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Christian, 33, Köln

„Beautiful things are temporary. Life is temporary. Make the most of it.“



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Christian! Du bist mein unangefochtener Lieblingsfotograf. Wie bist du zum Fotografieren gekommen?
Warum bin ich denn dein Lieblingsfotograf?!?

Weil bei dir jeder aussieht wie’n verdammt cooler Rockstar. Auch normale Leute. Selbst die Natur, Landschaft, Tiere… alles sieht bei dir rock’n’rollig und irgendwie musikalisch aus. Deswegen. Aber genug des Lobes. Wann hast du gemerkt, dass du das beruflich machen willst?
Als ich mich das erste Mal gefragt habe, was ich beruflich machen will, ist mir einfach nichts Besseres eingefallen. Ich habe meine erste Kamera, eine Nikon RF-10 aus Plastik, mit 15 Jahren bekommen. Seitdem fotografiere ich. Ich glaube, jeder Mensch braucht einen Weg um sich auszudrücken, um seine Gefühle – manchmal auch ein wenig verschroben – nach außen zu tragen. Andere schreiben, fluchen, malen, ich fotografiere halt.

Gibt es Kunstformen neben der Fotografie, die dich begeistern?
Ich sterbe für gute Musik. Musik ist die höchste Kunstform auf Erden.

Wer ist dein Lieblingsfotograf?
Glen E. Friedman.

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Was ist das Coolste, was dir als Fotograf jemals passiert ist?
Mein Anwalt hat mir verboten, darüber zu sprechen.

Du bist auf dem Land aufgewachsen. Wie war das so?
Nicht so toll. Ich habe mich da immer als einziger normaler Mensch unter einem Haufen Sonderlingen gefühlt. Man könnte auch sagen: Ich habe mich als Sonderling gefühlt – umgekehrt klingt es in meinen Ohren aber besser. Zu den paar Menschen, in deren Schusslinie man nicht geraten ist, weil es ihnen ähnlich ging, sind aber auch große Freundschaften entstanden, die ein Leben lang halten.

Momentan lebst du in Köln, wenn ich mich nicht ganz irre. Was magst du an Köln? Was hasst du an Köln?
Ich mag das „King Georg“. Ich mag die Skateparks und die vielen Kinos. Ich hasse die „Ringe“ an den Wochenenden und natürlich den Karneval.

Welches sind deine Lieblingsorte in Köln?
Das „King Georg“, meine Wohnung, das „Rex“, das „Signor Verde“ und der Lentpark. Die Reihenfolge variiert je nach Gefühlslage.

Du bist viel auf Konzerten unterwegs – als Fotograf, privat, als Veranstalter. Welches ist das beste Konzert, das du je gesehen hast?
Wizo live auf dem Bizarre-Festival 1996.

Welches sind momentan deine Lieblingsbands?
Bei mir läuft gerade Robert Foster, Chastity Belt, Jaakko Eino Kalevi, Jungle, Quilt, Courtney Barnett und Ballet School in Dauerschleife.

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Du bist seit vielen Jahren Veganer. Wie kam’s?
Oh, es gibt so wahnsinnig viele gute Gründe um sich vegan zu ernähren, aber nicht einen einzigen guten Grund sich nicht vegan zu ernähren. Einer davon: Würden alle Menschen vegan leben, gäbe es mehr als genug Lebensmittel für die gesamte Weltbevölkerung. 1984 gab es zum Beispiel eine Hungersnot in Äthiopien; nicht, weil die äthiopische Landwirtschaft keine Lebensmittel produzierte – ganz im Gegenteil: Während der Krise, die zehntausende Menschen das Leben kostete, importierten europäische Staaten aus dem verarmten Land Getreide, um damit Hühner, Schweine und Kühe in Europa zu füttern. Wäre das Getreide dazu verwendet worden, die äthiopische Bevölkerung zu ernähren, die es angebaut hat, hätte die Hungersnot gelindert, wenn nicht gar abgewendet werden können. Es gibt sicher Menschen, denen das egal ist oder die das für zu theoretisch halten, aber vielleicht wäre für sie ja die eigene Gesundheit ein Argument. Dr. T. Colin Campbell, Leiter der bekannten „China Study“ an der Cornell University – eine Langzeitstudie, die den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit untersucht – ist z.B. zu dem Ergebnis gekommen, dass 80 bis 90 Prozent aller Krebserkrankungen und Herzkreislauferkrankungen verhindert werden könnten, indem man tierische Produkte aus seinem Speiseplan streicht. Argumente à la „Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen”, sind in meinen Ohren absoluter Dünnpiff. Der Mensch ist auch immer davon ausgegangen, dass die Erde eine Scheibe ist, bis ihm jemand gezeigt hat, dass die Erde rund ist. So was nennt sich Fortschritt und auf diesen sollte man sich ruhig einlassen. Und überhaupt: It’s never just an animal! 

Was hat sich, seit du angefangen hast, vegan zu leben, geändert? Hat man’s heute leichter?
Erstmal sollte man wissen, dass es überhaupt nicht schwer ist, vegan zu leben. Heute hat man natürlich eine größere Auswahl an Lebensmitteln bzw. Fertigprodukten, Kochbüchern und Restaurants. Durch die größere öffentliche Wahrnehmung ist aber auch das Problem hinzu gekommen, dass man ernst genommen wird. Dadurch fühlen sich Fleischesser oft angegriffen und bedroht. Ich sage bewusst „Problem“, in Bezug auf deine Frage, da es natürlich in Wirklichkeit ein glücklicher Umstand ist, ernst genommen zu werden. Ich habe das Gefühl, dass unsere Generation hinsichtlich des Veganismus und Vegetarismus echt etwas reißen kann und natürlich aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber kommenden Generationen in der Pflicht ist – da unsere Eltern und Großeltern, diesbezüglich echt nur Scheiße gebaut haben. Meine liebe Mutter soll sich hier bitte nicht persönlich angesprochen fühlen, da sie mittlerweile auch fast vegan lebt.

Verrätst du mir das Geheimnis deiner veganen Crispy Rolls?
Natürlich nicht!

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Verdammt! Na gut, ganz anderes Thema. Hast du Vorbilder?
Es gibt auf jeden Fall Menschen, bei denen ich immer denke, dass es nicht schlecht wäre, wenn ich ein bisschen mehr wie sie wäre. Meist sind das allerdings fiktionale Charaktere aus Filmen. Wie John Connor in „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“, Data von den „Goonies“ und natürlich Marty Mcfly. Einen besonders tollen Charakter hatte auch Matt Dillon in „L.A Crash“ als Officer Ryan. Was ich an seiner Figur so beeindruckend fand, ist die Tatsache, dass er, wenn es drauf ankommt, ein Held ist. Officer Ryans Rolle erinnert mich immer an den Song „Please Please Please“ von The Smiths: „See, the life I’ve had. Can make a good man bad.“ Was die Herzlichkeit angeht, ist mein Großvater immer mein Vorbild gewesen. Wenn ich mal nur die Hälfte von dem abrufen kann, was mein Großvater an Großvater-Skills drauf hatte, dann werden meine Enkel einen ziemlich tollen Opa haben.

Hast du ein Lebensmotto?
Beautiful things are temporary. Life is temporary. Make the most of it.

Was macht dich glücklich?
Karma.

Das Interview führte Melanie Raabe.

Alle Fotos: Christian Faustus Photography. 

Mehr Christian gibt’s auf  http://www.christian-faustus.de/ , http://christian-faustus.tumblr.com/ und auf http://www.letsgethey.de/

Max, 34, Köln

„Ich vertraue in die ordnende, rhythmische Kraft des Lebens. Tatsächlich suche ich nur wenig. Meistens finde ich.“



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Max! Du machst so viele unterschiedliche und spannende Dinge, dass diese Frage hier wahrscheinlich siebenzeilig ausfiele, wenn ich sie alle aufzählen würde. Wenn dich ein Fremder fragt, „was du beruflich machst“ – was antwortest du?
Früher habe ich versucht, aufzuzählen, was ich alles mache, aber da hab ich oft selbst was vergessen. Und die Fragesteller runzelten sowieso schon skeptisch die Stirn. Es hat sich so ein bisschen runtergedampft auf „Tänzer und Schriftsteller, der auch Möbel baut“. Da fehlt noch manches, aber es geht eben nicht in Kürze.

Wo kommst du her und wie bist du aufgewachsen?
Ich wurde in Bonn geboren und wuchs in einem Dorf bei Kevelaer am Niederrhein auf, kaum zehn Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt. Joseph Beuys stammte aus der gleichen Gegend. Meine Freunde und ich, wir waren stark geprägt von seinem Kunstverständnis, dass gewissermaßen von der Landschaft widergespiegelt wird. Als zweites von fünf Geschwistern habe ich mich früh sowohl nach oben, an meinem Bruder, als auch nach unten, an meinen drei Schwestern orientiert. Meine Eltern haben mir von Anfang an viel Freiheit gelassen. Schon im ersten Schuljahr fuhr ich mit dem Rad allein über Landstraßen ohne Radwege zu Freunden, die außerhalb des Dorfes wohnten.

Wie warst du als Kind?
Klein. Bis ich vierzehn war, wog ich fünf Kilo weniger, als der Nächstkleine in meiner Klasse. Das heißt: Ich war ziemlich frech, ruhelos und vorlaut.

Und als Teenager?
Das müssten meine Freunde beantworten. Wir hatten das Glück, ein enger, sich gegenseitig Halt gebender Kreis zu sein. Das klingt vielleicht romantisiert, aber wir haben viel im Wald gesessen, Wein getrunken, geraucht und philosophiert. Außerdem war ich ständig unglücklich verliebt.

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Du bist ausgebildeter Tänzer. Hast du schon immer getanzt? Oder wie kam es sonst dazu, dass du dieses Studienfach gewählt hast?
Als Junge, bzw. Mann in einer Kleinstadt Ballett zu tanzen ist schwierig. Man ist nur noch „der, der Ballett tanzt“. Das kam nicht in Frage – ich habe noch nicht einmal richtig daran gedacht. Mit 18 habe ich mir zum ersten Mal ernsthaft gewünscht, dass ich gerne Ballettstunden nehmen würde. Erst mit 22 fiel es mir buchstäblich vor die Füße: Ich wohnte in Berlin, mein Praktikum als Fotograf ging zuende und ich wusste nicht so recht, was kommen sollte. Da landeten zwei Tänzerinnen aus Dänemark, die wegen eines Vortanzens einen Schlafplatz brauchten, in meiner Wohnung. Kurz darauf stand ich in engen Hosen in einem Studio in Kopenhagen. Meine erste Ballettstunde war gleichzeitig Aufnahmeprüfung für eine einjährige Grundausbildung. Die brauchten noch einen Mann, also haben sie mich genommen.

Was hast du aus dem Studium mitgenommen?
Mmh… darüber habe ich jetzt länger nachgedacht. Ähnlich wie viele meiner Mitstudenten habe ich ein zwiegespaltenes Verhältnis zur Ausbildung. Vielleicht ist das bei einem künstlerischem Studienfach nicht anders möglich. Besonders diejenigen, die nicht mit einem ganz deutlichen Ziel vor Augen studieren (dazu gehörte ich), werden radikal mit sich selbst konfrontiert. Man wurschtelt sich da so alleine durch seine seelischen Untiefen und kommt im glücklichen Fall am Ende gestärkt und klarer heraus. Ich zähle mich zu den glücklichen Fällen.

Welche Rolle spielt Kunst in deinem Leben?
Da ich mich immer wieder neu frage, was Kunst eigentlich sein soll, ist das nur mit Plattitüden zu beantworten. Wache Kreativität in allen Lebenslagen ist jedenfalls ein großer Spaß.

Drückst du in deinen unterschiedlichen Kunstformen verschiedene Dinge aus? Oder sind Tanz, Schreiben, Malerei etc. für dich nur unterschiedliche Kanäle?
Mmh. Jetzt muss ich kurz intellektuell werden: Kunstschaffen ist ein Weg, die Wirklichkeit zu transzendieren. Ich suche eine innere Haltung, um der Wirklichkeit voll und ganz begegnen zu können. Diese innere Haltung ist am Ende des Tages die gleiche – durch die verschiedenen Kunstformen nähere ich mich ihr – quasi hermeneutisch – aus verschiedenen Richtungen und behaupte, dadurch tiefer zu dringen. Auch wenn der Weg länger dauert.

Gibt es eine Kunstform, in der du dich mehr daheim fühlst als in anderen?
Am Ende des Tages das Schreiben. Würde ich nochmal leben, würde ich allerdings Musiker werden.

Welche Künstler bewunderst du?
Hunderte!

Welches sind deine Lieblingsbücher?
Ein kleines Werk sticht heraus: „Everything in this country must“ von Colum McCann. „On the Road“ von Jack Kerouac. „Beatles (auf deutsch: „Yesterday“) von Lars Saabye Christensen. „Fiesta“ von Hemingway. „The Crossing“ von Cormac McCarthy. Da ich fast keine Bücher besitze, weil ich „leicht reise“, kann ich nicht ins Bücherregal schauen, um mich zu erinnern. Es sind wirklich zu viele.

Gerade ist ein Buch von dir erschienen: „Richtung Kiribati – auf zu neuen Abenteuern“. Was steht drin?
Das müsste ich dich fragen! Im Nachhinein sind die zentralen Themen das Reisen und die Freundschaft.

Was hat es mit dem Titel auf sich?
„Richtung Kiribati“ war eins von den Gedichten, die einfach rausplöppen, die sich quasi von selbst schreiben und an denen nicht, wie an manch anderen, noch jahrelang weitergearbeitet wird. Das passiert, wenn überhaupt, nur einmal pro Jahr.
Der Untertitel steht, was man kaum sehen kann, auf dem T-Shirt des Jungen auf dem Coverfoto. Das passte sofort zusammen.



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Über welchen Zeitraum ist es entstanden?
Die ältesten Texte sind zirka zwölf Jahre alt. Die meisten stammen aus den letzten drei Jahren.

Auf welchen Text bist du besonders stolz und warum?
Am stärksten sind für mich „Generation Kind“, „Gib mir den Hammer“ und „Flussaufwärts“. Letzterer ist ein Text, bei dem der Leser erst nach dem zweiten oder dritten Lesen merkt, was drinstreckt.

Woran arbeitest du derzeit?
An einer Geschichte über ein Buch, das Beine bekam. Es gehört einem kleinen Jungen, der nicht liest. Eines Nachts wacht das Buch auf und merkt, dass ihm Beine gewachsen sind. Es macht sich auf den Weg und trifft andere Bücher. Müde, alte Bestseller, nerdige Fachbücher, üble Klolektüre. Auf seinem Weg erkennt das Buch, dass es zu dem Jungen gehört.

Du kommst aus einer kinderreichen Familie. Was bedeutet Familie für dich?
Ohne meine Familie könnte ich nicht so leben, wie ich lebe. Ich bin besonders meinen Eltern immens dankbar dafür, dass sie mir möglich gemacht haben, meinen Weg so frei zu suchen, wie ich es tun konnte.

Bist du gläubig? Welche Rolle spielt für dich Religion?
Ja, ich bin gläubig. Dabei ist Religion als Gruppenphänomen immer schwierig. Ich gehöre aber nicht zu denen, die pauschal über die Kirche schimpfen.

Du reist gerne. Welches war dein schönstes oder interessantestes Erlebnis auf Reisen?
Es gab viele. Um diese mit der vorangegangenen Frage zu verknüpfen: 2011 wanderte ich zusammen mit Oliver Möller ein Stück des GR10 in den Pyrenäen. Nach einem langen Aufstieg durch faszinierend schöne Landschaft machten wir Rast am Pass ins nächste Tal. Ich kochte Kaffee, probierte einen Schluck und musste vor Freude ausrufen: „Ah! Es gibt einen Gott!“

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast im Leben?
Abgeben, loslassen, mitgehen (und die Lektion wieder über Bord schmeißen).



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Hast du ein Lebensmotto oder eine Lebensphilosophie?
Meine Freunde könnten mir vielleicht etwas zuordnen. Ich vertraue in die ordnende, rhythmische Kraft des Lebens. Tatsächlich suche ich nur wenig. Meistens finde ich.

Hast du Vorbilder?
Rigmor Skålholt, meine ehemalige Chefin in dem Heim für Menschen mit Behinderungen, in dem ich in Norwegen zur Zeit meines Zivildienstes gearbeitet habe. Ihre Art des Umgangs mit Menschen und ihre Art der Führung sind für mich einzigartig.

Was inspiriert dich?
Kunst. Absurdes. Muße.

Was macht dich glücklich?
Teamarbeit, Humor und eine gute Tasse Kaffee.


Das Interview führte Melanie Raabe.
Alle Fotos: Felix Keuck.

Das im Interview erwähnte Buch „Richtung Kiribati – auf zu neuen Abenteuern“ von Max Pothmann ist bei Edition Winterwork erschienen. Zu Max‘ Homepage geht es hier: http://www.maxpothmann.de

Nina, 30, Istanbul

„Ich glaube daran, dass alles, was wir tun, sich in kleinen Wellen fortpflanzt und andere Ereignisse und Entscheidungen beeinflusst.“


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Du bist kürzlich von Köln nach Istanbul gezogen. Warum?
Für die Liebe und das Abenteuer, den Alltag neu zu lernen. Und weil ich dort mal ein bisschen studiert habe und nun gern das Leben in Istanbul unter realen Bedingungen testen wollte. Das gute Essen und die vielen spannenden Leute stehen auch auf der Liste der Umzugsgründe. Ebenso die Istanbuler Dämmerung, die Katzenhundedelfinemöwen, das türkise Wasser des Bosporus, die magnetische Kraft, die dieser glitzernde Moloch auf mich und so ca. 17 Millionen andere Menschen ausübt. Erwähnte ich schon die zwei gigantischen Brücken, die nachts in Regenbogenfarben blinken?

Wie lebt es sich in der Stadt, in diesen turbulenten Zeiten?
Es war wie Achterbahn-Fahren, jetzt ist es ein bisschen wie der Frosch in dem Glas mit dem Tauchsieder. Man überlegt, wie lange es noch dauert, bis es zu heiß wird. Im Grunde ist aber alles irgendwie alltäglich und die Leute um mich herum machen irgendwie weiter, sind aber (so hoffe ich jedenfalls) mit offeneren Augen, Ohren und Herzen unterwegs, was die Probleme und die Möglichkeiten im Umgang miteinander angeht. Das mag ein wenig resigniert klingen, aber was im Land seit den Gezi-Protesten passiert ist, war keine Revolution, sondern das Aufkommen der ersten großen zivilen Protestbewegung. Da wurden keine Systeme auf den Kopf gestellt und Paläste gestürmt, sondern Brücken gebaut und Ideen ausgetauscht. Das Entsetzen, die Wut und der Schmerz über die unglaubliche Gewalt, die den Demonstrierenden angetan wurde, hallt immer noch in unseren Köpfen wider und ich hoffe, dass aus diesem Echo irgendwann reflektierte Entscheidungen werden, die einen positiven Einfluss auf die Zukunft des Landes haben.


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Unterscheiden sich deine Kölner von deinen Istanbuler Freunden?
Ja. Das liegt aber weniger daran, dass die einen in Köln und die anderen in Istanbul wohnen. Ich habe meinen Istanbuler Freundeskreis auf eine ganz andere Weise erschlossen als den Kölner Freundeskreis. Dort war und bin ich immer noch die Nicht-Türkin, die sich notgedrungen meistens auf Englisch unterhält. Diese neutrale Zwischensprache ist eben genau das: eine Zwischensprache und nicht die gemeinsame Muttersprache, in der man nach Lust und Laune herumtoben kann beim Reden, Kennenlernen, Freundschaften knüpfen. Ich werde oft noch als Gast denn als Stadtbewohnerin wahrgenommen, als eine, die Zwischenstation macht. Trotzdem gibt es auch in meiner neuen Heimat Menschen, die mich seit mehreren Jahren kennen und die mir nahe stehen, aber ohne ausreichende Englisch-Kenntnisse auf beiden Seiten wären die Freundschaften vielleicht nie so zustande gekommen.

Welches ist dein Lieblingsort in Istanbul und welches war dein Lieblingsort in Köln?
Die Holzbänke auf der Sonnenseite der Fähren sind immer ein guter Ort in Istanbul. In Köln: die Baustelle Kalk. Da sprudelt Herzblut in jeder Ecke!

Du hast hin und wieder gemodelt. Hast du mal mit dem Gedanken gespielt, eine richtige Karriere daraus zu machen?
Vielleicht als Jugendliche mal. Dieses ganze Brimborium rund um schmale Taillen, schöne Profile und die berüchtigte thigh gap ist aber wahnsinnig einschüchternd und obwohl ich mich hin und wieder gern selbst inszeniere, habe ich wirklich Probleme, für jedes Objektiv immer 100% präsent zu sein und vor allem die Kontrolle über mich an Fremde abzugeben. Dann lieber ab und zu mit Freunden für Freunde und in Rollen, in denen ich mir selbst auch gefalle und genüge.


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Jedes deiner Outfits ist streetstyleblogtauglich. Welche Rolle spielt Mode in deinem Leben?
Stimmt ja gar nicht. (lacht) Trotzdem danke. Ich mag Mode, weil sie verkleidet. Sich seine Außenhülle selber zusammenstellen zu können, ist doch ein unglaublich vielseitiges Instrument, um sich zu verstecken oder zu präsentieren. Ich bin ein bisschen zu sehr Material-Fetischistin und halte wenig von dicken Labels oder monatlich wechselnden Billigkollektionen, darum such ich mir meine Klamotten lieber in Second-Hand-Läden zusammen. Sehr viel mehr ist bei meinem ständig leeren Konto eh nicht drin momentan.


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Was hast du studiert?
Medienwissenschaft mit Nebenfach Medienrecht. Der totale Spagat zwischen zwei akademischen Planeten! Jetzt bin ich fertig, habe den Bachelor of Arts in der Tasche und kann die freigewordenen Hirnkapazitäten wieder auf andere Sachen verwenden.

Auch auf die Gefahr hin, wie Tante Helga zu klingen, die dir diese Frage auf einem Familienfest stellt…: Wie siehst du deine berufliche Zukunft? „Was willst du mal werden, wenn du groß bist?“
Wann ist denn „groß“? Ich bin jetzt 30 und hab immer noch keinen richtigen „Beruf“. Ich schaffe gern Strukturen und Netzwerke aus Menschen und Ideen, mit denen ich dann Projekte realisiere. Nebenher schreibe ich viel zu selten, aber gern kurze Sachen, längere Sachen, Artikel und schlimme Wortwitze. Ich kämpfe nach wie vor gegen meine hyperkritische innere Pessimistin an, die immer zuerst die Probleme und dann die Möglichkeiten sieht. Wenn ich es mir aussuchen könnte, dann möchte ich ab jetzt und so lange wie möglich meine finanzielle und berufliche Unabhängigkeit in Balance halten können. Die beiden Aspekte schließen sich leider noch viel zu oft aus.

Du bist eine ziemlich umtriebige Person. Auf was von allem, was du bisher so gemacht, angeschoben, auf die Reihe gekriegt hast, bist du so richtig stolz?
Zusammen mit meiner Schwester habe ich mal innerhalb sehr kurzer Zeit genügend Geld gesammelt, um dem Familienmitglied einer guten Freundin eine lebenswichtige Operation zu finanzieren. Ich denke zwar nach wie vor, dass das nicht unsere Leistung alleine war (immerhin haben fast 200 andere Menschen mitgeholfen), aber es hat mir sehr viel bedeutet, dass das geklappt hat. Und mein erster richtiger Artikel ist in der SPEX erschienen, das hat mich wirklich gefreut.

Mit wem – egal ob unrealistisch, ob prominent, längst tot oder wasauchimmer – würdest du dich gerne mal bei einem Bier unterhalten?
Aus einem Meer der unendlichen Möglichkeiten wähle ich die, die mir gleichzeitig am nächsten stehen und unerreichbar sind. Meine vier inzwischen verstorbenen Großeltern. Und mit dem ebenfalls verstorbenen Vater meines Freundes, den ich leider nie kennengelernt habe.

Wem – egal ob unrealistisch, ob prominent, längst tot oder wasauchimmer – würdest du gerne mal mit der inzwischen geleerten Bierflasche eins über die Rübe ziehen? Oder wahlweise, falls du Pazifistin bist, zumindest mal massiv die Meinung sagen?
Menschen ohne Empathie – mich eingeschlossen. Ich wünsche mir die Welt nicht als ein kuscheliges Miteinander, in dem sich alle lieb haben, aber wenn man seine Entscheidungen von den Monstern Angst und Egoismus treffen lässt, kann einfach nichts Gutes dabei herauskommen.

Was inspiriert dich?
Zufälle, die keine sein können. Enthusiastische, talentierte Menschen. Farbverläufe und glitzernde Dinge. Rohe Materialen von Holz bis Tomate.



Was macht dich glücklich?
Schon wieder die Zufälle, siehe oben. Diesem einen ganz besonderen Menschen in die Augen schauen. Unerwartet freundliche, hilfsbereite Menschen. Sachen selber herstellen. Und, ganz seltsam, aber es bereitet mir Vergnügen, angebrochene Packungen zu leeren und zu entsorgen.

Hast du ein Lebensmotto oder eine Lebensphilosophie?
Ich glaube daran, dass alles, was wir tun, sich in kleinen Wellen fortpflanzt und andere Ereignisse und Entscheidungen beeinflusst. Wenn ich also eine Welle Gutes, Wichtiges, Großes rausschicke, kommt vielleicht irgendwann von irgendwo eine andere Welle zurück. Darauf zu warten wäre aber unsinnig, weil ich ja nicht mal weiß, in welche Richtung ich Ausschau halten muss. Dieses Prinzip ist lustigerweise auch das Konzept, nach dem eine kleine App namens Rando funktioniert. Man soll Fotos machen und sie in die Welt verschicken. Die Empfänger werden per Zufallsprinzip ermittelt, die Absender sehen lediglich, wo in der Welt das Bild gelandet ist. Für jedes abgeschickte Bild erhält man selbst kurz darauf ein anders Bild von irgendwoher auf der Welt. Im echten Leben geht das natürlich alles etwas weniger paritätisch, gerecht und kartografiert zu. Deswegen: einfach immer weiter Wellen machen!

Was ist das Interessanteste, was dir jemals passiert ist?
Ich hoffe, da kommt noch so einiges. Drei Tage vor einem veritablen Volksaufstand nach Istanbul zu ziehen steht aber auf einer Skala von 1 bis Wahnsinn schon ganz weit oben.

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe. Oder auf http://www.twitter.com/melraabe

Alle Fotos: Christian Faustus Photography. http://www.christian-faustus.de.
Video: Wanderlust by Emircan Soksan via Youtube.

David, New York City

„Freedom. We have some. I want more.“

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David! Du lebst in New York, stammst aber aus San Francisco, wenn ich mich recht erinnere. Wie war es, dort aufzuwachsen?
Ich stamme tatsächlich aus Santa Rosa, einer nördlich von San Francisco gelegenen Stadt. Man überquert die Golden Gate Bridge und fährt 60 Meilen nördlich Richtung Sonoma County, wo der größte Teil von Kaliforniens Wein produziert wird. Eine wunderschöne, malerische Gegend, vor allem in der ländlichen Gegend, in der meine Eltern wohnen. Als Kind habe ich es geliebt, in Santa Rosa zu leben. Ich konnte draußen spielen, alle möglichen Tiere in den Feldern und Bächen fangen. Wir hatten Kühe, Hühner, Gänse, Schafe und andere Tiere, die wir gefüttert und mit denen wir gespielt haben. Als Teenager begann ich es zu hassen, in Santa Rosa zu leben. Ich habe mich isoliert und ungewollt gefühlt in einer Stadt, die – wie ich erfahren habe – nicht gerade die toleranteste ist. Mir wurde klar, dass meine Familie in einer Art – wie ich es nenne – „ländlichem Ghetto“ lebte: Hauptsächlich arme, schwarze Familien, die alle in einer Gegend wohnten, die die Stadt ganz bewusst nicht eingemeindete, so dass bestimmte öffentliche Dienste wie Wasser, Abwasser, Elektrizität und Straßen Jahrzehnte hinter der Zeit zurück waren in Vergleich zu dem, was in der unmittelbaren Nachbarschaft Standard war. Wir hatten auch keine Highschool in der Gegend, also wurden ich und meine Freunde aufgeteilt und im Bus zu Schulen in anderen Nachbarschaften gefahren. An meinem ersten Schultag wurde ich begrüßt, indem man mich mit Äpfeln bewarf und mir „Geh dahin zurück, wo du hergekommen bist!“ zurief. Die anderen schwarzen Schüler und ich hatten auch Drohbriefe von der Neonazi-Gruppe „White Aryan Resistance“ mit Bildern von Lynchjustiz in unseren Schließfächern. Unsere Schule hat nichts unternommen, um uns zu helfen. Ich bin schließlich auf eine etwas etwas offenere Schule gewechselt, zu der auch viele meiner Freunde gingen. Es war nicht perfekt, aber ich konnte mich auf’s Lernen und auf meine Musik konzentrieren. Außerdem traf ich dort andere schwule Jungs. Das war super. Schließlich habe ich mich entschieden, weit, weit weg von Santa Rosa auf’s College zu gehen, nämlich auf’s Berklee College of Music.

Wie groß ist deine Familie?
Meine Kernfamilie besteht aus meinen Eltern Helen und Bill, und meinen Brüdern Terry, Elijah und Willie. Ich bin der drittälteste Sohn.

Lebt deine Familie noch in Kalifornien? Besuchst du sie oft?
Meine Eltern leben nach wie vor in dem kleinen Haus, in dem ich aufgewachsen bin, und zwar mit meinem jüngeren Bruder Willie, seiner Frau und fünf Kindern.

Was bedeutet Familie für dich?
Familie ist das Fundament, auf dem du dir ein glückliches Leben aufbauen kannst. Das sind die Leute, die dich ermutigen, zu wachsen – trotz der Herausforderungen, die dir begegnen. Ich bin mit einer sehr liebevollen und unterstützenden Familie gesegnet.

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Wie ist es, in New York zu leben?
New York ist verrückt, und ich liebe es. Ich bin wie mesmerisiert von seinen Kontrasten und Widersprüchen, Schmutz und Schönheit, Vielfalt und Ungleichheit, Opulenz und Mangel. All das passiert gleichzeitig, drunter und drüber. Jahr für Jahr wird es schwerer, hier zu leben – und gleichzeitig noch schwerer, wegzugehen.

Als schwarze Deutsche interessiert es mich, wie es ist, heutzutage, im Jahr 2013, schwarz zu sein und in den USA zu leben. Wie siehst du das?
In den USA schwarz zu sein, hier und heute, 2013, ist kompliziert. Ganz allgemein glaube ich, dass Rassismus und Vorurteile schwächer werden, oder zumindest subtiler, aber das hängt auch davon ab, wo du bist, wie dein Bildungsstand ist, welcher Klasse zu angehörst; diese Faktoren beeinflussen, wie du behandelt wirst und wie es dir ergeht. Als schwarzer, gebildeter Mann in Manhattan, als Mann mit einem guten Job und einer eigenen Immobilie stehen die Dinge ziemlich gut. Ich habe die meisten Tage das Gefühl, gleichwertig behandelt zu werden; aber gelegentlich werde ich immer noch von der Polizei angehalten, in bestimmten Läden oder Restaurants schlechter bedient, von Taxifahrern ignoriert; manchmal wird automatisch angenommen, dass ich der Postbote bin – solche Dinge. Ich weiß aber, dass das nichts ist verglichen mit dem, was schwarze Männer erleben, die weniger gebildet sind, in einer anderen wirtschaftlichen Situation sind oder in anderen Gegenden leben. Ich glaube, die zwei Amtszeiten von Präsident Obama haben einen wirklichen Dialog eröffnet, den Horizont vieler Menschen geöffnet und neue Möglichkeiten aufgezeigt. Gleichzeitig hat das dazu geführt, dass Menschen mit rassistischen Ansichten Gleichgesinnte mobilisiert haben, um alles beim Alten zu halten.

Als Frau mit vielen schwulen Freunden interessiert mich natürlich auch, wie es ist, als schwuler Mann in den USA zu leben. Wie empfindest du das?
Schwul sein in den USA, das empfinde ich als ganz ähnlich wie schwarz sein in den USA. Alles in allem wandeln sich die Dinge zum Besseren. Aber das hängt wiederum davon ab, wo du lebst, welcher Klasse du angehörst, wie gebildet du bist. Die gleichen Leute, die rassistische Ansichten haben, tendieren auch dazu, homophob zu sein, obwohl ich auch schon Rassismus durch andere Schwule erfahren habe, oder Homophobie durch andere Schwarze. Aber je mehr von uns sich outen und je mehr unserer heterosexuellen Verbündeten den Mund aufmachen, desto eher werden den Leuten die Augen geöffnet werden. In puncto Ehe werden wir im ganzen Land in 10, 15 Jahren volle Gleichheit vor dem Gesetz erreicht haben, da bin ich mir sicher.

Wo lebst du in New York? Was magst du an deiner Nachbarschaft und was hasst du?
Ich wohne in Manhattan, im Teil West Harlem. Die Gegend heißt Hamilton Heights. Ich liebe sie. Ich verlasse mein Gebäude mit Eigentumswohnungen, trete auf den Riverside Drive hinaus und sehe den Park, in dem ich als freiwilliger Helfer arbeite. Ich ziehe mein eigenes Gemüse im Riverside Valley Community Garden. Ich fahre sogar jeden Tag mit meinem Rad in die Stadt – entlang des Hudson River. Was mich am meisten stört an der Gegend, in der ich wohne, ist deckungsgleich mit der größten Beschwerde, die ich über New York im Allgemeinen habe: Müll und Hundescheiße. Wir müssen die Leute wirklich besser erziehen, was das Wegwerfen von Müll betrifft und das hinter ihren Hunden saubermachen, und wir müssen Strafen einführen.

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Erzähl ein bisschen was über dich. Was ist dein Job?
Ich bin ausgebildeter Sänger mit einem Abschluss in Musik. Ich singe in Bands und Chören, toure und nehme Musik auf seit ich 14 bin. Ich habe mir eine lange Pause von der Musik gegönnt, weil es nicht mehr so viel Spaß gemacht hat, und weil ich mehr Stabilität wollte. Ich arbeite als member experience manager für AIGA the Professional Association for Design. Das ist eine durchaus anständige Art, meinen Lebensunterhalt zu verdienen und gleichzeitig weiter mit anderen kreativen Leuten zu arbeiten, und ich war so in der Lage, mir eine Eigentumswohnung in Manhattan zu kaufen. Jetzt, wo ich das Gefühl habe, ein wenig Wurzeln geschlagen zu haben, widme ich mich wieder mehr meinen Leidenschaften wie der Gartenarbeit oder der veganen Küche.
Vergangenes Jahr bin ich ein großes Risiko eingegangen und habe ein Café eröffnet. Ich hatte keine Erfahrung und kein Geld, bin einfach ins kalte Wasser gesprungen. Meine Karte mit lokal gerösteten Kaffees, mit Tees, Smoothies, Säften, Paninis, Salaten und Backwaren bekam super Kritiken und wurde gut aufgenommen, aber das Gebäude, das ich gemietet hatte, die Leute, von denen ich es gemietet hatte, die ganzen Steuern und Gebühren und all das haben dazu geführt, dass ich das Café diesen Juli geschlossen habe. Es war traurig, aber auch eine große Erleichterung.

Wolltest du schon immer ein Café eröffnen?
Ich habe immer davon geträumt, ein Café zu besitzen, und ich bin froh, dass ich es einfach gemacht habe. Ich arbeite langsam daran, ein anderes Café in Harlem zu eröffnen, aber ich habe keine Eile.

Hast du ein Vorbild? Zu wem schaust du auf?
Zu meiner Mutter. Sie hat die Stärke, Kraft und Ausdauer der Liebe. Ich hoffe, es in meinem Leben genauso machen zu können.

Was ist dein größter Traum?
Freedom. We have some. I want more. (Hier spare ich mir einfach mal die Übersetzung, weil’s so schön ist. Anm. d. Bloggerin)

Was inspiriert dich?
Die Natur.

Hast du eine Lebensphilosophie?
Liebe.

Was würdest du gerne in 10 Jahren machen?
Ich will machen, was ich will, wann ich will und wie ich es will.

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe.

Alle Fotos: privat

Lukas, 28, Köln

„We’re all born naked. The rest is drag.“

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Lukas! Du bist auf dem Land aufgewachsen. Wie würdest du deine Kindheit beschreiben?
Wie in einer Traumwelt. Ich bin in einem Dorf mit sehr vielen ungefähr gleichaltrigen Kindern aufgewachsen, habe so viel Zeit wie möglich draußen verbracht, ständig war irgendwas los, ob man im Wald Buden gebaut hat, ganze Straßenzüge mit Labyrinthen vollmalte, alle Kinder zur auf der im haushohen Walnussbaum aufgehängten Schaukel oder zur selbstgebauten Wasserrutsche kamen. Manchmal habe ich abstrakte Bilder vor Augen, wie das bunt angemalte Holz des Wagens, auf dem man vom Traktor gezogen über das Stadtfest fuhr. Oder eine bewachsene Mauer, auf der man oft gesessen hat und sich Dinge ausdachte. Manchmal habe ich den Anflug eines Gefühls, wie ein Geruch, an den man sich plötzlich erinnert, dann habe ich kurz eine Idee davon, wie es damals war, zu denken. Gelegentlich wünsche ich mich in diesen Zustand zurück – noch einmal fühlen können wie damals. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine jetzige harte Realität. Aber es war schon toll, als ein Hochsitz noch eine Piratenfestung oder ein Raumschiff sein konnte. So schön es auch war, ein fantasievolles Kind zu sein: Ich hatte sehr viele Alpträume, die ich mir glücklicherweise abtrainiert habe. Nach und nach brach die Realität dann über mich herein, wie es jedem Kind ergeht. Im Dorf gab es „Herr der Fliegen“-artige Cliquenbildung, die coolen Raucher gegen die Pferdemädchen. Mir gaben solche Konflikte damals nichts, also gehörte ich tendenziell mehr zu den Pferdemädchen, denen der Konflikt egaler war. Unser Haus stand sogar zwischen denen der beiden Lager. Ähnliche Erfahrungen gab es dann auch während der Schulzeit. Nirgendwo richtig dazuzugehören, habe ich irgendwie immer als positiv empfunden. Manchmal frage ich mich natürlich doch, wie es als cooler Junge gewesen wäre. Wenn ich früh Teil einer größeren Clique gewesen wäre. Ob ich dann Sozialkompetenzen hätte, die mir jetzt – noch – fehlen. Andererseits hätte dann vielleicht der ausgleichende, pazifistische Lukas an vielen Stellen gefehlt. Wie ich schon sagte, alles richtig so…

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Heute lebst du in Köln. Wie empfindest du die Stadt?
Köln war meine Befreiung. Ich habe vorher nur auf dem Land und in der schönen Leiche Bonn gewohnt, hier in Köln konnte ich – so platt das klingt – endlich ich selbst sein. Köln ist rau, nicht wirklich schön – abgesehen vom Dom – aber, und man kann einer Stadt kein besseres Kompliment machen, hier kann man leben. Und es ist eine glückliche schwule Insel. Das ist anfangs aufregend und lustig, zwischendurch auch mal eklig, am Ende aber befreiend.

Wo du gerade die glückliche, schwule Insel ansprichst – das empfinde ich genauso. Wir feiern den CSD, tanzen in irgendwelchen Clubs und singen „I’m on the right track baby, I was born this way“. Und sind dabei in einer glücklichen, bunten Seifenblase mit all unseren Freunden aus aller Herren Länder und mit allen möglichen sexuellen Identitäten und wissen zwar, dass man es in Deutschland damit ganz schön gut hat, aber irgendwie vergessen wir den Rest der Welt, in dem es entscheidend anders aussieht, dann doch. Zumindest ging es mir so. Bis so etwas passiert wie in Russland. Mich macht es absolut sprachlos. Wie geht es dir als schwulem Mann damit?
Mir hat das auch nochmal bewusst gemacht, in was für einer glücklichen Position wir uns befinden. Im ersten Moment war ich wirklich kurz davor, mir wie die Berliner Transe Barbie Breakout aus Protest vor der Kamera den Mund zuzunähen. Ich sah mich schon mit dem rosa Winkel im KZ. Es war körperlich. Wenn ich meine Gedanken dazu nicht aufgeschrieben hätte, wäre ich wohl geplatzt. Ich habe dann überlegt, was ich tun kann, und bin zu dem Schluss gekommen, dass man dort, wo es verhältnismäßig gut läuft, also hier, die Sache trotzdem noch weiter vorantreiben sollte. Auch hier in Köln gibt es Homophobie, nicht nur nachts auf den Ringen, auch bei den Homosexuellen selbst. Ich beobachte so oft selbstzerstörerische Tendenzen, die Bereitschaft sich mit Aids zu infizieren ist gestiegen – Stichwort Bugchaser (http://de.wikipedia.org/wiki/Bugchasing – Anm. d. Bloggerin) – in diversen Kölner Grünflächen gehen die Männer cruisen, weil sie sich entweder nicht outen und/oder sich in Gefahr begeben wollen. Manche nehmen sich homophobe Äußerungen zu sehr zu Herzen, und fangen an, ihre eigene Existenz beziehungsweise ihr Recht auf Leben in Frage zu stellen. Es ist schon ein Kampf. Deswegen ist es so wichtig, dass Schwule, wie beim CSD, sichtbar sind. Dieses Jahr beim CSD hab ich mich zum ersten Mal bei Tageslicht als Transe auf die Straße getraut – es war toll. Bisher war ich so nur ab und zu auf Partys. Es ist so wichtig das zu tun, nicht nur um anderen, sondern auch sich selbst zu zeigen, dass das schlichtweg: geht. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft gibt es zwei Transen. Eine ist eine umfassbare Trümmertranse mit Netzstrümpfen, einer pinken Strähne in den blonden Locken und halbhohen Schuhen, in denen sie nicht laufen kann. Die andere hat die Figur eines Models, lange blonde Haare, ist wahnsinnig gut angezogen und könnte eine Chefredakteurin sein. Ich vergöttere beide. Auf den ersten Blick mögen sie die Leute nur irritieren, aber auf den zweiten Blick demonstrieren sie, in was für einer gesellschaftlichen Unfreiheit alle anderen leben. Das ist die harte Wahrheit, mit der nicht alle zurecht kommen. Als Jugendlicher habe ich Transen nicht verstanden, damals dachte ich auch noch, alle Schwulen sehen aus wie Alfred Biolek oder tragen Schnurrbärte und Ledergeschirre – und ich würde auch so enden müssen. Heutzutage gibt es zum Glück viele geoutete, auch gutaussehende Promis. Aber immer noch nicht genug! Gerade bei den Geschehnissen in Russland wünsche ich mir manchmal Zwangsoutings à la Rosa von Praunheim. Ich hoffe jetzt, dass Homophobie irgendwann, vielleicht ausgelöst durch Russland, genauso tabu wird wie Antisemitismus. Die Liste der -isms ist lang genug, einer weniger wäre schon prima.

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Lass uns vom Scheußlichsten zum Schönsten kommen – der Kunst. Du hast in deiner Jugend viel Theater gespielt. Was hast du von der Bühne mitgenommen?
Die Entscheidung, Theater zu spielen, war eine der ersten, die wirklich so richtig von mir selbst kam. Mit süßen 16 debütierte ich in einem Märchen und lernte so viele Leute kennen, nachdem ich vorher nur mit meinen zwei Nerd-Freunden rumgehangen hatte – nichts gegen Nerds! Das Theater war also auch mein Freundeskreis, und ich habe es vor allem gemacht, weil wir so eine tolle Truppe waren und gemeinsam eine ziemliche Narrenfreiheit genossen. Ich habe damals nicht wirklich gelernt, wie man schauspielert – ich zerbreche mir heute noch den Kopf, wie das funktioniert – aber habe gemerkt, dass ich dadurch gut vor größeren Gruppen sprechen kann und mir auch selten der Gesprächsstoff ausgeht. Mit am liebsten mochte ich, wenn wir beim wöchentlichen Training improvisiert haben. Da sind unglaublich gute Sachen bei entstanden und es war das pure Gefühl von Freiheit. Mein Wunsch, Theater zu spielen, hing mit meiner Tendenz zusammen, alles sein zu wollen, was ich sein konnte und mich nie festlegen zu müssen. Eine Art Eskapismus, den ich aufgegeben habe. Ich habe die Schauspielerei abgehakt, als ich gemerkt habe, dass ich mich eigentlich gar nicht richtig kenne. Also wollte ich mich von nun an darauf konzentrieren, ich selbst zu sein. Als ich Jahre später am Schauspiel Köln gearbeitet habe, schwante mir, was es heißen könnte, ein guter Schauspieler zu sein: In außerordentlicher Weise man selbst zu sein.

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Am Schauspiel Köln hast du einige Assistenzen absolviert, auch unter Karin Beier. Kannst du dir vorstellen, nach dem Studium am Theater zu arbeiten?
Unter Umständen, durchaus. So richtig bin ich das Theater ja nie losgeworden. Es kann aber auch in eine völlig andere Richtung gehen. Derzeit ist mein Plan ja: Popstar in Südkorea werden und dann Korea wiedervereinen, so wie damals David Hasselhoff in Deutschland. (lacht)

Apropos Korea! Du bist ein großer K-Pop-Fan, also ein Freund von südkoreanischer Popmusik. Wie speziell! Wie kamst du drauf und warum liebst du ausgerechnet K-Pop so?
Zwei Freundinnen von mir sind Tänzerinnen und hatten Auftritte in Südkorea. Als sie wiederkamen, erzählten sie begeistert von einem Lied, das dort gerade in den Charts war: „Be My Baby“ von Wonder Girls. Ein halbes Jahr später war dann PSY mit „Gangnam Style“ in den Charts und wieder ein halbes Jahr später blieb ich bei Youtube immer öfter bei K-Pop hängen. Da gab es dann eine Menge zu entdecken. Nicht bloß die in der Regel ziemlich aufwendigen Musikvideos, auch sehr viel drumherum: Auftritte der Stars in herrlich albernen bis zuckersüßen Gameshows, tonnenweise Backstagevideos, Zusammenschnitte von Fans – ich habe mir das alles gerne gegeben. Man weiß dort, wie Fan-Service funktioniert. Die Promis sind alle so viel sympathischer und liebenswerter, auch fleißiger und motivierter, als zum Beispiel in Deutschland, wo ich mich zum Beispiel frage, wann das letzte Mal jemand bei Markus Lanz saß, den ich in irgendeiner Weise sympathisch fand. Oder wann ich das letzte Mal gerne eine deutsche Gameshow geguckt habe, deren Kandidaten charmant waren. In Deutschland werden Prominente grundsätzlich erstmal gehasst – das scheinen die zu wissen und geben sich auch keine Mühe. Und deutsche Popmusik gibt es ja auch nicht mehr wirklich. Selbst die amerikanische oder britische ist für mich nicht mehr das, was sie einmal war. Ich habe das Gefühl, alle im Hintergrund Beteiligten des Popbusiness – zum größten Teil vermutlich skandinavische Songschreiber – konzentrieren sich jetzt auf Korea. Es hat sich sogar schon der Begriff der „Korean Wave“ gebildet, die koreanische Popkultur, die auf die anderen asiatischen Länder rüberschwappt.

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Welche Musik prägt abgesehen von K-Pop dein Jahr 2013?
Keine. Na gut, ein paar Popsongs und Indie-Hits haben schon eine Rolle gespielt: „Flexxin“ und „Fester“ von den Dutch Uncles und „Play By Play“ von Autre Ne Veut habe ich zum Beispiel recht viel gehört, bevor K-Pop zu dominant wurde. Ich weiß, dass mich der Großteil meiner Freunde wohl für bescheuert hält oder vielleicht glaubt, dass ich einen Fetisch für asiatische Boys habe – aber da müssen die durch!

Eine gemeine Frage: Was willst du werden, wenn du groß bist? Also außer dem Wiedervereiniger Koreas.
Ich will vor allem: werden. Und weiter werden. Meine Oma hat immer gesagt: Wer rastet, der rostet. Man muss sich seine Fragezeichen im Leben bewahren.

Hast du Vorbilder?
Ich picke mir von vielen das Beste raus. Ziemlich weit oben sind zum Beispiel Fran Drescher, Lady Gaga und Spongebob. Aber eigentlich sind meine wichtigsten Vorbilder meine Freunde.

Was ist das Interessanteste, was dir je passiert ist?
Ich hab mal eine Sternschnuppe gesehen, die in Wellenform flog. Das glaubt mir jetzt keiner, ne? Die ist halt so geeiert. Wahrscheinlich war sie einfach nicht stromlinienförmig. Herrje, warum fällt mir nichts Interessanteres ein? Ich bin mal, als ein Sturm tobte und der Zug aus der Heimat nach Köln wegen umgestürzten Bäumen nicht mehr weiter fuhr, mit einem großen Haufen Gepäck ausgestiegen und einfach zehn Kilometer nach Köln gelaufen. Leider bog ich an einer Stelle falsch ab und landete nach ungefähr vier Stunden in Köln-Porz-Eil. Ja, Porz hat sogar noch Unterorte! Auf dem Weg hab ich aber viel von der Welt gesehen, Landschaften, Stimmungen… Es war irgendwie eine total gute, anregende Erfahrung. Man sollte sich öfter verlaufen.

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Was ist das Krasseste, was dir je passiert ist?
Ich hatte mal ein halbes Jahr lang Panikattacken, das war schon ziemlich heftig. Ich wusste am Anfang überhaupt nicht, wie mir geschieht, hatte noch nie von sowas gehört. Nach einem kurzen Moment der Überlegung, ob ich mich jetzt für eine „geistige“ Krankheit schämen soll, entschied ich zügig, mit allen so viel ich wollte darüber zu sprechen und mich nicht zu verstecken. Wenn jemand, den ich kenne, das auch kriegen würde, sollte der sich schließlich auch nicht schämen, sondern wissen, dass zumindest ich für ihn da bin. Ich wusste auch, dass ich das so gut es geht selbst loswerden wollte, habe keine Medikamente genommen und nach dem halben Jahr merkte ich dann tatsächlich, wie sich in mir eine kleine Stimme erhob und sagte: „So, es reicht jetzt.“ Ich muss aber auch sagen: Ich war mir selbst nie näher als zu dieser Zeit. So verstörend und beängstigend es auch ist, wenn kein Verdrängungsmechanismus mehr funktioniert und das Unterbewusstsein wie eine offene Wunde vor einem liegt – man ist mal ganz bei sich, man ist ganz wach, maximal bewusst und auch am Weitesten entfernt von irgendeiner Affekthandlung. Sozusagen in den Brunnen gefallen, aber man kann eben nicht mehr tiefer fallen. Das hat eine seltsame Art von Sicherheit gegeben. Vielleicht brauchte ich das einfach mal.

Und was ist das Schönste, was dir je passiert ist?
Das letzte Stück, bei dem ich im Theater mitgespielt habe, war ein ziemlich ambitioniertes Projekt, in das sehr viel Herzblut geflossen ist. Es war somit ein perfekter Abschluss für mich. Ich habe der Regisseurin später gesagt, dass das das Beste ist, was ich je gemacht habe. Die Wehmut hielt sich im Nachhinein allerdings in Grenzen, dank des bis heute immer mal wiederkehrenden Alptraums, ohne Vorbereitung auf einer Bühne stehen zu müssen.

Hast du ein Lebensmotto?
Hab ich mir die Tage erst überlegt: Man muss im Leben zwei Sachen lernen: Not feeling bad about being happy – and not being happy about feeling bad.

Hast du auch ein Lieblingszitat?
„We’re all born naked. The rest is drag.“ – RuPaul

Was inspiriert dich?
Es gibt Musik, zu der ich wunderbar geistig abdriften kann – teilweise sehe ich ganze Filmszenen vor mir. Alleine spazieren gehen kann auch toll sein. Oder natürlich gute Gespräche mit Freunden. Aber eigentlich muss man sich nur mal in Ruhe irgendwo hinsetzen und genau hinhören. Dann sprudelt es auch aus einem raus.

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe.

Alle Fotos: Benjamin Wiese

Nilgün, 24, Berlin

„Mich faszinieren Dinge,
die ‚out of the box‘ gedacht sind.“

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Nilgün! Du hast kürzlich geheiratet. Herzlichen Glückwunsch!! Und im Anschluss gleich eine vielleicht völlig dämliche Frage, aber: Warum?
Vielen Dank! Als ich meinen Mann bei „World of Warcraft“ kennengelernt habe, dachte ich auch noch nicht, dass wir mal heiraten würden. Die Füllung für die Worthülse „Ehe“ kommt für mich aus der islamischen Lehre. Im Islam ist die Ehe kein Sakrament, das sich erst durch den Tod eines Ehepartners aufhebt, sondern die Verbundenheit zweier Menschen vor Allah, der so nebenbei gesagt der gleiche Gott Abrahams, Moses‘ und Jesu‘ ist. Es ist zwar die unliebsamste himmlische Erlaubnis, aber es gibt sie, die Erlaubnis zur Scheidung. Trotzdem muss ich sagen, tut es ziemlich gut in Zeiten des „schneller, besser, sexier“ und des Beziehungskonsums, sich auf eine Person voll einlassen zu können und von der Qualität der Beziehung zu leben. Uns wird täglich von der Werbung suggeriert, hey es geht noch was, du besitzt noch nicht alles um glücklich zu sein, und das hat sich stark auf die Partnerschaften unserer Kultur ausgewirkt. Verbindlichkeit geht auch ohne Ja-Wort. Aber mit der islamischen Ehe haben wir hoffentlich Gottes Segen eingeholt und zusätzlich eine fette Party geschmissen. Außerdem ist die Ehe so out, dass sie schon fast wieder in ist. Auf unserer Hochzeit war Stefans Großvater der Einzige, der den bräutigamschen Zylinder altmodisch fand, die anderen haben begeistert nach dem neuen „It-Item“ gefischt.

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Du bist vor einigen Monaten von Köln nach Berlin gezogen. Klare Sache: Pech für Köln! Wie gefällt es dir in der Hauptstadt?
Hier fluktuiert alles, und man trifft so viele unglaubliche und talentierte Menschen. Berlin ist ein interessantes Phänomen, die Stadt bietet nicht unbedingt die besten Studien- oder Arbeitsplätze im Land, aber die Menschen die es hierher verschlägt, kommen wegen ihrer Interessen und ihrem Lebenshunger. In anderen Großstädten wie London oder Paris bestimmt den Zuzug viel mehr die Arbeitssuche. Unfreiwilligerweise hat sich die Natur um Berlin herum gut erhalten, und ich kann es nicht fassen in Brandenburg noch auf Hirsche, Füchse und eine halbwegs intakte Flora zu treffen. Wenn irgendwo ein Bach plätschert, spricht es wohl meine innere Nymphe an.

Du bist eine Frau mit vielen Talenten und Interessen. Vor allem aber machst du großartige Fotos. Was inspiriert dich?
Mich haben früher Romane inspiriert, in denen es starke Frauenbilder und interessante, abweichende Männerrollen gibt. Lesen ist immer noch ein wichtiger Quell von Inspiration für mich, auch asiatische Filme, das Leben meiner Mitmenschen und vor allem die Natur und Mythologien, in denen sie gepriesen wird. Natürlich muss es zu all dem einen guten Soundtrack geben. Meine Fotos geben eine Sehnsucht nach der Natur wieder, wie ich es auch bei vielen anderen zeitgenössischen Künstlern nachempfinden kann. Ich finde es irgendwie ironisch, weil sich dieses Phänomen alle paar Jahrzehnte oder -hunderte wiederholt, aber ich kann mich dem trotzdem nicht entziehen. Meine erste Ausstellung war meiner in jungen Jahren entdeckten „Floral Fixation“ gewidmet.

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Welche Fotografen bewunderst du?
Das Zeitalter der Social Networks hat die Hierarchien abgeflacht und man erfährt viel mehr von jungen Künstlern. Es gibt so viele Fotografen, die wunderbare Arbeiten haben, und ich finde es manchmal faszinierend, wie Qualität und Popularität nicht Hand in Hand zu gehen scheinen. Um einige zu nennen, die vielleicht weniger bekannt sind: Jingna Zhang kommt aus Singapur und ist eine großartige und vielseitige Fotokünstlerin. Interessant finde ich auch, dass sie ebenso wie ich ein Gamer ist und in ähnlichen Dingen Inspiration findet. Kiki Xue ist ein chinesischer Fotograf, Elizaveta Porodina eine russische Fotografin, und Chen Man stammt ebenfalls aus good old Beijing. Außerdem tummeln sich in Krakau besonders viele junge, begabte Analogfotografen. Ich hab demnächst mal vor, dahin zu fahren und mir das Nest anzuschauen.

Hast du noch andere künstlerische Vorbilder?
Botticelli, Dante Gabriel Rossetti, Gustav Klimt, alles Leinwandkünstler vergangener Epochen. Aus der Filmwelt begeistern mich seit jeher Wong Kar Wai, Ang Lee und vor allem Hayao Miyazaki mit seinen Zeichentrickfilmen, in denen man ewig Kind sein und in Fantasie und Weisheit gleichermaßen schwelgen kann. Die Modewelt hat auch einen starken Einfluss auf meine Arbeit und Denkweise, aber nicht direkt die akuten Konsumwellen, die jede Saison neu einschlagen. Um konkret etwas zu nennen: Alexander McQueen, Vivienne Westwood und internationale Kostümgeschichte. Einige Kostüme von den Shootings stammen von mir.

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Für viele Menschen mit vielfältigen Talenten ist es schwer, sich für einen Beruf zu entscheiden. Was ist dein Plan?
Meinen Master machen und dann schauen, was der Arbeitsmarkt bietet. In der Zwischenzeit habe ich vor, ein Dutzend Video und Fotoprojekte umzusetzen, damit ich mich nicht der Schande hingeben muss, dass mein Notizbuch voller ist, als mein Portfolio. Mir gefällt es, finanziell nicht von meiner kreativen Arbeit abhängig zu sein, dann kann ich mich ihr besser hingeben und hoffentlich ehrliche Werke schaffen.

Gibt es irgendein neues Projekt, eine Seite oder irgendwas sonst, das du hier gerne promoten würdest? Fire away!
Da wir so viel über den Glauben geredet haben, würde ich gerne eine Kampagne zur institutionellen wie kulturellen Akzeptanz des Islam in Deutschland vorstellen. Mit „Juma“ (Jung, Muslimisch, Aktiv) arbeiten wir an einem Videobeitrag zum Thema, der kurz vor der Bundestagswahl richtig durchstarten wird. Watch out! http://www.juma-projekt.de/
Und meine Internetseiten! http://www.nilgunakinci.com ist noch im Aufbau und hat so gesehen noch kein Release erfahren.
Dann gibt es noch http://www.nilgunakinci.tumblr.com/ und meine Facebook-Seite
http://www.facebook.com/nilgunakinciphotographer. Like, like, like!

Deine Familie kommt aus der Türkei. Spiegelt es sich in deiner Kunst, dass du in zwei unterschiedlichen Kulturen zu Hause bist?
Das kann gut sein. Aber wie das so ist, sehe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht und stecke zu sehr in meiner Haut, um das zu beurteilen. Ich beschäftige mich mit vielen transkulturellen und Genderthemen, was ich – surprise, surprise – auch studiere. Mich faszinieren Dinge, die „out of the box“ gedacht sind. Das kommt sicher von meiner Macke, mich partout nicht in eine Schublade stecken zu lassen. In zwei Kulturen groß zu werden kann zwei Dinge bedeuten: entweder man fühlt sich keiner der beiden zugehörig und zurückgewiesen oder man sieht es als die größte Chance des Jahrhunderts und als Vorsprung in der Globalisierung der Welt.

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Auf der Facebookseite „Muslima Pride“ hast du kürzlich erläutert, was es für dich bedeutet, Muslimin zu sein. Hat mich – ich bin nicht-praktizierende, evangelische Christin – ziemlich beeindruckt, der Text. Wie hat dich dein Glaube geprägt?
Ich habe in meiner Jugend ein Kopftuch getragen, die Zeit, in der andere Mädchen grelles Make Up und Flirts mit Jungs ausprobieren. Es war toll, muss ich sagen, ich hab mich gefühlt wie Shams-ad-Din, ein Sufi auf Wanderschaft, spirituell unglaublich reich. Aber es macht dich ziemlich früh und unvorbereitet zur Zielscheibe der Gesellschaft und seltsamerweise in irgendeinem Stockholm-Syndrom-Verdreher auch zu der der eigenen Familie, wie es mir aus anderen muslimischen Familien in Deutschland auch zu Ohren gekommen ist. Irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich diese Zielscheibe abgelegt hab und mich in die Anonymität der Kopftuchlosigkeit geflüchtet habe. Es mag seltsam klingen, aber die Gesellschaft hat es mir nicht gegönnt, mit einem Stück Tuch anders zu sein. Wieso wird in unserer Gemeinschaft so etwas intimes wie die Wahl der Kleidung überhaupt in Frage gestellt? Ich habe inzwischen meinen Frieden damit geschlossen, kann es aber nicht akzeptieren, dass anderen Frauen solch eine Diskriminierung widerfährt. Mein Glaube begleitet mich in meinem Alltag und bei besonderen Anlässen, aber ich würde sagen, dass er für meine Mitmenschen erst im Monat Ramadan auffällt, der dieses Jahr wieder in zwei Wochen eintrifft. Ich freue mich darauf, ganz viele Freunde und meine Familie zum Iftar – dem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang – einzuladen und mit ihnen dieses Erlebnis zu teilen. Offenheit gegenüber den Welteinstellungen meiner Mitmenschen ist für mich essentiell, schließlich kennt die Offenbarung viele Wege, sich den Menschen zu zeigen.

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Gender und Feminismus sind für dich – genau wie für mich – große Themen. Was bedeutet es für dich, eine Frau zu sein? Hier und heute, 2013, in Berlin?
Ich habe mir nach harter Arbeit eine Sexismus-freie-Zone geschaufelt, in der ich mich als Frau wohl fühle. Aber ich sehe, wie andere noch daran zu leiden haben, und solange irgendjemand diskriminiert wird, dürfen wir nicht aufgeben, die Gesellschaft den darin Lebenden menschenwürdig anzupassen. Sexismus wird häufig hinter anderen Vorwänden versteckt, wie Arbeitsmoral, Ausländerfeindlichkeit, pure Gewalt, „die Natur der Dinge“ – dass ich nicht lache. Aber irgendwann werden die Ausreden ausgehen, und bis zu diesem Zeitpunkt müssen wir dahinter stehen.

Natalia Le Fay

Sich mit Feminismus und damit automatisch auch mit Sexismus zu befassen, hat für mich lange Zeit bedeutet, eigentlich ständig wütend zu sein. Wie geht es dir damit?
In meiner Jugend war ich rasend vor Wut angesichts der Ungerechtigkeiten, denen ich selbst ausgesetzt war und der andere ausgesetzt waren, wie ich als Betroffene bemerkt habe. Ich frage mich, warum ich nie etwas umgestoßen habe, Autos, Zeitungsständer oder einfältige Lehrer. Zu viele Faktoren trafen aufeinander, Tochter einer akademischen jedoch patriarchischen Familie, Kopftuch-Punk auf einem Schnösel-Gymnasium, Immigrant in der dritten Generation (ich habe gehört, die sind die Besten, lange Vorlaufzeit) und eine Übersensibilität und Verantwortungsbewusstsein für das Leid auf der Welt und die Klimaerwärmung. Glücklicherweise habe ich Geduld, Motivation und Inspiration in den Frauenbildern des Islam und in den Romanhelden meiner Jugend gefunden. Ich hoffe, durch meine Werke, diese Kraft und Inspiration weitergeben zu können. Außerdem habe ich inzwischen die richtigen Menschen getroffen und gelernt, mit den Unrichtigen umzugehen. Sie sind nicht so übermächtig, wie es sich manchmal anfühlt und durch Aufklärungsarbeit, Dialoge und persönliche Kontakte, in denen man sich der Lebensgeschichte des anderen bewusst wird, kann man die Dinge hin zum Positiven bewegen. Omm!

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe. Ganze Biographien von mir gibt’s auf http://www.geschenkbuch-deluxe.de.

Fotos 1 bis 4 von oben: Selbstporträts von Nilgün Akinci, Fotos 5 und 6 von oben: privat, Foto 7 von oben: Natalia Le Fay

Kerstin, 32, München

„Be a light, not a judge“

Kerstin! Du hast eine ganze Weile in New York gelebt. Was hat dich in den Big Apple verschlagen?
Ich habe seit ich klein bin den Traum gehabt, mal am Broadway zu sein. Als ich 2005 als Musicalstudentin das erste Mal da war, um ein Auslandssemester zu machen, habe ich mich einfach in die Stadt verliebt, in die Energie, die da ist. Wie man da arbeiten kann, wie dort gearbeitet wird, wie die Leute da beruflich mit einander umgehen, das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Und das Tempo auch. Und dann wollte ich einfach immer wieder hin.

Wie wird man in New York als deutsche Schauspielerin aufgenommen?
Ich wurde dort sehr gut aufgenommen, weil ich aber auch sehr positiv bin. Ich habe eine wahnsinnig positive Einstellung zu allen, und das mögen die und das sind die von Deutschen nicht unbedigt gewohnt. Und die finden natürlich auch alles, was nicht amerikanisch ist, total exotisch.

Warum hast du New York wieder den Rücken gekehrt?
Damals hinter meiner Schule, 2005, war eine Schießerei zwischen 13-Jährigen wegen Drogen. Die haben zwei Polizisten erschossen. Damals bin ich deswegen dann auch wieder weg, weil ich echt Schiss hatte. Und dieses Mal bin ich back for good in Bavaria, weil ich gemerkt habe, dass ich alles, was ich in New York gesucht habe, auch hier habe. Ich musste einfach sehr weit reisen und gehen, um zu merken, was mir wichtig ist und was ich eigentlich brauche, und seitdem bin ich auch hier sehr glücklich.

Mittlerweile lebst du in München. Hast du das Gefühl, angekommen zu sein oder meinst du, es zieht dich bald wieder weg?
Ja, ich habe das Gefühl, angekommen zu sein, endlich. Ob es mich weg zieht weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich es nicht mehr verwenden werde, diese Reisen, Übersee, um vor etwas zu fliehen. Der Drang, ganz weit weg zu ziehen, der ist glaube ich jetzt nicht mehr so da.

Du bist eine wunderbare Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin. Empfindest du es als Segen oder als Fluch, multipel begabt zu sein?
Ich empfinde das absolut als einen Segen, ganz klar. Also mittlerweile. Am Anfang wollte ich mich immer für eine Sache entscheiden, habe sehr nach einer Lösung für meinen Beruf gesucht. Weil man ja gerne Klarheit hat. Aber jetzt habe ich gemerkt, dass es das Tollste ist, was ich mir vorstellen kann, so viele Möglichkeiten zu haben, mich auszudrücken. Zu Spielen, zu Singen, mich zu bewegen…

Hast du künstlerische Vorbilder?
Sehr viele Kollegen sind für mich Vorbilder. Ich kann da jetzt keine wirklichen Namen nennen, aber ich finde Kollegen toll, die schon lange im Beruf sind, die nicht kaputt sind und die bodenständig geblieben sind. Du hast zwar nach künstlerischen Vorbildern gefragt, aber das sind für mich Vorbilder in meinem Beruf, denn die haben dann meistens auch was drauf.

Mit welchem Künstler würdest du wahnsinnig gerne mal zusammen arbeiten?
Ich würde gerne mit Muse ein Lied aufnehmen (lacht), so als special guest, wenn das möglich ist. Was Film anbetrifft, würde ich gerne mal mit Martin Scorsese arbeiten, den finde ich ganz toll.

Du praktizierst Yoga, vor allem Bikram Yoga. Kannst du mal erklären, was das ist und warum du es den hundert anderen Yoga-Formen vorziehst?
Ich ziehe Bikram Yoga allen anderen Yoga-Formen vor, weil es das Yoga ist, das mich am meisten zum Schwitzen bringt, weil es ja bei 40 Grad praktiziert wird. Ich brauche etwas, das mich auspowert, das mich anstrengt. Ich habe noch nicht so viele Yoga-Formen ausprobiert, aber ich habe gemerkt, dass Bikram toll für meine Muskulatur ist, für meine Kondition, für die Haut. Und es macht mir einfach sehr viel Spaß, ich mag das Tempo dabei. Ich bin auch niemand, der vor’m Yoga chantet, also dieses meditative Singen praktiziert. Das ist nicht so meins. Ich mache das lieber als Sport.

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Du strahlst sehr viel Ruhe und Zuversicht aus. Wie schaffst du es, gelassen zu bleiben, selbst wenn es um dich tobt und stürmt?
Das mit der Ruhe und Zuversicht sieht manchmal nur so aus, aber natürlich arbeite ich daran. Vielleicht wird das dadurch nach außen hin mehr und mehr sichtbar. Das ist ein ständiger Prozess und eine ständige Arbeit. Mittlerweile macht mir diese Arbeit Spaß, und ich meditiere ein bis zwei Mal am Tag. Wenn man sich sehr auf das eigene Innenleben konzentriert, dann kann einen das, was außen ist, auch nicht mehr so hin und her schleudern. Da bekommt man ein Vertrauen in das Leben und in die Richtigkeit von allem.

Welche Rolle spielt Spiritualität in deinem Leben?
Schon eine große. Kommt darauf an, wie man das definiert. Ich würde mich nicht als esoterisch bezeichnen, aber ich bin sehr energetisch. Ich finde, es sind ganz viele Energien um uns herum, und gerade im künstlerischen Beruf merkt man das ja auch ständig und arbeitet damit. Da bemerkt man ja, was da alles zwischen Himmel und Erde ist, das man nicht erklären kann. Und ich glaube das gehört zu Spiritualität dazu, diese ganzen Energien.

Hast du eine Lebensphilosophie?
Ich habe eine, die stammt von Anthony Hopkins. Die kann ich mittlerweile schon ganz gut unterschreiben mit meinen 32 Jahren: „Ich erwarte nichts und akzeptiere alles.“ Finde ich total toll. Und ich finde auch ganz toll: „Be a light, not a judge“. Weil einfach viel zu viel verurteilt wird in unserer Welt. Das würde ich auch als Lebensphilosophie betrachten: Leute und Situationen nicht zu beurteilen und stattdessen im Moment zu leben.

Wer oder was inspiriert dich?
Alle meine Freunde inspirieren mich jeden Tag. Die Natur inspiriert mich – (lacht) ich merke gerade, ich klinge total esoterisch, aber egal. Inspiration finde ich eigentlich überall, auch im Unterricht bei meinen kleinen Musik-Schülern. Die Musik inspiriert mich total.

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Was macht dich glücklich?
Wenn ich arbeiten darf – das macht mich glücklich, wenn ich singen darf, wenn ich spielen darf, wenn ich am Set bin, wenn ich im Tonstudio bin, wenn ich mit Freunden bin, wenn ich in der Natur bin, wenn ich einfach nur die Bäume angucke von unten, die vielen Blätter und den Himmel und die vorbei ziehenden Wolken – das macht mich tatsächlich ganz, ganz arg glücklich.

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe. Ganze Biographien von mir gibt’s auf http://www.geschenkbuch-deluxe.de.

Fotos 1, 2 und 4 von oben: Robert Kohlhuber, Foto 3 von oben: Hagen Schnauss

Frank, 31, Berlin

„Keine halben Sachen“

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Frank, du wohnst in Berlin, bist in Oberberg aufgewachsen, aber ursprünglich kommst du aus Hermannstadt in Siebenbürgen. Wie alt warst du, als deine Familie umgezogen ist?
Ich war zarte acht Jahre alt.

Ich war sieben, als meine Familie vom platten Land in der Nähe von Jena nach Oberberg gezogen ist. Ich fand’s aufregend – neue Freunde, neue Erlebnisse… Wie war das so für dich?
Ich glaube, ich war extrem schüchtern damals und durch das ständige Hin- und Herziehen, bis wir endlich im Oberbergischen Kreis landeten, hielt sich die Aufregung bei mir in Grenzen. Es hat schon eine Weile gedauert, bis ich Freunde gefunden und mich gegenüber der neuen Heimat geöffnet habe. Ich habe noch ziemlich lange mit „zu Hause“ Siebenbürgen gemeint, wenn ich mich mit meiner Familie unterhalten habe.

Deine siebenbürgischen Wurzeln bedeuten für mich vor allem: das fabelhafte Essen deiner Mom. Und für dich?
Ja, das ist schon ein großer Teil dessen, das hast du richtig erkannt! Ansonsten sind die geschichtlichen Wurzeln für mich als Nebenfachhistoriker natürlich faszinierend. Alles andere ist schwer zu beschreiben. Ich fühle mich jedes Mal wie im siebten Himmel, wenn ich dort bin und auf den Spuren meiner Kindheit wandle. Ich werde dann total sentimental und würde am Liebsten der ganzen Welt zeigen, wie schön es dort ist und was es alles zu entdecken gibt. Vielleicht mache ich das ja auch mal, später…

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Du warst schon in Berlin angekommen, lange bevor „alle“ hingezogen sind. Ist Berlin immer noch die Stadt für dich?
Naja, das denkt, glaube ich, so ziemlich jeder von sich, der schon mindestens sechs Monate hier wohnt. (lacht) Nach über zehn Jahren Berlin bin ich der Stadt immer noch nicht überdrüssig. Mich nerven mittlerweile zwar einige Dinge ziemlich, aber andere möchte ich wiederum auch nicht missen. Die Stadt verändert sich sehr mit den vielen, vor allem jungen Leuten, die herziehen, um sich hier auszutoben und ihre Berlin-Illusion auszuleben beziehungsweise enttäuscht zu werden. Und wenn mir das alles dann irgendwann auf den Sack geht, ziehe ich raus nach Schöneweide und vergentrifiziere ein paar alteingesessene Nazis oder fliehe gleich ins Ausland.

Gibt es noch eine andere Stadt, in der du dir vorstellen
könntest, zu leben?

Schwer zu sagen. Ich mag viele Städte, aber ich könnte selbst von New York nicht sagen, ob ich es dort auf Dauer so lange aushalten könnte, wie in Berlin. Also um es zu versuchen, würde ich vielleicht mit New York anfangen… und wenn das Geld nicht reicht, dann Hamburg.

Was liebst du an Berlin?
Die Geschichte an jeder Straßenecke, die vielen Kieze, gute Currywurst, die Freizügigkeit, das viele Grün, Baulücken, den ÖPNV, all die lieben Menschen, die ich hier kennenlernen durfte.

Und was hasst du an der Stadt?
Die überdurchschnittlich starke Selbstbezogenheit und Ignoranz vieler Leute, das Gefühl, ungefragt Statist in einem großen Vergnügungspark zu sein, das Fehlen eines zukunftsfähigen und durchdachten Stadtentwicklungskonzeptes – ganz ehrlich! 

Lass uns über Kunst reden. Hast du momentan einen Lieblingskünstler – aus welcher Sparte auch immer?
Da muss ich wirklich nachdenken. Also aus dem zeitgenössischen Bereich: Neo Rauch und Norbert Bisky. Letztes Jahr habe ich nach einem Museumsbesuch in Chemnitz Otto Dix für mich entdeckt. Was Kunst und Kultur grundsätzlich angeht, interessiere ich mich besonders für Fotografie, die Klassische Moderne und Mariah Carey. (lacht)

Welcher Künstler hätte deiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdient?
Der Musiker Le1f, die Fotografen Herbert Tobias und Frieda Riess – und Iwan Rheon. Diese Augen!

Ob Foto, Performance, Skulptur, Bild, Song oder wasauchimmer – welches Kunstwerk hat dich in letzter Zeit am meisten beeindruckt?
Während der Recherche für meine Magisterarbeit bin ich wieder über den chinesischen Künstler Xu Bing gestolpert. Sein „A Book From the Sky“ von 1988 hat mich sehr fasziniert. Er hat unzählige Schriftrollen und Buchseiten mit tausenden erfundenen Schriftzeichen bedruckt, die zwar chinesischen Zeichen ähneln, aber keine echten sind. Die vielen Druckstempel mit den fiktiven Zeichen hat er in jahrelanger Arbeit selbst geschnitzt. Das Spiel mit Sprache und Schrift ist sehr charakteristisch für ihn und hat mich sehr fasziniert. Als ich mit meinem Studium anfing, wurde
„A Book From the Sky“ gerade in Berlin ausgestellt, und ich möchte mich immer noch dafür in den Arsch beißen, dass ich nicht hingegangen bin.

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Du hast während deines Sinologie-Studiums ein Jahr in China verbracht – hauptsächlich in Shanghai. Wie würdest du diese Erfahrung zusammenfassen?
Insgesamt als sehr erkenntnisreich und wertvoll. Ich würde zwar nicht gleich mit dem Wort „Kulturschock“ um mich werfen, denn das klingt irgendwie abwertend, aber die Andersartigkeit der Alltagskultur und die andere Perspektive auf die Welt fand ich echt aufregend – im Guten, wie im Schlechten. Vieles was andere „Westler“ um mich herum damals einfach nur „nervig“ oder „komisch“ fanden, hat mich meist neugierig gemacht. Ich habe die Andersartigkeit nie bewertet, sondern einfach als Realität angenommen, und das hilft beim Verständnis einer neuen Umgebung. Eine Erfahrung, die ich niemals missen möchte.

Hast du noch Kontakte nach China?
Ja, ich habe noch einige Freunde und Bekannte dort, die ich nach meinem Abschluss wieder besuchen möchte. Einige haben mich in Berlin besucht und je mehr ich von den Veränderungen in Shanghai, Peking und Co. höre, desto größer wird mein Fernweh.

Genau wie ich bist du auch ein ziemlicher Serienjunkie. Hast du das Ende von 30 Rock schon verkraftet?
Hach, das war schon schwer, das muss ich zugeben. Es war ’ne großartige Serie, die aber zum Glück rechtzeitig aufgehört hat. Tina Fey wird uns sicherlich noch mit schönen Sachen beglücken.

Was sind momentan deine Lieblingsserien?
Ähm, hier meine obligatorische Liste: Parks and Recreation, House of Cards, The Good Wife, Up all Night, Game of Thrones, VEEP, The Big C, Modern Family. Und mein All-Time-Coming-Out-Nostalgie-Favourite Will & Grace, was ich mir ein Mal im Jahr von Anfang bis Ende anschaue.

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Gibt es ein Projekt – egal ob ein eigenes oder das von anderen – das du gerne promoten würdest? Hier ist die Gelegenheit!
Das Aufklärungsprojekt „queer@school“ des Jugendnetzwerks Lambda Berlin-Brandburg e.V. (http://queer-at-school.de/). Die gehen in Berliner Schulen und setzen sich für mehr Geschlechtergerechtigkeit und Akzeptanz sexueller Vielfalt und gegen Homophobie und Transphobie an Schulen ein.

Eine letzte Frage: Hast du ein Lebensmotto oder eine Lebensphilosophie?
Keine halben Sachen!

Das Interview führte Melanie Raabe. Don’t be shy! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe. Ganze Biographien von mir gibt’s auf http://www.geschenkbuch-deluxe.de.

Alle Fotos: privat

Alexandra, 31, Mondsee

„Für mich ist Glücklichsein ein Entschluss“

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Alex, du bist ein wahnsinnig aktiver, fleißiger, sportlicher, reiselustiger Mensch – eigentlich immer in Bewegung. Gibt es auch Tage, an denen du auf gar nichts Lust hast und dich aus dem Bett quälst?
Um ehrlich zu sein, gibt es diese Tage eher selten bei mir. Eigentlich kaum. Ich freue mich jeden Morgen darauf, was der Tag so Neues bringen mag.

Wie motivierst du dich an diesen seltenen Tagen trotzdem?
Das Beste ist eine Runde Joggen zu gehen. Das erweckt neue Lebensgeister in mir, und ich fühle mich sofort wieder fit und lebendig.

Deine Familie stammt aus Polen, du bist in Köln geboren und mittlerweile lebst du in der Nähe von Salzburg. Was hat dich nach Österreich verschlagen?
Mein Freund und ich sind aus beruflichen Gründen nach Österreich gegangen. Es war eine der besten Entscheidungen überhaupt, hierher zu ziehen. Wir lieben und genießen das Leben in den Bergen. Natürlich vermisse ich die kölsche, fröhliche Lebensart und auch gute Freunde sowie meine Familie in der Heimat, aber da wir an einem so bezaubernden Fleckchen Erde leben, bekommen wir oft Besuch, was mich immer freut.

Unterscheidet sich das Leben in Österreich sehr von dem in Deutschland? Wenn ja – welches sind die größten Unterschiede?
Ja, es unterscheidet sich schon in einigen Punkten, insbesondere was den Freizeitwert anbetrifft. Ich liebe die Natur, die Berge und Seen und gehe unheimlich gerne wandern, klettern, schwimmen, Stand-up-paddeln, skifahren… Das alles kann ich hier perfekt ausleben. Auch das Wetter ist meist freundlicher und sonniger als in Deutschland. Das schlägt sich sofort auf mein Gemüt aus.

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Du kommst aus einer polnischen Großfamilie mit jeder Menge Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen und hast schon allein vier Geschwister. Was bedeutet dir Familie?
Meine Familie bedeutet mir sehr viel. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin, und dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Auch wenn ich viele Kilometer von ihnen entfernt wohne, habe ich doch fast täglich Kontakt zu ihnen und versuche, sie so oft wie möglich zu besuchen.

… Und deine Familie wächst, denn in wenigen Wochen erwartest du dein erstes Kind. Glückwunsch noch mal – das kann ich nicht oft genug sagen! Wolltest du schon immer Kinder?
Ja, unbedingt! Ich liebe Kinder und freue mich wahnsinnig auf meine neue Herausforderung als Mami. Ich bin fest davon überzeugt, dass Kinder einem einen neuen Blickwinkel im Leben zeigen und man selber wieder die Welt mit Kinderaugen sieht.

Was macht für dich eine gute Mutter aus?
Dem Kind Liebe, Fürsorge, Vertrauen und Zeit zu schenken. Für mich ist eine gute Mutter eine glückliche Mutter, die auch auf ihre eigenen Bedürfnisse Rücksicht nimmt und sich ihre Freiräume gestaltet. Somit überträgt sich das Glück der Mutter automatisch auf das Kind.

Lass uns über die Liebe reden! Du bist schon seit Schulzeiten mit deinem Freund zusammen. Was, glaubst du, ist das Geheimnis einer funktionierenden Beziehung?
Wir haben viele Gemeinsamkeiten, üben zusammen unsere sportlichen Hobbies aus, die uns sehr viel Spaß bereiten, lieben das Reisen und können über dieselben Sachen lachen. Ich glaube, dass gemeinsame Erlebnisse und Aktivitäten sehr zusammenschweißen. Es ist aber auch wichtig, dem Partner seine eigenen Freiheiten zu lassen und ihn nicht einzuengen. Gott sei Dank können wir das beide sehr gut. Über die vielen Jahre hat sich bei uns ein tiefes Vertrauen und eine Verbundenheit entwickelt, die wir sehr zu schätzen wissen. Wir beide wissen, dass wir immer für einander da sind, und das ist eigentlich das Schönste aller Gefühle.

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Als reiselustige Person bist du oft und gerne unterwegs. Welches ist der schönste Ort, an dem du jemals warst?
Schwer zu sagen, da gibt es einige. Aber ich liebe Australien, insbesondere die Ostküste. Byron Bay war für mich „The place to be!“ Aber auch Mauritius ist ein besonders hübsches Fleckchen Erde mit sehr freundlichen Menschen. Ich finde das Zitat von Mark Twain sagt alles über die Insel aus: „You gather the idea that Mauritius was made first and then heaven, and that heaven was copied after Mauritius“.

Du bist Kitesurferin. Was ist dein Lieblingsspot zum Surfen?
Le Morne, Mauritius. Traumhaft türkis-blaues Wasser, den Berg Brabant als Kulisse, große Flachwasser-Lagune und Welle. Alles was das Herz begehrt. Ich liebe diesen Spot.

Was ist das Verrückteste oder Lustigste, was dir je auf Reisen passiert ist?
Wir saßen eine ganze Woche lang mit unserem Camping-Bus in Airlie Beach (Queensland/Australien) fest, da es ununterbrochen geregnet hat und alle Straßen überflutet und gesperrt waren. Ich hatte die lustigste Woche meines Lebens. Wir haben super coole Leute kennengelernt, waren ständig von Kopf bis Fuß triefnaß, haben Tränen gelacht und eine ganze Woche lang nur Party gemacht. Bei unserem Segelausflug auf die Whitsunday Islands sind wir dann noch in die Ausläufe eines Taifuns geraten – die komplette Besatzung war drei Tage lang seekrank, hat das mit viel Alkohol wieder wett gemacht, und die ganze Zeit sind Schwärme von Haien um uns herum gekreist. Das alles war schon ein wenig verrückt.

Du bist einer der positivsten Menschen, die ich kenne. Wie schaffst du das nur, immer so positiv zu bleiben – ganz egal, was passiert?
Vielen Dank für das Kompliment. Das freut mich zu hören. Eine positive Lebenseinstellung ist meines Erachtens das Wichtigste im Leben. Für mich ist Glücklichsein ein Entschluss. Das Leben ist viel zu kurz und viel zu wertvoll, um sich von den negativen Dingen im Leben herunterziehen zu lassen. Außerdem gehören auch weniger schöne Momente im Leben einfach dazu, umso mehr weiß man danach zu schätzen, wie gut es einem geht und wie glücklich und dankbar man sein muss. Insbesondere aber mein tiefer und unerschütterlicher Glaube an Gott gibt mir in allen Lebenssituationen Liebe, Kraft, Halt und Zuversicht.

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Hast du Vorbilder?
Das ist eine gute Frage. Vorbilder in dem Sinne habe ich nicht. Mich inspirieren einfach positive Menschen, die das Beste aus ihrem Leben herausholen und glücklich sind, unabhängig davon wie wenig sie haben oder welche Schicksalsschläge sie erleiden mussten.

Hast du ein Lebensmotto?
„Rise up, start fresh, see the bright opportunity in each new day!“

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe. Ganze Biographien von mir gibt’s auf http://www.geschenkbuch-deluxe.de.

Alle Fotos: privat