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Gunnar, 40, Köln

Mein Smartphone weckt mich immer mit dem Spruch „How bad do you want it?“

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Gunnar! Ich kenne dich als Interviewer und Youtuber, hauptberuflich bist du Lehrer, du befasst dich mit philosophischen Themen und du schreibst. Du hast also viele Talente und Interessen. Warum bist du Lehrer geworden? Was schätzt du an deinem Job?
Das Schlimme am Schreiben ist ja, wenn man nicht Melanie Raabe ist, dass man nicht weiß, ob da draußen tatsächlich jemand ist, der das Ergebnis all deiner Mühen überhaupt bemerkt. Arbeitet man jahrelang in stiller Einsamkeit am Küchentisch vor sich hin und niemand wird jemals lesen, was du zu Papier bringst. Und wenn es jemand liest – vielleicht wird es ihm nicht einmal gefallen. Vielleicht wird es niemandem etwas bedeuten. Und wenn es jemandem etwas bedeutet – vielleicht wird dieser Mensch sich nie bei dir melden …
Auf Youtube ist das anders: Du siehst recht bald, wie viele Menschen sich das angucken, oft auch, wie es ihnen gefällt, und sie geben dir manchmal Feedback. Kann Fluch oder Segen sein. In der Schule ist es aber noch krasser: Du siehst IMMER, wer dir zusieht und dich bemerkt, du bekommst SOFORT mit, was deine Mühen bei anderen bewegen, und Feedback bekommst du auch unmittelbar – manchmal etwas unmittelbarer, als es eigentlich nötig wäre, aber okay …
Das Problem in der Schule (bei Youtube auch ein wenig) ist allerdings: Was wird das Ganze in hundert Jahren noch wert sein? Niemand wird deinen Namen kennen, niemand wird sich deiner erinnern. Beim Schreiben dagegen kannst du dir stets Hoffnung machen, auch (oder erst) von späteren Generationen geliebt und verehrt zu werden. Und sei es, weil die dann einen guten Lehrer haben, der ihnen deine Werke zur Pflichtlektüre macht.
So gibt mir die Mischung aus Schreiben, Youtube und Unterrichten das Beste aus allen Welten – und das Schlimmste.

Gab es im Job bisher ein besonders schönes (interessantes, prägendes) Erlebnis?
Letzte Woche fragte ich im Philosophiekurs: „In welchen Momenten eures Alltags wird euch klar, dass es an euch selber liegt, den Sinn eures Lebens zu finden?“ – Und ein Schüler sagte: „Immer, wenn ich Sie sehe, Herr Kaiser.“
Es hat mich geprägt, weil ich immer noch nicht weiß, ob es ein Lob oder eine Beleidigung sein soll.
Ansonsten: Die schönsten Epic Fails von Gymnasiasten. „Amphibientheater“, „Auf welcher Insel ist Iphigenie auf Tauris noch mal gelandet?“, „Was fehlt euch in der Schule am meisten? – WLAN!“ u. v. m.

Was hat dich bewogen, auf Youtube aktiv zu werden?
Dagibee, John Green und Stefan Molyneux. Weil man offensichtlich viele Menschen mit dem größten Quatsch erreichen kann, Schreiben und Youtube-Kacke miteinander verbinden kann und auch vor einem Millionenpublikum stundenlange philosophische Gespräche führen kann – Make Youtube Sokrates’ Marktplatz again!

Als Autorin interessiert mich natürlich vor allem auch dein Schreiben. An welcher Art von Texten arbeitest du?
Zurzeit sitze ich an einem philosophischen Sachbuch mit dem Titel „Soll ich bleiben oder gehen?“ – weil wir uns alle schließlich diese Frage immer wieder stellen müssen, in der Liebe, im Job, in der Oper, im Leben … und Philosophinnen und Philosophen haben das auch getan und uns mit ihrem Schicksal und Denken ein paar gute Beispiele und Tipps hinterlassen, ab wann wir nicht mehr sagen können: „Ach, ich versuch es noch mal mit diesem Typen“, sondern: „Haaaalt stop, jetzt gehe ich!“

Klingt spannend! Hast du Lieblingsautoren?
Seit zwei Jahrzehnten ist alle Literatur nur noch eine Reihe von Fußnoten zu Hermann Hesse, wie ich einen Ausspruch von Alfred North Whitehead abwandeln möchte. Die üblichen Verdächtigen sind tote weiße Männer: Thomas Mann, Rilke, Sandor Marai. Unter den Lebenden: Paul Auster und Philip Roth.

Gibt es ein Buch, das du besonders gerne verschenkst?
Für Schüler, die ich mag: Erich Fromms „Haben oder Sein“. Weil ich immer hoffe, sie werden dadurch so wie ich. Klappt zum Glück nie. Für alle anderen: „Lob des Müßiggangs“ von Bertrand Russell. Selbst wenn sie es nicht lesen, kann sie der Titel noch inspirieren, nichts zu tun. Zu Weihnachten: „Niels Lyhne“ von Jens Peter Jacobsen.

Welche Philosophen faszinieren dich besonders?
Seit einiger Zeit Murray Rothbard, der sich mit der Möglichkeit einer freien Gesellschaft befasste. Ich finde das das Wichtigste auf der Welt: Die nächste Diktatur zu verhindern.
Ansonsten versuche ich, die Klassiker der Lebensweisheit in einer kleinen Reihe auf Youtube vorzustellen: Laotse, Epiktet, Seneca, Schopenhauer, R. W. Emerson, Eckhart Tolle, Wayne Dyer …

Wenn ich dich in zehn Jahren anrufe – wo erwische ich dich im Idealfall? Wie sieht dein Leben dann aus?
Möchtest du im Sommer anrufen? Dann in Cornwall am Meer oder in Brandenburg am See. Im Winter bin ich wohl auf Lesereise, ansonsten aber gerne in meinem Stadthaus in Hampstead … Die Frage ist natürlich: Wie teilt man die Bücher auf, wenn man zwei Wohnungen hat? Oder alles doppelt kaufen?

Zurück zu den Ursprüngen: Wo und wie bist du aufgewachsen?
Die jungen Leute von heute würden wohl „im Ghetto“ sagen, obwohl meine Gang und ich das damals nicht so empfunden haben: Köln, das Ehrenfeld der achtziger Jahre (noch ohne Literaturcafé und BoBos, dafür konnte man in den offenen Schächten der U-Bahn spielen, die damals unter der Venloer Straße gebaut wurde); und Köln, das Chorweiler der neunziger Jahre (das sich offenbar kaum verändert hat, zumindest nicht zum Besseren). Nicht weit von da weggekommen zu sein halte ich für den größten Makel meines Lebens.

Wie warst du als Kind?
Ich habe mal gehört, dass Einzelkinder, die von alleinerziehenden Müttern allein erzogen werden, dazu neigen, sehr fügsam zu sein – um Streit und heikle Situationen zu vermeiden.

Und wie war deine Jugend?
Und dann hab ich gehört, dass diese Kinder aber in der Pubertät so tun, als wären sie John Bender aus dem Film „Breakfast Club“ und sich Schals um die Knöchel wickeln und sich über alles lustig machen und zwanghaft keine Autorität anerkennen wollen …

Was bedeutet dir – als Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter – Familie?
Ich kann mich in Familienromane und Family Soaps, Filme wie „Little Miss Sunshine“ und überhaupt alles, wo es um die Tücken und Klippen des Familienlebens geht, nur schwer einfühlen. Dieses liebenswerte Drunter und Drüber, diese Anstrengung, mit dem anderen zurechtkommen wollen – das kommt mir immer etwas künstlich vor. Ist bestimmt etwas Frühkindliches …

Was inspiriert dich?
Alleine sein. Eigentlich egal wo. Beim Wandern, im Café, bei McFit. Irgendwann kommt dann schon eine Idee, wenn der Kopf frei ist vom Geschwätz des Alltags.

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Ich verstehe „schwärmen“ mal als „sexuell attraktiv“ finden (wahrscheinlich ist die Frage anders gemeint, oder?). Von privaten Menschen aus meinem Privatleben mal abgesehen: Grace Kelly, Paul Newman, Hélène Grimaud, Sandra Bullock, Casey Affleck, Daniel Schreiber …

Was macht dich glücklich?
Einen ganzen Tag nur für sich gehabt und ihn zum Schreiben genutzt zu haben.

Was ärgert dich maßlos?
Wenn ich einen ganzen Tag nur für mich gehabt und ihn nicht zum … ach, na ja. Eigentlich ärgere ich mich, wenn überhaupt, dann über mich. Und wenn man zu selbstbezogen ist. 😉
A propos selbstbezogen: Einmal habe ich mich über ein Telefonat geärgert, das ich im Zug mitgehört habe. Der Typ sagte: „Wunder dich nicht, wenn du gleich weg bist, hier kommt gleich ein Funkloch.“ Diese Formulierung fand ich das Inbild von Ich-Bezogenheit, und das hat mich maßlos geärgert.
Ach ja, und: Maßlosigkeit. Wenn Leute keine Grenzen kennen. Einem zu nahe kommen. Aufdringlich sind. Im Zug telefonieren. Ist bestimmt was Frühkindliches …
Ach ja, und: Dass Daniel Kehlmann jünger ist als ich.

Wenn du für einen Tag der Präsident des Planeten Erde wärst: Was würdest du veranlassen?
Präsident wie in „Karnevalspräsident“? Oder wie in „Präsident der Vereinigten Staaten“? Wenn ich der Karnevalspräsident der ganzen Welt wäre, den sich die Mitglieder freiwillig ausgesucht haben, dann müssten alle an diesem Tag vegan leben (ich würd’s dann auch mal versuchen).
Wenn ich ein Präsident wäre, der auch über die bestimmen müsste, die ihn nicht gewählt haben, würde ich mein Amt niederlegen. Vielleicht würde ich die weltweit übertragene Abdankungsrede noch zur Promotion eines Thrillers von Melanie Raabe nutzen … falls das Buch das überhaupt nötig hätte.

Vielen Dank auf jeden Fall! Promo nehme ich immer gerne mit!
Hast du eigentlich ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Mein Smartphone weckt mich immer mit dem Spruch „How bad do you want it?“

Super Idee, ich glaube, die übernehme ich. Hast du Vorbilder?
Ich weiß nie, ob Vorbilder eher hinderlich sind, weil man nicht mehr seinen eigenen Weg geht (und weil man nur neidisch ist und sagt: „So könnte ich nie sein.“), oder ob sie doch eher anspornen. Ich würde gern immer um 4 Uhr morgens aufstehen können wie Haruki Murakami. Ich wäre gern so ein gebildeter älterer Mann wie Alfred Brendel. Ich hätte gerne so volles Haar wie Sir Simon Rattle oder Steven Pinker. Vor allem aber würde ich gerne im Haus von Paul Auster in Park Slope leben. Er, Siri und Sophie können ruhig da wohnen bleiben; ich würde im Wohnzimmer schlafen.

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Als Junge hatte ich mal einen Freund, dem sind immer nur interessante Sachen passiert. Total witzige. Haarsträubende. Ich habe mich lange Zeit gefragt, wie er das macht. Bis ich darauf gekommen bin, dass er entweder lügt oder einfach nur sehr gut erzählen kann (oder beides). Letzteres kann ich leider nicht. (Aber ich habe mal eine Biene in Honig ertrinken sehen.)

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Ich glaube, die mit der Biene und dem Honig. Da verstand ich.

Was ist der Sinn des Lebens?
Hallo? Die Biene …? Der Honig …? – Nicht? Dann möchte ich gerne den Telefonjoker anrufen.

Und welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine echt gute Antwort parat gehabt hättest?
„Wie findest du es, dass du bei diesem Interview mitmachen darfst?“


Das Interview führte Melanie Raabe.

Foto: privat

Mehr von Gunnar gibt es auf http://www.gunnarkaiser.de und auf https://www.youtube.com/user/KaiserFEGBonn

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Mara, 29, Göttingen

„Mir kam niemals auch nur die Idee, dass ich nicht das Leben leben könnte, das ich leben wollte.“



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Mara, Du betreibst – offensichtlich mit viel Liebe und hohem zeitlichen Aufwand – den wunderbaren Literatur-Blog „Buzzaldrins Bücher“. Wie bist du zum Bloggen gekommen?
Ich war viele Jahre lang in einem Bücherforum aktiv – in der Büchereule. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich gerne mehr Raum für meine Besprechungen über Bücher haben möchte. Wenn ich lese, dann gehen mir immer so viele Worte und Gedanken durch den Kopf, die ich gerne dazu aufschreiben würde. Die Entscheidung, mir einen Blog einzurichten, ist dann relativ spontan gefallen, doch ich bin dabei geblieben und kann mir ein Leben ohne „Buzzaldrins Bücher“ heutzutage nur noch schwer vorstellen.

Wo bist du aufgewachsen?
Im hohen Norden, genauer gesagt in Bremen. Weggezogen hat es mich von dort erst, als mein Studium begann – über Bayreuth und Dresden hat es mich dann nach Göttingen verschlagen. Noch heute vermisse ich das Wasser und den Hafen mit all seinen Gerüchen.

Hast du einen „day job“? Welchen?
Ich habe Germanistik studiert und mit einer Masterarbeit über Uwe Tellkamp abgeschlossen – das Thema war naheliegend, denn ich habe damals in Dresden gelebt. Nun bin ich schon eine ganze Weile auf Jobsuche. Ich würde natürlich gerne in einem Verlag arbeiten und glaube auch, dass ich ganz gute Kenntnisse habe. Wer also das hier liest und einen Job zu vergeben hat: immer her damit!

Welche Menschen – ganz egal, ob aus deinem persönlichen Umfeld oder große Denker der Weltgeschichte – haben dich am meisten beeinflusst?
Am meisten beeinflusst hat mich wohl mein Hund Bandit, er ist kein Mensch und sicherlich auch kein großer Denker der Weltgeschichte, aber er ist mein ganz persönlicher Held. Seit einem schweren Unfall vor einigen Jahre ist er behindert, aber er hat nie seine Lebenslust verloren. Ich kenne kaum jemanden, der so viel Freude daran hat, da zu sein, wie Bandit und durch seinen ganz besonderen Blick auf das Leben, der nur nach vorne ausgerichtet ist, ist er mir ein ganz großes Vorbild.

 

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Was inspiriert dich?
Gute Bücher, gute Texte. Bei mir funktioniert fast alles über das geschriebene Wort. Aber auch die Natur inspiriert mich, genauso wie gute Gespräche.

Was macht dich glücklich?
Lange Spaziergänge durch den Wald. Kuschelstunden mit dem Hund. Überhaupt: das Zusammensein mit den Menschen, die ich liebe.

Was ist das Schönste, das dir je passiert ist?
Wahrscheinlich all das, was in den letzten dreieinhalb Jahren rund um meinen Blog geschehen ist. Ich habe wahnsinnig tolle Menschen kennengelernt, interessante Gespräche geführt, durfte Autoren und Autorinnen interviewen, habe Verlage von innen besichtigt. Ich glaube, dass ich mir all das nie habe erträumen können, als ich meinen Blog eingerichtet habe. Ich bin mir nicht sicher, ob es das Schönste ist, aber es sind wunderbare Erfahrungen, die ich machen durfte.

 

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Hast du Vorbilder? Helden?
Ich habe ein Vorbild in meinem Arbeitsbereich und ich glaube auch, dass es ganz wichtig ist, bei dem was man tut, Vorbilder zu haben. Mein Vorbild ist Karla Paul, die irgendwann auch einmal gebloggt hat und jetzt wieder damit anfängt, mittlerweile aber auch in einem Verlag arbeitet – bei Hoffmann & Campe. Ich bewundere sie für ihr unermüdliches Engagement und frage mich manchmal, ob ihre Tage nicht doch 48 Stunden haben. Es gibt noch nicht viele Menschen, die beides vereinen, was ich so liebe: gute Bücher und den gemeinsamen virtuellen Austausch darüber. Ich hoffe, dass ich als Bloggerin irgendwann selbst zum Vorbild für andere werden kann: ich gebe gerne Ratschläge und freue mich immer dann, wenn ich andere Blogger und Bloggerinnen unterstützend und helfend begleiten kann.

Hast du ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Mein Lebensmotto ist zugleich Lieblingszitat und ich habe es mir bei Susan Sontag geklaut, die diese wunderschönen beiden Sätze gesagt hat: „Mir kam niemals auch nur die Idee, dass ich nicht das Leben leben könnte, das ich leben wollte. Ich dachte, ich gebe einfach nicht auf.“

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Alle Fotos: privat.

 

Caterina, 28, Frankfurt a.M.

„Pure Vernunft darf niemals siegen“

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Du bist auf einer Insel aufgewachsen. Stelle ich mir sehr schön vor – solange man noch ein Kind ist. Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Heiter bis glücklich. Auf einer Insel, die noch dazu direkt ans Festland angebunden ist, aufzuwachsen ist im Grunde nichts Besonderes, doch zuerst direkt am Strand und später in einem alten Forsthaus mitten im Wald aufzuwachsen ist es eben doch – selbst über das Kindsein hinaus. Ich hätte mir keine andere Kindheit und Jugend wünschen können. Aber gleichzeitig weiß ich: An diesen Ort kehre ich allenfalls als Touristin oder als Rentnerin zurück, er kann mir nicht das geben, was ich heute zum Leben brauche.

Was hat dich in deiner Jugend am meisten geprägt?
Angesichts meines Werdegangs müsste ich sagen: Bücher. Doch das wäre eine Verdrehung der Tatsachen, denn die Wahrheit ist, dass Musik und Kunst einen viel höheren Stellenwert in meinem Leben hatten. Vor allem aber waren es schon damals die Menschen in meinem Umkreis, die mich am meisten geprägt haben. Meine Familie ebenso wie meine Freunde. Sie – und gemeinsame Erfahrungen mit ihnen – haben mich zu jemandem gemacht, der an anderen Menschen, Kulturen und Sprachen interessiert ist, und das ist es, was wohl auch heute noch am meisten mein Wesen ausmacht.

Welche Art von Teenager warst du?
Diese Frage würde ich am liebsten überspringen, da meine Antwort in etwa so unspektakulär ausfällt, wie ich als Teenager war. Ich tanzte nur unwesentlich aus der Reihe, war nicht wilder als die anderen und genauso sonderbar, fiel auch sonst kaum auf. Gehörte zu den Stillen im Hintergrund, beobachtete, machte mein Ding, bewegte aber nicht die Welt. Daran hat sich bis heute wenig geändert. – Aber vielleicht spricht da auch nur die Bescheidenheit aus mir, von der eine Lehrerin einmal sagte, sie sei »mein Charakteristikum«. Ich habe das immer als Kompliment aufgefasst.

Du hast eine Zeit lang in Italien studiert. Wie war’s?
Das Studium? Nicht der Rede wert. Das Leben? Fantastisch. Eine schöne Zeit – ich bereue es nicht, sie dort verbracht zu haben, auch wenn das gleichzeitig heißt, sie nicht in Berlin und mit meinen Freunden verbracht zu haben. Ich liebe die Sprache, liebe viele der Menschen, die ich dort kennengelernt habe, und viele der Orte, an denen ich war. Nach vier Jahren hat es mir zum Leben zwar nicht mehr gereicht, und einiges, was Land und Leute ausmacht, ärgert mich – und doch: Mir fehlt Italien. Wenn ich heute hinfahre, ist es wie nach Hause kommen.

Was antwortest du, wenn dich ein Fremder auf einer Party fragt, „was du so machst“?
In solchen Situationen lässt sich immer ganz wunderbar der Name einer Initiative zur Vernetzung der Branche zitieren: »Ich mach was mit Büchern«. Es folgt in der Regel ein erwartungsvolles Augenbrauenheben, woraufhin ich präzisiere: »Ich arbeite in einer Literaturagentur.« Die meisten finden das spannend genug, um nachzuhaken und mir eine halbe Stunde lang Fragen zu stellen. Was toll ist, weil mir selbst immer schon nach zwei Fragen die Puste ausgeht, wenn mir jemand erzählt, er sei Wirtschaftsinformatiker oder Maschinenbauingenieur.

Wie bist du in der Literaturbranche gelandet?
Über einen relativ geraden Weg (zumindest in meinen Augen, aber manch anderer würde unter »gerade« vermutlich etwas anderes verstehen). Am Ende meines geisteswissenschaftlichen Bachelorstudiums habe ich mir in den Kopf gesetzt, ins Verlagswesen zu wollen, daraufhin habe ich einen Masterstudiengang namens »Journalismus und Verlagskultur« gewählt (inhaltlich leider eher zu vernachlässigen, aber der Titel genügte für alles Weitere), einige Praktika im Kulturbetrieb absolviert, u.a. in einer Mailänder Literaturagentur und in einem Berliner Verlag, die mir den Weg wiesen, schließlich ein Volontariat gesucht und gefunden, und zwar in jener Frankfurter Literaturagentur, in der ich bis heute tätig bin.

Was würdest du machen, wenn du nicht in der Buchbranche gelandet wärst?
Nach dem Abitur hatte ich mir fest vorgenommen, ein Studium der Bildenden Kunst zu absolvieren. Aber die Wahrheit ist, dass ich eine lausige Malerin und Zeichnerin bin, es reichte gerade einmal zum Beschenken von Verwandten. Zu Beginn meines Italienischstudiums hatte ich mir schließlich fest vorgenommen, etwas mit Sprachen zu machen. Eine deutlich weniger abwegige Idee als die Kunst, und so ähnlich ist es ja auch gekommen. Was gut ist, denn ich kann mir kaum etwas anderes vorstellen: Wenn es nicht die Buchbranche wäre, dann doch zumindest der Kulturbetrieb im weitesten Sinne, mich reizt zum Beispiel die Arbeit des Goethe Instituts. Das Geisteswissenschaftlerklischee – Taxifahren – kann ich hingegen nicht erfüllen, da ich nicht Auto fahre.

Woran erkennst du ein gutes Buch?
Es gibt keinen Kriterienkatalog, entlang dessen ich ein Buch beurteile. Es muss mich schlichtweg einnehmen, inhaltlich, vor allem aber stilistisch. Es muss etwas in mir auslösen, mich bewegen, aufrütteln, eiskalt erwischen und nicht wieder loslassen. Das kann ein Gegenwartsroman ebenso wie ein Krimi leisten. Wobei man natürlich unterscheiden muss, für wen und was ich das Buch beurteile: In der Agentur muss ich immer auch die Ausrichtung der Verlagsprogramme, die Bedürfnisse des Marktes und somit die Verkäuflichkeit des Stoffes im Blick haben, »gut« ist hier also relativ; bei meinen privaten Lektüren lege ich ganz andere Kriterien an, da bin ich wie jeder Leser radikal subjektiv.

Welches sind deine Lieblingsautoren?
Lieblingsbücher habe ich einige – Lieblingsautoren hingegen kaum, da ich von den wenigsten Autoren mehr als ein oder zwei Bücher kenne. Das ist keine bewusste Entscheidung, es ergibt sich nur meistens so, weil es schlichtweg so viele literarische Stimmen zu entdecken gibt. Unumstritten an erster Stelle steht jedoch Jonathan Safran Foer, dessen Bücher genau das mit mir machen, was ich vorher beschrieben habe. Weitere Anwärter auf den Olymp: David Grossman, Nicole Krauss, Salman Rushdie und einige andere. Im deutschsprachigen Raum sind es Autoren wie Sibylle Berg, Clemens J. Setz und Tilman Rammstedt, deren Schaffen ich rege mitverfolge. Und darf’s auch noch etwas Italienisches sein? Et voilà: Andrea Bajani und Andrea De Carlo.

Was war deine coolste (interessanteste, lustigste…) Begegnung mit einem Autor?
Das Tolle an meinen Job ist ja: Coole Begegnungen mit Autoren habe ich ständig, was auch daran liegt, dass Autoren einfach eine coole Spezies sind. Ich würde jetzt zum Beispiel gerne erzählen, wie ich einmal mit Tilman Rammstedt in einer Bar in Berlin Mitte versumpft bin. Da ich aber ohnehin schon Gefahr laufe, für einen Groupie gehalten zu werden, erzähle ich an dieser Stelle lieber, wie ich im Rahmen eines Betriebsausflugs gemeinsam mit Stephan Thome den Grenzgang im hessischen Biedenkopf bestritt. Das ist jenes Volksfest, das als Kulisse für Thomes gleichnamigen Debütroman diente und bei dem drei Tage lang zunächst eifrig gewandert und dann eifrig gefeiert wird.
Im Detail hieß das für mich: fünf Uhr morgens aufstehen, zwei Stunden auf dem Marktplatz stehen und den Biedenköpfern beim Aufmarsch zugucken, anschließend strammen Schrittes durch den Wald, fünfzehn Kilometer bergauf, bergab, zwischendurch eine Frühstückspause samt Bier und Würstchen, abends im Festzelt mit dem Autor zu Schlagermusik schunkeln (wobei ich gestehen muss, dass ich nur einen der drei Tage mitgemacht habe). Ein mitunter bizarres Ereignis, wie wohl jedes Volksfest, zumindest aus der Sicht des Außenstehenden – aber amüsant war’s allemal. Und da bekommt das Eintauchen in literarische Welten gleich eine ganz andere Bedeutung.


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Mit welchem Autor würdest du gerne mal ein Bier trinken und über das Leben philosophieren?
Nachdem ich mit Herrn Rammstedt nun schon trinken war, würde ich jetzt gerne mal Clemens J. Setz einen ausgeben. Seinen Roman Die Frequenzen habe ich geliebt, noch mehr aber liebe ich seine Lesungen, denn Setz ist ein großartiger Erzähler, der über ein üppiges Repertoire an skurrilen, tragikomischen und wundersamen Geschichten verfügt. Nicht anders stelle ich mir einen Kneipenabend mit ihm vor: Er erzählt, ich nippe schweigend an meinem Bier und kichere und/oder staune vor mich hin. Daher mein Kulturtipp für alle: Wenn Clemens Setz in eurer Stadt liest, geht hin, hört zu und seid glücklich!

Welches sind deine Lieblingsbücher – und warum?
Ich frage mich, ob jemals ein Buch kommen wird, das David Grossmans Stichwort: Liebe und Jonathan Safran Foers Everything Is Illuminated von ihrem Thron stürzen wird. Seit Jahren sind es diese beiden Bücher, die ich nennen muss, wenn ich nach meinen Lieblingsbüchern gefragt werde. So klug, so erschütternd, so unfassbar schön sind sie. Auf faszinierend kunstvolle Weise erzählen sie Geschichten, die einen mit voller Wucht erwischen und nie wieder loslassen. Und genau diesen Anspruch habe ich an Literatur. Der erste Roman, der mich in meinem Werdegang als Leserin sprachlich vollkommen eingenommen hat (mir liegt häufig mehr an der Sprache als an der erzählten Geschichte), ist allerdings Vladimir Nabokovs Lolita. Ich habe ihn zuerst mit sechzehn oder siebzehn gelesen und seither noch einige Male. Wunderschön, wie Humbert Humbert, dieses Scheusal, von seiner Liebe zu dem minderjährigen Mädchen spricht. Der Kontrast zwischen der Abscheulichkeit der Geschichte und der Poesie, mit der diese Abscheulichkeit dargestellt wird, fesselt mich, lässt mich schaudern, berührt mich.

Du betreibst nicht nur das Literatur-Blog „Schöne Seiten“, sondern bist auch Teil von „We read Indie“, eines Zusammenschlusses von Bloggern, der auf Literatur aus unabhängigen Verlagen aufmerksam macht. Warum ist dir das wichtig?
Weil es auf dem Buchmarkt zu viel Mittelmaß gibt, zu viel Belangloses und Uninspiriertes. Viele kleine Literaturverlage bemühen sich im Kontrast dazu um ein anspruchsvolles Programm abseits des Mainstreams, sie stehen hinter jedem einzelnen Buch, das sie machen, statt sich an irgendwelchen Trends zu orientieren – heraus kommen Produkte mit hochwertigem Inhalt und ebenso hochwertiger Ausstattung. Doch leider haben diese Verlage häufig nicht die Kraft, um auf sich aufmerksam zu machen, weil sie schlichtweg nicht über dieselben finanziellen und personellen Ressourcen verfügen wie die großen Publikumsverlage. »We read Indie« ist unser kleiner Beitrag, um die Sichtbarkeit dieser Verlage zu erhöhen.

Welche Bücher aus kleinen Indie-Verlagen hätten deiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdient? Dies ist die Gelegenheit, uns ein paar zu empfehlen!
Zuletzt habe ich den wunderbaren Liebeskind Verlag aus München für mich entdeckt, den ich vor allem (aber nicht nur) für die aufregenden amerikanischen Schriftsteller schätze, die er in den letzten Jahren ins Deutsche übertragen hat. Daniel Woodrell, Donald Ray Pollock, James Sallis – das ist harte, düstere Literatur, die einem den Atem raubt. Doch dass Liebeskind auch anders kann, beweist der Verlag mit Romanen wie denen der Japanerin Yoko Ogawa, die surreal-verträumte Geschichten schreibt. Eines der beeindruckendsten Indie-Bücher, die ich je gelesen habe, ist allerdings nicht bei Liebeskind erschienen, sondern in der Frankfurter Verlagsanstalt: Mein sanfter Zwilling von Nino Haratischwili. Was für eine Wucht, was für ein intensives Leseerlebnis! Außerdem überaus empfehlenswert: die bereits erwähnten Frequenzen von Clemens J. Setz (Residenz), Schipino von Svenja Leiber (Schöffling & Co.) und Ich nannte ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar (Wagenbach), um nur ein paar weitere Highlights zu nennen. Und es gibt so viele andere großartige Indie-Verlage, die es zu entdecken lohnt: beispielsweise mairisch aus Hamburg, Matthes & Seitz aus Berlin sowie Salis aus Zürich/Berlin.

Wie war der Literaturjahrgang 2013 aus deiner Sicht? Was waren für dich die Highlights?
Ich muss zugeben, dass ich mich zwar eingehend mit Neuerscheinungen befasse, indem ich regelmäßig die Verlagsvorschauen sichte, einer Handvoll Literaturblogs folge und täglich das Feuilleton scanne – doch selten landen diese Bücher auf der Stelle in meiner Bibliothek, und noch seltener werden sie auf der Stelle gelesen. Ich lese, was für mich dringend ist – und das können ganz andere Sachen sein als die, die frisch erschienen sind. Insofern spiegeln meine Lesejahre nur bedingt das, was auf dem Markt geschieht, wider. Am besten fragst du mich in zwei, drei Jahren noch einmal nach dem Literaturjahrgang 2013. 😉
Was mein persönliches Lesejahr betrifft, hätte ich mir etwas mehr Rauschzustände gewünscht. Wirklich betörend war nur ein Roman für mich, und zwar Katharina Hartwells Debüt Das fremde Meer, erschienen im Berlin Verlag (sieh an: eine Neuerscheinung!). Vieles andere war gut, darunter die oben erwähnten Amerikaner im Liebeskind Verlag; vieles aber leider auch Mittelmaß. 2014 hat in dieser Hinsicht hoffentlich mehr zu bieten.

Kannst du dir vorstellen, selbst mal ein Buch zu schreiben?
Ich würde es mir gerne vorstellen können, weil ich die Idee schön finde, irgendwann ein Buch in den Händen zu halten, das hübsch anzusehen ist und meinen Namen trägt. Aber diesen Gedanken habe ich längst aufgegeben, da ich eingesehen habe, dass ich keine Schriftstellerin bin. Ich kann an Geschichten arbeiten, die bereits auf dem Papier existieren; was ich nicht kann, ist, eine Geschichte selbst zu erfinden, dafür fehlt mir die Beobachtungsgabe, vermutlich auch eine eigene Stimme. Vor allem aber: der Drang zu schreiben. Zumindest momentan.

Welche Kunstformen interessieren dich neben der Literatur?
In erster Linie: Musik und Filme. Sie sind zwar nicht Inhalt meiner Arbeit wie die Literatur, und ich kann nicht behaupten, dass ich Ahnung davon hätte, aber begeistern kann ich mich für sie allemal, mein Leben könnte ich ohne sie ebenso wenig bestreiten wie ohne Bücher. Aber auch andere Kunstformen interessieren und begleiten mich, die Fotografie etwa oder die Malerei. Und selbst das Theater, bei dem ich immer Berührungsängste hatte, entdecke ich gerade für mich, dank einiger grandioser Inszenierungen am Schauspiel Frankfurt.

Hast du einen Lieblingsfilm?
Eher einen Lieblingsregisseur, dessen Werk ich verfolge wie sonst kein anderes: Wes Anderson. Darjeeling Limited liebte ich, aber auch Royal Tenenbaums und Moonrise Kingdom, und ich kann es kaum erwarten, dass der neueste Film, The Budapest Hotel, ins Kino kommt. Ich mag den schrägen Humor und die skurrilen Bilderwelten, die Anderson entwirft, und ich mag all die fabelhaften Schauspieler, die wie lebende Running Gags sein Werk durchziehen, allen voran Bill Murray. Aber es gibt natürlich auch großartige Filme jenseits von Wes Anderson: Lost in Translation von Sofia Coppola, Heaven von Tom Tykwer, Shame von Steve McQueen, In the Mood For Love von Wong Kar-Wai, Gegen die Wand von Fatih Akin. Und verdammt viele andere.


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Welche Bands und Songs gehören auf den Soundtrack deines Lebens?
Meines aktuellen Lebens? Meines Lebens überhaupt? Da müsste ich auf jeden Fall Sting, The Police und R.E.M. nennen, die mich in meiner Jugend begleiteten. Außerdem gibt es eine Handvoll Songs, die damals unsere Samstagabende prägten, die wir im immer gleichen Club verbrachten (es überrascht sicher nicht, wenn ich sage, dass die Insel nicht viel abseits des Mainstreams zu bieten hatte): von der deutschen Ska-Combo Lex Barker Experience über »Creep« von Radiohead und »Like the Way I Do« von Melissa Etheridge bis hin zu System of a Down und The Prodigy.
Heute höre ich vor allem Indie und Alternative, darunter auch einiges Elektronisches. Das kann Sigur Rós ebenso wie der fabelhafte kanadische Singer-Songwriter Patrick Watson sein, Arcade Fire, Woodkid oder The Knife. Zuletzt entdeckt: das französische Duo Sexy Sushi, das wüsten Elektro macht, die ruhige Isländerin Sóley, die Schweizer Indie-Bands Alvin Zealot und One Sentence. Supervisor sowie Soap&Skin aus Österreich, deren umwerfende Stimme ich zuerst in dem Song »Goodbye« von Apparat gehört habe. Es war von Anfang an Liebe.

Welches war das beste Konzert, auf dem du je warst?
Das beste ist in der Regel das, was zuletzt war und am präsentesten in meiner Erinnerung ist. Und das war Sigur Rós in Frankfurt im November vergangenen Jahres. Aber selbst wenn es nicht das letzte Konzert wäre, würde ich vermutlich behaupten, es sei eines der besten gewesen: zwei Stunden lang Gänsehaut, zwei Stunden lang völlige Entrückung. Ebenfalls toll: die italienischen Musiker Max Gazzè und Raphael Gualazzi vor einigen Jahren – der eine in einem Theater in Bologna, der andere im Garten einer Mailänder Villa, ganz anders als Sigur Rós, aber beide auf ihre Weise hinreißend. Ein Konzert, auf dem ich noch nicht war, das aber – ich ahne es – eines der besten meines Lebens werden könnte: Woodkid samt Orchester.

Momentan wohnst du wegen des Jobs in Frankfurt, bist aber auch oft in Berlin. Wo würdest du leben, wenn du vollkommen freie Wahl hättest?
Keine Frage: Berlin. Viele meiner Freunde leben dort, und ich habe das Gefühl, dass es in dieser Stadt noch viel für mich zu entdecken gibt. Kultur, Kneipen, Clubs. Und auch die Literaturbranche scheint mir dort um einiges lebendiger, man geht auf Lesungen und kommt immer mit tollen Leuten ins Gespräch, bestenfalls versackt man anschließend in einer Bar. In Frankfurt gibt es – so mein Eindruck – weniger Austausch, mit Ausnahme vielleicht der Buchmesse, die ja eine einzige große Party ist. Aber jenseits von Berlin reizen mich natürlich auch andere Städte: Tel Aviv ist eine davon – seit einigen Jahren hat sich in meinem Kopf die Idee festgesetzt, irgendwann einmal ein paar Monate dort zu verbringen.

Wo siehst du dich in zehn Jahren? (Sorry, wenn das jetzt ein bisschen nach Bewerbungsgespräch klingt! 😉 )
Hätte man mich das vor zehn Jahren beim Abi gefragt, hätte ich mit Sicherheit nicht gesagt: in Frankfurt lebend und als Lektorin arbeitend. Wer landet schon in Frankfurt, von der Ostsee aus gesehen? Und mit Literatur hatte ich auch nichts am Hut, zumindest nicht in dem Maße, dass ich mir hätte vorstellen können, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Weil es also vermutlich ohnehin anders kommt, halte ich mich mal mit meinen Prognosen für die nächsten zehn Jahre zurück. Ich ahne aber, dass es cool wird.

Was ist das Aufregendste, was dir je passiert ist?
Einen bestimmten Moment gibt es nicht, den ich in meinem Leben herausstellen würde, eher eine Zeit. Die Jahre in Italien waren zum Beispiel so eine Zeit, das Leben, Denken, Lieben in einer anderen Sprache – das war schon klasse. Aber auch die Zeit seit meiner Rückkehr nach Deutschland ist aufregend – schlichtweg, weil der Beruf, den ich habe, und die Leute, denen ich dadurch begegne, aufregend sind. Würde ich jetzt auch noch in Berlin oder Tel Aviv leben, wäre das vermutlich zu viel der Aufregung. 😉

Hast du ein Vorbild?
Kein Vorbild im eigentlich Sinne, an dem ich mich auf meinem Lebensweg orientiere. Aber genügend Menschen, die ich für das, was sie tun und sind – auch wenn es etwas vollkommen anderes ist als das, was ich tue und bin –, sehr bewundere, die mich faszinieren und mich beeindrucken, auf ganz unterschiedliche Art. Das können Freunde ebenso wie Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, sein. Auf die Gefahr hin, dass der Name in diesem Interview inflationär gebraucht wird: Jonathan Safran Foer ist so ein Mensch. Er hat etwas zu sagen, und er tut es auf eine so einzigartige und inspirierende Weise, dass man ihm unbedingt zuhören möchte.

Hast du ein Lebensmotto?
Der Tocotronic-Songtitel »Pure Vernunft darf niemals siegen«. Zumindest arbeite ich dran.

Was inspiriert dich?
Alles, worüber wir bisher gesprochen haben. Literatur, Musik, Filme – Künste aller Art. Orte. Und Menschen. Menschen, die sich für eine Sache begeistern und diese Begeisterung auf andere übertragen können. Vor allem die.

Welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine total coole Antwort darauf gehabt hättest?
Ich halte mich an Proust und frage: »Deine größte Extravaganz?« (Wobei ich vor allem die Frage mag – eine »total coole« Antwort ist jetzt vielleicht ein bisschen zu viel verlangt.)

Wie lautet die Antwort?
Meine Rastlosigkeit.



Caterina betreibt das fabelhafte Buch-Blog http://caterinaseneva.wordpress.com/ und schreibt zudem für http://readindie.wordpress.com/, einen Zusammenschluss von Literatur-Bloggern, die sich mit Veröffentlichungen aus Indie-Verlagen befassen.

Das Interview führte Melanie Raabe. 

Alle Fotos: privat