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Gunnar, 40, Köln

Mein Smartphone weckt mich immer mit dem Spruch „How bad do you want it?“

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Gunnar! Ich kenne dich als Interviewer und Youtuber, hauptberuflich bist du Lehrer, du befasst dich mit philosophischen Themen und du schreibst. Du hast also viele Talente und Interessen. Warum bist du Lehrer geworden? Was schätzt du an deinem Job?
Das Schlimme am Schreiben ist ja, wenn man nicht Melanie Raabe ist, dass man nicht weiß, ob da draußen tatsächlich jemand ist, der das Ergebnis all deiner Mühen überhaupt bemerkt. Arbeitet man jahrelang in stiller Einsamkeit am Küchentisch vor sich hin und niemand wird jemals lesen, was du zu Papier bringst. Und wenn es jemand liest – vielleicht wird es ihm nicht einmal gefallen. Vielleicht wird es niemandem etwas bedeuten. Und wenn es jemandem etwas bedeutet – vielleicht wird dieser Mensch sich nie bei dir melden …
Auf Youtube ist das anders: Du siehst recht bald, wie viele Menschen sich das angucken, oft auch, wie es ihnen gefällt, und sie geben dir manchmal Feedback. Kann Fluch oder Segen sein. In der Schule ist es aber noch krasser: Du siehst IMMER, wer dir zusieht und dich bemerkt, du bekommst SOFORT mit, was deine Mühen bei anderen bewegen, und Feedback bekommst du auch unmittelbar – manchmal etwas unmittelbarer, als es eigentlich nötig wäre, aber okay …
Das Problem in der Schule (bei Youtube auch ein wenig) ist allerdings: Was wird das Ganze in hundert Jahren noch wert sein? Niemand wird deinen Namen kennen, niemand wird sich deiner erinnern. Beim Schreiben dagegen kannst du dir stets Hoffnung machen, auch (oder erst) von späteren Generationen geliebt und verehrt zu werden. Und sei es, weil die dann einen guten Lehrer haben, der ihnen deine Werke zur Pflichtlektüre macht.
So gibt mir die Mischung aus Schreiben, Youtube und Unterrichten das Beste aus allen Welten – und das Schlimmste.

Gab es im Job bisher ein besonders schönes (interessantes, prägendes) Erlebnis?
Letzte Woche fragte ich im Philosophiekurs: „In welchen Momenten eures Alltags wird euch klar, dass es an euch selber liegt, den Sinn eures Lebens zu finden?“ – Und ein Schüler sagte: „Immer, wenn ich Sie sehe, Herr Kaiser.“
Es hat mich geprägt, weil ich immer noch nicht weiß, ob es ein Lob oder eine Beleidigung sein soll.
Ansonsten: Die schönsten Epic Fails von Gymnasiasten. „Amphibientheater“, „Auf welcher Insel ist Iphigenie auf Tauris noch mal gelandet?“, „Was fehlt euch in der Schule am meisten? – WLAN!“ u. v. m.

Was hat dich bewogen, auf Youtube aktiv zu werden?
Dagibee, John Green und Stefan Molyneux. Weil man offensichtlich viele Menschen mit dem größten Quatsch erreichen kann, Schreiben und Youtube-Kacke miteinander verbinden kann und auch vor einem Millionenpublikum stundenlange philosophische Gespräche führen kann – Make Youtube Sokrates’ Marktplatz again!

Als Autorin interessiert mich natürlich vor allem auch dein Schreiben. An welcher Art von Texten arbeitest du?
Zurzeit sitze ich an einem philosophischen Sachbuch mit dem Titel „Soll ich bleiben oder gehen?“ – weil wir uns alle schließlich diese Frage immer wieder stellen müssen, in der Liebe, im Job, in der Oper, im Leben … und Philosophinnen und Philosophen haben das auch getan und uns mit ihrem Schicksal und Denken ein paar gute Beispiele und Tipps hinterlassen, ab wann wir nicht mehr sagen können: „Ach, ich versuch es noch mal mit diesem Typen“, sondern: „Haaaalt stop, jetzt gehe ich!“

Klingt spannend! Hast du Lieblingsautoren?
Seit zwei Jahrzehnten ist alle Literatur nur noch eine Reihe von Fußnoten zu Hermann Hesse, wie ich einen Ausspruch von Alfred North Whitehead abwandeln möchte. Die üblichen Verdächtigen sind tote weiße Männer: Thomas Mann, Rilke, Sandor Marai. Unter den Lebenden: Paul Auster und Philip Roth.

Gibt es ein Buch, das du besonders gerne verschenkst?
Für Schüler, die ich mag: Erich Fromms „Haben oder Sein“. Weil ich immer hoffe, sie werden dadurch so wie ich. Klappt zum Glück nie. Für alle anderen: „Lob des Müßiggangs“ von Bertrand Russell. Selbst wenn sie es nicht lesen, kann sie der Titel noch inspirieren, nichts zu tun. Zu Weihnachten: „Niels Lyhne“ von Jens Peter Jacobsen.

Welche Philosophen faszinieren dich besonders?
Seit einiger Zeit Murray Rothbard, der sich mit der Möglichkeit einer freien Gesellschaft befasste. Ich finde das das Wichtigste auf der Welt: Die nächste Diktatur zu verhindern.
Ansonsten versuche ich, die Klassiker der Lebensweisheit in einer kleinen Reihe auf Youtube vorzustellen: Laotse, Epiktet, Seneca, Schopenhauer, R. W. Emerson, Eckhart Tolle, Wayne Dyer …

Wenn ich dich in zehn Jahren anrufe – wo erwische ich dich im Idealfall? Wie sieht dein Leben dann aus?
Möchtest du im Sommer anrufen? Dann in Cornwall am Meer oder in Brandenburg am See. Im Winter bin ich wohl auf Lesereise, ansonsten aber gerne in meinem Stadthaus in Hampstead … Die Frage ist natürlich: Wie teilt man die Bücher auf, wenn man zwei Wohnungen hat? Oder alles doppelt kaufen?

Zurück zu den Ursprüngen: Wo und wie bist du aufgewachsen?
Die jungen Leute von heute würden wohl „im Ghetto“ sagen, obwohl meine Gang und ich das damals nicht so empfunden haben: Köln, das Ehrenfeld der achtziger Jahre (noch ohne Literaturcafé und BoBos, dafür konnte man in den offenen Schächten der U-Bahn spielen, die damals unter der Venloer Straße gebaut wurde); und Köln, das Chorweiler der neunziger Jahre (das sich offenbar kaum verändert hat, zumindest nicht zum Besseren). Nicht weit von da weggekommen zu sein halte ich für den größten Makel meines Lebens.

Wie warst du als Kind?
Ich habe mal gehört, dass Einzelkinder, die von alleinerziehenden Müttern allein erzogen werden, dazu neigen, sehr fügsam zu sein – um Streit und heikle Situationen zu vermeiden.

Und wie war deine Jugend?
Und dann hab ich gehört, dass diese Kinder aber in der Pubertät so tun, als wären sie John Bender aus dem Film „Breakfast Club“ und sich Schals um die Knöchel wickeln und sich über alles lustig machen und zwanghaft keine Autorität anerkennen wollen …

Was bedeutet dir – als Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter – Familie?
Ich kann mich in Familienromane und Family Soaps, Filme wie „Little Miss Sunshine“ und überhaupt alles, wo es um die Tücken und Klippen des Familienlebens geht, nur schwer einfühlen. Dieses liebenswerte Drunter und Drüber, diese Anstrengung, mit dem anderen zurechtkommen wollen – das kommt mir immer etwas künstlich vor. Ist bestimmt etwas Frühkindliches …

Was inspiriert dich?
Alleine sein. Eigentlich egal wo. Beim Wandern, im Café, bei McFit. Irgendwann kommt dann schon eine Idee, wenn der Kopf frei ist vom Geschwätz des Alltags.

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Ich verstehe „schwärmen“ mal als „sexuell attraktiv“ finden (wahrscheinlich ist die Frage anders gemeint, oder?). Von privaten Menschen aus meinem Privatleben mal abgesehen: Grace Kelly, Paul Newman, Hélène Grimaud, Sandra Bullock, Casey Affleck, Daniel Schreiber …

Was macht dich glücklich?
Einen ganzen Tag nur für sich gehabt und ihn zum Schreiben genutzt zu haben.

Was ärgert dich maßlos?
Wenn ich einen ganzen Tag nur für mich gehabt und ihn nicht zum … ach, na ja. Eigentlich ärgere ich mich, wenn überhaupt, dann über mich. Und wenn man zu selbstbezogen ist. 😉
A propos selbstbezogen: Einmal habe ich mich über ein Telefonat geärgert, das ich im Zug mitgehört habe. Der Typ sagte: „Wunder dich nicht, wenn du gleich weg bist, hier kommt gleich ein Funkloch.“ Diese Formulierung fand ich das Inbild von Ich-Bezogenheit, und das hat mich maßlos geärgert.
Ach ja, und: Maßlosigkeit. Wenn Leute keine Grenzen kennen. Einem zu nahe kommen. Aufdringlich sind. Im Zug telefonieren. Ist bestimmt was Frühkindliches …
Ach ja, und: Dass Daniel Kehlmann jünger ist als ich.

Wenn du für einen Tag der Präsident des Planeten Erde wärst: Was würdest du veranlassen?
Präsident wie in „Karnevalspräsident“? Oder wie in „Präsident der Vereinigten Staaten“? Wenn ich der Karnevalspräsident der ganzen Welt wäre, den sich die Mitglieder freiwillig ausgesucht haben, dann müssten alle an diesem Tag vegan leben (ich würd’s dann auch mal versuchen).
Wenn ich ein Präsident wäre, der auch über die bestimmen müsste, die ihn nicht gewählt haben, würde ich mein Amt niederlegen. Vielleicht würde ich die weltweit übertragene Abdankungsrede noch zur Promotion eines Thrillers von Melanie Raabe nutzen … falls das Buch das überhaupt nötig hätte.

Vielen Dank auf jeden Fall! Promo nehme ich immer gerne mit!
Hast du eigentlich ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Mein Smartphone weckt mich immer mit dem Spruch „How bad do you want it?“

Super Idee, ich glaube, die übernehme ich. Hast du Vorbilder?
Ich weiß nie, ob Vorbilder eher hinderlich sind, weil man nicht mehr seinen eigenen Weg geht (und weil man nur neidisch ist und sagt: „So könnte ich nie sein.“), oder ob sie doch eher anspornen. Ich würde gern immer um 4 Uhr morgens aufstehen können wie Haruki Murakami. Ich wäre gern so ein gebildeter älterer Mann wie Alfred Brendel. Ich hätte gerne so volles Haar wie Sir Simon Rattle oder Steven Pinker. Vor allem aber würde ich gerne im Haus von Paul Auster in Park Slope leben. Er, Siri und Sophie können ruhig da wohnen bleiben; ich würde im Wohnzimmer schlafen.

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Als Junge hatte ich mal einen Freund, dem sind immer nur interessante Sachen passiert. Total witzige. Haarsträubende. Ich habe mich lange Zeit gefragt, wie er das macht. Bis ich darauf gekommen bin, dass er entweder lügt oder einfach nur sehr gut erzählen kann (oder beides). Letzteres kann ich leider nicht. (Aber ich habe mal eine Biene in Honig ertrinken sehen.)

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Ich glaube, die mit der Biene und dem Honig. Da verstand ich.

Was ist der Sinn des Lebens?
Hallo? Die Biene …? Der Honig …? – Nicht? Dann möchte ich gerne den Telefonjoker anrufen.

Und welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine echt gute Antwort parat gehabt hättest?
„Wie findest du es, dass du bei diesem Interview mitmachen darfst?“


Das Interview führte Melanie Raabe.

Foto: privat

Mehr von Gunnar gibt es auf http://www.gunnarkaiser.de und auf https://www.youtube.com/user/KaiserFEGBonn

Sasha, 39, Köln

Ich habe mich damit abgefunden, dass das Leben herrlich sinnlos ist, was auf mich sehr befreiend wirkt.

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Foto: Eva Kruse-Bartsch

 


Sasha! Du bist zum einen bildende Künstlerin – du malst klassisch mit Farben, du machst Street Art und du malst mit Licht. Erzähl doch ein bisschen, wie es dazu gekommen ist und was du an der bildenden Kunst liebst.

Sie bildet. Kunst macht das Leben schöner und manche Realität erträglicher. Wie wäre denn das Leben ohne Kunst? Es ist deprimierend, wenn man das Leben nur auf das Stillen der Grundbedürfnisse und auf die Funktion reduziert. Kunst fängt dort an, wo es Fülle gibt. Innere oder äußere. Kunst entspannt, regt an und bereichert. Sie ist durchaus lebensbejahend und bewegend. Sie steht über Politik und Grenzen, Sprachbarrieren und Regeln. Diese Sprache ist für jeden offen.
Es ist eine Welt, in der keine Lüge existiert, weil in der Kunst alles erlaubt ist.
Für mich ist Kunst ein Rätsel. Ich liebe auch die unendlich vielen Ausdrucksformen und Möglichkeiten. Kunst gibt mir die Möglichkeit, mich selbst zu kultivieren, zu entwickeln und neu zu entdecken, mich selbst zu überraschen.
Wie ist es dazu gekommen…? Als Kind habe ich gerne gemalt, wie jedes Kind es tut, dann habe ich ein paar Techniken gelernt und angefangen, meine Ideen zu realisieren. Dieser Prozess ist bei mir sehr langsam. Es gab Stadien in meiner Arbeit, in denen ich meine Träume, Depressionen, Ängste oder Beziehungen zum Ausdruck brachte. Ich arbeite mit dem, was gerade da ist, und wenn es zu persönlich ist, behalte ich es für mich. Manchmal bin ich voller Taten, manchmal ist es lau.
Seit 2007 male ich auch mit Licht, was sich technisch sehr von der klassischen Malerei unterscheidet, allein schon deshalb, weil du gar nicht vor dir siehst, was du gerade gemalt hast. Es wird erst später auf dem Foto sichtbar, und wenn es nicht gelungen ist, dann machst du es noch mal. Meine Kollegen von Lichtfaktor (Kölner Kollektiv von Light-Painting-Künstlern, Performern, Fotografen und Medienkünstlern, Anm. der Bloggerin) scherzen, dass ich nie zwei Sachen gleich malen kann…

 

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„Dream“ by Sasha Kisselkova

 


Außerdem schreibst du. Was liebst du am Schreiben?

Am Schreiben generell liebe ich meistens die Dinge, auf die ich ohne das Schreiben nicht kommen würde. Sie entstehen im Prozess. Durch das Schreiben lerne ich viel.
Schreiben ist auch Magie. Mich fasziniert, dass die Worte, die so immateriell sind, so eine unglaubliche Kraft haben können. Überhaupt: Die Sprache ist ein mächtiges Instrument. Und jede ist so anders. Jede hat eigene Dynamik und Atmosphäre. Auf Russisch schreibe ich ganz anders als auf Deutsch.
Außerdem ist es, praktisch gesehen, die günstigste aller Künste: fürs Schreiben brauchst du nur deinen Kopf, Papier und Stift, und dann hast du eine Welt erschaffen. Ist das nicht göttlich?
Dazu habe ich die Möglichkeit, mehrere Leben zu erleben und verschiedene Welten und Zeiten zu bereisen. Alles aus meinem Zimmer. Ich kann eine Königin oder eine Kriminelle werden, Mann oder Frau, oder beides, so wie ich will… und es ist alles genehmigt.

Wer sind deine Lieblingsautoren und warum?
Ich mag alles von zeitloser Klassik bis zu Unterhaltungsliteratur. Und ich liebe Märchen. Vor allem liebe ich Bücher, an deren Ende man traurig ist, dass die Geschichte vorbei ist.
Ich liebe Leo Tolstoi. Seine Beschreibungen und seine Liebe zum Detail sind unglaublich präzise. Es ist so spannend, in seine Welten einzutauchen und sie zu erleben, zu schmecken und zu riechen. Eigentlich hast du keine Wahl, er zieht dich hinein und lässt nie wieder los. Es gibt keine einzige Zeile, die ich kritisieren könnte. Durch seine Werke spricht er direkt zu deinem Unterbewusstsein.
Ich mag Dostojewski für sein Verständnis des Abgründigen in der menschlichen Seele und seinen schwarzen Humor, der manchmal so gnadenlos peitscht.
Mikhail Bulgakov hat mir damals in seinem „Meister und Margarita“ einen Anstoß gegeben, die Dinge neu zu betrachten.
Verwirrender Kafka, er erinnert an die Träume, die ich nie geträumt habe.
Mit Daniil Charms könnte ich sterben vor Lachen. Ich bin aber der Meinung, dass er nur auf Russisch funktioniert.
…Ilf und Petrov mit ihrem unverschämten Humor und ihren scharfsinnigen Beobachtungen der Absurditäten und mit ihrer Liebe zum Abenteuer, mit herrlichen Halunken und spitzfindigen Namen.
…Hermann Hesse mit seinen Seelenwanderungen und dem Drang nach Realisierung des Selbst.
Ich liebe Kortazar für die Alternative, die er in seinen Werken anbietet, für das Gefühl, was Leben bedeutet. Er hat mir mal den nötigen Tritt in den Hintern gegeben.
Salinger lese ich immer wieder. Er ist unsterblich.
Michael Ende finde ich toll. Er zeigt Kindern tolle Welten und geißelt die Erwachsenen für die verlorene Lebensfreude.
Mark Twain und Astrid Lindgren begleiten mich seit meiner Kindheit. Und autorenlose Märchen aus aller Welt, vor allem die Russischen.
Das erste Buch, aus dem ich vorgelesen habe, war das Dschungelbuch von Rudyard Kipling! Ich las das im Kindergarten für alle Kinder vor. Da waren noch ganz tolle Illustrationen drin…
Jorge Louis Borgues, Haruki Murakami, Gillian Flynn, Fred Vargas, Sir Arthur Conan Doyle, F.S. Fitzgerald… die Liste könnte unendlich lang werden. Und nicht zuletzt Melanie Raabe, die so gut wie gar nichts braucht, um eine Geschichte spannend zu gestalten. (Ich werde rot. Danke! Anm. der Bloggerin)

Wer sind deine Lieblingskünstler und warum?
Diese Palette ist auch sehr bunt, von Botticcelli und Bosch bis zu modernen Comic-Zeichnern und Streetart-Künstlern. An manchen Künstlern fasziniert mich die Technik, an den anderen die Aussagen und Ideen.
Ich liebe Gerhard Richters Wirkung auf mich. Jedes Mal, wenn ich ein Werk von ihm betrachte, bin ich verwirrt. Er ist ein Großmeister der modernen Kunst.
An Picasso mag ich mehr seine revolutionäre, unabhängige Art, seine Frechheit, die sich in seiner Kunst spiegelt, als seine Kunst selbst.
Ich mag Banksy. Ich hatte sogar dieses Jahr das Glück, sein Dismaland zu besuchen. Er präsentierte dort die Werke von ungefähr 50 Künstlern, und jeder von ihnen war erste Sahne! Es war ein großartiges Erlebnis.
Ich liebe Ernst Fuchs. Ich war eine Zeit lang so begeistert von der Energie in seinen Bildern und seinem Leben, dass ich auf einer Ausstellung von ihm an nichts anderes denken konnte, als ihn darauf anzusprechen, mich als Schülerin aufzunehmen. Ich habe mich nicht getraut.
Nikolai Roerich hatte ein unglaublich feines Gefühl für Licht und Farbe. Alles ist bei ihm so leuchtend und majestätisch still. Ich hätte gerne ein Bild von ihm!
Ich mag Faith47 dafür, dass sie meistens ihre großartigen Werke in Ghettos für die armen Menschen malt.
Die mutige Marina Abramovic. „The Artist is Present“ war meiner Meinung nach eine Heldentat. Die Frau ist großartig.
Dave McKean ist Kafka in der Kunst, er hat seine absolut eigene, unverkennbare Traumwelt und ist ein vielseitiger Künstler dazu.
Jon J. Muth ist ein sehr atmosphärischer Comic Gestalter. Er beherrscht verschiede Techniken von Aquarell bis Kalligrafie mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Ich mag auch, dass er seine Frau in jede Geschichte reinmalt.
Jim Avignon ist für mich ein Freund und ein Geheimnis. Er scheint an der Quelle der Ideen sein Haus gebaut zu haben und in einer anderen Zeitdimension zu leben. Sein Tag hat wahrscheinlich 40 Stunden… Ich weiß gar nicht, wann er das alles schafft. Er kann innerhalb eines Tages jede Halle mit tollen Bilder füllen und macht noch ein Konzert dazu.
BLU spiegelt unsere Gesellschaft auf riesigen Mauern. Mit wenig Mitteln bringt er es immer auf den Punkt.
DRAN finde ich so, so, so witzig. Ich liebe seine bösen Bilder.
Andy Kaufman finde ich genial und sehr überzeugend.
Und ich bin ein großer Fan von Steven Jay Russell, auch wenn er kein Künstler im traditionellen Sinne ist, eher ein Lebenskünstler. Ich finde, man sollte ihn frei lassen!
Ich liebe Vivienne Westwood, Yayoi Kusama, Scott Hampton, Raymond Lemstra, Laszlo Milasovszki, Trisha Brown, Nick Cave und viele mehr.
Und ich stehe auf alle jungen Künstler, die unsere Städte und Straßen schöner machen und uns zum Nachdenken und zum Lächeln bringen.

 

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Light Painting für Lichtfaktor by Sasha Kisselkova

 


Wo und wie bist du aufgewachsen?

Ich bin in Sibirien groß geworden. Oft umgezogen. Viel Zeit im Wald verbracht. Vielleicht zu viel. Im Winter und im Sommer war ich immer draußen. Ich habe viele tolle Orte und geheime Verstecke entdeckt. Ich erinnere mich nicht daran, dass meine Eltern ständig auf mich aufgepasst haben, so hatte ich völlige Freiheit. Ich hatte immer viele Tiere um mich herum. Hunde, Katzen, Vögel. Ich durfte jedes Tier mit nach Hause nehmen. Ich habe auch sehr viel gemalt und seit meinem fünften Lebensjahr viel gelesen.

Wie warst du als Kind?
Sehr neugierig und nicht besonders sozial. Ich war ein wenig wild, als ich mit sechs für ein Jahr in den Kindergarten musste. Aus dem Wald in die schreiende Zwergenmenge, es war hart. Ich habe dort sogar ein Mädchen gebissen, weil sie mir ein Buch über Papagaienarten weggenommen hatte und nicht zurückgeben wollte. Sie war größer als ich und wedelte vor mir mit dem Buch und provozierte mich mit „Na, hol es dir!“. Wir wurden danach beste Freundinnen.
Ich bin ständig aus solchen Anstalten wie Kindergarten oder Schule weggerannt und habe nach Abenteuern und Freiheit gesucht. Wenn ich keine Mitstreiter fand, machte ich es allein. Einmal rannte ich aus dem Kindergarten weg, weil ich keinen Mittagsschlaf halten wollte. Es war ein wunderschöner Herbsttag, rote und gelbe Blätter bedeckten den Boden, die Sonne schien, die Luft kann ich jetzt noch riechen und die Geräusche hören… ich nahm meine Sachen und floh durch das Toilettenfenster. Am Abend wurde meine Idylle mit Gebell von abgerichteten Hunden zerstört…
Ich glaube, ich war kein Traumkind für meine Eltern, wir hatten viele Konflikte, aber es war nie langweilig.
Ich war sehr wissbegierig und stellte viele Fragen. Lernen fiel mir sehr leicht, mich zu benehmen sehr schwer. Ich hatte ein riesiges Problem mit Autoritäten… Später hatte ich gute Freunde, mit denen ich sehr viele Dinge ausprobiert hatte, für die meine Eltern sich geschämt haben. Ich hoffe, sie werden eines Tages noch richtig stolz sein.

Was hat dich nach Köln verschlagen?
Es ist eine lange und gefährliche Geschichte. 😉 Um sie kurz zu halten und nicht zu viel dazu zu erfinden – die Lebensumstände waren so, dass ich umziehen musste, aber ich hatte auch nichts dagegen. Also betrachte ich es im Nachhinein als ein spannendes Abenteuer.

Was magst du an Köln?
Köln ist offen und international. Diese Stadt ist sofort mein Zuhause geworden. Es war die Liebe auf den ersten Blick, auch wenn die Stadt an sich nicht so viele schöne Anblicke anbietet – die Menschen hier sind fantastisch. Und der Dom!

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Eine dieser Personen ist meine liebste Freundin. Über Menschen wie sie sagt man, alles was sie anfassen, wird zu Gold. Außerdem hat sie eine tiefe Einsicht, kombiniert mit dem feinsten Sinn für Humor. Sie sollte Bücher schreiben!
Ich schwärme für den großzügigen Jay Gatsby (Protagonist aus F. Scott Fitzgeralds Roman „The Great Gatsby“, Anm. d. Bloggerin)
Ich liebe und bewundere Alexandra David-Neel. In ihre Zeit hatte sie so krasse Reisen unternommen, die für einen Mann schon fast unmöglich waren, geschweige denn für eine Frau. Als Jugendliche ist sie von Zuhause abgehauen, um von Frankreich nach Spanien mit dem Fahrrad zu reisen. Mit 57 ist sie zu Fuß nach Tibet gegangen, verkleidet und getarnt, weil Tibeter keine Ausländer hinein ließen. Sie war die erste westliche Frau, die dieses Land betrat. Sie ist mit fast 101 gestorben.
Jesus finde ich richtig cool. Aber nicht den leidenden, den man auf den Ikonen sieht, sondern den 100 Prozent lebendigen, freien und rebellischen.
Ich schwärme für Nick Cave. So ein vielseitiger, eigenartiger Künstler und intelligenter Mann. Es tut mir sehr, sehr leid, dass er seinen Sohn verloren hat.

Was ist das Schönste oder Aufregendste, das dir jemals passiert ist?
Das behalte ich für mich.

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Dass ohne schlechte Ereignisse manche guten Dinge nicht geschehen würden.

Erzähl etwas über deine bisher schönste, interessanteste und/oder aufregendste Reise!
Ich hoffe sie liegt noch vor mir. 😉
Aber ich denke immer wieder gerne an eine abenteuerliche Reise, die ich mit einer Freundin unternommen habe. Es war eine 17 Stunden lange Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Der Zug war voll, und wir bekamen keine Schlafplätze in einem geschlossenen Abteil, sondern ganz schlechte Sitzplätze im offenen Waggon neben der Toilette. Es war voll und lustig, es gab viele nette Mitfahrer. Einige hatten Musikinstrumente dabei, und wir sangen zusammen. Irgendwann, fast betäubt von Toilettengerüchen, sind wir in einen anderen Waggon gegangen, der besser war als unserer, lernten dort neue Menschen kennen und haben angefangen, mit ihnen über Gott und die Welt zu diskutieren. Die angesprochenen Themen führten zu großen Meinungsverschiedenheiten und kamen nicht gut bei der Zugpolizei an, den Kosaken. Wir wurden als Unruhestifter verhaftet. Sie brachten uns mit einem Konvoi in ihren komfortablen Polizeiwaggon, sperrten uns dort ein und stellten einen Wachmann vor die Tür. Zwei Kosaken saßen mit uns im Abteil. Erst haben wir über unsere Rechte diskutiert, die Situation und die Kosaken ausgelacht, was zu einem Redeverbot führte. Wir haben es auch ohne zu reden sehr gut verstanden, dass wir diese Reise ziemlich gemütlich fortsetzen können, wenn wir standhalten. In unserer Haft aßen wir gute Hausmannskost, konnten ausschlafen und haben uns dabei ordentlich beschwert über die Einschränkungen. Erst am Ende der Reise haben wir ihnen verraten, was für einen großen Gefallen sie uns getan haben. Zu dem Zeitpunkt haben wir uns schon fast befreundet und zusammen beim Biertrinken Karten und Domino gespielt.

Was inspiriert dich?
Liebe, Gerüche, Essen, Sounds, neue Erfahrungen aller Art, starke Charaktere.

Hast du Vorbilder?
Nicht wirklich. Es gibt Menschen, die ich liebe und Künstler, die ich bewundere, aber ich möchte die beste Version meiner Selbst sein.

Was macht dich glücklich?
Verliebt sein. Achtsamkeit, meine eigene und die der anderen. Ein gut gelungenes Projekt. Im Flow sein. Über eigene Grenzen hinaus gehen. Reisen. Kreieren. Erfüllte Träume. Tief berührt sein. Kleinigkeiten. Ich habe da eine Liste, die fünf Seiten lang ist.

Was ist der Sinn des Lebens?
Liegt er in der Vergänglichkeit? Oder vielleicht darin, das Leben schöner und spannender zu gestalten drum herum? Die Dinge zu schätzen, die man hat?
Ich habe als Teenager intensiv danach gesucht und bin verschiedenen Ideen gefolgt, habe Freunde mitgezogen. Ich habe alles Mögliche, aber keinen Sinn gefunden, und ich habe mich damit abgefunden, dass das Leben herrlich sinnlos ist, was auf mich sehr befreiend wirkt. So oder so muss man irgendwann alles loslassen.

Welche Frage habe ich vergessen zu stellen – und das, obwohl du so eine gute Antwort darauf gehabt hättest?
Ich hätte eher gerne eine Antwort gewusst. Was ist für dich der Sinn des Lebens?

 

Mehr über Sasha gibt es auf: https://www.behance.net/foryou 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Eva Kruse-Bartsch. Bilder: Sasha Kisselkova.

 

Leigh, New York City

“ I believe in everything until it’s disproved.

Foto: Agata Domanska

Foto: Agata Domanska

Leigh Martha is a german-american Actor and Singer based in NYC“, verrät deine Facebookseite. Aber du stammst nicht aus New York, oder? Wo bist du aufgewachsen?
Nein, ich bin im wunderschönen Rheinland aufgewachsen, in Krefeld. Dort wurde ich bilingual von meinen Eltern erzogen, meine Mutter stammt aus den USA und mein Vater aus dem Ruhrgebiet. Aber ich habe sehr viel Familie hier in den USA, die meisten sind rund drei Stunden entfernt, daher fühle ich mich sehr zu Hause.

Wie warst du als Kind?
Meine Eltern würden sagen ein Wirbelwind! Ich auch. Immer unterwegs, und zwar nicht gehend, sondern laufend. Zum Glück hatten wir einen tollen Garten hinterm Haus, in dem ich herumtollen konnte.

Wolltest du schon immer auf die Bühne oder vor die Kamera?
Da ich so ein quirliges Kind war, haben meine Eltern ziemlich früh Hobbys für mich gesucht und haben dieses tolle Kinder- und Jugendtheater der Musikschule Krefeld gefunden. Das war mein zweites Zuhause ab meinem siebten Lebensjahr. Dort manifestierte sich dieser tiefe Wunsch, immer auf der Bühne stehen zu wollen. Meinen Aha-Moment hatte ich mit 12 Jahren, als ich Peter Pan spielen durfte. Ich konnte mir plötzlich nichts anderes vorstellen, als mir meinen Traum zu erfüllen und ein Leben lang auf der Bühne zu stehen.

Wie war deine Jugend?
Wenn ich an meine Jugend denke, erinnere ich mich an meine Freunde von der Schule und vom Theater. Ich war ständig unterwegs, hatte neben der Schule viele Hobbys und hatte einen bunt gemischten Freundeskreis. Ich glaube, wenn man in seinen „Teens“ ist, ist das Leben sehr schwierig. Erste große Liebe, Schule – in meinem Fall vor allem Mathe – viele Fragen über die Zukunft: Wer bin ich überhaupt? Wo ist mein Platz in diesem Universum? Was ist der Sinn des Lebens? Wo geht’s hin nachdem Abitur? Aber es ist auch wiederum einfach eine genial Zeit, wenn man ein Netzwerk von Gleichgesinnten um sich hat. Meinen Freunden habe ich eine wahnsinnig tolle Jugend zu verdanken.

Was bedeutet es für dich, Deutschamerikanerin zu sein? Fühlst du dich eher deutsch oder eher amerikanisch (falls man das so einfach beantworten kann)?
Diese Frage habe ich bis heute nicht für mich beantworten können, und für einen Großteil meines Lebens habe ich mich auf der Suche nach einer Antwort fast verrückt gemacht, statt einfach glücklich zu sein mit dem Wirrwarr. Jetzt sehe ich es so, dass meine emotionale Seite die amerikanische ist und meine logische Seite die deutsche, eine perfekte Mischung.

Wie würdest du dich in drei Worten beschreiben?
Ich bin mir nie sicher, ob Adjektive auf mich zutreffen. Ich würde sagen, dass ich eine Kombi aus Glitzer, Gummibärchen und einer Trauerweide bin.

Was hat dich dazu bewogen, nach New York zu ziehen?
Ich hatte immer dieses Gefühl, dass mir was gefehlt hat in Deutschland. Ich konnte es nie benennen, bis ich mich wirklich für den Schritt entschieden hatte, alles zurückzulassen und in den Flieger zu steigen. New York City fühlte sich von Anfang an wie mein zu Hause an, ich musste es nicht erkämpfen, das Gefühl war einfach da.

Wie ist das Leben in New York? Was magst du? Was nervt dich?
Ich liebe mein Leben hier, aber es ist definitiv nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das Schauspielerleben ist unglaublich schwer in dieser Stadt, jeder Tag ist neu und ein Abenteuer, wenn man es zulässt! Ich liebe NYC für die Offenheit, für die Möglichkeit, dass man sein Leben an einem Tag komplett verändern kann, für das Gefühl angekommen zu sein. Mich nervt an NYC, wie schnell man in diesen Teufelskreis verfallen kann, dass man Geld braucht zum Überleben – diese Stadt ist sehr teuer – und dafür einen Job annehmen muss. Und dass man dann plötzlich keine Zeit oder Energie mehr hat, das zu machen, was man eigentlich will. Es ist ein schwieriger Balanceakt, der unglaublich frustrierend sein kann. Aber die Liebe für diese Stadt überwiegt.

Wie sieht ein ganz normaler Tag in deinem Leben aus?
Schwierig zu sagen, ich habe in NYC fast zwei Leben. Ich arbeite drei Tage die Woche als Barkeeper in einem französischen Bistro in Brooklyn, um meinen Traum finanzieren zu können.
Die restlichen vier Tage bin ich Leigh die Schauspielerin. Ich wache auf in meiner Wohnung in Brooklyn und brauche erst einmal eine riesige Tasse Kaffee. Parallel suche ich nach Auditions und bewerbe mich für alles von Theater über Synchronsprechen bis hin zu TV. Oft gibt es Open Calls für Musicals oder Schauspielstücke in Manhattan, und da zieht es mich dann hin – und das Warten beginnt. Irgendwo in einer Schlange mit 300 anderen Schauspielern wartend auf der Straße, um dann 16 Takte vorsingen zu dürfen! Ich höre nie auf zu lernen, nehme so viel Unterricht wie nur möglich, ich hab zwar in Deutschland studiert, aber: „NYC is a different animal“! Momentan probe ich für ein neues Musical namens „Ghostlight“. Ich spiele die Hauptrolle Olive Thomas, es ist ein aufregender Prozess, neuer Musik Leben einzuhauchen. Wir haben zwei Wochen Zeit, alles einzustudieren, und Ende des Monats gibt es dann ein öffentliches Staged Reading in einem kleinen Theater. AUFREGEND!

Wie sähe ein perfekter Tag für dich aus?
Ui! Was ist schon perfekt? Haha! Ich glaube, ein perfekter Tag in meinem Leben sähe so aus, dass ich in meiner Wohnung in Brooklyn aufwache, meinen morgendlichen Kaffee trinke und mich dann auf den Weg zur Probe in Manhattan mache und am Abend eine Show am Broadway oder Off-Broadway spiele. Und danach mit einem Lächeln im Gesicht die Subway nach Hause nehme! Das wäre gigantisch!

Was inspiriert dich?
Meine Familie und meine liebsten Freunde inspirieren mich jeden Tag aufs Neue.

Hast du ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
„I believe in everything until it’s disproved. So I believe in fairies, the myths, dragons. It all exists, even if it’s in your mind.Who’s to say that dreams and nightmares aren’t as real as the here and now.“ – John Lennon

Hast du Vorbilder?
Meine Mutter Ruth ist für mich ein riesiges Vorbild. Wenn ich mal erwachsen bin, möchte ich so sein wie sie. Sie hat mich dazu inspiriert, Deutschland zu verlassen und meinen Traum zu erfüllen. Sie hat die USA verlassen, um ihren Traum zu erfüllen und hat in Deutschland ihr zu Hause gefunden.

Was ist dein größter Traum?
Mein größter Traum ist es, als Schauspielerin hier in NYC zu leben und überleben zu können.

Was ist der Sinn des Lebens?
Ich glaube, der Sinn meines Lebens ist, Menschen mit meinem Talent aus ihrem Alltag zu ziehen, für einige Minuten oder Stunden. So dass sie einfach alles andere vergessen können!

 

Mehr über Leigh gibt es auf: http://www.leighmarthaklinger.nyc

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Agata Domanska.

 

Sabrina, 28, Siegen

„Einfach mal machen!

 

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Sabrina! Genau wie ich auch bist du in einer Kleinstadt namens Wiehl aufgewachsen. Wie war deine Kindheit?
Grün. Ich kann nicht genau sagen warum, aber ich empfinde meine Kindheit als grün. Grüne Wiesen, grüne Bäume und eine furchtbare grüne Leggins haben sich in meinem Kopf als Erinnerungen festgesetzt. Wahrscheinlich eine kognitive Dissonanz, weil ich eigentlich immer nur lesen wollte und man mich regelrecht zwingen musste, das Haus zu verlassen. Die städtische Bibliothek durchzulesen war eher mein Ziel als auf Bäume zu klettern oder Blumenkränze zu basteln.

Und deine Jugend?
Schnell. Vereine, Theater, Abi-Organisation. Von einem Projekt zum nächsten. Immer auf der Suche nach Beschäftigung, dem nächsten Projekt, in das ich mich einbringen kann. Auf der Suche nach der einen Leidenschaft in Zusammenarbeit mit spannenden Menschen.

Du hast eine Zeit lang Theater gespielt. Hat dir das was gebracht – abgesehen von Spaß?
In jedem Fall die Erkenntnis, dass ich Grenzen im Kopf habe, die zu schnell eingreifen, als dass ich frei Theater spielen könnte. Deshalb bin ich recht schnell auf die andere Seite gewechselt und habe versucht, kreative Köpfe in ihrer Kreativität zu unterstützen, indem ich Rahmenbedingungen schaffe. Das ist eher meine Stärke. Aber Theater spielen hat mir in jedem Fall die Freiheit gegeben, vor Menschen sprechen zu können. Wenn man dann noch in einer Zeit Theater gespielt hat, in der Sprechtraining mit Balladen auf dem Programm stand, weiß man, wie man „König“ ausspricht, man weiß wie man so atmet, dass man 1,5 Stunden lang deutlich, klar und kräftig sprechen kann und man weiß, wieviel Arbeit gute Rhetorik ist. Das hilft mir heute oftmals. Den ersten Tag eines zweitätigen Rhetoriktrainings kann ich mir für gewöhnlich sparen. Auch dass eine Bühne in Balance sein sollte, hilft mir bei meinen Präsentationen häufig. Und dass Theater und Literatur eine Leidenschaft ist, die ich, egal welche Karrierewege ich einschlage, nicht aufgeben möchte, das wird mir auch immer wieder klar, wenn ich an meine „Jugend“ zurückdenke.

Gehst du immer noch kreativen Hobbies nach? Welchen?
Zur Zeit leider nicht. Meine Promotion ist gerade mein Hobby. Ich habe im letzten Jahr alles andere aufgegeben, um mich völlig darauf konzentrieren zu können. Aber das wird sich bald wieder ändern. Denn es reicht einfach nicht. Bis 2014 habe ich zusammen mit ein paar extrem spannenden Leuten ein studentisches Wirtschaftsmagazin entwickelt und vermarktet. Dort habe ich mich an neuen Textsorten versucht, über Grafiken diskutiert und daran gearbeitet, Grenzen im Kopf zu überwinden. Das war eine unglaublich spannende Zeit! Mit Ingenieuren über Wörter zu streiten, mit Grafikern Farben und Designelemente zu diskutieren und mit BWLern zu diskutieren, ob auch philosophische Ansätze in einem Wirtschaftsmagazin ihren Platz finden dürfen, war unglaublich inspirierend. Ich war für die „Mädchen-Themen“ zuständig, in einer Gruppe voller Männer. Das hat viel Raum für anregende Diskussionen gegeben und war immer wieder spannend!

Du bist Juristin. War Jura schon immer der Plan? Was reizt dich an Jura?
Ich bin in der vierten Klasse aufs Gymnasium gegangen, weil ich Jura studieren wollte, habe in der siebten Klasse Latein gewählt, weil ich Jura studieren wollte, habe das Abi durchgezogen weil ich Jura studieren wollte und habe es dann schlussendlich nicht getan. Mein Sozialwissenschaftsleistungskurs war schuld. Da hatte ich einfach zu viel Spaß daran, ökonomische und politische Fragestellungen zu diskutieren. Deshalb habe ich Wirtschaftsrecht studiert, nach zwei Semestern noch ein Bachelorstudium in Literatur, Kultur und Medienwissenschaften begonnen, um heute in BWL zu promovieren. Ich finde Jura immer noch spannend, der Glaube an Gerechtigkeit und Regeln ist elementar, aber die Themen, mit denen ich mich derzeit beschäftige sind einfach spannender.

Bist du ehrgeizig?
Es war es mir nie wert, für eine Eins ein privates Projekt aufzugeben. Eine Drei hätte ich aber auch nicht akzeptieren können. In dem Rahmen spielt sich mein Ehrgeiz ab.

Was treibt dich an?
Selbstverwirklichung und der Drang, Sachen besser zu machen, als sie bisher sind.

Woran arbeitest du gerade?
Derzeit nur an meiner Promotion. Die muss fertig werden. Ich hatte einen Zeitplan, und wenn ich den einhalten will, dann muss die Promotion Prio 1 haben. Aber Folgeprojekte sind in meinem Kopf, ich muss mal anfangen andere Köpfe zu suchen, die Lust haben, neue Projekte mit mir zu verwirklichen.

Was wünschst du dir für deine berufliche Zukunft?
Selbstverwirklichung. Arbeit ist mehr als ein Beruf. Ich möchte nie das Gefühl haben, für Sachen bezahlt zu werden, die ich nicht machen möchte, im Sinne von „Arbeit ist Leid und Bezahlung Schmerzensgeld“. Wir arbeiten so viele Stunden am Tag, dass Arbeit ein elementarer Bestandteil unseres Lebens ist. Deshalb möchte ich mit meiner Arbeit was erreichen. Das kann ich mir im wissenschaftlichen Bereich vorstellen, weil ich Studenten mag, Familienunternehmen faszinierend finde und glaube, mit interdisziplinären Forschergruppen noch richtig viel erreichen zu können. Das kann ich mir aber auch in der Privatwirtschaft vorstellen, mit Menschen, die was mit ihrem Produkt erreichen wollen, die werteorientiert Gewinne erzielen und die nicht an das Hamsterrad und an „Ich muss leiden also musst du auch leiden!“ glauben, sondern an motivierte Arbeitnehmer, die mit und in dem Unternehmen etwas verändern wollen und dafür bereit sind, Leistung zu erbringen.

Und was wünschst du dir für deine private Zukunft?
Ausgeglichenheit. Familie und Freunde im näheren Umfeld als Erdung und Motivator.

Was würdest du anordnen, wenn du für einen Tag die Welt beherrschen würdest?
Ruhe. Ich selbst kann Nichts-Tun nur schwerlich ertragen, aber ich erkenne immer mehr, wie wichtig es ist, zur Ruhe zu kommen. Ich könnte mir vorstellen, dass wenn alle Menschen auf der Welt gleichzeitig einen Tag wie den folgenden verleben würden: Aufstehen, Frühstücken, ein Spaziergang, eine Stunde bei einer Tasse Tee schweigen und nachdenken, Kommunikation mit Menschen über die Dinge über die man nachgedacht hat, Mittagessen, ein Mittagsschlaf, eine Stunde schweigen und nachdenken, Kommunikation über die Dinge über die man nachgedacht hat, ein Spaziergang, Abendessen, Kommunikation bei einem Glas Wein über die Erkenntnisse des Tages, schlafen – … dass dann viele Probleme der Welt gelöst werden könnten.

Was inspiriert dich?
Kunstprojekte, Unternehmensgründungen und Gründer. Zuletzt hat mich eine Installation in Düsseldorf inspiriert: In Orbit. So dass ich zwei mal da war, um diese zu erleben. Kunst zusammen mit Ingenieuren entwickelt und umgesetzt. So eine starke Wirkung hatte selten etwas auf mich. Unternehmensgründungen und Gründer faszinieren mich immer wieder. Menschen, die aussteigen, um ihr Ding zu machen. Was es für unglaublich coole Projekte und Menschen gibt! Wäre ich doch nicht so furchtbar deutsch und risikoavers…

Was macht die glücklich?
To-do-Listen abhaken.

Was ärgert dich maßlos?
Ungerechtigkeit, Selbstgefälligkeit, Pseudoreligiöse, Umweltverschmutzung, Werbung in guten Filmen, schlechtes Essen …

Hast du Vorbilder? Helden?
Das wechselt immer mal wieder. Menschen, die Verantwortung übernehmen und für Ideen einstehen und sich nicht vom System einengen lassen, es aber dennoch berücksichtigen und in ihm agieren finde ich großartig. Ich glaube nicht daran, dass Fähnchen im Wind, die immer den untersten Weg gehen nur um nicht anzuecken, erfolgreich und glücklich werden. Gründer und Gründerinnen sind oft dabei. Immer wieder verneige ich mich vor meiner guten Freundin Katharina, die sich mit Lokaldesign in Hamburg immer und immer wieder neu erfindet, die kämpft, um Lokaldesign am leben zu erhalten, besser zu machen und diese eine Idee die Idee ihres Lebens werden zu lassen. Es gibt Wissenschaftler in meinem Feld, von denen ich lernen will. Mein aktuelles Vorbild ist in jedem Fall Nadine Kammerlander, weil sie mich immer wieder an den Punkt bringt zu fragen: „Wie macht sie das bloß?“ 2014 warst du meine Heldin, ich bin gespannt wer es 2015 wird.

Hui! Also erstens: Danke für das Kompliment! Und zweitens: Wer oder was hat dich in deinem Leben am meisten beeinflusst?
Literatur, gute Filme und meine Zeit in der studentischen Unternehmensberatung. Dass ich mich für den Literaturwissenschaftsbachelor entschieden habe, hat mich definitiv am meisten geschult im Denken und in der Möglichkeit, Sichtweisen zu ändern. Und meine Zeit in der studentischen Unternehmensberatung hat mich präsentieren, diskutieren und moderieren gelehrt. Ich habe während dieser Zeit so spannende Menschen kennengelernt. Keine Diskussion, kein Konzept, kein Projekt und keinen kennengelernten Menschen würde ich missen wollen.

Wie würdest du dich in drei Worten selbst beschreiben?
Leidenschaftlich, kritisch und streitbar.

Was glaubst du, wie andere dich in drei Worten beschreiben würden?
Strukturiert, ehrgeizig, durchdacht.

Hast du ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Ich glaube an Lebensabschnitte und an deren eigenes Gefühl. Deshalb ändern sich die Mottos auch ständig. Zur Zeit fühlt sich mein Leben an wie ein Marathon in dem es gilt durchzuhalten, dennoch halte ich an einem Grundsatz fest: „Einfach mal machen!“

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: privat.

 

Renate, 38, Gummersbach

„All you need is love!“



Renate


Renate! Ich habe das Gefühl, dass es kaum einen optimistischeren, ausgeglicheneren Menschen als dich gibt. Wie zum Teufel machst du das?
Danke. Vermutlich hat meine Mutter zu dieser Entwicklung einen großen Teil beigetragen. Sie war schwer krank und starb früh. Sie hat an mich geglaubt und mich unterstützt, wo sie konnte. Sie hat mich oft zum Lachen gebracht. Ich war als Kind und Jugendliche bereits Pflegeperson meiner Mama. Ich habe sie gefüttert, sie an- und ausgezogen, sie gewaschen, den Popo abgewischt … das volle Programm. Durch ihre schwere Krankheit wurde mir jeden Tag vor Augen geführt, wie glücklich ich mich schätzen darf, gesund und unabhängig zu sein.
Ich habe zahlreiche Interessen, einen vollen Terminkalender und liebe es, Neues kennen zu lernen. Das macht mich zu einem recht ausgeglichenen und optimistischen Menschen. Aber du kennst meine düstere melancholische Seite noch nicht. Ich kann unheimlich gut leiden. Mit der entsprechenden Musik geht das noch besser. Dann schwelge ich in Melancholie und gebe mich aussichtslosen und sehnsuchtsvollen Gedanken hin. Das macht bis zu einem gewissen Grad sogar Spaß! Und wenn dann das Unwiderrufliche und noch Unerreichte in meiner Gedankenwelt durch genügend Tränen aus meinem Bewusstsein gespült wurde, widme ich mich wieder dem Sanguiniker in mir und den großartigen Möglichkeiten und Menschen um mich herum. Die melancholische Seite findet natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, ohne Publikum, meist in den sonnenarmen Monaten oder beim Tango. Da kann ich die schwerfälligen Gefühle zu passender Musik einfach wegtanzen. Aber danke für das Kompliment, welches ich an dieser Stelle gerne an dich zurückgebe. Du gehörst zweifelsohne zu den optimistischsten Menschen, die ich kenne und zu den Menschen, die überall das Gute sehen, und das finde ich inspirierend und erstrebenswert. Energy flows where attention goes! Ich versuche meinen Blick auf das Schöne und Gute zu richten und auf den Weg nach vorne. Es gibt keinen Weg zurück und der Weg, der vor uns liegt, hält noch so manches Abenteuer parat. Jeden Tag. Ist das nicht der Wahnsinn? Sich Wünsche zu erfüllen, dankbar zu sein und das zu tun, was einen glücklich macht, sind der einfachste Weg zu Ausgeglichenheit und Freude am Leben.

Schön gesagt. Danke! Glaubst du eigentlich, dass es dich geprägt hat, dass du in Polen geboren bist? Wie lange hast du da gelebt und sprichst du eigentlich Polnisch?
Ich bin bis zu meinem fünften Lebensjahr in Polen aufgewachsen. In Deutschland wurden meine Eltern dazu aufgefordert, nur noch deutsch mit mir und meiner jüngeren Schwester zu sprechen. Das ist ein Grund dafür, das mein Polnisch es nie über die Kindergartensprache hinausgebracht hat und sich im Laufe der Jahre in den hintersten Synapsen-Knoten meines Gehirns verschachert hat. Ich kann nach dem Weg fragen und verstehe vieles, eine längere Konversation kann ich leider nicht mehr führen. Schade.
Die fünf Jahre in Polen und der Verlust meiner Muttersprache haben dazu geführt, dass ich mich eine lange Zeit meines Lebens in Deutschland fremd gefühlt habe. Keine richtige Deutsche aber auch keine Polin. Als junge Erwachsene habe ich oft gesagt, ich sei Europäerin, hat man mich nach meiner Herkunft gefragt. So fühle ich mich auch heute noch, denn ich reise unheimlich gerne und habe viele Eindrücke und kulturelle Besonderheiten der unterschiedlichen Nationen in mich aufgesogen.
Meine Kindheit in Polen war geprägt von Freiheit und Wildnis. Hinter keinem Busch hat sich eine Mutter versteckt, um nach dem Rechten zu schauen. Wenn es dunkel wurde, musste man zu Hause sein, das war die Regel. Ich habe auf sandigen Straßen gespielt, auf denen kein Auto fuhr und wenn, dann war das die Attraktion des Tages. Im Winter sind wir mit der Pferdekutsche durch den Wald gestreift, hinten dran eine Kette aus dreißig Schlitten mit vielen lachenden Kindern. Wir hatten ein Pferd. Es hieß Lalka, zu deutsch: Puppe. Ich erinnere mich an ein Foto, auf dem ich kleiner Knirps unter dem Pferd stehe, mein Kopf berührt knapp seinen Bauch. Irgendwie sieht das sehr geborgen aus.
Meine Zeit in Polen hat mich insofern geprägt, als ich als Kind von allen Vorteilen des Sozialismus profitieren konnte. Es gab ein großes Miteinander. Die Menschen hatten sehr wenig, doch sie hielten zusammen, feierten viel und halfen sich, wo sie konnten. Das habe ich später in Deutschland nicht mehr so wahrgenommen. Während meine Schulkameraden in den All-Inklusive-Urlaub nach Spanien oder Griechenland flogen, reisten wir in den großen Ferien in den Polenurlaub nach Masuren in Ostpreußen, wo ich geboren wurde. Ein zauberhafter Fleck Erde. Damals brauchte man ein Visum und musste durch die ehemalige DDR fahren. Überall standen bewaffnete Grenzsoldaten und schauten finster drein. Das Auto, bis oben hin bepackt mit Kaffee, Schokolade und Gummibärchen – Luxuskonsumgüter, die in Polen nicht gerade erschwinglich waren – rüttelte und schüttelte sich im Takt der alten Beton-Autobahn aus Hitlers Zeiten. Es war jedes Mal eine große Erleichterung, die Grenze zu passieren und endlich auf den Landstraßen Polens mit vielen Pferdekutschen und Autos wie aus einer anderen Welt, gelandet zu sein. Damals fuhren so wenige deutsche Autos, dass es jedes Mal ein Highlight war, einen Wagen mit deutschem Kennzeichen zu sehen. Lichthupe, anhalten und kurzer Austausch über Herkunft und Ziel inklusive. Polen war für mich als Kind und Jugendliche immer ein märchenhaftes Land. Ich durfte dort viele Abenteuer erleben. Nachts im Wald beim Lagerfeuer Würste auf dem Stock grillen, im kleinsten Auto der Welt, dem Fiat Bambino, zu acht Mann über buckelige Sandstraßen zur nächsten Dorfdisko fahren und immer und überall die betörende Weite des masurischen Himmels genießen. Polen, insbesondere Masuren, war für mich immer ein Land mit zauberhaften, freundlichen, lachenden und herzlichen Menschen, mit einem unermüdlichem Improvisationstalent. Ein Land mit einer fast beschämenden Gastfreundlichkeit, reich gedeckten Tischen mit allem, was die Jahreszeit so gerade her gab. Was in dem Land nicht wuchs oder gedieh, gab es einfach nicht. Alles war so natürlich und ursprünglich. Als in einem Sommerurlaub plötzlich Plastiktüten beim Obsthändler auftauchten, musste ich fast weinen, und als wenig später tatsächlich großformatige Werbeplakate an den Hauswänden hingen oder neben dem Ortseingangsschild die verschiedensten Produkte darboten, rollten tatsächlich die Tränen. Mein unschuldiges Märchenland hatte seine Seele verloren, und den Kapitalismus mit all seinen Nebenwirkungen gefunden.
Vielleicht sind mein soziales Wesen, mein Improvisationstalent und mein Helfersyndrom tatsächlich in meiner Herkunft begründet. Die Liebe zu Menschen der verschiedensten Kulturen, Gemeinschaft haben und feste Feiern, mit Tischen, wo sich die Balken biegen, sind auf jeden Fall Resultat meiner Herkunft und meiner Reiselust.

Du hast an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie studiert. Zudem hast du schon als Teenager auf Theaterbühnen gestanden. Welche Kunstform ist dir näher, Schauspielerei oder Regie?
Puh… die Frage meines Lebens! Mein Herz lacht und ist voller Freude, wenn ich als Schauspielerin auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen darf. Ich liebe es, eine Rolle mit Leben zu füllen und genauso liebe ich es, ein Werk zu erschaffen und als Regisseurin Sparringspartnerin der Schauspieler zu sein, um aus ihnen das Beste für das Gesamtkunstwerk heraus zu holen. Ich habe lange Zeit meines Lebens damit geliebäugelt, Schauspielerin zu werden. Zur Regie kam ich erst durch meine Ausbildung als Mediengestalterin in Bild und Ton beim WDR in Köln. Während des dritten Lehrjahrs kursierte ein Hochglanzmagazin der Filmakademie Baden-Württemberg in unserer Mediengestalter-Klasse. Alle waren fasziniert davon und meinten, wenn man hier aufgenommen würde, hätte man es geschafft. Ich hatte damals meiner Verwandtschaft zuliebe den Wunsch, Schauspielerei zu studieren, an den Nagel gehängt und eine „ordentliche“ Ausbildung begonnen. Zum Ende des dritten Lehrjahrs juckte es mich wieder in den kreativen Fingerspitzen, und so bewarb ich mich mit einigen meiner Ausbildungskameraden an der Filmakademie in Ludwigsburg und wurde genommen. Dies sah ich als Zeichen, vor allem, weil einige der meiner Meinung nach sehr begabten Mitbewerber nicht angenommen wurden. Ich kündigte meine unbefristete Stellung beim WDR und ließ mich auf das Abenteuer Regiestudium ein. Schon während des ersten Studienjahres vermisste ich die Schauspielerei so sehr, dass ich mich an einer Schauspielschule bewarb und ebenfalls genommen wurde. Die erste Hälfte meines zweiten Regie-Studienjahres verbrachte ich zum größten Teil an der Schauspielschule. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber ich hatte stets das Gefühl unterfordert zu sein. Ich wollte etwas Neues lernen und entschied mich für das Regiestudium. Irgendwann werde ich in meinem eigenen Film als Schauspielerin mitwirken, hatte ich damals beschlossen.

Welches war die wichtigste Lektion, die du während deines Studiums gelernt hast?
Nicht alles, was glänzt ist Gold, und der Weg zum Ziel ein hart umkämpfter! Wir waren privilegiert in Ludwigsburg. Acht Studenten in einem Kurs. Unsere Kantine war das Szene-Café „Blauer Engel“. Unser Campus, mitten in der schwäbischen Kleinstadt Ludwigsburg, gelegen wie ein Mikrokosmos. Ein Ort voller kreativer Köpfe aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Ein Ort, wo Magie, ewige Geschäftigkeit und Glamour auf ehrgeizige Kreative und Egozentriker trafen, ein Ort, der Konkurrenzkampf begünstigte, um auf das spätere so harte Filmgeschäft vorzubereiten. Für die einheimischen Ludwigsburger selber wohl auch ein Ort wie ein fremder Planet mit vielen Außerirdischen fernab von jeglicher schwäbischer Normalität. Während meines Studiums habe ich sehr viel Neid, Größenwahnsinn und die verrücktesten Psychosen erlebt. Genialität und Wahnsinn liegen ja oft nah beieinander. Lektionen habe ich in Ludwigsburg sehr viele gelernt. Die wichtigste war wohl, sich für Projekte mit positiven Menschen zusammen zu schließen, mit Menschen, die eine gewinnbringende Zusammenarbeit fördern und die eigene künstlerische Vision teilen bzw. unterstützen. Einer meiner Kommilitonen meinte in meinem ersten Studienjahr zu mir, einen Film zu drehen sei wie Krieg führen. Lange Zeit ging ich mit seinen düsteren Worten schwanger, denn tatsächlich kommt man bei dem Unterfangen Filmproduktion schnell an seine Grenzen und muss für seine Vision kämpfen. Im Laufe der Jahre konnte ich die Kriegsmetapher durch ein anderes Bild für mich ersetzen. Eines, das viel besser zu mir passt: Einen Film zu drehen ist wie Ballett. Stetig im Balanceakt und im Kontakt zu seinen Mittänzern für die perfekte Choreographie.

Was war dein stolzester kreativer Moment?
Auszeichnungen machen stolz und setzen unheimliche Glücksgefühle frei. Ich bin im Quadrat gehüpft, als ich erfahren habe, das mein Diplomfilm „Weiße Ameisen“ mit dem ARD CIVIS Preis für Integration und kulturelle Vielfalt prämiert wird. Positives Feedback von Kollegen, die gerne mit mir zusammen arbeiten, erfüllt mich ebenso mit Stolz und Dankbarkeit wie beflügelte Kommentare ergriffener Theaterbesucher nach einer Darbietung als Schauspielerin. Einen einzigen Moment kann ich gar nicht hervorheben.

Mit welcher Schauspielerin oder welchem Schauspieler würdest du gerne mal drehen?
Johnny Depp. Definitiv. Sophia Loren, Juliette Binoche, Robert de Niro, Jonathan Rhys-Meyers und da gibt es noch einige andere internationale Größen, wo ich zerplatzen würde vor Freude, wenn ich mit ihnen drehen könnte. Quatsch mit Soße. Wahrscheinlich würde ich vor Ehrfurcht im Boden versinken und jemand anderes müsste meinen Job übernehmen. Auf dem nationalen Feld stehen Hannelore Elsner, Nadja Uhl, Jürgen Vogel, Matthias Schweighöfer und Benno Führmann auf meiner Wunschliste ganz oben. Hey, das wäre doch eine schöne Kombi für einen spannenden Ensemblefilm und eine internationale Co-Produktion. Jetzt fehlt nur noch das Drehbuch. Wie schaut es aus Melanie? Hast Du Lust?

Aber immer, liebe Renate! Aber lass uns das später besprechen. 😉
Du bist sehr erfolgreich und enorm produktiv. Hast du noch unerfüllte, kreative Träume?

Oh, danke für die Blumen, Melanie. Tja, einen unerfüllten Traum habe ich soeben in der vorherigen Antwort genannt, wie gesagt, fehlt nur noch das Buch. Nach meinem Regiestudium bin ich sehr schnell in die Fernsehwelt eingetaucht und habe für viele unterschiedliche Serienformate gedreht. Meinen Debüt-Langspielfilm drehen und die Goldene Palme in Cannes gewinnen, stehen noch auf meiner To-Do-Liste. Klar. Ich habe noch hunderte unerfüllte kreative Träume. Das Leben ist zu kurz, um keine Träume zu haben, und jeder tut gut daran, einige von ihnen in Erfüllung gehen zu lassen.

Da stimme ich dir vollkommen zu. Hast du eigentlich einen absoluten, ultimativen Lieblingsfilm?
Den ultimativen Lieblingsfilm gibt es nicht, aber viele, die ich mehrfach gesehen habe oder die mich sehr beeinflusst und inspiriert haben. Dazu gehören Filme von Pedro Almodóvar, Krystof Kieslowski, Emir Kusturica, Lars von Trier, Tom Tykwer und James Cameron. Einen Lieblingsregisseur habe ich nicht.

Du reist gerne. Was war dein schönster Trip?
Tatsächlich waren die schönsten und intensivsten Trips diejenigen, bei denen ich für längere Zeit und alleine unterwegs war. Wie eine Therapie. Voller Abenteuer, Freiheit und seelischer Erneuerung. Südamerika und Asien, ich kann keine Präferenz geben, dafür waren die Reisen zu unterschiedlich. In Asien habe ich tauchen gelernt, war in einem buddhistischen Kloster und habe wilde Full-Moon-Partys an den thailändischen Stränden gefeiert. In Südamerika bin ich an der chilenisch-argentinischen Grenze in den Anden auf 5000 Meter Höhe rumgekrackselt, habe an den wunderschönen Küsten Brasiliens gebadet und in den ältesten Tangosalons von Buenos Aires mein Tanzbein geschwungen.

Was fasziniert dich am Tangotanzen? Denn das ist ja eines deiner liebsten Hobbys, oder?
Ich liebe es zu tanzen, egal ob auf elektronische Beats während einer vernebelten Party oder ganz klassisch im Tanzsalon. Beim Tanzen nutze ich meinen Körper, um mich auszudrücken und bringe mein Innerstes nach außen. Tango ist der Tanz des Herzens. Ich bin völlig erfüllt, wenn ich mit einem Tanzpartner in die Symbiose zur Musik gehe. Ich bin im Flow und mein Herz lacht und weint gleichzeitig, gerührt von den harmonischen Bewegungen und Drehungen im Tanz, sich verzehrend vor Sehnsucht und Melancholie durch den virtuosen, erdigen und so archaischen Klang des Bandoneons und des leidenschaftlichen Gesangs.

(Renate hat sich gewünscht, dass ich meinen lieben Leserinnen und Lesern an dieser Stelle ein Lied präsentiere, was ich gerne tue. Anmerkung der Bloggerin)

Ich habe mich schon als junges Mädchen dem Tango verbunden gefühlt. Ich weiß auch nicht genau warum. Ich habe einen Film gesehen und war seitdem verzaubert und wollte ebenfalls Tango tanzen. Vielleicht, weil der Tango so archaisch und temperamentvoll ist, voller Leben und Kreativität. Bei diesem Tanz wird einem niemals langweilig, denn er lebt von Improvisation. Kein Tanz ist gleich. Ich tanze auch Standard, Latein und karibische Tänze wie Salsa und Bachata, aber Tango Argentino ist definitiv mein Lieblingstanz. Mir gefällt auch die Kultur des Aufforderns. In Deutschland fordern auch die Frauen auf, in Argentinien ist diese Rolle natürlich immer noch nur den Männern vorbehalten. Ich selber kann nicht so gut auffordern. Aus Angst vor einer Ablehnung bleibe ich lieber sitzen und warte, bis mich jemand auffordert. Ich kann die Jungs gut verstehen, die ebenfalls große Angst vor einem Korb haben und sich nicht trauen, aufzufordern. Bei mir gäbe es deshalb sowieso keinen Korb. Never! Der Mut muss belohnt werden. Es ist verrückt, wenn ein wildfremder Mensch dich umarmt, man also als Paar in Tanzhaltung geht und die Energien fließen, bis man sich plötzlich im Gleichklang zur Musik bewegt. Was dabei heraus kommt, ist mit jedem Tanzpartner anders. Beim Tango verbinden sich zwei Körper, zwei Herzen und zwei Seelen im Rhythmus der Musik zu einem Ganzen für die Dauer eines Liedes. Ist der Tanz gelungen, strahlen sich zwei Augenpaare an. Ganz ehrlich: Tango ist fast so schön wie Liebe machen. Ich bin sehr dankbar, dass ich mir einen meiner großen Träume, in Buenos Aires Tango zu tanzen, bereits erfüllen konnte. Vielleicht sollte ich Mal einen Tango-Film drehen. Oh ja.

Wie erholst du dich am Liebsten?
Im Bett, auf dem Tanzparkett und im Düsenjet… ab in die Ferne!

Was würdest du dir von der berühmten guten Fee wünschen?
Liebe für alle! Einen 1963 Ferrari 250 GTO und ein lebenslang gültiges Around-the-World-Ticket.

Was inspiriert dich?
Die Natur, Musik, Kunst und Menschen, die aus dem nichts etwas geschaffen haben und immer wieder neue Ideen haben, um etwas zu starten.

Hast du ein Lebensmotto?
All you need is love! Tanze, als ob dir niemand zusieht, singe, als ob dich niemand hört, und liebe, als wärst du nie verletzt worden.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: privat.

 

Bea, 37, Köln

„Ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf“


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Bea! Du lebst in Köln. Wo bist du geboren?
Sozusagen „In einem Land vor unserer Zeit“, nämlich 1977 in der DDR, genauer gesagt in Dessau. Ich bin also in zwei Ländern aufgewachsen. Bis zu meinem zwölften Lebensjahr in der DDR und dann in der BRD. Geprägt hat mich beides. Heute denke ich manchmal, wie verrückt und aufregend es doch ist, ein winziger Teil unserer Geschichte zu sein. Mir fallen dann meine Oma ein und ihre Erzählungen. Sie hatte in ihrem Leben auch drei Währungsreformen erlebt, genau wie ich.

Du arbeitest als Schauspielerin und Regisseurin. Wie bist du zum Theater gekommen?
Das Theaterblut fließt seit Generationen in den Adern meiner Familie. Urgroßvater Opernsänger, Großeltern Opernsänger, Vater Schauspieler… Naja, da war ich für jeden anderen Beruf verdorben. Ich bin schon als kleines Kind im Dessauer Theater auf der Bühne rumgesprungen, da ich dort im Chor gesungen habe. Es war eine tolle Kindheit, denn das Theater war für mich wie ein riesiger Abenteuerspielplatz, und so kam ich mir zwischen all den Kulissen und Kostümen wie Alice im Wunderland vor. Leider habe ich nie mit meinem Vater zusammen auf der Bühne gestanden, denn er starb als ich 10 war. Ab diesem Moment war der Wunsch, selber Schauspielerin zu werden und in seine Fußstapfen zu treten, noch größer. Der Beruf ist immer noch meine Verbindung zu ihm, und dadurch, dass ich seinen Künstlernamen angenommen habe, habe ich das Gefühl, sein Andenken zu bewahren.

Was würdest du machen, wenn du nicht am Theater gelandet wärst?
Zum Glück (oder leider?) gab es nie eine Alternative. Als es nach dem Abitur drei Jahre lang nicht mit einem Studienplatz für Schauspiel geklappt hat, begann ich für vier Semester Design am Bauhaus zu studieren. Glücklicherweise kam dann die „Erlösung“ durch den Ausbildungsplatz am Theater der Keller. Ich glaube, für jeden anderen Beruf fehlt mir das Talent.

Du hast also schließlich an der Schauspielschule des Theaters der Keller studiert. Wie war die Zeit dort?
Sie war der letzte Versuch nach drei erfolglosen Jahren des Vorsprechens. Ich weiß noch genau, dass ich den Nachtzug von Dessau nach Köln gar nicht nehmen wollte und mich erst in letzer Sekunde dazu aufraffen konnte, doch zu fahren. Als der Zug dann morgens um 7 Uhr über die Hohenzollernbrücke rollte, war ein wunderschöner Regenbogen über der Stadt zu sehen und ich wußte: „Das wird mein Tag.“ Wenn ich so zurückschaue, ist es gut, dass ich lange darum kämpfen musste, Schauspielerin werden zu dürfen. Ich habe mich dadurch auch geprüft und weiß, dass ich nie etwas anderes machen möchte, auch wenn es immer mal Rückschläge gibt. In der Schauspielschule habe ich eine richtige Wandlung durchgemacht, innerlich wie äußerlich, denn ich war anfangs extrem schüchtern und unscheinbar. Großartig war, dass man schon während der Ausbildung am „Keller“ spielen durfte und dadurch das Erlernte nicht im sterilen Klassenraum blieb, sondern sein Publikum fand. So war ich auf das Berufsleben da „draußen“ gut vorbereitet. Und ich hatte wunderbare Lehrer. Herbert Wandschneider zum Beispiel, bei dem ich mich ohne Angst in „Gombrichs Geschichte(n)“ freispielen und ausprobieren konnte.

Was würdest du jungen Schauspielerinnen raten?
Der Beruf ist hart, besonders für Frauen. Prüfe dich, ob du es wirklich willst, mit allen Konsequenzen. Und wenn du es wirklich von Herzen willst, dann mach es mit deinem ganzen Herzen.

Was liebst du an deinem Job?
Das Unerwartete, das Lampenfieber, die Kreativität, die Energie, und die Erleichterung und Freude nach einer gelungenen Premiere.

Und was weniger?
Es ist ein sehr unsicherer und manchmal auch unfairer Beruf. Oft entscheidet nur der „Typ“ und nicht die Leistung.

Ist Köln ein guter Ort für Theaterleute?
Es ist sicherlich ein guter Ort um gleichgesinnte, kreative Leute kennenzulernen und sich auszutauschen oder gegenseitig zu inspirieren. An den äußeren Bedingungen in der freien Szene ließe sich aber noch so einiges optimieren. Als freies Ensemble wie es das „Theater Skurreal Noir“ ist, muss man sich für ziemlich viel Geld in einer Spielstätte einmieten und trägt ganz allein das Risiko. Bekämen diese freien Spielstätten Zuschüsse, müssten sie keine so hohen Mieten nehmen, und es würden sicher noch mehr Stücke in Eigeninitiative produziert. Köln könnte in dieser Hinsicht also noch um einiges bunter sein. Obwohl die freie Szene in Köln auch jetzt schon beachtlich ist.

Welches ist deine Traumrolle? Hast du sie schon gespielt?
Ich mag es, Figuren mit Ecken und Kanten zu spielen. Eine Traumrolle selber gibt es nicht. Meist „verliebe“ ich mich in die Rolle, die ich gerade spiele, und versuche ihr Leben einzuhauchen.

Du hast mit einer tollen, unglaublich detailverliebten Inszenierung von „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ dein Regiedebüt gegeben. Was hat dich gereizt an diesem Stoff?
Danke. Ja, es war wirklich mein erstes eigenes „Baby“ und ist eigentlich aus der Not heraus geboren. 2013 war für mich ein schwieriges Jahr, viele Vorsprechen, viele Absagen, viele Selbstzweifel. Eines abends im Mai kam dieser großartige Film im Fernsehen. Ich liebe ihn schon seit meiner Kindheit und bleibe jedesmal davor hängen, wenn er läuft. Doch diesmal traf es mich wie ein Blitz und ich dachte: „Den Stoff muss ich auf die Bühne bringen“. Es ist eine makabere und düstere Geschichte mit abgründigem schwarzen Humor. Genau das, was ich liebe. Ab diesem Moment spürte ich eine enorme innere Kraft, die mich bis zur Premiere angetrieben hat. In relativ kurzer Zeit habe ich eine Bühnenfassung geschrieben, das Stück besetzt (denn die Schauspieler hatte ich bereits beim Schreiben vor Augen), das Bühnenbild entworfen und dann losgeprobt. Ich hätte mir das vorher nie zugetraut und ich habe auch einige damit überrascht. Vor allem mich selbst.

Wie ist das Projekt gelaufen? Und planst du, erneut als Regisseurin zu arbeiten?
Trotz aller Anfängerfehler, die ich gemacht habe, und um die ich auch weiß, bin ich stolz auf unser „Baby“. Ich sage ganz bewußt „unser“, denn es ist eine wirkliche Gemeinschaftsarbeit zwischen den Schauspielern und mir gewesen. Gerade Gisela Nohl, die als „Jane“ das Stück tragen musste, hat sich ohne zu zögern ganz der Rolle geöffnet und eine vielschichtige Figur erschaffen. Und mit Uta-Maria Schütze stand meine ehemalige Schauspiellehrerin als Blanche an ihrer Seite. Ich bin sehr dankbar, dass sie dieses Experiment mit mir gewagt hat. Sonia Fontana hat als Hausmädchen alle spanischen Texte beigesteuert und ganz nebenbei noch die Choreografie gezaubert. Es ist also das Ergebnis vieler fleißiger und selbstloser Menschen, die wie ich an die Sache geglaubt haben. Und wir wurden auch mit viel positivem Feedback belohnt. Eigentlich sollte das Stück auch ab Januar 2015 wieder laufen, aber leider ereilte mich im Oktober ein Anruf aus Amerika, und nun dürfen wir aus rechtlichen Gründen das Stück nicht mehr spielen. Das ist sehr bitter und ein herber Schlag, denn wir wollten alle unbedingt und mit Freude weiterspielen. Nun machen sich Entsetzen und Enttäuschung breit. Bevor der Anruf kam, begann sich in meinem Kopf schon das nächste Projekt zu formen. Ich spiele mit dem Gedanken, „Psycho“ auf die Bühne zu bringen. Bilder und Besetzung habe ich schon vor Augen und Lust wieder zu schreiben auch. Aber die Lähmung nach dem „Baby Jane“-Schock ist noch da. Aber ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf. Irgendwann muss die Energie wieder sprudeln, sonst platze ich.

Hast du Vorbilder?
Schon lange bewundere und verehre ich Judi Dench und Imelda Staunton. Zwei Ausnahmeschauspielerinnen.

Was macht dich glücklich?
Es sind die kleinen Dinge, die mich innerlich lächeln lassen. Mein Kater schnurrend auf meinem Schoß, ein schöner Abend mit Freunden, Besuche in der Heimat, ein Stück Schokolade langsam auf der Zunge zergehen zu lassen, lange Spaziergänge, ein guter Film. Es gibt so vieles.

Was inspiriert dich?
Andere Menschen und Kulturen. Musik.

Hast du ein Lebensmotto?
Gib niemals auf. Und gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Das für mich wichtigste Erlebnis war der Mauerfall. Ohne den wäre ich jetzt nicht in Köln und vieles wäre anders.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Richard, 42, Freising

„I’m not there“


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Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Ein trostloser fragmentarischer Ablauf, eher einer Skizze ähnlich als dem Leben. Mein Vater war dem Alkohol nicht gerade abgeneigt. Sämtliche Verwandte und Bekannte erschienen mir merkwürdig. Eigenartige, verschrobene Gestalten, sehr konservativ. Ein immerzu herbstliches Landleben, alles immer unter Zwang. Bei uns wurden keine Bücher gelesen, der kulturelle Einfluss war nicht vorhanden. Hier wurde körperlich gearbeitet, nicht gelesen. Arbeit war überaus wichtig, eigentlich das Wichtigste überhaupt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ein Kind studieren zu lassen oder vorhandene Möglichkeiten auszuschöpfen. So war die Kindheit eine Melange aus Alpträumen und Schattengestalten, eigentlich stetigen Regentagen. Im Rückblick ein hässliches Tim-Burton-Szenario. Alles schief, vom Wind davon getragen. Nachts klopften die Gespenster an das Fenster, daran kann ich mich erinnern. Nicht symbolisch, sondern tatsächlich. Jene Gespenster aus dem Bauch.
Natürlich wollte ich diesem Leben entfliehen. Zur Anpassung neigte ich nie. Als Kind jedoch gibt es für eine Flucht nur wenige Möglichkeiten. Man setzt sich diesbezüglich auch mit dem Sterben auseinander. Dem Suizid, sozusagen. Und wenn man als Kind diesem Gedanken nahe kommt, blickt man in einen Abgrund und stellt relativ früh fest, wie lächerlich alles ist. Jeglicher Zwang. Als Jugendlicher musste ich mich in einigen Berufen versuchen. Das wollten meine Eltern so. Denn, wie gesagt, die Arbeit war das höchste Gut. Körperliche Arbeit, wohlgemerkt.
Leider verliert man dadurch eine Menge Zeit, zahlreiche Möglichkeiten. Die Wege sind vorbestimmt, und das Ausbrechen ein waghalsiges Unternehmen. Erst zu dieser Zeit fing ich an zu lesen. Mein Plan danach war eigentlich einfach: Bücher schreiben, um Zeit für das Leben zu gewinnen. Ich versuchte mich als Journalist im lokalen Bereich. Leider hat nichts davon tatsächlich funktioniert. Ein wenig später dann erlernte ich, eher aus Zufall und Hoffnungslosigkeit, den Beruf der Krankenpflege. Warum? Vermutlich weil die Arbeit am Menschen ebenso abseitig ist wie meine Träume, Leben und Sterben ganz nahe. Neue Reibungspunkte entstanden, da ich schwer, eigentlich kaum mit Hierarchien umgehen kann und will. Vielleicht reanimiere ich deshalb täglich das Kind in mir. Um die Gespenster zu vertreiben.

Du bist Autor. (Und zwar ein guter. Ich wünsche dir Ruhm und Ehre und all das.) Wann und unter welchen Umständen hast du mit dem Schreiben begonnen?
Wie schon erwähnt, begann das Schreiben eher als Befreiungsschlag. Der nicht glückte, aber dennoch einen Impuls freisetzte. Anfänglich als Imitation anderer Autoren. Es entstanden vorwiegend Kurzgeschichten. Man weiß ja, dass man in Deutschland mit Kurzgeschichten keinen Blumentopf gewinnen kann (was ich nach wie vor als äußerst merkwürdig empfinde), sie gelten als vergebene Mühe, als belanglose Fingerübung. Es zählt der Roman. Für längere Erzählungen fehlte mir später dann aber schlichtweg die Zeit. Vor allem Schichtdienst ist ja der Tod aller Kunst.
Dennoch hielt ich regelmässig Lesungen ab und schrieb Bühnen-Programme für mich selbst. Fragmentarische Szenenbilder. Meist mit Musikern, die dann die Texte untermalten. Gastierte in Buchhandlungen, auf kleinen Theater-Bühnen. Das fiel natürlich nicht sonderlich auf. Oft las ich nur für eine Handvoll Zuhörer. Wenn ich darüber nachdenke, hat sich das eigentlich nicht sonderlich geändert.

Dein Buch „Amerika Plakate“ ist bei einem kleinen, feinen Verlag erschienen und hat sehr gute Rezensionen bekommen. Worum geht es in dem Buch?
Verlust, Schuld und Erlösung. Liebe. Jene Themen, die unser Leben beeinflussen wie kaum andere. Aber auch das implizierte Thema, dass nichts vorhersehbar ist. Dass manche Wege unpassierbar sind und manche nur dunkel. Ich schätze Geschichten, die nicht klar verlaufen, die sich immer ein Geheimnis bewahren. Wir kennen immer weniger solche Erzählungen, leider. Heutzutage ist vieles glattgeschliffen, von jeglicher Nebenhandlung befreit. Eine phantastische Geschichte, magisch im besten Sinne von verrückt. Vermutlich nicht allzu einfach, aber das ist nicht sonderlich wichtig. Darf man das sagen? Vermutlich nicht, denn was nicht marktgängig ist, ist automatisch merkwürdig. Verschroben. Ich bin allerdings gern verschroben, muss ich zugeben. Schweifen wir diesbezüglich kurz ab: Schauen wir uns einmal einen Jim Jarmusch Film an. Nehmen wir Night on Earth. Ein wundervoller Film, den ich vermissen würde. Aber natürlich ein extrem verschrobener Film, nicht wahr? Aber dennoch erscheint mir dieser Film wichtiger als der Mittwochs-ARD-Abendfilm. In der Literatur jedoch erleben wir gerade jenes: Alles was merkwürdig ist, geht nicht oder bestenfalls sehr schwer. Das ängstigt mich zunehmend.

Die zugrunde liegende Kurzgeschichte mit dem gleichen Titel kann man sich – sehr schön gelesen von Katharina Wackernagel – anhören. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
An einem Winterabend sah ich mir eine Folge der wundervollen Serie „Bloch“ mit Dieter Pfaff an, Katharina Wackernagel spielt seine Tochter. Und ich fragte mich, wie es wohl sei, wenn sie „Amerika Plakate“ lesen würde. Am nächsten Tag schrieb ich ihre Agentur an. Die Kurzgeschichte gefiel Katharina auf Anhieb und so einigten wir uns relativ schnell. Letztendlich natürlich völlig absurd. Es gab weder ein Buch, geschweige denn einen Roman. Nur eine Kurzgeschichte von einem unbekannten Autor. Aber solche Dinge gefallen mir. Später dann wurde diese Aufnahme vom WDR ausgestrahlt, was mich sehr gefreut hat. Grundsätzlich hätte ich gern diese Aufnahme dem Buch beigelegt, was sich allerdings als zu kostspielig herausgestellt hat.

Was bedeutet dir das Schreiben?
Wir alle haben einen Traum. Suchen das versteckte Schlupfloch des Lebens. Um uns selbst Geschichten zu erzählen, wenn die Ostwinde zu kalt werden. Es ist tatsächlich eine schwere Frage, genau betrachtet. Warum tun wir Dinge? Was bedeuten sie? Weshalb lieben wir, weshalb hassen wir? Vermutlich tut man etwas, um Dinge zu verändern. Andere Wege gehen zu können. Mir würde das gefallen – was sich jedoch als unglaublich schwer herausstellt. Schwerer als jemals gedacht. Vermutlich schreibe ich auch, um die Gespenster der Vergangenheit in mir zu unterhalten, um sie zu besänftigen. Um dem Außenseiter in mir eine Gestalt zu geben, einen Namen. Mich zu solidarisieren mit den Verlorenen, den Zerbrochenen. Von ihnen zu erzählen. Vielleicht auch nur, um die Welt zu verstehen.

Was liest du?
Diese Frage ist relativ schwer zu beantworten, weil es lange dauern würde, sie befriedigend zu beantworten. Paul Auster schätze ich ungemein. Friedrich Ani ist meiner Meinung nach einer der besten deutschen Erzähler der Gegenwart. Seine Tabor-Süden-Romane glänzen. Ray Bradbury, Truman Capote, Harper Lee, Stephen King, Joe Hill, Neil Gaiman (zu lange unterschätzt), Friedrich Dürrenmatt, George Simenon, Richard Brautigan (völlig verkannt), Hunter S. Thompson, Charles Bukowski (unbedingt die Maro-Ausgaben kaufen!), Cornell Woolrich. Vor allem mag ich Bücher, die mich überraschen. Die ich vielleicht sogar nicht einmal beim ersten Lesen verstehe. So ging es mir bei Brautigans „Forellenfischen in Amerika“, aber dennoch liebe ich dieses Buch. Und ich liebe das Geheimnis, das darin steckt. Ich möchte nicht beiläufig unterhalten werden, denn dafür kann ich ja auch einen Fernsehkrimi ansehen. Ein Buch muss mich schlaflos machen – egal auf welche Art und Weise. „Shining“ von Stephen King gelingt das anders als Harper Lee.

Was machst du, wenn du nicht schreibst? Hast du einen day job? Was hast du gelernt oder studiert?
Momentan schreibe ich ausschließlich. Vermutlich wird das nicht mehr lange so sein, und ich werde wieder im Pflegeberuf arbeiten müssen. Denn schließlich haben wir nur ein Leben und das kann man nicht mit Warten verbringen. Vor allem braucht man ja auch ein wenig Geld. Ich arbeite gerne mit Schwerkranken, mit Sterbenden. Zuletzt habe ich auf einer Onkologie gearbeitet. Gefallen würde mir aber auch eine Tätigkeit in einer Psychiatrie. Natürlich wäre ich gerne Schriftsteller, würde damit gern ein wenig Geld verdienen. Momentan aber scheint mir dieses Unterfangen relativ aussichtlos. Folge-Publikationen sind nicht in Sicht, wenngleich auch „Amerika Plakate“ sehr positiv aufgenommen wurde. Ich hoffe immer und bete, aber der Himmel bleibt düster. Ein scheußliches Gefühl, vor allem weil ich ja nicht aus der Literatur-Branche komme. Es nicht studiert habe und deshalb auch nicht in diese Richtung arbeiten kann. Letztendlich bin ich ein Arbeiterkind, das gehofft hatte.

Gibt es noch andere Kunstformen neben der Literatur, die dich interessieren?
Meine Geschichten sind immer beeinflusst von Musik und Film. Gerade bei „Amerika Plakate“ ist das sehr deutlich zu erkennen. Ich spiele ein wenig Gitarre. Manchmal male ich, aber nicht sehr gut.

Was würdest du dir von der berühmten guten Fee wünschen?
Würde. Dass wir in Würde leben können. Und in Würde sterben dürfen.

Hast du Vorbilder? Helden?
Literarische Vorbilder sicherlich. Paul Auster und die merkwürdigen Gestalten, abseits vom Mainstream. Im Leben sicherlich Menschen wie die Geschwister Scholl. Aufrechte, unbequeme Leute.

Was inspiriert dich?
Abseitige Geschehnisse. Merkwürdige Bücher, eigenartige Filme. Tom Waits‘ Songs. Obdachlose, taumelnd auf einer Straße, die mich nach Gott fragen und ob es Jesus tatsächlich gibt. Lebensfragmente, alles unfertige. Zerbrochene Dinge inspirieren mich.

Was macht dich glücklich?
Bei Menschen zu sein, dich ich mag, schätze oder/und liebe. Glücklich macht mich auch jener zeitweise Hauch der Möglichkeit, das zu tun, was man möchte. Woran man glaubt. Einfache Dinge. Kaffee und Zigaretten. Ein guter Film. Ein gutes Buch. Charlie Parkers Musik um Mitternacht.

Hast du ein Lebensmotto?
I´m not there.

Oder ein Lieblingszitat?
No Direction Home.

Was ist der Sinn des Lebens?
Dass manchmal selbst der Präsident nackt dastehen muss. Sagt jedensfalls Bob Dylan.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Deliah Lorenz.