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Inga, 34, Mannheim

An optimist is someone who figures out that taking a step backward after taking a step forward is not a disaster, it’s more like a cha-cha.


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Inga! Fangen wir doch am Anfang an. Wo und wie bist du aufgewachsen?
In einem kleinen Dorf in der „Nähe“ von Köln oder auch Bonn, je nachdem wie man das sehen will – im Laufe meines Lebens hat sich die Beschreibung dessen verändert. Jedenfalls muss man lange in öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto sitzen, um eine Straßenbahn oder ein Kino zu Gesicht zu bekommen.

Wie warst du als Kind?
Abenteuerlustig, ein Raufbold, der Klassenclown, manchmal bestimmt eine Nervensäge. Ich habe lieber mit Jungs gespielt als mit Mädchen und mich manchmal geprügelt. Ich hatte kurze Haare, wollte zeitweise Ingo genannt werden und habe mich bis zur vierten Klasse geweigert, ein Kleid zu tragen (ein Psychoanalytiker hätte seine wahre Freude an mir). Ich wollte alles alleine machen, gleichzeitig konnte ich bis zur siebten Klasse keine Klassenfahrt mitmachen vor lauter Heimweh. Ich hatte immer Angst, alleine zu sein. Ich bin das Nesthäkchen der Familie, meine große Schwester war immer mein größtes Vorbild.

Was bedeutet dir Familie?
Beziehungen bedeuten mir extrem viel, natürlich allen voran die Familie. Manchmal so viel, dass es mir Angst macht. Angst, dass ich mich auflöse und gar nicht mehr als einzelne Person existiere.

Wie war deine Jugend?
Nach einem Stimmungstief in der 6. und 7. Klasse (ich hatte oft Angst, den Anforderungen in der Schule nicht zu genügen und in meinem Freundeskreis nicht dazu zu gehören) habe ich im Theaterverein, dem Schau-Spiel-Studio Oberberg, ein zweites Zuhause gefunden. Der Rest meiner Schulzeit spielte sich hauptsächlich dort ab. Ich war Feuer und Flamme fürs Theater spielen und es war eine ganz tolle Truppe, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe.

Hättest du dir vorstellen können, die Schauspielerei zu deinem Beruf zu machen?
Ja, das habe ich auch versucht. Mir wurde gesagt ich habe Talent, aber mir fehle es an Durchsetzungsvermögen und Persönlichkeitsprofil. Das stimmt, ich war gerade 18 Jahre alt und alles andere als eine ausgereifte Persönlichkeit… Und ich bezweifle, dass ich das jemals von mir behaupten werde.
Meine Überlegung war dann, dass es eine gute Alternative wäre, Psychologie zu studieren, weil man sich dort sehr ähnliche Fragen stellt wie beim Theater spielen: Warum handelt/fühlt/denkt diese Person jetzt gerade so? Die Herangehensweise an diese Fragen unterscheidet sich natürlich sehr stark, und ich denke, die wissenschaftliche Perspektive der Psychologie liegt mir im Endeffekt mehr.

Du bist Diplom-Psychologin. Was fasziniert dich an deiner Arbeit?
Ich würde immer wieder Psychologie studieren, es ist ein ungeheuer vielseitiges Fach. Jetzt gerade bin ich sehr glücklich in der Forschung. Ich liebe es, mir Experimente auszudenken, auszuwerten und dadurch ein bisschen darüber herauszufinden, was langfristig Patienten helfen könnte. Ich bin nicht sicher, ob ich immer in der Forschung bleiben möchte oder kann – dafür ist die Konkurrenzsituation zu groß, und ich bin nicht bereit, deswegen bezüglich Partnerschaft und Familie zu weit zurückzustecken.
Leider hindert das Wissenschaftszeitgesetz viele interessierte junge Wissenschaftler, vor allem Frauen, daran, langfristig in der Forschung zu bleiben. Es führt letztlich dazu, dass man es irgendwann auf eine Professur schaffen muss, oder man fliegt sechs Jahre nach der Promotion raus – weil der Vertrag dann entfristet werden müsste, und sich die Unis das nicht leisten können oder wollen. Das heißt für mich: Entweder es klappt mit der Professur, oder ich werde mich irgendwann als Verhaltenstherapeutin niederlassen, und hoffe, dass ich bis dahin noch ganz viel Lebenserfahrung sammle und weise werde.

Was inspiriert dich?
In die Natur zu gehen und dort allmählich zur Ruhe zu kommen. Ich habe, zuerst im Rahmen meiner Selbsterfahrung, mehrtägige Wanderungen gemacht, um die Angst vor dem Alleinsein zu verlieren. Ich habe dabei ein ganz neues Gefühl kennen gelernt, eine Klarheit und Ruhe, die ich sonst selten so stark erlebt habe.

 

 

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Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?Es gibt Menschen, die sind so ganz im Reinen mit sich und strahlen das auch aus. Immer wenn mir so jemand begegnet, bin ich ganz fasziniert.

Was macht dich glücklich?
Meine Tochter aufwachsen zu sehen. Meine Arbeit. Zeit mit meiner Familie oder Freunden zu verbringen. Die richtige Balance von Action und Stille.

Was ärgert dich maßlos?
Machtmissbrauch.

Hast du ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Mein Lebensziel ist es, immer weiter zu wachsen. Das ist nicht immer angenehm, aber ich bin Optimist und davon überzeugt, dass ich das Beste aus den Gegebenheiten machen werde.

Hast du Vorbilder?
Ja klar, für jeden Lebensbereich und jede Rolle, die ich einnehme, habe ich mehrere Vorbilder. Das sind alles Menschen, die ich aus meiner Biografie kenne. Du zum Beispiel, liebe Melanie, bist ein großes Vorbild für mich, wenn es um meine Rolle als Frau geht. Du bist intelligent und reflektiert, selbstbewusst, mutig, erfüllst dir deine Träume und genießt es, sexy zu sein. (Die Bloggerin wird rot. Anm. d. Bloggerin)

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Das ist eine wichtige Frage an mich. Ich möchte ja sehr gerne ein interessanter und besonderer Mensch (für andere) sein. Aber gleichzeitig führe ich ein stinknormales Leben, wie Millionen andere auch. Ich habe festgestellt, dass es sehr interessant ist, mir selbst zu begegnen, ohne die Perspektive anderer Menschen immer gleich mitzudenken. Gelingt mir aber eher selten.

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Von meiner Tochter habe ich sehr eindrücklich gelernt, dass die Entwicklung nicht linear verläuft, sondern aus einem ewigen Vor und Zurück beziehungsweise Auf und Ab besteht. Ich kannte zwar schon länger das folgende Zitat, aber jetzt verstehe ich es wirklich: „An optimist is someone who figures out that taking a step backward after taking a step forward is not a disaster, it’s more like a cha-cha.“

Was ist der Sinn des Lebens?
Herauszufinden, was dich auszeichnet und glücklich macht – und das dann auch zu leben.

Und welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine echt gute Antwort parat gehabt hättest?
Ich denke gerade viel darüber nach, wie es mich verändert, Mutter zu sein. Dazu habe ich keine gute Antwort, aber suche oft danach. Heute Morgen dachte ich, es ist wie mit einem zusätzlichen Ball jonglieren zu lernen.
Ich merke auch, dass es sehr en vogue ist, als junge Eltern ganz viel zu jammern über Schlafmangel und die enorme Zerrissenheit zwischen den einzelnen Lebensbereichen (Kind, Partnerschaft, Arbeit, Freunde und Familie, Freiräume für sich selbst). Natürlich stimmt das, aber es ist eben nur die halbe Wahrheit. Das Problem daran ist, dass es mir selbst ganz häufig ein schlechtes Gefühl macht, wenn ich so viel rumjammere. Ich kenne allerdings kaum junge Eltern, die sich trauen, öffentlich darüber zu reden, wie schön es ist, ein Kind zu haben. Ich glaube, das liegt auch daran, dass man die Glücksmomente (wie das erste „Mama“ durchs Babyphon, ihre ersten Schritte, von meiner Tochter ganz fest gedrückt zu werden) und die dazu gehörenden Gefühle so schwer mit Worten beschreiben kann. Da ist die Message „Ich habe heute Nacht nur drei Stunden geschlafen“ leider einfacher mitzuteilen.

  

Das Interview führte Melanie Raabe.
Fotos: privat

 

Richard, 42, Freising

„I’m not there“


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Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Ein trostloser fragmentarischer Ablauf, eher einer Skizze ähnlich als dem Leben. Mein Vater war dem Alkohol nicht gerade abgeneigt. Sämtliche Verwandte und Bekannte erschienen mir merkwürdig. Eigenartige, verschrobene Gestalten, sehr konservativ. Ein immerzu herbstliches Landleben, alles immer unter Zwang. Bei uns wurden keine Bücher gelesen, der kulturelle Einfluss war nicht vorhanden. Hier wurde körperlich gearbeitet, nicht gelesen. Arbeit war überaus wichtig, eigentlich das Wichtigste überhaupt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ein Kind studieren zu lassen oder vorhandene Möglichkeiten auszuschöpfen. So war die Kindheit eine Melange aus Alpträumen und Schattengestalten, eigentlich stetigen Regentagen. Im Rückblick ein hässliches Tim-Burton-Szenario. Alles schief, vom Wind davon getragen. Nachts klopften die Gespenster an das Fenster, daran kann ich mich erinnern. Nicht symbolisch, sondern tatsächlich. Jene Gespenster aus dem Bauch.
Natürlich wollte ich diesem Leben entfliehen. Zur Anpassung neigte ich nie. Als Kind jedoch gibt es für eine Flucht nur wenige Möglichkeiten. Man setzt sich diesbezüglich auch mit dem Sterben auseinander. Dem Suizid, sozusagen. Und wenn man als Kind diesem Gedanken nahe kommt, blickt man in einen Abgrund und stellt relativ früh fest, wie lächerlich alles ist. Jeglicher Zwang. Als Jugendlicher musste ich mich in einigen Berufen versuchen. Das wollten meine Eltern so. Denn, wie gesagt, die Arbeit war das höchste Gut. Körperliche Arbeit, wohlgemerkt.
Leider verliert man dadurch eine Menge Zeit, zahlreiche Möglichkeiten. Die Wege sind vorbestimmt, und das Ausbrechen ein waghalsiges Unternehmen. Erst zu dieser Zeit fing ich an zu lesen. Mein Plan danach war eigentlich einfach: Bücher schreiben, um Zeit für das Leben zu gewinnen. Ich versuchte mich als Journalist im lokalen Bereich. Leider hat nichts davon tatsächlich funktioniert. Ein wenig später dann erlernte ich, eher aus Zufall und Hoffnungslosigkeit, den Beruf der Krankenpflege. Warum? Vermutlich weil die Arbeit am Menschen ebenso abseitig ist wie meine Träume, Leben und Sterben ganz nahe. Neue Reibungspunkte entstanden, da ich schwer, eigentlich kaum mit Hierarchien umgehen kann und will. Vielleicht reanimiere ich deshalb täglich das Kind in mir. Um die Gespenster zu vertreiben.

Du bist Autor. (Und zwar ein guter. Ich wünsche dir Ruhm und Ehre und all das.) Wann und unter welchen Umständen hast du mit dem Schreiben begonnen?
Wie schon erwähnt, begann das Schreiben eher als Befreiungsschlag. Der nicht glückte, aber dennoch einen Impuls freisetzte. Anfänglich als Imitation anderer Autoren. Es entstanden vorwiegend Kurzgeschichten. Man weiß ja, dass man in Deutschland mit Kurzgeschichten keinen Blumentopf gewinnen kann (was ich nach wie vor als äußerst merkwürdig empfinde), sie gelten als vergebene Mühe, als belanglose Fingerübung. Es zählt der Roman. Für längere Erzählungen fehlte mir später dann aber schlichtweg die Zeit. Vor allem Schichtdienst ist ja der Tod aller Kunst.
Dennoch hielt ich regelmässig Lesungen ab und schrieb Bühnen-Programme für mich selbst. Fragmentarische Szenenbilder. Meist mit Musikern, die dann die Texte untermalten. Gastierte in Buchhandlungen, auf kleinen Theater-Bühnen. Das fiel natürlich nicht sonderlich auf. Oft las ich nur für eine Handvoll Zuhörer. Wenn ich darüber nachdenke, hat sich das eigentlich nicht sonderlich geändert.

Dein Buch „Amerika Plakate“ ist bei einem kleinen, feinen Verlag erschienen und hat sehr gute Rezensionen bekommen. Worum geht es in dem Buch?
Verlust, Schuld und Erlösung. Liebe. Jene Themen, die unser Leben beeinflussen wie kaum andere. Aber auch das implizierte Thema, dass nichts vorhersehbar ist. Dass manche Wege unpassierbar sind und manche nur dunkel. Ich schätze Geschichten, die nicht klar verlaufen, die sich immer ein Geheimnis bewahren. Wir kennen immer weniger solche Erzählungen, leider. Heutzutage ist vieles glattgeschliffen, von jeglicher Nebenhandlung befreit. Eine phantastische Geschichte, magisch im besten Sinne von verrückt. Vermutlich nicht allzu einfach, aber das ist nicht sonderlich wichtig. Darf man das sagen? Vermutlich nicht, denn was nicht marktgängig ist, ist automatisch merkwürdig. Verschroben. Ich bin allerdings gern verschroben, muss ich zugeben. Schweifen wir diesbezüglich kurz ab: Schauen wir uns einmal einen Jim Jarmusch Film an. Nehmen wir Night on Earth. Ein wundervoller Film, den ich vermissen würde. Aber natürlich ein extrem verschrobener Film, nicht wahr? Aber dennoch erscheint mir dieser Film wichtiger als der Mittwochs-ARD-Abendfilm. In der Literatur jedoch erleben wir gerade jenes: Alles was merkwürdig ist, geht nicht oder bestenfalls sehr schwer. Das ängstigt mich zunehmend.

Die zugrunde liegende Kurzgeschichte mit dem gleichen Titel kann man sich – sehr schön gelesen von Katharina Wackernagel – anhören. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
An einem Winterabend sah ich mir eine Folge der wundervollen Serie „Bloch“ mit Dieter Pfaff an, Katharina Wackernagel spielt seine Tochter. Und ich fragte mich, wie es wohl sei, wenn sie „Amerika Plakate“ lesen würde. Am nächsten Tag schrieb ich ihre Agentur an. Die Kurzgeschichte gefiel Katharina auf Anhieb und so einigten wir uns relativ schnell. Letztendlich natürlich völlig absurd. Es gab weder ein Buch, geschweige denn einen Roman. Nur eine Kurzgeschichte von einem unbekannten Autor. Aber solche Dinge gefallen mir. Später dann wurde diese Aufnahme vom WDR ausgestrahlt, was mich sehr gefreut hat. Grundsätzlich hätte ich gern diese Aufnahme dem Buch beigelegt, was sich allerdings als zu kostspielig herausgestellt hat.

Was bedeutet dir das Schreiben?
Wir alle haben einen Traum. Suchen das versteckte Schlupfloch des Lebens. Um uns selbst Geschichten zu erzählen, wenn die Ostwinde zu kalt werden. Es ist tatsächlich eine schwere Frage, genau betrachtet. Warum tun wir Dinge? Was bedeuten sie? Weshalb lieben wir, weshalb hassen wir? Vermutlich tut man etwas, um Dinge zu verändern. Andere Wege gehen zu können. Mir würde das gefallen – was sich jedoch als unglaublich schwer herausstellt. Schwerer als jemals gedacht. Vermutlich schreibe ich auch, um die Gespenster der Vergangenheit in mir zu unterhalten, um sie zu besänftigen. Um dem Außenseiter in mir eine Gestalt zu geben, einen Namen. Mich zu solidarisieren mit den Verlorenen, den Zerbrochenen. Von ihnen zu erzählen. Vielleicht auch nur, um die Welt zu verstehen.

Was liest du?
Diese Frage ist relativ schwer zu beantworten, weil es lange dauern würde, sie befriedigend zu beantworten. Paul Auster schätze ich ungemein. Friedrich Ani ist meiner Meinung nach einer der besten deutschen Erzähler der Gegenwart. Seine Tabor-Süden-Romane glänzen. Ray Bradbury, Truman Capote, Harper Lee, Stephen King, Joe Hill, Neil Gaiman (zu lange unterschätzt), Friedrich Dürrenmatt, George Simenon, Richard Brautigan (völlig verkannt), Hunter S. Thompson, Charles Bukowski (unbedingt die Maro-Ausgaben kaufen!), Cornell Woolrich. Vor allem mag ich Bücher, die mich überraschen. Die ich vielleicht sogar nicht einmal beim ersten Lesen verstehe. So ging es mir bei Brautigans „Forellenfischen in Amerika“, aber dennoch liebe ich dieses Buch. Und ich liebe das Geheimnis, das darin steckt. Ich möchte nicht beiläufig unterhalten werden, denn dafür kann ich ja auch einen Fernsehkrimi ansehen. Ein Buch muss mich schlaflos machen – egal auf welche Art und Weise. „Shining“ von Stephen King gelingt das anders als Harper Lee.

Was machst du, wenn du nicht schreibst? Hast du einen day job? Was hast du gelernt oder studiert?
Momentan schreibe ich ausschließlich. Vermutlich wird das nicht mehr lange so sein, und ich werde wieder im Pflegeberuf arbeiten müssen. Denn schließlich haben wir nur ein Leben und das kann man nicht mit Warten verbringen. Vor allem braucht man ja auch ein wenig Geld. Ich arbeite gerne mit Schwerkranken, mit Sterbenden. Zuletzt habe ich auf einer Onkologie gearbeitet. Gefallen würde mir aber auch eine Tätigkeit in einer Psychiatrie. Natürlich wäre ich gerne Schriftsteller, würde damit gern ein wenig Geld verdienen. Momentan aber scheint mir dieses Unterfangen relativ aussichtlos. Folge-Publikationen sind nicht in Sicht, wenngleich auch „Amerika Plakate“ sehr positiv aufgenommen wurde. Ich hoffe immer und bete, aber der Himmel bleibt düster. Ein scheußliches Gefühl, vor allem weil ich ja nicht aus der Literatur-Branche komme. Es nicht studiert habe und deshalb auch nicht in diese Richtung arbeiten kann. Letztendlich bin ich ein Arbeiterkind, das gehofft hatte.

Gibt es noch andere Kunstformen neben der Literatur, die dich interessieren?
Meine Geschichten sind immer beeinflusst von Musik und Film. Gerade bei „Amerika Plakate“ ist das sehr deutlich zu erkennen. Ich spiele ein wenig Gitarre. Manchmal male ich, aber nicht sehr gut.

Was würdest du dir von der berühmten guten Fee wünschen?
Würde. Dass wir in Würde leben können. Und in Würde sterben dürfen.

Hast du Vorbilder? Helden?
Literarische Vorbilder sicherlich. Paul Auster und die merkwürdigen Gestalten, abseits vom Mainstream. Im Leben sicherlich Menschen wie die Geschwister Scholl. Aufrechte, unbequeme Leute.

Was inspiriert dich?
Abseitige Geschehnisse. Merkwürdige Bücher, eigenartige Filme. Tom Waits‘ Songs. Obdachlose, taumelnd auf einer Straße, die mich nach Gott fragen und ob es Jesus tatsächlich gibt. Lebensfragmente, alles unfertige. Zerbrochene Dinge inspirieren mich.

Was macht dich glücklich?
Bei Menschen zu sein, dich ich mag, schätze oder/und liebe. Glücklich macht mich auch jener zeitweise Hauch der Möglichkeit, das zu tun, was man möchte. Woran man glaubt. Einfache Dinge. Kaffee und Zigaretten. Ein guter Film. Ein gutes Buch. Charlie Parkers Musik um Mitternacht.

Hast du ein Lebensmotto?
I´m not there.

Oder ein Lieblingszitat?
No Direction Home.

Was ist der Sinn des Lebens?
Dass manchmal selbst der Präsident nackt dastehen muss. Sagt jedensfalls Bob Dylan.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Deliah Lorenz.

Ina, 36, Wiehl

„Musik. Kunst. Wetter. Kinder. Frisuren. Essen. Literatur.“


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Ina! Du kommst aus Wiehl, einer Kleinstadt in NRW. Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Geprägt von Liebe und einem es gut meinenden Umfeld, würde ich sagen. Als Teenie gab’s die besten Möglichkeiten, groß zu werden. Im Sommer Freibad, BMX-Bahn, Skatehalle, im Winter Eishalle und das ganze Jahr über kleine Konzerte auf ehemaligen Schützenvereinshäusern. Vielleicht male ich ein wenig rosarot, aber hier aufzuwachsen war das Beste, was mir passieren konnte. Die Menschen, die ich heute zu meinen besten Freunde zähle, habe ich spätestens 1999 kennen und lieben gelernt, und es ist herrlich und stabil. Ich bin da sehr dankbar für. Menschen und Ereignisse.

Du arbeitest als Grundschullehrerin. Was magst du an deinem Job?
Die Kinder mag ich am meisten. Sie herauszufordern, mit ihnen zu entdecken und überhaupt, die Zeit mit Ihnen zu verbringen, sie beim Lernen zu begleiten, sie sich ausprobieren lassen, sie echt gerne zu haben, die Liste könnte bis ultimo weitergeführt werden. Ich gehe auf in meinem Job, gehe jeden Tag gerne hin und zufrieden nach Hause. Liegt vielleicht auch daran, dass ich in so einem kleinen System arbeite und man tatsächlich alle Schüler gut kennt. Pläne können tatsächlich umgesetzt und Dinge erreicht werden. Eltern, Lehrer arbeiten zusammen.

 

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Du hast zuvor als Kinderkrankenschwester gearbeitet. Wie war das und warum hast du danach noch mal den Job gewechselt?
Mit 19 war mir nicht klar, was ich mal werden sollte. Und ich war auch unreifer als vielleicht der ein oder andere. Hätte man mich mit 19 in die Universität gesetzt, dann hätte ich wahrscheinlich abgebrochen, weil ich dieses „kommste heute nicht, kommste morgen“ zu sehr verinnerlicht hätte.
Tja, ich habe auf meine Eltern gehört, die mir rieten, eine „ordentliche Ausbildung“ anzufangen, bevor ich irgendwas anderes mache. Ich meine, jeder geht seinen Weg und kein Weg ist gereadeaus. Also hab ich anfangs ohne mit dem Herzen dabei zu sein diese Ausbildung angefangen. Was soll ich sagen: Auch in dieser Zeit habe ich zwei bis vier Freunde fürs Leben gefunden. Drei Jahre lang schön behütet in den alten Gemäuern in Kaiserswerth, Toilette und Bad im Flur. Kleinere und größere Events ebenfalls. Einerseits versuchen, sich an Regeln zu halten und dann das eigene Großwerden zusammen mit Menschen, die Ähnliches geliebt und gehasst haben. Man musste nie alleine sein. Man hatte nie Geld (Krankenschwestern – Gebt denen mehr Kohle!), und so lernte ich ganz eindrucksvoll, Sachen zu schätzen. Und wir wurden kreativ. Zum Beispiel habe ich damals meine Wochenendausgaben durch Fußballwetten gerettet. Es war die Zeit, wo man mit den mühsam zurückgelegten Mäusen in den Plattenladen „Hitsville“ ging und unsagbar dankbar war für die eine Platte im Monat, die man sich leisten konnte.
Und dann die Krankenschwesternhierachie: genauso wie du’s dir vorstellst, noch schlimmer. Angeredet wurde man gerne einfach mit „die Schülerin“, und dann konnte der Satz weitergehen mit : „kann das ja machen“. Gerne auch so Zückerchen wie den Namen der Station in alle 250 Strampler sticken, wenn gerade mal nichts zu tun war. Heutzutage würde man sich vielleicht wehren, für mich gehörten diese Erfahrungen zum Großwerden. Ich möchte nicht einen Tag dieser drei Jahre missen! Inspiration. Flucht. Gemeinschaft. Platz. Wertschätzung. Respekt vor dem Leben und der Arbeit. Begegnungen.
Dann bin ich ja auch quasi direkt als ich in Köln war und endlich studiert habe mit meinem ersten Kind schwanger geworden. Den Vater kannte ich natürlich aus dem schönen Oberberg, seit meinem fünfzehnten Lebensjahr, und wir liebten uns, und nach dem ersten Schock gehörte uns die Welt. Wir hatten ja auch nichts zu verlieren, eben weil ich diese Topausbildung ja schon in der Tasche hatte. Und aus diesem Grund war’s dann auch voll gut, die Leute langsam aus der gemeinsamen WG zu schaufeln – natürlich gemeinsame Freunde aus dem schönen Oberberg – und unserer Familie ein Nestchen zu bauen. Und eben weil man nichts zu verlieren hatte, jung und gut drauf war, fluppte das dann alles. Ich wusste mit der Geburt meiner Tochter, was ich will. Beziehungsweise was ich nicht will, beziehungsweise was ich für meine Kinder sein will. Klassisch spießiges Familienidyll. Und das von Herzen.

Du hast mittlerweile zwei wundervolle Töchter. Was bedeutet dir Familie?
Alles. Einfach alles.

Gibt es bestimmte Grundsätze, die dir wichtig sind, nach denen du deine Töchter erziehst?
Keine bewussten. Ich bin für meine Töchter da, ich versuche, ihnen Dinge zu zeigen, die sie vielleicht in irgendeiner Art inspirieren, und ich liebe sie von Herzen!

Musik spielt in deinem Leben eine wichtige Rolle. Wenn du mir heute ein Mixtape machen würdest, was wäre drauf?
Heute. Okay.

Kate Templest: The Truth
Hannah Murray: I Just Want Your Jeans
Eden Abez: Surfrider
Diamond Rings: Runaway Love
Arab Strab: Tanned
Builders & Butchers: The Night Part II
The Kingbotes: Could You Tell Her For Me
Metronomy: Love Letters
Goldene Zitronen: Diese Kleinigkeit
Mystery Jets: One Night
Drowners: Pure Pleasure
Thee Oh Sees: Lens
Von Spar: Chain Of Command
Flight Of The Conchords: I’m Not Crying (My Eyes Are Just A Little Sweaty Today)
Lemonheads: Hate Your Friends
NOFX: For You Yy Heart Is Yearning
Fugazi: Closed Captioned
Ween: Even If You Don’t
Why: Dropjaw
Sleaford Mods: PPO Kissing Behinds
Killers : Joel The Lump Of Coal

Welches sind deine neuen Lieblingsmusiker oder -bands?
Die wunderbare Kate Tempest.

Und welches sind deine alten Lieblingsbands, die immer einen Platz in deinem Herzen haben werden, egal, was passiert?
Ween, They Might Be Giants, Weezer, Depeche Mode, Flight Of The Conchords.

 

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Welches ist das beste Konzert, auf dem du je gewesen bist?
Kann ich nicht sagen. Meine ersten drei Konzerte überhaupt waren A Subtle Plaque, die zufälligerweise zwei mal an den wenigen Abenden gespielt hatten, an denen meine Freundin und ich mit unseren größeren Freunden mit dem Auto nach Köln gefahren sind. Ohne Internet, dafür mit der Visions oder dem EMP-Katalog ausgestattet, war man ja dann auf die Coolheit der Größeren angewiesen, die einen mitnahmen. Aber meine Freundin und ich beziheunsgweise mein Freund und ich hatten immer Highlightkonzerte, oder anders gesagt: Wir haben die zu unseren persönlichen Highlights gemacht, weil wir nie einfach nur ein Konzert besucht haben. Immer erste Reihe und das eigene Fansein zur Show stellen. Muff Potter 1996, Mister T Experience, Undeclinable Ambuscade: Da haben wir zum Beispiel bei dem Song „Seven Years“ die Lyrics vorher auswendig gelernt, weil ein Freund uns erzählte, dass der Sänger immer nach jemandem fragt, der die weibliche Stimme singt. Das machte Konzerte zu besten Konzerten. Ich finde die Verbindung zwischen Künstler und Kunstliebhaber immer am Interessantesten. Und erstaunlich, dass unsere Freunde jetzt die Idole von früher fotografieren (wie Christian Faustus) oder bekochen (wie Julia Meier). Da schließt sich der Kreis. Ich würde nie auf ein Konzert gehen und mir eine Platte kaufen von Künstlern, die mir menschlich unsympathisch wären, oder deren Texte ich nicht mag. Das ist für mich das Wichtigste.

Du reist gerne. Welches war deine bisher schönste Reise?
Ich mag keine Superlative. Schönste Reise gibt’s nicht. Der Weg ist das Ziel.

Mit Malta scheint dich aber eine besondere Liebe zu verbinden, denn du warst schon oft da. Wie kommt’s?
Jetzt wo ich dir das so alles erzähle komme ich selbst erst drauf: Menschen, die einmal in meinem Herz sind, haben wenig Chance, da jemals wieder rauszukommen. Mit 14 war ich auf Sprachreise dort und habe Mark, Ian, James, Alison und Kristina kennengelernt, die alten Malterser, und seitdem besuchen wir uns. Einmal im Jahr sehen wir uns wohl.

Früher hast du in Köln gelebt, mittlerweile bist du wieder auf dem Land daheim. Lebst du gerne auf dem Land?
Mal mehr, mal weniger. Ich mag’s hier. Mich stören nur ein bisschen die vielen Nadelbäume und die Unanonymität auf dem Lande. Ich bin hier, weil meine Familie hier glücklich ist und ein Netzwerk hat. Ich nutze die Natur aber wohl leider nicht so sehr, wie man es könnte. Als ich in Köln gewohnt habe und wieder auf’s Land wollte – zurück in meinen Heimatort – träumte ich von wöchentlichen Walderdbeerpicknicks an Talsperren und vom Eingeschneitwerden. Die Realität ist eine andere. Nicht die schlechteste.

In deinem Heimatort gehörst du zu den Leuten, die sich für das Entstehen eines Skateparks stark gemacht haben. Warum war dir das wichtig und wie ist der Stand der Dinge?
Der soll 2016 stehen. Wichtig, weil ich finde, dass die Stadt nicht nur etwas für die Generation 60 plus tun sollte, sondern auch Angebote für 20 minus bieten muss. Ich finde, Skateboardfahren macht selbstbewusst, und genau solche Kinder und Jugendliche brauchen wir.

 

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Was macht dich glücklich?
Mit den Leuten, die ich liebe, Zeit zu verbringen.

Was inspiriert dich?
Musik. Kunst. Wetter. Kinder. Frisuren. Essen. Literatur.

Was ist der Sinn des Lebens?
Immer weiter gehen. Auf sein Herz hören? Ich weiß es doch auch nicht.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Alle Fotos: privat.