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Ina, 36, Wiehl

„Musik. Kunst. Wetter. Kinder. Frisuren. Essen. Literatur.“


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Ina! Du kommst aus Wiehl, einer Kleinstadt in NRW. Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Geprägt von Liebe und einem es gut meinenden Umfeld, würde ich sagen. Als Teenie gab’s die besten Möglichkeiten, groß zu werden. Im Sommer Freibad, BMX-Bahn, Skatehalle, im Winter Eishalle und das ganze Jahr über kleine Konzerte auf ehemaligen Schützenvereinshäusern. Vielleicht male ich ein wenig rosarot, aber hier aufzuwachsen war das Beste, was mir passieren konnte. Die Menschen, die ich heute zu meinen besten Freunde zähle, habe ich spätestens 1999 kennen und lieben gelernt, und es ist herrlich und stabil. Ich bin da sehr dankbar für. Menschen und Ereignisse.

Du arbeitest als Grundschullehrerin. Was magst du an deinem Job?
Die Kinder mag ich am meisten. Sie herauszufordern, mit ihnen zu entdecken und überhaupt, die Zeit mit Ihnen zu verbringen, sie beim Lernen zu begleiten, sie sich ausprobieren lassen, sie echt gerne zu haben, die Liste könnte bis ultimo weitergeführt werden. Ich gehe auf in meinem Job, gehe jeden Tag gerne hin und zufrieden nach Hause. Liegt vielleicht auch daran, dass ich in so einem kleinen System arbeite und man tatsächlich alle Schüler gut kennt. Pläne können tatsächlich umgesetzt und Dinge erreicht werden. Eltern, Lehrer arbeiten zusammen.

 

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Du hast zuvor als Kinderkrankenschwester gearbeitet. Wie war das und warum hast du danach noch mal den Job gewechselt?
Mit 19 war mir nicht klar, was ich mal werden sollte. Und ich war auch unreifer als vielleicht der ein oder andere. Hätte man mich mit 19 in die Universität gesetzt, dann hätte ich wahrscheinlich abgebrochen, weil ich dieses „kommste heute nicht, kommste morgen“ zu sehr verinnerlicht hätte.
Tja, ich habe auf meine Eltern gehört, die mir rieten, eine „ordentliche Ausbildung“ anzufangen, bevor ich irgendwas anderes mache. Ich meine, jeder geht seinen Weg und kein Weg ist gereadeaus. Also hab ich anfangs ohne mit dem Herzen dabei zu sein diese Ausbildung angefangen. Was soll ich sagen: Auch in dieser Zeit habe ich zwei bis vier Freunde fürs Leben gefunden. Drei Jahre lang schön behütet in den alten Gemäuern in Kaiserswerth, Toilette und Bad im Flur. Kleinere und größere Events ebenfalls. Einerseits versuchen, sich an Regeln zu halten und dann das eigene Großwerden zusammen mit Menschen, die Ähnliches geliebt und gehasst haben. Man musste nie alleine sein. Man hatte nie Geld (Krankenschwestern – Gebt denen mehr Kohle!), und so lernte ich ganz eindrucksvoll, Sachen zu schätzen. Und wir wurden kreativ. Zum Beispiel habe ich damals meine Wochenendausgaben durch Fußballwetten gerettet. Es war die Zeit, wo man mit den mühsam zurückgelegten Mäusen in den Plattenladen „Hitsville“ ging und unsagbar dankbar war für die eine Platte im Monat, die man sich leisten konnte.
Und dann die Krankenschwesternhierachie: genauso wie du’s dir vorstellst, noch schlimmer. Angeredet wurde man gerne einfach mit „die Schülerin“, und dann konnte der Satz weitergehen mit : „kann das ja machen“. Gerne auch so Zückerchen wie den Namen der Station in alle 250 Strampler sticken, wenn gerade mal nichts zu tun war. Heutzutage würde man sich vielleicht wehren, für mich gehörten diese Erfahrungen zum Großwerden. Ich möchte nicht einen Tag dieser drei Jahre missen! Inspiration. Flucht. Gemeinschaft. Platz. Wertschätzung. Respekt vor dem Leben und der Arbeit. Begegnungen.
Dann bin ich ja auch quasi direkt als ich in Köln war und endlich studiert habe mit meinem ersten Kind schwanger geworden. Den Vater kannte ich natürlich aus dem schönen Oberberg, seit meinem fünfzehnten Lebensjahr, und wir liebten uns, und nach dem ersten Schock gehörte uns die Welt. Wir hatten ja auch nichts zu verlieren, eben weil ich diese Topausbildung ja schon in der Tasche hatte. Und aus diesem Grund war’s dann auch voll gut, die Leute langsam aus der gemeinsamen WG zu schaufeln – natürlich gemeinsame Freunde aus dem schönen Oberberg – und unserer Familie ein Nestchen zu bauen. Und eben weil man nichts zu verlieren hatte, jung und gut drauf war, fluppte das dann alles. Ich wusste mit der Geburt meiner Tochter, was ich will. Beziehungsweise was ich nicht will, beziehungsweise was ich für meine Kinder sein will. Klassisch spießiges Familienidyll. Und das von Herzen.

Du hast mittlerweile zwei wundervolle Töchter. Was bedeutet dir Familie?
Alles. Einfach alles.

Gibt es bestimmte Grundsätze, die dir wichtig sind, nach denen du deine Töchter erziehst?
Keine bewussten. Ich bin für meine Töchter da, ich versuche, ihnen Dinge zu zeigen, die sie vielleicht in irgendeiner Art inspirieren, und ich liebe sie von Herzen!

Musik spielt in deinem Leben eine wichtige Rolle. Wenn du mir heute ein Mixtape machen würdest, was wäre drauf?
Heute. Okay.

Kate Templest: The Truth
Hannah Murray: I Just Want Your Jeans
Eden Abez: Surfrider
Diamond Rings: Runaway Love
Arab Strab: Tanned
Builders & Butchers: The Night Part II
The Kingbotes: Could You Tell Her For Me
Metronomy: Love Letters
Goldene Zitronen: Diese Kleinigkeit
Mystery Jets: One Night
Drowners: Pure Pleasure
Thee Oh Sees: Lens
Von Spar: Chain Of Command
Flight Of The Conchords: I’m Not Crying (My Eyes Are Just A Little Sweaty Today)
Lemonheads: Hate Your Friends
NOFX: For You Yy Heart Is Yearning
Fugazi: Closed Captioned
Ween: Even If You Don’t
Why: Dropjaw
Sleaford Mods: PPO Kissing Behinds
Killers : Joel The Lump Of Coal

Welches sind deine neuen Lieblingsmusiker oder -bands?
Die wunderbare Kate Tempest.

Und welches sind deine alten Lieblingsbands, die immer einen Platz in deinem Herzen haben werden, egal, was passiert?
Ween, They Might Be Giants, Weezer, Depeche Mode, Flight Of The Conchords.

 

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Welches ist das beste Konzert, auf dem du je gewesen bist?
Kann ich nicht sagen. Meine ersten drei Konzerte überhaupt waren A Subtle Plaque, die zufälligerweise zwei mal an den wenigen Abenden gespielt hatten, an denen meine Freundin und ich mit unseren größeren Freunden mit dem Auto nach Köln gefahren sind. Ohne Internet, dafür mit der Visions oder dem EMP-Katalog ausgestattet, war man ja dann auf die Coolheit der Größeren angewiesen, die einen mitnahmen. Aber meine Freundin und ich beziheunsgweise mein Freund und ich hatten immer Highlightkonzerte, oder anders gesagt: Wir haben die zu unseren persönlichen Highlights gemacht, weil wir nie einfach nur ein Konzert besucht haben. Immer erste Reihe und das eigene Fansein zur Show stellen. Muff Potter 1996, Mister T Experience, Undeclinable Ambuscade: Da haben wir zum Beispiel bei dem Song „Seven Years“ die Lyrics vorher auswendig gelernt, weil ein Freund uns erzählte, dass der Sänger immer nach jemandem fragt, der die weibliche Stimme singt. Das machte Konzerte zu besten Konzerten. Ich finde die Verbindung zwischen Künstler und Kunstliebhaber immer am Interessantesten. Und erstaunlich, dass unsere Freunde jetzt die Idole von früher fotografieren (wie Christian Faustus) oder bekochen (wie Julia Meier). Da schließt sich der Kreis. Ich würde nie auf ein Konzert gehen und mir eine Platte kaufen von Künstlern, die mir menschlich unsympathisch wären, oder deren Texte ich nicht mag. Das ist für mich das Wichtigste.

Du reist gerne. Welches war deine bisher schönste Reise?
Ich mag keine Superlative. Schönste Reise gibt’s nicht. Der Weg ist das Ziel.

Mit Malta scheint dich aber eine besondere Liebe zu verbinden, denn du warst schon oft da. Wie kommt’s?
Jetzt wo ich dir das so alles erzähle komme ich selbst erst drauf: Menschen, die einmal in meinem Herz sind, haben wenig Chance, da jemals wieder rauszukommen. Mit 14 war ich auf Sprachreise dort und habe Mark, Ian, James, Alison und Kristina kennengelernt, die alten Malterser, und seitdem besuchen wir uns. Einmal im Jahr sehen wir uns wohl.

Früher hast du in Köln gelebt, mittlerweile bist du wieder auf dem Land daheim. Lebst du gerne auf dem Land?
Mal mehr, mal weniger. Ich mag’s hier. Mich stören nur ein bisschen die vielen Nadelbäume und die Unanonymität auf dem Lande. Ich bin hier, weil meine Familie hier glücklich ist und ein Netzwerk hat. Ich nutze die Natur aber wohl leider nicht so sehr, wie man es könnte. Als ich in Köln gewohnt habe und wieder auf’s Land wollte – zurück in meinen Heimatort – träumte ich von wöchentlichen Walderdbeerpicknicks an Talsperren und vom Eingeschneitwerden. Die Realität ist eine andere. Nicht die schlechteste.

In deinem Heimatort gehörst du zu den Leuten, die sich für das Entstehen eines Skateparks stark gemacht haben. Warum war dir das wichtig und wie ist der Stand der Dinge?
Der soll 2016 stehen. Wichtig, weil ich finde, dass die Stadt nicht nur etwas für die Generation 60 plus tun sollte, sondern auch Angebote für 20 minus bieten muss. Ich finde, Skateboardfahren macht selbstbewusst, und genau solche Kinder und Jugendliche brauchen wir.

 

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Was macht dich glücklich?
Mit den Leuten, die ich liebe, Zeit zu verbringen.

Was inspiriert dich?
Musik. Kunst. Wetter. Kinder. Frisuren. Essen. Literatur.

Was ist der Sinn des Lebens?
Immer weiter gehen. Auf sein Herz hören? Ich weiß es doch auch nicht.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Alle Fotos: privat.

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Caterina, 28, Frankfurt a.M.

„Pure Vernunft darf niemals siegen“

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Du bist auf einer Insel aufgewachsen. Stelle ich mir sehr schön vor – solange man noch ein Kind ist. Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Heiter bis glücklich. Auf einer Insel, die noch dazu direkt ans Festland angebunden ist, aufzuwachsen ist im Grunde nichts Besonderes, doch zuerst direkt am Strand und später in einem alten Forsthaus mitten im Wald aufzuwachsen ist es eben doch – selbst über das Kindsein hinaus. Ich hätte mir keine andere Kindheit und Jugend wünschen können. Aber gleichzeitig weiß ich: An diesen Ort kehre ich allenfalls als Touristin oder als Rentnerin zurück, er kann mir nicht das geben, was ich heute zum Leben brauche.

Was hat dich in deiner Jugend am meisten geprägt?
Angesichts meines Werdegangs müsste ich sagen: Bücher. Doch das wäre eine Verdrehung der Tatsachen, denn die Wahrheit ist, dass Musik und Kunst einen viel höheren Stellenwert in meinem Leben hatten. Vor allem aber waren es schon damals die Menschen in meinem Umkreis, die mich am meisten geprägt haben. Meine Familie ebenso wie meine Freunde. Sie – und gemeinsame Erfahrungen mit ihnen – haben mich zu jemandem gemacht, der an anderen Menschen, Kulturen und Sprachen interessiert ist, und das ist es, was wohl auch heute noch am meisten mein Wesen ausmacht.

Welche Art von Teenager warst du?
Diese Frage würde ich am liebsten überspringen, da meine Antwort in etwa so unspektakulär ausfällt, wie ich als Teenager war. Ich tanzte nur unwesentlich aus der Reihe, war nicht wilder als die anderen und genauso sonderbar, fiel auch sonst kaum auf. Gehörte zu den Stillen im Hintergrund, beobachtete, machte mein Ding, bewegte aber nicht die Welt. Daran hat sich bis heute wenig geändert. – Aber vielleicht spricht da auch nur die Bescheidenheit aus mir, von der eine Lehrerin einmal sagte, sie sei »mein Charakteristikum«. Ich habe das immer als Kompliment aufgefasst.

Du hast eine Zeit lang in Italien studiert. Wie war’s?
Das Studium? Nicht der Rede wert. Das Leben? Fantastisch. Eine schöne Zeit – ich bereue es nicht, sie dort verbracht zu haben, auch wenn das gleichzeitig heißt, sie nicht in Berlin und mit meinen Freunden verbracht zu haben. Ich liebe die Sprache, liebe viele der Menschen, die ich dort kennengelernt habe, und viele der Orte, an denen ich war. Nach vier Jahren hat es mir zum Leben zwar nicht mehr gereicht, und einiges, was Land und Leute ausmacht, ärgert mich – und doch: Mir fehlt Italien. Wenn ich heute hinfahre, ist es wie nach Hause kommen.

Was antwortest du, wenn dich ein Fremder auf einer Party fragt, „was du so machst“?
In solchen Situationen lässt sich immer ganz wunderbar der Name einer Initiative zur Vernetzung der Branche zitieren: »Ich mach was mit Büchern«. Es folgt in der Regel ein erwartungsvolles Augenbrauenheben, woraufhin ich präzisiere: »Ich arbeite in einer Literaturagentur.« Die meisten finden das spannend genug, um nachzuhaken und mir eine halbe Stunde lang Fragen zu stellen. Was toll ist, weil mir selbst immer schon nach zwei Fragen die Puste ausgeht, wenn mir jemand erzählt, er sei Wirtschaftsinformatiker oder Maschinenbauingenieur.

Wie bist du in der Literaturbranche gelandet?
Über einen relativ geraden Weg (zumindest in meinen Augen, aber manch anderer würde unter »gerade« vermutlich etwas anderes verstehen). Am Ende meines geisteswissenschaftlichen Bachelorstudiums habe ich mir in den Kopf gesetzt, ins Verlagswesen zu wollen, daraufhin habe ich einen Masterstudiengang namens »Journalismus und Verlagskultur« gewählt (inhaltlich leider eher zu vernachlässigen, aber der Titel genügte für alles Weitere), einige Praktika im Kulturbetrieb absolviert, u.a. in einer Mailänder Literaturagentur und in einem Berliner Verlag, die mir den Weg wiesen, schließlich ein Volontariat gesucht und gefunden, und zwar in jener Frankfurter Literaturagentur, in der ich bis heute tätig bin.

Was würdest du machen, wenn du nicht in der Buchbranche gelandet wärst?
Nach dem Abitur hatte ich mir fest vorgenommen, ein Studium der Bildenden Kunst zu absolvieren. Aber die Wahrheit ist, dass ich eine lausige Malerin und Zeichnerin bin, es reichte gerade einmal zum Beschenken von Verwandten. Zu Beginn meines Italienischstudiums hatte ich mir schließlich fest vorgenommen, etwas mit Sprachen zu machen. Eine deutlich weniger abwegige Idee als die Kunst, und so ähnlich ist es ja auch gekommen. Was gut ist, denn ich kann mir kaum etwas anderes vorstellen: Wenn es nicht die Buchbranche wäre, dann doch zumindest der Kulturbetrieb im weitesten Sinne, mich reizt zum Beispiel die Arbeit des Goethe Instituts. Das Geisteswissenschaftlerklischee – Taxifahren – kann ich hingegen nicht erfüllen, da ich nicht Auto fahre.

Woran erkennst du ein gutes Buch?
Es gibt keinen Kriterienkatalog, entlang dessen ich ein Buch beurteile. Es muss mich schlichtweg einnehmen, inhaltlich, vor allem aber stilistisch. Es muss etwas in mir auslösen, mich bewegen, aufrütteln, eiskalt erwischen und nicht wieder loslassen. Das kann ein Gegenwartsroman ebenso wie ein Krimi leisten. Wobei man natürlich unterscheiden muss, für wen und was ich das Buch beurteile: In der Agentur muss ich immer auch die Ausrichtung der Verlagsprogramme, die Bedürfnisse des Marktes und somit die Verkäuflichkeit des Stoffes im Blick haben, »gut« ist hier also relativ; bei meinen privaten Lektüren lege ich ganz andere Kriterien an, da bin ich wie jeder Leser radikal subjektiv.

Welches sind deine Lieblingsautoren?
Lieblingsbücher habe ich einige – Lieblingsautoren hingegen kaum, da ich von den wenigsten Autoren mehr als ein oder zwei Bücher kenne. Das ist keine bewusste Entscheidung, es ergibt sich nur meistens so, weil es schlichtweg so viele literarische Stimmen zu entdecken gibt. Unumstritten an erster Stelle steht jedoch Jonathan Safran Foer, dessen Bücher genau das mit mir machen, was ich vorher beschrieben habe. Weitere Anwärter auf den Olymp: David Grossman, Nicole Krauss, Salman Rushdie und einige andere. Im deutschsprachigen Raum sind es Autoren wie Sibylle Berg, Clemens J. Setz und Tilman Rammstedt, deren Schaffen ich rege mitverfolge. Und darf’s auch noch etwas Italienisches sein? Et voilà: Andrea Bajani und Andrea De Carlo.

Was war deine coolste (interessanteste, lustigste…) Begegnung mit einem Autor?
Das Tolle an meinen Job ist ja: Coole Begegnungen mit Autoren habe ich ständig, was auch daran liegt, dass Autoren einfach eine coole Spezies sind. Ich würde jetzt zum Beispiel gerne erzählen, wie ich einmal mit Tilman Rammstedt in einer Bar in Berlin Mitte versumpft bin. Da ich aber ohnehin schon Gefahr laufe, für einen Groupie gehalten zu werden, erzähle ich an dieser Stelle lieber, wie ich im Rahmen eines Betriebsausflugs gemeinsam mit Stephan Thome den Grenzgang im hessischen Biedenkopf bestritt. Das ist jenes Volksfest, das als Kulisse für Thomes gleichnamigen Debütroman diente und bei dem drei Tage lang zunächst eifrig gewandert und dann eifrig gefeiert wird.
Im Detail hieß das für mich: fünf Uhr morgens aufstehen, zwei Stunden auf dem Marktplatz stehen und den Biedenköpfern beim Aufmarsch zugucken, anschließend strammen Schrittes durch den Wald, fünfzehn Kilometer bergauf, bergab, zwischendurch eine Frühstückspause samt Bier und Würstchen, abends im Festzelt mit dem Autor zu Schlagermusik schunkeln (wobei ich gestehen muss, dass ich nur einen der drei Tage mitgemacht habe). Ein mitunter bizarres Ereignis, wie wohl jedes Volksfest, zumindest aus der Sicht des Außenstehenden – aber amüsant war’s allemal. Und da bekommt das Eintauchen in literarische Welten gleich eine ganz andere Bedeutung.


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Mit welchem Autor würdest du gerne mal ein Bier trinken und über das Leben philosophieren?
Nachdem ich mit Herrn Rammstedt nun schon trinken war, würde ich jetzt gerne mal Clemens J. Setz einen ausgeben. Seinen Roman Die Frequenzen habe ich geliebt, noch mehr aber liebe ich seine Lesungen, denn Setz ist ein großartiger Erzähler, der über ein üppiges Repertoire an skurrilen, tragikomischen und wundersamen Geschichten verfügt. Nicht anders stelle ich mir einen Kneipenabend mit ihm vor: Er erzählt, ich nippe schweigend an meinem Bier und kichere und/oder staune vor mich hin. Daher mein Kulturtipp für alle: Wenn Clemens Setz in eurer Stadt liest, geht hin, hört zu und seid glücklich!

Welches sind deine Lieblingsbücher – und warum?
Ich frage mich, ob jemals ein Buch kommen wird, das David Grossmans Stichwort: Liebe und Jonathan Safran Foers Everything Is Illuminated von ihrem Thron stürzen wird. Seit Jahren sind es diese beiden Bücher, die ich nennen muss, wenn ich nach meinen Lieblingsbüchern gefragt werde. So klug, so erschütternd, so unfassbar schön sind sie. Auf faszinierend kunstvolle Weise erzählen sie Geschichten, die einen mit voller Wucht erwischen und nie wieder loslassen. Und genau diesen Anspruch habe ich an Literatur. Der erste Roman, der mich in meinem Werdegang als Leserin sprachlich vollkommen eingenommen hat (mir liegt häufig mehr an der Sprache als an der erzählten Geschichte), ist allerdings Vladimir Nabokovs Lolita. Ich habe ihn zuerst mit sechzehn oder siebzehn gelesen und seither noch einige Male. Wunderschön, wie Humbert Humbert, dieses Scheusal, von seiner Liebe zu dem minderjährigen Mädchen spricht. Der Kontrast zwischen der Abscheulichkeit der Geschichte und der Poesie, mit der diese Abscheulichkeit dargestellt wird, fesselt mich, lässt mich schaudern, berührt mich.

Du betreibst nicht nur das Literatur-Blog „Schöne Seiten“, sondern bist auch Teil von „We read Indie“, eines Zusammenschlusses von Bloggern, der auf Literatur aus unabhängigen Verlagen aufmerksam macht. Warum ist dir das wichtig?
Weil es auf dem Buchmarkt zu viel Mittelmaß gibt, zu viel Belangloses und Uninspiriertes. Viele kleine Literaturverlage bemühen sich im Kontrast dazu um ein anspruchsvolles Programm abseits des Mainstreams, sie stehen hinter jedem einzelnen Buch, das sie machen, statt sich an irgendwelchen Trends zu orientieren – heraus kommen Produkte mit hochwertigem Inhalt und ebenso hochwertiger Ausstattung. Doch leider haben diese Verlage häufig nicht die Kraft, um auf sich aufmerksam zu machen, weil sie schlichtweg nicht über dieselben finanziellen und personellen Ressourcen verfügen wie die großen Publikumsverlage. »We read Indie« ist unser kleiner Beitrag, um die Sichtbarkeit dieser Verlage zu erhöhen.

Welche Bücher aus kleinen Indie-Verlagen hätten deiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdient? Dies ist die Gelegenheit, uns ein paar zu empfehlen!
Zuletzt habe ich den wunderbaren Liebeskind Verlag aus München für mich entdeckt, den ich vor allem (aber nicht nur) für die aufregenden amerikanischen Schriftsteller schätze, die er in den letzten Jahren ins Deutsche übertragen hat. Daniel Woodrell, Donald Ray Pollock, James Sallis – das ist harte, düstere Literatur, die einem den Atem raubt. Doch dass Liebeskind auch anders kann, beweist der Verlag mit Romanen wie denen der Japanerin Yoko Ogawa, die surreal-verträumte Geschichten schreibt. Eines der beeindruckendsten Indie-Bücher, die ich je gelesen habe, ist allerdings nicht bei Liebeskind erschienen, sondern in der Frankfurter Verlagsanstalt: Mein sanfter Zwilling von Nino Haratischwili. Was für eine Wucht, was für ein intensives Leseerlebnis! Außerdem überaus empfehlenswert: die bereits erwähnten Frequenzen von Clemens J. Setz (Residenz), Schipino von Svenja Leiber (Schöffling & Co.) und Ich nannte ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar (Wagenbach), um nur ein paar weitere Highlights zu nennen. Und es gibt so viele andere großartige Indie-Verlage, die es zu entdecken lohnt: beispielsweise mairisch aus Hamburg, Matthes & Seitz aus Berlin sowie Salis aus Zürich/Berlin.

Wie war der Literaturjahrgang 2013 aus deiner Sicht? Was waren für dich die Highlights?
Ich muss zugeben, dass ich mich zwar eingehend mit Neuerscheinungen befasse, indem ich regelmäßig die Verlagsvorschauen sichte, einer Handvoll Literaturblogs folge und täglich das Feuilleton scanne – doch selten landen diese Bücher auf der Stelle in meiner Bibliothek, und noch seltener werden sie auf der Stelle gelesen. Ich lese, was für mich dringend ist – und das können ganz andere Sachen sein als die, die frisch erschienen sind. Insofern spiegeln meine Lesejahre nur bedingt das, was auf dem Markt geschieht, wider. Am besten fragst du mich in zwei, drei Jahren noch einmal nach dem Literaturjahrgang 2013. 😉
Was mein persönliches Lesejahr betrifft, hätte ich mir etwas mehr Rauschzustände gewünscht. Wirklich betörend war nur ein Roman für mich, und zwar Katharina Hartwells Debüt Das fremde Meer, erschienen im Berlin Verlag (sieh an: eine Neuerscheinung!). Vieles andere war gut, darunter die oben erwähnten Amerikaner im Liebeskind Verlag; vieles aber leider auch Mittelmaß. 2014 hat in dieser Hinsicht hoffentlich mehr zu bieten.

Kannst du dir vorstellen, selbst mal ein Buch zu schreiben?
Ich würde es mir gerne vorstellen können, weil ich die Idee schön finde, irgendwann ein Buch in den Händen zu halten, das hübsch anzusehen ist und meinen Namen trägt. Aber diesen Gedanken habe ich längst aufgegeben, da ich eingesehen habe, dass ich keine Schriftstellerin bin. Ich kann an Geschichten arbeiten, die bereits auf dem Papier existieren; was ich nicht kann, ist, eine Geschichte selbst zu erfinden, dafür fehlt mir die Beobachtungsgabe, vermutlich auch eine eigene Stimme. Vor allem aber: der Drang zu schreiben. Zumindest momentan.

Welche Kunstformen interessieren dich neben der Literatur?
In erster Linie: Musik und Filme. Sie sind zwar nicht Inhalt meiner Arbeit wie die Literatur, und ich kann nicht behaupten, dass ich Ahnung davon hätte, aber begeistern kann ich mich für sie allemal, mein Leben könnte ich ohne sie ebenso wenig bestreiten wie ohne Bücher. Aber auch andere Kunstformen interessieren und begleiten mich, die Fotografie etwa oder die Malerei. Und selbst das Theater, bei dem ich immer Berührungsängste hatte, entdecke ich gerade für mich, dank einiger grandioser Inszenierungen am Schauspiel Frankfurt.

Hast du einen Lieblingsfilm?
Eher einen Lieblingsregisseur, dessen Werk ich verfolge wie sonst kein anderes: Wes Anderson. Darjeeling Limited liebte ich, aber auch Royal Tenenbaums und Moonrise Kingdom, und ich kann es kaum erwarten, dass der neueste Film, The Budapest Hotel, ins Kino kommt. Ich mag den schrägen Humor und die skurrilen Bilderwelten, die Anderson entwirft, und ich mag all die fabelhaften Schauspieler, die wie lebende Running Gags sein Werk durchziehen, allen voran Bill Murray. Aber es gibt natürlich auch großartige Filme jenseits von Wes Anderson: Lost in Translation von Sofia Coppola, Heaven von Tom Tykwer, Shame von Steve McQueen, In the Mood For Love von Wong Kar-Wai, Gegen die Wand von Fatih Akin. Und verdammt viele andere.


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Welche Bands und Songs gehören auf den Soundtrack deines Lebens?
Meines aktuellen Lebens? Meines Lebens überhaupt? Da müsste ich auf jeden Fall Sting, The Police und R.E.M. nennen, die mich in meiner Jugend begleiteten. Außerdem gibt es eine Handvoll Songs, die damals unsere Samstagabende prägten, die wir im immer gleichen Club verbrachten (es überrascht sicher nicht, wenn ich sage, dass die Insel nicht viel abseits des Mainstreams zu bieten hatte): von der deutschen Ska-Combo Lex Barker Experience über »Creep« von Radiohead und »Like the Way I Do« von Melissa Etheridge bis hin zu System of a Down und The Prodigy.
Heute höre ich vor allem Indie und Alternative, darunter auch einiges Elektronisches. Das kann Sigur Rós ebenso wie der fabelhafte kanadische Singer-Songwriter Patrick Watson sein, Arcade Fire, Woodkid oder The Knife. Zuletzt entdeckt: das französische Duo Sexy Sushi, das wüsten Elektro macht, die ruhige Isländerin Sóley, die Schweizer Indie-Bands Alvin Zealot und One Sentence. Supervisor sowie Soap&Skin aus Österreich, deren umwerfende Stimme ich zuerst in dem Song »Goodbye« von Apparat gehört habe. Es war von Anfang an Liebe.

Welches war das beste Konzert, auf dem du je warst?
Das beste ist in der Regel das, was zuletzt war und am präsentesten in meiner Erinnerung ist. Und das war Sigur Rós in Frankfurt im November vergangenen Jahres. Aber selbst wenn es nicht das letzte Konzert wäre, würde ich vermutlich behaupten, es sei eines der besten gewesen: zwei Stunden lang Gänsehaut, zwei Stunden lang völlige Entrückung. Ebenfalls toll: die italienischen Musiker Max Gazzè und Raphael Gualazzi vor einigen Jahren – der eine in einem Theater in Bologna, der andere im Garten einer Mailänder Villa, ganz anders als Sigur Rós, aber beide auf ihre Weise hinreißend. Ein Konzert, auf dem ich noch nicht war, das aber – ich ahne es – eines der besten meines Lebens werden könnte: Woodkid samt Orchester.

Momentan wohnst du wegen des Jobs in Frankfurt, bist aber auch oft in Berlin. Wo würdest du leben, wenn du vollkommen freie Wahl hättest?
Keine Frage: Berlin. Viele meiner Freunde leben dort, und ich habe das Gefühl, dass es in dieser Stadt noch viel für mich zu entdecken gibt. Kultur, Kneipen, Clubs. Und auch die Literaturbranche scheint mir dort um einiges lebendiger, man geht auf Lesungen und kommt immer mit tollen Leuten ins Gespräch, bestenfalls versackt man anschließend in einer Bar. In Frankfurt gibt es – so mein Eindruck – weniger Austausch, mit Ausnahme vielleicht der Buchmesse, die ja eine einzige große Party ist. Aber jenseits von Berlin reizen mich natürlich auch andere Städte: Tel Aviv ist eine davon – seit einigen Jahren hat sich in meinem Kopf die Idee festgesetzt, irgendwann einmal ein paar Monate dort zu verbringen.

Wo siehst du dich in zehn Jahren? (Sorry, wenn das jetzt ein bisschen nach Bewerbungsgespräch klingt! 😉 )
Hätte man mich das vor zehn Jahren beim Abi gefragt, hätte ich mit Sicherheit nicht gesagt: in Frankfurt lebend und als Lektorin arbeitend. Wer landet schon in Frankfurt, von der Ostsee aus gesehen? Und mit Literatur hatte ich auch nichts am Hut, zumindest nicht in dem Maße, dass ich mir hätte vorstellen können, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Weil es also vermutlich ohnehin anders kommt, halte ich mich mal mit meinen Prognosen für die nächsten zehn Jahre zurück. Ich ahne aber, dass es cool wird.

Was ist das Aufregendste, was dir je passiert ist?
Einen bestimmten Moment gibt es nicht, den ich in meinem Leben herausstellen würde, eher eine Zeit. Die Jahre in Italien waren zum Beispiel so eine Zeit, das Leben, Denken, Lieben in einer anderen Sprache – das war schon klasse. Aber auch die Zeit seit meiner Rückkehr nach Deutschland ist aufregend – schlichtweg, weil der Beruf, den ich habe, und die Leute, denen ich dadurch begegne, aufregend sind. Würde ich jetzt auch noch in Berlin oder Tel Aviv leben, wäre das vermutlich zu viel der Aufregung. 😉

Hast du ein Vorbild?
Kein Vorbild im eigentlich Sinne, an dem ich mich auf meinem Lebensweg orientiere. Aber genügend Menschen, die ich für das, was sie tun und sind – auch wenn es etwas vollkommen anderes ist als das, was ich tue und bin –, sehr bewundere, die mich faszinieren und mich beeindrucken, auf ganz unterschiedliche Art. Das können Freunde ebenso wie Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, sein. Auf die Gefahr hin, dass der Name in diesem Interview inflationär gebraucht wird: Jonathan Safran Foer ist so ein Mensch. Er hat etwas zu sagen, und er tut es auf eine so einzigartige und inspirierende Weise, dass man ihm unbedingt zuhören möchte.

Hast du ein Lebensmotto?
Der Tocotronic-Songtitel »Pure Vernunft darf niemals siegen«. Zumindest arbeite ich dran.

Was inspiriert dich?
Alles, worüber wir bisher gesprochen haben. Literatur, Musik, Filme – Künste aller Art. Orte. Und Menschen. Menschen, die sich für eine Sache begeistern und diese Begeisterung auf andere übertragen können. Vor allem die.

Welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine total coole Antwort darauf gehabt hättest?
Ich halte mich an Proust und frage: »Deine größte Extravaganz?« (Wobei ich vor allem die Frage mag – eine »total coole« Antwort ist jetzt vielleicht ein bisschen zu viel verlangt.)

Wie lautet die Antwort?
Meine Rastlosigkeit.



Caterina betreibt das fabelhafte Buch-Blog http://caterinaseneva.wordpress.com/ und schreibt zudem für http://readindie.wordpress.com/, einen Zusammenschluss von Literatur-Bloggern, die sich mit Veröffentlichungen aus Indie-Verlagen befassen.

Das Interview führte Melanie Raabe. 

Alle Fotos: privat