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Michael, 72, Wiehl

Alles wirkliche Leben ist Begegnung


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Bitte stellen Sie sich doch kurz vor. Wer sind Sie, was machen Sie?
Ich bin Michael Höhn und wurde am 22.10.1944 in Gießen geboren. Ich überlebte den schweren Bombenangriff am 6. Dezember 1944, weil meine Mutter eine „Vorahnung“ hatte. In Düsseldorf wuchs ich auf, studierte evangelische Theologie und später Sozialpädagogik. Als Vikar in Düsseldorf-Wersten engagierte ich mich gegen Mietwucher und unmenschliche Lebensbedingungen von ausländischen Arbeitern. Von 1971 bis 1979 war ich Gemeindepfarrer im Duisburger Arbeiterviertel Bruckhausen – einem „Sozialen Brennpunkt“. Von 1979 bis 2005 arbeitete ich als Berufsschulpfarrer am Berufskolleg in Gummersbach-Dieringhausen. Zusammen mit meiner Frau Monika lebe ich seit 1979 im oberbergischen Wiehl. Wir sind seit 1968 verheiratet und haben zwei erwachsene Töchter und vier Enkelkinder. Ostern 1993 rief ich gemeinsam mit meiner Frau und nicaraguanischen Freunden auf der Insel Ometepe im Großen Nicaraguasee das sozialmedizinische Ometepe-Projekt Nicaragua ins Leben. Wir besuchen dieses Projekt regelmäßig in jedem Jahr, und nehmen auf unseren Reisen auch interessierte Menschen mit. Über die Jahre hat sich so ein lebendiges Netzwerk Ometepe entwickelt. Ich bin Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (ver.di), Autor im Friedrich-Bödecker-Kreis e.V. und in der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugend und Literatur NRW e.V.
Die „Helden“ meiner zahlreichen Buchveröffentlichungen sind häufig „Außenseiter unserer Gesellschaft“.

Was begeistert Sie an Ihrer Arbeit?
Vor allem, dass ich mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun habe, die mich neugierig machen und von denen ich sehr viel lerne. Das trifft auf meinen Beruf als Pfarrer zu, als auch auf meinen Beruf als Autor. Die Bücher und Geschichten, die ich geschrieben habe, haben alle – auf unterschiedlichste Weise – mit dem zu tun, was ich mit Menschen erlebt habe.

Was würden Sie als Ihre Berufung bezeichnen?
Als ich zehn Jahre alt war, hat mein Volksschullehrer mich am Ende des 4. Schuljahres gefragt, was ich denn mal werden wollte. Ich habe ihm geantwortet: Ich möchte Pfarrer werden, weil ich dann Menschen helfen kann. Woher diese Berufung kam, kann ich nicht genau sagen. Es lag nicht in der Familie. Mein Vater war Bankdirektor.

Was treibt Sie an?
Das Bedürfnis, mit allen Menschen guten Willens gemeinsam für mehr Frieden und Gerechtigkeit im Umfeld meiner Heimat, aber auch weltweit zu arbeiten.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Das Wort Stolz passt nicht so recht in meinen persönlichen Wortschatz. Ich freue mich mehr darüber, wenn mir mit anderen gemeinsam etwas Gutes gelingt.

Welches war Ihre bisher interessanteste Reise?
Das war sicherlich die Reise zu unserer Silberhochzeit Ostern 1993 nach Nicaragua. Was sich aus dieser ersten Reise in eines der ärmsten Länder Lateinamerika entwickelt hat, hätte ich mir nie träumen lassen.

Was ist das Aufregendste oder Interessanteste, was Ihnen je passiert ist?
Als ich 16 Jahre alt war, spielte ich Posaune in einem Posaunenchor der Kirche und zugleich in einer Dixielandband. Bei einem unserer Auftritte in einem Düsseldorfer Keller am 15. Juni 1961 lernte ich meine heutige Frau kennen. Ohne sie wäre mein Leben sicherlich vollkommen anders und vielleicht weniger spannend verlaufen. Das ist die Kurzfassung…

Was ist die wichtigste Lektion, die Sie bisher gelernt haben?
Diese Lektion habe ich von einem meiner theologischen Lehrer, dem jüdischen Theologen Martin Buber gelernt: Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

Haben Sie Vorbilder?
Ja, eine ganze Reihe: Jesus von Nazareth, Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King – um nur die wichtigsten zu nennen.

Was inspiriert Sie?
Jeden Morgen um kurz nach 6 Uhr sitzen meine Frau und ich in unseren Sesseln und lesen uns gegenseitig aus einem oder zwei Bücher vor, die uns wichtig sind. Danach ergeben sich unglaublich konstruktive Gespräche über Gott und die Welt – und unser ganz persönliches Leben.

Was macht Sie glücklich?
Geliebt zu werden – von meiner Frau, meinen Töchtern und meinen Enkelkindern. Und von zahlreichen Menschen aus der Nähe und der Ferne – von Wiehl bis nach Nicaragua.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Ich denke, dass der Satz von Martin Buber so etwas ist. Aber auch der Satz von Jesus hat mich sehr geprägt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Der zweite Teil ist mir dabei sehr wichtig.

Was ist der Sinn des Lebens?
Einen allgemeinen für alle Menschen verbindlichen Sinn des Lebens gibt es für mich nicht. Jeder sollte ihn für sich selber suchen und finden, sagt eines meiner Vorbilder, Viktor Frankl. Für mich liegt er in dem, was ich weiter vorhin gesagt habe.

 Infos zum im Interview genannten Projekt finden sich auf www.ometepe-projekt-nicaragua.de

Das Interview führte Melanie Raabe.
Fotos: privat

 

Monika, 70, Wiehl

Alles wirkliche Leben ist Begegnung

 

Monika! Bitte stellen Sie sich doch kurz vor. Wer sind Sie, was machen Sie?
Ich heiße Monika Höhn und wurde 1945 in Göttingen geboren. Auf der Flucht von Göttingen nach Salzburg überlebte ich einen Fliegerangriff auf den Flüchtlingstreck, weil meine Mutter mich aus dem Kinderwagen riss und mit mir auf dem Arm in den nahen Wald rannte. Mein Kinderwagen wurde von den MG-Salven zerfetzt. Noch heute erinnert mich ein kleines Holzpüppchen an diesen Angriff. Ich wuchs in Düsseldorf auf, bin seit 1968 mit Michael Höhn verheiratet, habe zwei Töchter.
Als Großhandelskauffrau, Personal- und Vorstandssekretärin, arbeitete ich in Düsseldorf und Mainz, später in der Kirchengemeinde meines Mannes in Duisburg-Bruckhausen in der Jugend- und Altenarbeit, mit türkischen Frauen und in der Beschäftigungstherapie eines Pflegeheims. Im Oberbergischen Wiehl engagierte ich mich in der Friedens- und Flüchtlingsarbeit und war tätig als Dozentin für „Deutsch für AsylbewerberInnen“ – vorwiegend mit kurdischen Familien. 1993 gründete ich mit meinem Mann und nicaraguanischen Freunden das Ometepe-Projekt Nicaragua, für dessen langjährige Arbeit mein Mann und ich am 9. November 2011 das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und den Silbernen Wiehltaler der Stadt Wiehl für soziales Engagement erhielten.
Meine Hobbies sind: Lesen, Reisen, Kontakte zu fremden Kulturen, Liebe zur Natur und zu Tieren aller Art, vor allem zu Hunden. Ich bin gern mit Menschen unterwegs, besonders auch zu Lesungen zum Thema „Eine Welt“ in Kindergärten, Schulen und Kirchengemeinden.
Seit 1983 bin ich Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS in ver.di) und Autorin verschiedener Bücher und Anthologien. Veröffentlichungen von mir und meinem Mann sind auch zu finden auf http://www.ometepe-projekt-nicaragua.de.

Was begeistert Sie an Ihrer Arbeit?
Die Begegnung mit den unterschiedlichsten Menschen, vor allem auch solchen, die mit Tieren (therapeutisch) zu tun haben.

Was würden Sie als Ihre Berufung bezeichnen?
Ich möchte Menschen bewegen, diese Welt menschenwürdig zu gestalten, um sie unseren Kindern und Enkeln lebenswert zu hinterlassen

Was treibt Sie an?
Der bisherige Erfolg, der meinem Mann und mir gezeigt hat, dass wir etwas bewegen können, dass sich viele Menschen mit uns gemeinsam für diese „Eine Welt“ auf unterschiedliche Art und Weise einsetzen. Das ist uns vor allem in unserer 23-jährigen Entwicklungs-Zusammenarbeit mit Nicaragua bisher gelungen.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Auf meine Familie.

Welches war Ihre bisher interessanteste Reise?
Alle Reisen, die wir unternommen haben, waren interessant.
Nicaragua ebenso wie meine Reise in die kurdische Region der Türkei, wo ich 1993 mit einer Menschenrechtsdelegation vom türkischen Militär verhaftet und 14 Stunden lang mit verbundenen Augen im Militärgefängnis von Diyarbakir zubringen musste, bis wir schließlich wieder frei kamen.
Trotz dieses traumatischen Erlebnisses habe ich einen intensiven Einblick erhalten in die Lebenssituation der kurdischen Bevölkerung und die Assimilierungspolitik der türkischen Regierung, die mittlerweile unverändert ihre „Kriegsführung“ fortsetzt.
Aber auch ein Projektbesuch in El Salvador und die Information zur leidvollen Geschichte dieses Landes haben mich sehr beeindruckt.

Was ist das Aufregendste oder Interessanteste, was Ihnen je passiert ist?
Dass ich meinen Mann in sehr jungen Jahren kennen lernte und mit ihm viele Höhen und Tiefen durchlebt habe. Dass wir nach der Totgeburt und einem akuten Herzstillstand bei der Geburt unseres ersten Kindes im 6. Monat den Mut auf weitere Schwangerschaften nicht verloren haben und heute zwei erwachsene gesunde Töchter, vier Enkelkinder mit drei Hunden haben.

Was ist die wichtigste Lektion, die Sie bisher gelernt haben?
Verständnis und Liebe und die Bereitschaft, mich auf Fremdes einzulassen.

Haben Sie Vorbilder?
Martin Luther King, Albert Schweitzer, Geschwister Scholl, Mahatma Gandhi,
und viele starke Frauen, die ich in größter Armut in Nicaragua kennen gelernt habe und die – oft alleinerziehend – ihren Alltag bewältigen müssen.

Was inspiriert Sie?
Mein Glaube und die Hoffnung auf eine Welt, in der Gerechtigkeit, Frieden und Gewaltlosigkeit lebbar werden.

Was macht Sie glücklich?
Dass ich mit meinem Mann ähnliche Visionen lebe und sie mit ihm teilen kann, dass wir uns fair streiten und versöhnen können und dass wir dankbar sein können für unser bisheriges gemeinsames Leben von insgesamt über 50 Jahren.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Alles wirkliche Leben ist Begegnung.
(Martin Buber)

Was ist der Sinn des Lebens?
Mich einzusetzen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung,
damit es mir und allen Lebewesen gut geht.