Entscheidung für sich als richtig erkannt haben. Menschen, die andere Menschen berühren – wie meine ehemaligen Grinberg-Lehrerinnen Nadine Débetaz oder Vered Menasse. Menschen die kämpfen – wie viele Schwarze politische Aktivist_innen und Aktivist_innen of Color – und Menschen, die Liebe schenken und Frieden stiften – wie die kürzlich verstorbene Fotografin Nzitu Mawhaka. Menschen die sagen „I don’t give a fuck“ und etwas erschaffen.

Was machst du am Liebsten, wenn du nicht arbeitest?
Schreiben, lesen und schmusen.

Hast du ein Lieblingsbuch?
Uff, wo anfangen? Gut, ganz pragmatisch beantwortet: vor Kurzem habe ich „Winifred Wagner: oder Hilters Bayreuth“ von Brigitte Hamann zu Ende gelesen. Der 600 Seiten lange Wälzer hat mich ganz schön in seinen Bann gezogen. Ein Detail: die erste Schwarze Sängerin, die auf dem Festspielhügel sang, war 1961 die Sopranistin Grace Bumbry! Sie sang die Venus im Tannhäuser (ich glaub‘, nachher hätte sie gut ein Empowerment-Coaching brauchen können), und das Engagement führte immerhin zu ihrem internationalen Durchbruch. In diesem Jahr liebe ich es, in die Lebens- und Schaffensgeschichten von realen Menschen aus der Vergangenheit einzutauchen. Ich habe den Eindruck, dann die Vergangenheit besser zu verstehen, somit auch die Gegenwart und letzten Endes auch mich. In diesem Jahr waren das unter anderem die Geschichten von Delia Zamudio Palacio, einer Schwarzen Feministin und Gewerkschafterin in Peru, von der fast vergessenen Tänzerin des Berlins der 20er Jahre, Anita Berber, der wichtigsten deutschen Solistin des Modernen Tanzes, Dore Hoyer, oder Albert Speers Sicht der Dinge in seinen „Erinnerungen“. Oh und generell alles von Wolf Haas.

 

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Hast du einen Lieblingsfilm?
Das kann ich gar nicht sagen. Obwohl, „West Side Story“ von 1961 und „A Chorus Line“ von 1985 sind schon ziemlich schick. Doch ich kann dir sagen, welche zwei Filme mich richtig kalt erwischt haben. Also tagelang begleitet haben. Das war einmal „I am Love“ mit der wunderbaren Tilda Swinton (wenn du mich fragen würdest: „Wenn Du für einen Tag wie jemand anderer aussehen könntest, wer wäre das?“, es wäre Tilda Swinton). Ich war zerstört nach dem Film. Und dann „Into the Wild“. Der war auch krass. Generell geht es mir so, dass ich mir sowohl Bücher als auch Filme und Musik nur gefühlsmäßig merke. Also nicht korrekt oder komplett, sondern in Bruchstücken. Abhängig davon, was mich berührt. Und diese beiden Geschichten, die Entscheidungen, die die Protagonistinnen und Protagonisten treffen und die Konsequenzen, die daraus folgen, sind mir wirklich durch Mark und Bein gegangen. In beiden Geschichten entscheiden sich Menschen für die Freiheit – oder das was sich für sie danach anfühlt – und ernten den Tod. Brrrr.

Welche Musik läuft bei dir rauf und runter?
„Rauf und runter“ ist gut gefragt, denn tatsächlich höre ich Musik so. Ich habe erst in den letzten Jahren gelernt, Musik ausgiebig und wirklich bewusst zu hören, also mich tief davon berühren zu lassen. Wenn sie mir gerade gut tut, kann die schon mal stundenlang auf Repeat laufen. Im Moment zum Beispiel läuft seit Stunden die Kora-Musik von Toumani Diabaté, abwechselnd mit einem Mix von Chefket. Lauryn Hills Unplugged-Album schickt mich immer an einen guten Ort. Und der letzte Song „The Conquering Lion“ bläst mich jedes Mal weg: „The conquering lion, Shall break every chain, The conquering lion, Shall break every chain, Give him the victory, Again and again and again and again, Give him the victory, Ohh.“ Ansonsten Edith Piaf oder Letta Mbulu oder Ahmet Aslan oder die geniale Tsegué-Maryam Guébrou oder Lizz Wright oder Fetsum oder Gonzales oder oder oder.

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast im Leben?
„Stop worrying.“

Was ist das Interessanteste, was dir jemals passiert ist?
Dass das das Erste war, was meine Grinberg-Lehrerin zu mir gesagt hat. Und die Faszination darüber, was echte Aufmerksamkeit in der Lage ist, zu bewirken. Deine Wahrnehmung erweitert sich auf eine Weise, die nahezu magisch ist.

Welches ist dein liebstes Zitat?
Ich hab‘ mal einen Urban Aufkleber entdeckt mit den Worten: „It’s O.K. You can breathe. The change happens by itself.“ Ich liebe es.

Was inspiriert dich?
Menschen und ihre Taten. Der Mond. Mein Körper. Tanz.

Was macht dich glücklich?
Wenn ich mich so sehr berühren lasse, dass mein Herz einen kleinen Sprung macht oder kurz aussetzt und mein Körper von ganz alleine einen besonders tiefen Atemzug nimmt, um die Realität dieses Moments voll aufzunehmen. Zuletzt bekam ich eine lange Mail eines Vaters Schwarzer Kinder, in dem er sich für einen Text von mir bedankt hat. Ja, es macht mich glücklich, wenn ich Menschen inspirieren kann. So wie ich von Menschen inspiriert werde. Das ist ein großes Geschenk.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Mehr von Pasquale Virginie gibt es hier: http://empowering-diversity.tumblr.com/

 

 
 

Jörn, 31, Lübeck/Ingolstadt

„Offene Augen, Ohren, Herz.“


Copyright: Olaf Malzahn

Lieber Jörn! Was ist das Interessanteste, was dir je passiert ist?
Momentan, dass ich genau diese Frage neulich jemandem gestellt habe. In Ermangelung auf der Hand liegenderer Themen in einem stockenden Gespräch. Und als Antwort bekam ich eine tolle Geschichten über Seekrankheit auf dem Polarmeer zu hören. Ich selber habe aber folgende Geschichte erzählt: Freundinnen von mir haben zufällig einen Typen in seinem Garten aufgestört, der meinte „Och nee, jetzt habt ihr mich beim meditieren gestört“ Er hat sie dann aber eingeladen irgendwann nochmal wiederzukommen. Das haben die auch gemacht und mich und ein paar Sixpacks mitgenommen. Wir saßen dann also einen Abend im Wohnzimmer dieses Menschen. Exakt die Sorte vor denen meine Mutter mich immer gewarnt hat. Ernsthafte Drogenvergangenheit, esoterische Wolfsbilder an der Wand, alles ein bisschen runtergekommen. Aber plötzlich sitzt dir ein wildfremder Mensch, dem du sonst nur an Flaschenrückgabeautomaten begegnen würdest, gegenüber und erzählt Dir, was er denkt, was er erlebt habt, fühlt und so weiter. Das war sehr überraschend und prägend. Und definitiv genauso interessant wie der Abend als ich mit Günter Grass Rotwein getrunken habe. Aber das ist eine andere Geschichte…

Du kommst vom Land – genauer gesagt aus dem Oberbergischen. Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
„Da wo ich herkomm / stehn die Kühe auf den Wiesen / und seh´n aus wie / Götter aus grünem Gras / Hier sind die Eier frisch / und man kennt die Namen / der Tiere die man ist / Chorus: Das ist da, das ist da wo ich herkomm / das ist da wo ich herkommm … / Da wo ich herkomm / tragen Jungen Karohemden / trinken gerne Bier/ haben ordentliches Haar/ Die Mädchen machen gern eine Ausbildung / und sehen zuviel fern / das ist da…
(Bridge:) Nicht so viele Kneipen /aber jeden Menge Spaß / Fußballverein und Grillfleisch / barfuß durch das Gras / Repeat Chorus …“

Also so hab ich das jedenfalls 2000 beschrieben und da steckte ich ja noch mittendrin.
Mir war relativ früh klar ,dass ich das, was ich in meinem Leben machen wollte, dort nicht würde umsetzen können. Und das entspannt ungemein. Jedesmal wenn ich jetzt da bin freu ich mich über Freunde und Verwandte, die noch da sind (und entspannt sind), genieße die vielen Hügel und Bäume und reg mich auf, weil immer mehr zugebaut wird und die Bäcker, die diese großartigen Teilchen gemacht haben, alle zumachen. Dafür kommen da jetzt Billo-Vintage-Schreiner rein. Und die Kuhställe werden alle zu Wohnungen umgebaut. Überhaupt ein unterschätztes Thema: Gentrifizierung im ländlichen Raum.

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Du hast schon als Kind auf der Bühne gestanden, du hast Schauspiel studiert, du warst am Stadttheater und du warst freier Schauspieler, du führst Regie, du hast in Spanien Theaterseminare gegeben, warst kürzlich auf einem Theaterfestival in Serbien und kommst auch so ziemlich rum. Was ist deine schönste, lustigste oder schrägste Anekdote aus der wunderbaren, wunderbaren, sexy Welt des Theaters?
Oh mein Gott. Theateranekdoten. Das ist für außenstehende meist gar nicht so lustig. (Haben mir schon einige Freunde nach Partys erzählt). Aber ich mochte es sehr, bei den Bayerischen Theatertagen 2006 in Bamberg mit einem ziemlich postdramatischen Stück eingeladen gewesen zu sein und von einem Zuschauer zu hören „Ich han sowas noch nie net gsehe aber desch war großartig.“

Copyright: Olaf Malzahn



Wie bist du zum Theater gekommen?
Auf dem Land. Da wird Vereinsleben ja noch großgeschrieben und ist auch ratsam, weil man als junger Mensch seine Energie irgendwie kanalisieren lernen will und soll. Mein sportlicher Ehrgeiz war eher begrenzt, auf Chöre hatte ich keine Lust und meine Begeisterung für christliche Jugendarbeit reichte nicht über die Rezeption hinaus. Zum Glück gab es eine offene und ehrgeizige Theatergruppe. Gegründet von Enthusiasten und dann von einem altgedienten Theatertier durchorganisiert. Da hab ich mich ab zwölf engagiert, Blut geleckt, ausprobiert. Ich hab da später dankenswerterweise viel Freiraum zum Ausprobieren bekommen.

Auf welches deiner vielen Projekte bist du besonders stolz?
Auf alle wo man nach neugierigen Probenwochen mit Stolz auf das Ergebnis blickt und sagt: So cool hatte ich es mir gar nicht vorgestellt. Ein paar Sachen aus meiner Landtheatervergangenheit gehören da rein, definitiv meine Lübecker Jugendclubs und natürlich meine Lesereihe „Prima Vista Social Club“, bei der ich einfach in Kneipen und an anderen tollen Or ten sitze, Texte vorlese und mit Menschen ins Gespräch komme. Die Resonanz auf diese simple Schnapsidee war so positiv, wie ich das selten erlebt habe und mit der Reihe auch nach zweieinhalb jahren gerne unterwegs bin.

Was ist das Coolste, das du je auf einer Bühne tun durftest?
Das Tolle ist ja, dass man relativ viele Sachen auf der Bühne macht, zu denen man sonst nicht ohne Strafanzeige kommt. Singen, tanzen, schießen, fechten, klettern, schreien. Das macht einen privat sehr entspannt (warum so viele Schauspieler so hysterisch sind, weiß ich auch nicht.) Viele Leute sprechen mich auch nach sechs Jahren immer noch auf „Werther“ an. So sehr man über das Mittel streiten kann: Vor einem Publikum mit 600 OberstufenschülerInnen komplett nackt eine drei Meter-Wand hochklettern war sowohl für die wie für mich ein spannendes Erlebnis.

Und was ist das Blödeste, das du je auf einer Bühne tun musstest?
Wenn man blöde Sachen auf der Bühne macht ohne dem Regisseur zu widersprechen, ist man selber Schuld und mault nachher nicht rum.

Welches ist dein größter, noch unerfüllter kreativer Traum?
Die perfekte Wohnung mit dem richtigen Menschen gemütlich machen.
Und natürlich ne Menge Zeug, das aber an der Finanzierung, eigenem Unvermögen und Ehrgeizlosigkeit scheitert. (Sorry, Hollywood und Frankfurter Buchmesse.)

Lass uns über Musik reden. Immerhin sind deine Compilations, die du an gute Freunde verteilst, fast schon legendär. Welches sind deine Lieblingssongs derzeit?
Vielen Dank für die Blumen. Musik zu teilen ist ja ne schöne Art, was über eigene Gefühle zu erzählen. Ich steh auf alles was raffiniert und überraschend ist und wühl gern in der Musik- und Popgeschichte. Momentan ist es Februar 2014. Ich hab ne Menge um die Ohren. Deshalb brauch ich Happy Music zum Zweitwohnsitz schönmachen und Hüften wackeln. Perfekt ist „Jeepster“ von T.Rex (gewinnt nach dem zehnten Hören). Die letzte CD (!) die ich mir dank der EbayGrabbeltischGlobalisierung aus Jersey bestellt habe: „Resident Alien“ von Spacehog. Eine zu unrecht vergessene Perle des 90er-Pops.

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Welches sind deine Lieblingsfilme?
Velvet Goldmine, Rumba, Labyrinth, Smoke, Stardust – das sind die, die ich alle anderthalb Jahre sehen muss. Ja, ich liebe witzigen Kitsch.

Mit welcher Person – egal ob realistisch oder unrealistisch, lebendig oder tot – würdest du gerne mal Tee trinken?
Das ist so ne Einsame-Insel-Frage… Da kann man nur verlieren. Im Moment aber mit meiner Freundin. Wir haben grad ne berufsbedingte Fernbeziehung und da zieh ich sie dem Dalai Lama definitiv vor.

Du bist einer der kreativsten Menschen, die ich kenne. Was inspiriert dich?
Offene Augen, Ohren, Herz.

Was macht dich glücklich?
Liebe Menschen in angenehmer Umgebung und dazu vielleicht noch ein frisch gezapftes Bier – reicht schon.

Hast du ein Lebensmotto?
Nicht mehr.

Hast du Vorbilder?
Leute, die mit Mut und Sorgfalt ihr Ding machen und dran bleiben.

Was ist der Sinn des Lebens?
Rumwuseln. (Hab ich zumindest auch 2000 so aufgeschrieben und je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass ich recht hatte.)


Jörn live gibt’s beim Prima Vista Social Club:

Mi, 26.03.2014, 20h – Diagonal, Kreuzstraße 12, Ingolstadt

Sa 26.4. , 20h – Feuerwerk, Hansestraße 24, Lübeck

So 18.5., 19.30h – Tonfink, Große Burgstraße 46, Lübeck

und Sa 21.6., 20h – „Mein schönstes Ferienerlebnis“ – Diary Slam – Theater Lübeck, Studio


Das Interview führte Melanie Raabe. 

Foto 1 und Foto 3 (von oben nach unten): Olaf Malzahn, http://olafmalzahn.de/

Foto 2 und Foto 4 (von oben nach unten): Thorsten Wulff, http://www.thorstenwulff.com/