Getagged: Melancholie

Renate, 38, Gummersbach

„All you need is love!“



Renate


Renate! Ich habe das Gefühl, dass es kaum einen optimistischeren, ausgeglicheneren Menschen als dich gibt. Wie zum Teufel machst du das?
Danke. Vermutlich hat meine Mutter zu dieser Entwicklung einen großen Teil beigetragen. Sie war schwer krank und starb früh. Sie hat an mich geglaubt und mich unterstützt, wo sie konnte. Sie hat mich oft zum Lachen gebracht. Ich war als Kind und Jugendliche bereits Pflegeperson meiner Mama. Ich habe sie gefüttert, sie an- und ausgezogen, sie gewaschen, den Popo abgewischt … das volle Programm. Durch ihre schwere Krankheit wurde mir jeden Tag vor Augen geführt, wie glücklich ich mich schätzen darf, gesund und unabhängig zu sein.
Ich habe zahlreiche Interessen, einen vollen Terminkalender und liebe es, Neues kennen zu lernen. Das macht mich zu einem recht ausgeglichenen und optimistischen Menschen. Aber du kennst meine düstere melancholische Seite noch nicht. Ich kann unheimlich gut leiden. Mit der entsprechenden Musik geht das noch besser. Dann schwelge ich in Melancholie und gebe mich aussichtslosen und sehnsuchtsvollen Gedanken hin. Das macht bis zu einem gewissen Grad sogar Spaß! Und wenn dann das Unwiderrufliche und noch Unerreichte in meiner Gedankenwelt durch genügend Tränen aus meinem Bewusstsein gespült wurde, widme ich mich wieder dem Sanguiniker in mir und den großartigen Möglichkeiten und Menschen um mich herum. Die melancholische Seite findet natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, ohne Publikum, meist in den sonnenarmen Monaten oder beim Tango. Da kann ich die schwerfälligen Gefühle zu passender Musik einfach wegtanzen. Aber danke für das Kompliment, welches ich an dieser Stelle gerne an dich zurückgebe. Du gehörst zweifelsohne zu den optimistischsten Menschen, die ich kenne und zu den Menschen, die überall das Gute sehen, und das finde ich inspirierend und erstrebenswert. Energy flows where attention goes! Ich versuche meinen Blick auf das Schöne und Gute zu richten und auf den Weg nach vorne. Es gibt keinen Weg zurück und der Weg, der vor uns liegt, hält noch so manches Abenteuer parat. Jeden Tag. Ist das nicht der Wahnsinn? Sich Wünsche zu erfüllen, dankbar zu sein und das zu tun, was einen glücklich macht, sind der einfachste Weg zu Ausgeglichenheit und Freude am Leben.

Schön gesagt. Danke! Glaubst du eigentlich, dass es dich geprägt hat, dass du in Polen geboren bist? Wie lange hast du da gelebt und sprichst du eigentlich Polnisch?
Ich bin bis zu meinem fünften Lebensjahr in Polen aufgewachsen. In Deutschland wurden meine Eltern dazu aufgefordert, nur noch deutsch mit mir und meiner jüngeren Schwester zu sprechen. Das ist ein Grund dafür, das mein Polnisch es nie über die Kindergartensprache hinausgebracht hat und sich im Laufe der Jahre in den hintersten Synapsen-Knoten meines Gehirns verschachert hat. Ich kann nach dem Weg fragen und verstehe vieles, eine längere Konversation kann ich leider nicht mehr führen. Schade.
Die fünf Jahre in Polen und der Verlust meiner Muttersprache haben dazu geführt, dass ich mich eine lange Zeit meines Lebens in Deutschland fremd gefühlt habe. Keine richtige Deutsche aber auch keine Polin. Als junge Erwachsene habe ich oft gesagt, ich sei Europäerin, hat man mich nach meiner Herkunft gefragt. So fühle ich mich auch heute noch, denn ich reise unheimlich gerne und habe viele Eindrücke und kulturelle Besonderheiten der unterschiedlichen Nationen in mich aufgesogen.
Meine Kindheit in Polen war geprägt von Freiheit und Wildnis. Hinter keinem Busch hat sich eine Mutter versteckt, um nach dem Rechten zu schauen. Wenn es dunkel wurde, musste man zu Hause sein, das war die Regel. Ich habe auf sandigen Straßen gespielt, auf denen kein Auto fuhr und wenn, dann war das die Attraktion des Tages. Im Winter sind wir mit der Pferdekutsche durch den Wald gestreift, hinten dran eine Kette aus dreißig Schlitten mit vielen lachenden Kindern. Wir hatten ein Pferd. Es hieß Lalka, zu deutsch: Puppe. Ich erinnere mich an ein Foto, auf dem ich kleiner Knirps unter dem Pferd stehe, mein Kopf berührt knapp seinen Bauch. Irgendwie sieht das sehr geborgen aus.
Meine Zeit in Polen hat mich insofern geprägt, als ich als Kind von allen Vorteilen des Sozialismus profitieren konnte. Es gab ein großes Miteinander. Die Menschen hatten sehr wenig, doch sie hielten zusammen, feierten viel und halfen sich, wo sie konnten. Das habe ich später in Deutschland nicht mehr so wahrgenommen. Während meine Schulkameraden in den All-Inklusive-Urlaub nach Spanien oder Griechenland flogen, reisten wir in den großen Ferien in den Polenurlaub nach Masuren in Ostpreußen, wo ich geboren wurde. Ein zauberhafter Fleck Erde. Damals brauchte man ein Visum und musste durch die ehemalige DDR fahren. Überall standen bewaffnete Grenzsoldaten und schauten finster drein. Das Auto, bis oben hin bepackt mit Kaffee, Schokolade und Gummibärchen – Luxuskonsumgüter, die in Polen nicht gerade erschwinglich waren – rüttelte und schüttelte sich im Takt der alten Beton-Autobahn aus Hitlers Zeiten. Es war jedes Mal eine große Erleichterung, die Grenze zu passieren und endlich auf den Landstraßen Polens mit vielen Pferdekutschen und Autos wie aus einer anderen Welt, gelandet zu sein. Damals fuhren so wenige deutsche Autos, dass es jedes Mal ein Highlight war, einen Wagen mit deutschem Kennzeichen zu sehen. Lichthupe, anhalten und kurzer Austausch über Herkunft und Ziel inklusive. Polen war für mich als Kind und Jugendliche immer ein märchenhaftes Land. Ich durfte dort viele Abenteuer erleben. Nachts im Wald beim Lagerfeuer Würste auf dem Stock grillen, im kleinsten Auto der Welt, dem Fiat Bambino, zu acht Mann über buckelige Sandstraßen zur nächsten Dorfdisko fahren und immer und überall die betörende Weite des masurischen Himmels genießen. Polen, insbesondere Masuren, war für mich immer ein Land mit zauberhaften, freundlichen, lachenden und herzlichen Menschen, mit einem unermüdlichem Improvisationstalent. Ein Land mit einer fast beschämenden Gastfreundlichkeit, reich gedeckten Tischen mit allem, was die Jahreszeit so gerade her gab. Was in dem Land nicht wuchs oder gedieh, gab es einfach nicht. Alles war so natürlich und ursprünglich. Als in einem Sommerurlaub plötzlich Plastiktüten beim Obsthändler auftauchten, musste ich fast weinen, und als wenig später tatsächlich großformatige Werbeplakate an den Hauswänden hingen oder neben dem Ortseingangsschild die verschiedensten Produkte darboten, rollten tatsächlich die Tränen. Mein unschuldiges Märchenland hatte seine Seele verloren, und den Kapitalismus mit all seinen Nebenwirkungen gefunden.
Vielleicht sind mein soziales Wesen, mein Improvisationstalent und mein Helfersyndrom tatsächlich in meiner Herkunft begründet. Die Liebe zu Menschen der verschiedensten Kulturen, Gemeinschaft haben und feste Feiern, mit Tischen, wo sich die Balken biegen, sind auf jeden Fall Resultat meiner Herkunft und meiner Reiselust.

Du hast an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie studiert. Zudem hast du schon als Teenager auf Theaterbühnen gestanden. Welche Kunstform ist dir näher, Schauspielerei oder Regie?
Puh… die Frage meines Lebens! Mein Herz lacht und ist voller Freude, wenn ich als Schauspielerin auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen darf. Ich liebe es, eine Rolle mit Leben zu füllen und genauso liebe ich es, ein Werk zu erschaffen und als Regisseurin Sparringspartnerin der Schauspieler zu sein, um aus ihnen das Beste für das Gesamtkunstwerk heraus zu holen. Ich habe lange Zeit meines Lebens damit geliebäugelt, Schauspielerin zu werden. Zur Regie kam ich erst durch meine Ausbildung als Mediengestalterin in Bild und Ton beim WDR in Köln. Während des dritten Lehrjahrs kursierte ein Hochglanzmagazin der Filmakademie Baden-Württemberg in unserer Mediengestalter-Klasse. Alle waren fasziniert davon und meinten, wenn man hier aufgenommen würde, hätte man es geschafft. Ich hatte damals meiner Verwandtschaft zuliebe den Wunsch, Schauspielerei zu studieren, an den Nagel gehängt und eine „ordentliche“ Ausbildung begonnen. Zum Ende des dritten Lehrjahrs juckte es mich wieder in den kreativen Fingerspitzen, und so bewarb ich mich mit einigen meiner Ausbildungskameraden an der Filmakademie in Ludwigsburg und wurde genommen. Dies sah ich als Zeichen, vor allem, weil einige der meiner Meinung nach sehr begabten Mitbewerber nicht angenommen wurden. Ich kündigte meine unbefristete Stellung beim WDR und ließ mich auf das Abenteuer Regiestudium ein. Schon während des ersten Studienjahres vermisste ich die Schauspielerei so sehr, dass ich mich an einer Schauspielschule bewarb und ebenfalls genommen wurde. Die erste Hälfte meines zweiten Regie-Studienjahres verbrachte ich zum größten Teil an der Schauspielschule. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber ich hatte stets das Gefühl unterfordert zu sein. Ich wollte etwas Neues lernen und entschied mich für das Regiestudium. Irgendwann werde ich in meinem eigenen Film als Schauspielerin mitwirken, hatte ich damals beschlossen.

Welches war die wichtigste Lektion, die du während deines Studiums gelernt hast?
Nicht alles, was glänzt ist Gold, und der Weg zum Ziel ein hart umkämpfter! Wir waren privilegiert in Ludwigsburg. Acht Studenten in einem Kurs. Unsere Kantine war das Szene-Café „Blauer Engel“. Unser Campus, mitten in der schwäbischen Kleinstadt Ludwigsburg, gelegen wie ein Mikrokosmos. Ein Ort voller kreativer Köpfe aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Ein Ort, wo Magie, ewige Geschäftigkeit und Glamour auf ehrgeizige Kreative und Egozentriker trafen, ein Ort, der Konkurrenzkampf begünstigte, um auf das spätere so harte Filmgeschäft vorzubereiten. Für die einheimischen Ludwigsburger selber wohl auch ein Ort wie ein fremder Planet mit vielen Außerirdischen fernab von jeglicher schwäbischer Normalität. Während meines Studiums habe ich sehr viel Neid, Größenwahnsinn und die verrücktesten Psychosen erlebt. Genialität und Wahnsinn liegen ja oft nah beieinander. Lektionen habe ich in Ludwigsburg sehr viele gelernt. Die wichtigste war wohl, sich für Projekte mit positiven Menschen zusammen zu schließen, mit Menschen, die eine gewinnbringende Zusammenarbeit fördern und die eigene künstlerische Vision teilen bzw. unterstützen. Einer meiner Kommilitonen meinte in meinem ersten Studienjahr zu mir, einen Film zu drehen sei wie Krieg führen. Lange Zeit ging ich mit seinen düsteren Worten schwanger, denn tatsächlich kommt man bei dem Unterfangen Filmproduktion schnell an seine Grenzen und muss für seine Vision kämpfen. Im Laufe der Jahre konnte ich die Kriegsmetapher durch ein anderes Bild für mich ersetzen. Eines, das viel besser zu mir passt: Einen Film zu drehen ist wie Ballett. Stetig im Balanceakt und im Kontakt zu seinen Mittänzern für die perfekte Choreographie.

Was war dein stolzester kreativer Moment?
Auszeichnungen machen stolz und setzen unheimliche Glücksgefühle frei. Ich bin im Quadrat gehüpft, als ich erfahren habe, das mein Diplomfilm „Weiße Ameisen“ mit dem ARD CIVIS Preis für Integration und kulturelle Vielfalt prämiert wird. Positives Feedback von Kollegen, die gerne mit mir zusammen arbeiten, erfüllt mich ebenso mit Stolz und Dankbarkeit wie beflügelte Kommentare ergriffener Theaterbesucher nach einer Darbietung als Schauspielerin. Einen einzigen Moment kann ich gar nicht hervorheben.

Mit welcher Schauspielerin oder welchem Schauspieler würdest du gerne mal drehen?
Johnny Depp. Definitiv. Sophia Loren, Juliette Binoche, Robert de Niro, Jonathan Rhys-Meyers und da gibt es noch einige andere internationale Größen, wo ich zerplatzen würde vor Freude, wenn ich mit ihnen drehen könnte. Quatsch mit Soße. Wahrscheinlich würde ich vor Ehrfurcht im Boden versinken und jemand anderes müsste meinen Job übernehmen. Auf dem nationalen Feld stehen Hannelore Elsner, Nadja Uhl, Jürgen Vogel, Matthias Schweighöfer und Benno Führmann auf meiner Wunschliste ganz oben. Hey, das wäre doch eine schöne Kombi für einen spannenden Ensemblefilm und eine internationale Co-Produktion. Jetzt fehlt nur noch das Drehbuch. Wie schaut es aus Melanie? Hast Du Lust?

Aber immer, liebe Renate! Aber lass uns das später besprechen. 😉
Du bist sehr erfolgreich und enorm produktiv. Hast du noch unerfüllte, kreative Träume?

Oh, danke für die Blumen, Melanie. Tja, einen unerfüllten Traum habe ich soeben in der vorherigen Antwort genannt, wie gesagt, fehlt nur noch das Buch. Nach meinem Regiestudium bin ich sehr schnell in die Fernsehwelt eingetaucht und habe für viele unterschiedliche Serienformate gedreht. Meinen Debüt-Langspielfilm drehen und die Goldene Palme in Cannes gewinnen, stehen noch auf meiner To-Do-Liste. Klar. Ich habe noch hunderte unerfüllte kreative Träume. Das Leben ist zu kurz, um keine Träume zu haben, und jeder tut gut daran, einige von ihnen in Erfüllung gehen zu lassen.

Da stimme ich dir vollkommen zu. Hast du eigentlich einen absoluten, ultimativen Lieblingsfilm?
Den ultimativen Lieblingsfilm gibt es nicht, aber viele, die ich mehrfach gesehen habe oder die mich sehr beeinflusst und inspiriert haben. Dazu gehören Filme von Pedro Almodóvar, Krystof Kieslowski, Emir Kusturica, Lars von Trier, Tom Tykwer und James Cameron. Einen Lieblingsregisseur habe ich nicht.

Du reist gerne. Was war dein schönster Trip?
Tatsächlich waren die schönsten und intensivsten Trips diejenigen, bei denen ich für längere Zeit und alleine unterwegs war. Wie eine Therapie. Voller Abenteuer, Freiheit und seelischer Erneuerung. Südamerika und Asien, ich kann keine Präferenz geben, dafür waren die Reisen zu unterschiedlich. In Asien habe ich tauchen gelernt, war in einem buddhistischen Kloster und habe wilde Full-Moon-Partys an den thailändischen Stränden gefeiert. In Südamerika bin ich an der chilenisch-argentinischen Grenze in den Anden auf 5000 Meter Höhe rumgekrackselt, habe an den wunderschönen Küsten Brasiliens gebadet und in den ältesten Tangosalons von Buenos Aires mein Tanzbein geschwungen.

Was fasziniert dich am Tangotanzen? Denn das ist ja eines deiner liebsten Hobbys, oder?
Ich liebe es zu tanzen, egal ob auf elektronische Beats während einer vernebelten Party oder ganz klassisch im Tanzsalon. Beim Tanzen nutze ich meinen Körper, um mich auszudrücken und bringe mein Innerstes nach außen. Tango ist der Tanz des Herzens. Ich bin völlig erfüllt, wenn ich mit einem Tanzpartner in die Symbiose zur Musik gehe. Ich bin im Flow und mein Herz lacht und weint gleichzeitig, gerührt von den harmonischen Bewegungen und Drehungen im Tanz, sich verzehrend vor Sehnsucht und Melancholie durch den virtuosen, erdigen und so archaischen Klang des Bandoneons und des leidenschaftlichen Gesangs.

(Renate hat sich gewünscht, dass ich meinen lieben Leserinnen und Lesern an dieser Stelle ein Lied präsentiere, was ich gerne tue. Anmerkung der Bloggerin)

Ich habe mich schon als junges Mädchen dem Tango verbunden gefühlt. Ich weiß auch nicht genau warum. Ich habe einen Film gesehen und war seitdem verzaubert und wollte ebenfalls Tango tanzen. Vielleicht, weil der Tango so archaisch und temperamentvoll ist, voller Leben und Kreativität. Bei diesem Tanz wird einem niemals langweilig, denn er lebt von Improvisation. Kein Tanz ist gleich. Ich tanze auch Standard, Latein und karibische Tänze wie Salsa und Bachata, aber Tango Argentino ist definitiv mein Lieblingstanz. Mir gefällt auch die Kultur des Aufforderns. In Deutschland fordern auch die Frauen auf, in Argentinien ist diese Rolle natürlich immer noch nur den Männern vorbehalten. Ich selber kann nicht so gut auffordern. Aus Angst vor einer Ablehnung bleibe ich lieber sitzen und warte, bis mich jemand auffordert. Ich kann die Jungs gut verstehen, die ebenfalls große Angst vor einem Korb haben und sich nicht trauen, aufzufordern. Bei mir gäbe es deshalb sowieso keinen Korb. Never! Der Mut muss belohnt werden. Es ist verrückt, wenn ein wildfremder Mensch dich umarmt, man also als Paar in Tanzhaltung geht und die Energien fließen, bis man sich plötzlich im Gleichklang zur Musik bewegt. Was dabei heraus kommt, ist mit jedem Tanzpartner anders. Beim Tango verbinden sich zwei Körper, zwei Herzen und zwei Seelen im Rhythmus der Musik zu einem Ganzen für die Dauer eines Liedes. Ist der Tanz gelungen, strahlen sich zwei Augenpaare an. Ganz ehrlich: Tango ist fast so schön wie Liebe machen. Ich bin sehr dankbar, dass ich mir einen meiner großen Träume, in Buenos Aires Tango zu tanzen, bereits erfüllen konnte. Vielleicht sollte ich Mal einen Tango-Film drehen. Oh ja.

Wie erholst du dich am Liebsten?
Im Bett, auf dem Tanzparkett und im Düsenjet… ab in die Ferne!

Was würdest du dir von der berühmten guten Fee wünschen?
Liebe für alle! Einen 1963 Ferrari 250 GTO und ein lebenslang gültiges Around-the-World-Ticket.

Was inspiriert dich?
Die Natur, Musik, Kunst und Menschen, die aus dem nichts etwas geschaffen haben und immer wieder neue Ideen haben, um etwas zu starten.

Hast du ein Lebensmotto?
All you need is love! Tanze, als ob dir niemand zusieht, singe, als ob dich niemand hört, und liebe, als wärst du nie verletzt worden.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: privat.

 

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Richard, 42, Freising

„I’m not there“


lorenz1 (3)

 

Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Ein trostloser fragmentarischer Ablauf, eher einer Skizze ähnlich als dem Leben. Mein Vater war dem Alkohol nicht gerade abgeneigt. Sämtliche Verwandte und Bekannte erschienen mir merkwürdig. Eigenartige, verschrobene Gestalten, sehr konservativ. Ein immerzu herbstliches Landleben, alles immer unter Zwang. Bei uns wurden keine Bücher gelesen, der kulturelle Einfluss war nicht vorhanden. Hier wurde körperlich gearbeitet, nicht gelesen. Arbeit war überaus wichtig, eigentlich das Wichtigste überhaupt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ein Kind studieren zu lassen oder vorhandene Möglichkeiten auszuschöpfen. So war die Kindheit eine Melange aus Alpträumen und Schattengestalten, eigentlich stetigen Regentagen. Im Rückblick ein hässliches Tim-Burton-Szenario. Alles schief, vom Wind davon getragen. Nachts klopften die Gespenster an das Fenster, daran kann ich mich erinnern. Nicht symbolisch, sondern tatsächlich. Jene Gespenster aus dem Bauch.
Natürlich wollte ich diesem Leben entfliehen. Zur Anpassung neigte ich nie. Als Kind jedoch gibt es für eine Flucht nur wenige Möglichkeiten. Man setzt sich diesbezüglich auch mit dem Sterben auseinander. Dem Suizid, sozusagen. Und wenn man als Kind diesem Gedanken nahe kommt, blickt man in einen Abgrund und stellt relativ früh fest, wie lächerlich alles ist. Jeglicher Zwang. Als Jugendlicher musste ich mich in einigen Berufen versuchen. Das wollten meine Eltern so. Denn, wie gesagt, die Arbeit war das höchste Gut. Körperliche Arbeit, wohlgemerkt.
Leider verliert man dadurch eine Menge Zeit, zahlreiche Möglichkeiten. Die Wege sind vorbestimmt, und das Ausbrechen ein waghalsiges Unternehmen. Erst zu dieser Zeit fing ich an zu lesen. Mein Plan danach war eigentlich einfach: Bücher schreiben, um Zeit für das Leben zu gewinnen. Ich versuchte mich als Journalist im lokalen Bereich. Leider hat nichts davon tatsächlich funktioniert. Ein wenig später dann erlernte ich, eher aus Zufall und Hoffnungslosigkeit, den Beruf der Krankenpflege. Warum? Vermutlich weil die Arbeit am Menschen ebenso abseitig ist wie meine Träume, Leben und Sterben ganz nahe. Neue Reibungspunkte entstanden, da ich schwer, eigentlich kaum mit Hierarchien umgehen kann und will. Vielleicht reanimiere ich deshalb täglich das Kind in mir. Um die Gespenster zu vertreiben.

Du bist Autor. (Und zwar ein guter. Ich wünsche dir Ruhm und Ehre und all das.) Wann und unter welchen Umständen hast du mit dem Schreiben begonnen?
Wie schon erwähnt, begann das Schreiben eher als Befreiungsschlag. Der nicht glückte, aber dennoch einen Impuls freisetzte. Anfänglich als Imitation anderer Autoren. Es entstanden vorwiegend Kurzgeschichten. Man weiß ja, dass man in Deutschland mit Kurzgeschichten keinen Blumentopf gewinnen kann (was ich nach wie vor als äußerst merkwürdig empfinde), sie gelten als vergebene Mühe, als belanglose Fingerübung. Es zählt der Roman. Für längere Erzählungen fehlte mir später dann aber schlichtweg die Zeit. Vor allem Schichtdienst ist ja der Tod aller Kunst.
Dennoch hielt ich regelmässig Lesungen ab und schrieb Bühnen-Programme für mich selbst. Fragmentarische Szenenbilder. Meist mit Musikern, die dann die Texte untermalten. Gastierte in Buchhandlungen, auf kleinen Theater-Bühnen. Das fiel natürlich nicht sonderlich auf. Oft las ich nur für eine Handvoll Zuhörer. Wenn ich darüber nachdenke, hat sich das eigentlich nicht sonderlich geändert.

Dein Buch „Amerika Plakate“ ist bei einem kleinen, feinen Verlag erschienen und hat sehr gute Rezensionen bekommen. Worum geht es in dem Buch?
Verlust, Schuld und Erlösung. Liebe. Jene Themen, die unser Leben beeinflussen wie kaum andere. Aber auch das implizierte Thema, dass nichts vorhersehbar ist. Dass manche Wege unpassierbar sind und manche nur dunkel. Ich schätze Geschichten, die nicht klar verlaufen, die sich immer ein Geheimnis bewahren. Wir kennen immer weniger solche Erzählungen, leider. Heutzutage ist vieles glattgeschliffen, von jeglicher Nebenhandlung befreit. Eine phantastische Geschichte, magisch im besten Sinne von verrückt. Vermutlich nicht allzu einfach, aber das ist nicht sonderlich wichtig. Darf man das sagen? Vermutlich nicht, denn was nicht marktgängig ist, ist automatisch merkwürdig. Verschroben. Ich bin allerdings gern verschroben, muss ich zugeben. Schweifen wir diesbezüglich kurz ab: Schauen wir uns einmal einen Jim Jarmusch Film an. Nehmen wir Night on Earth. Ein wundervoller Film, den ich vermissen würde. Aber natürlich ein extrem verschrobener Film, nicht wahr? Aber dennoch erscheint mir dieser Film wichtiger als der Mittwochs-ARD-Abendfilm. In der Literatur jedoch erleben wir gerade jenes: Alles was merkwürdig ist, geht nicht oder bestenfalls sehr schwer. Das ängstigt mich zunehmend.

Die zugrunde liegende Kurzgeschichte mit dem gleichen Titel kann man sich – sehr schön gelesen von Katharina Wackernagel – anhören. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
An einem Winterabend sah ich mir eine Folge der wundervollen Serie „Bloch“ mit Dieter Pfaff an, Katharina Wackernagel spielt seine Tochter. Und ich fragte mich, wie es wohl sei, wenn sie „Amerika Plakate“ lesen würde. Am nächsten Tag schrieb ich ihre Agentur an. Die Kurzgeschichte gefiel Katharina auf Anhieb und so einigten wir uns relativ schnell. Letztendlich natürlich völlig absurd. Es gab weder ein Buch, geschweige denn einen Roman. Nur eine Kurzgeschichte von einem unbekannten Autor. Aber solche Dinge gefallen mir. Später dann wurde diese Aufnahme vom WDR ausgestrahlt, was mich sehr gefreut hat. Grundsätzlich hätte ich gern diese Aufnahme dem Buch beigelegt, was sich allerdings als zu kostspielig herausgestellt hat.

Was bedeutet dir das Schreiben?
Wir alle haben einen Traum. Suchen das versteckte Schlupfloch des Lebens. Um uns selbst Geschichten zu erzählen, wenn die Ostwinde zu kalt werden. Es ist tatsächlich eine schwere Frage, genau betrachtet. Warum tun wir Dinge? Was bedeuten sie? Weshalb lieben wir, weshalb hassen wir? Vermutlich tut man etwas, um Dinge zu verändern. Andere Wege gehen zu können. Mir würde das gefallen – was sich jedoch als unglaublich schwer herausstellt. Schwerer als jemals gedacht. Vermutlich schreibe ich auch, um die Gespenster der Vergangenheit in mir zu unterhalten, um sie zu besänftigen. Um dem Außenseiter in mir eine Gestalt zu geben, einen Namen. Mich zu solidarisieren mit den Verlorenen, den Zerbrochenen. Von ihnen zu erzählen. Vielleicht auch nur, um die Welt zu verstehen.

Was liest du?
Diese Frage ist relativ schwer zu beantworten, weil es lange dauern würde, sie befriedigend zu beantworten. Paul Auster schätze ich ungemein. Friedrich Ani ist meiner Meinung nach einer der besten deutschen Erzähler der Gegenwart. Seine Tabor-Süden-Romane glänzen. Ray Bradbury, Truman Capote, Harper Lee, Stephen King, Joe Hill, Neil Gaiman (zu lange unterschätzt), Friedrich Dürrenmatt, George Simenon, Richard Brautigan (völlig verkannt), Hunter S. Thompson, Charles Bukowski (unbedingt die Maro-Ausgaben kaufen!), Cornell Woolrich. Vor allem mag ich Bücher, die mich überraschen. Die ich vielleicht sogar nicht einmal beim ersten Lesen verstehe. So ging es mir bei Brautigans „Forellenfischen in Amerika“, aber dennoch liebe ich dieses Buch. Und ich liebe das Geheimnis, das darin steckt. Ich möchte nicht beiläufig unterhalten werden, denn dafür kann ich ja auch einen Fernsehkrimi ansehen. Ein Buch muss mich schlaflos machen – egal auf welche Art und Weise. „Shining“ von Stephen King gelingt das anders als Harper Lee.

Was machst du, wenn du nicht schreibst? Hast du einen day job? Was hast du gelernt oder studiert?
Momentan schreibe ich ausschließlich. Vermutlich wird das nicht mehr lange so sein, und ich werde wieder im Pflegeberuf arbeiten müssen. Denn schließlich haben wir nur ein Leben und das kann man nicht mit Warten verbringen. Vor allem braucht man ja auch ein wenig Geld. Ich arbeite gerne mit Schwerkranken, mit Sterbenden. Zuletzt habe ich auf einer Onkologie gearbeitet. Gefallen würde mir aber auch eine Tätigkeit in einer Psychiatrie. Natürlich wäre ich gerne Schriftsteller, würde damit gern ein wenig Geld verdienen. Momentan aber scheint mir dieses Unterfangen relativ aussichtlos. Folge-Publikationen sind nicht in Sicht, wenngleich auch „Amerika Plakate“ sehr positiv aufgenommen wurde. Ich hoffe immer und bete, aber der Himmel bleibt düster. Ein scheußliches Gefühl, vor allem weil ich ja nicht aus der Literatur-Branche komme. Es nicht studiert habe und deshalb auch nicht in diese Richtung arbeiten kann. Letztendlich bin ich ein Arbeiterkind, das gehofft hatte.

Gibt es noch andere Kunstformen neben der Literatur, die dich interessieren?
Meine Geschichten sind immer beeinflusst von Musik und Film. Gerade bei „Amerika Plakate“ ist das sehr deutlich zu erkennen. Ich spiele ein wenig Gitarre. Manchmal male ich, aber nicht sehr gut.

Was würdest du dir von der berühmten guten Fee wünschen?
Würde. Dass wir in Würde leben können. Und in Würde sterben dürfen.

Hast du Vorbilder? Helden?
Literarische Vorbilder sicherlich. Paul Auster und die merkwürdigen Gestalten, abseits vom Mainstream. Im Leben sicherlich Menschen wie die Geschwister Scholl. Aufrechte, unbequeme Leute.

Was inspiriert dich?
Abseitige Geschehnisse. Merkwürdige Bücher, eigenartige Filme. Tom Waits‘ Songs. Obdachlose, taumelnd auf einer Straße, die mich nach Gott fragen und ob es Jesus tatsächlich gibt. Lebensfragmente, alles unfertige. Zerbrochene Dinge inspirieren mich.

Was macht dich glücklich?
Bei Menschen zu sein, dich ich mag, schätze oder/und liebe. Glücklich macht mich auch jener zeitweise Hauch der Möglichkeit, das zu tun, was man möchte. Woran man glaubt. Einfache Dinge. Kaffee und Zigaretten. Ein guter Film. Ein gutes Buch. Charlie Parkers Musik um Mitternacht.

Hast du ein Lebensmotto?
I´m not there.

Oder ein Lieblingszitat?
No Direction Home.

Was ist der Sinn des Lebens?
Dass manchmal selbst der Präsident nackt dastehen muss. Sagt jedensfalls Bob Dylan.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Deliah Lorenz.