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Anne, Köln/Reykjavík


Nicht jeder Mensch ist gleich begabt fürs Glück, es gehört eine Menge Mut dazu.“

Anne Autorenfotos

Anne! Was arbeitest du – und wie kam es dazu?

Ich bin als Schriftstellerin tätig.
Gefühlt schon seit ich fünf Jahre alt bin, denn seitdem schreibe ich jeden Tag. Zunächst ins Tagebuch, später auch als Journalistin und als Autorin fürs Radio und Fernsehen.
Mein allererster Ghostwriting-Job waren Reden für eine EU-Politikerin.
Der erste Fernsehjob war beim Kinderfernsehen. Ich schrieb Serien für Nickelodeon, wurde Regie-Assistentin für eine US Kinofilmproduktion.
Lange Zeit war ich hinter den Kulissen tätig, arbeitete als Talentscout für die Missfits-Show im WDR Fernsehen, schrieb Witze für Fernsehunterhaltungsshows, wie „7 Tage – 7 Köpfe“ bei RTL und für Kabarettistinnen für die Bühne.
Alles, was die Verdichtung von Texten betraf, kam auf herrliche Weise zu mir, von der täglichen Radio-Politglosse, über Features und Hörspiele bis hin zum Werbetext.
Ein Drehbuch brachte mich schließlich an die US Westküste.
In San Francisco angekommen, bekam ich plötzlich so viele Anfragen von Sendern aus Deutschland, dass ich vier Jahre lang blieb. Ich glaube, ich habe mich noch nie an einem Ort so zuhause gefühlt, wie in Nordkalifornien.
In Deutschland hieß es immer „Du musst dich für etwas entscheiden“, aber hier konnte ich endlich einfach kreativ sein und fand ein Umfeld, in dem all meine Talente plötzlich gewollt waren, konnte mich wesentlich freier entwickeln und schaffte es mit Leichtigkeit, in der Filmbranche dort Fuß zu fassen.

Parallel dazu arbeitete ich als freie Korrespondentin fürs europäische öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen. Die Frau, die bis dahin standardmäßig alle deutschen und österreichischen Sender versorgt hatte, war gerade nach Neuseeland gezogen, es gab also eine riesige Lücke und fast täglich News aus dem Silicon Valley und der ganzen Bay Area.
Was ich an San Francisco auch so mochte, war der Arbeitsethos meines gesamten Umfeldes– in Deutschland war mir bis dahin immer vorgeworfen worden, ich sei ein „Workaholic“, hier schwamm ich plötzlich im Strom derer, die genauso arbeiteten und die Lebensqualität am Pazifik war gleichzeitig durch das Leben am Pazifik sehr groß.
Dabei erlebte ich einen interessanten Effekt, der eintritt, wenn du 9000 Meilen und 9 Stunden Zeitverschiebung entfernt tätig bist: Du arbeitest wesentlich konzentrierter, wenn während deines normalen Tages die Bürozeiten in Europa längst beendet sind.

So blieb Zeit für größere Projekte. Zwei Bücher, die ich als Ghostwriterin annahm, brachten mich auf die Spur. Eines davon wurde enorm erfolgreich und auch wenn mein Name nicht auf dem Cover stand, bekam ich dadurch ein Gefühl dafür, dass ziemlich viele Leute lesen wollten, was ich verfasst hatte. Das änderte etwas in meiner Selbstwahrnehmung als Schreibende. Es machte mir klar, dass ich mehr zu sagen hatte, als das, was als Film oder Radiostück schneller verpuffte.

Kurz darauf hatte ich ein einschneidendes Erlebnis. Ich wurde mit einem meiner Dokumentarfilme auf ein europäisches Filmfestival eingeladen, das die Richtung meines Lebens vollkommen verändern sollte: Die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajokull hinderte mich und drei weitere Regisseurinnen daran, zurück in die USA zu fliegen. Während der fünf Tage, die wir miteinander wartend auf den Rückflug verbrachten, erfuhr ich die Geschichte von hunderten deutscher Frauen, die 1949 aus Deutschland nach Island gegangen waren und deren Geschichten bei uns vollkommen unbekannt waren. Das gab den Impuls. Ich war mir dessen bewusst, dass wir alle ihre Geschichten kennen würden, wären sie Männer gewesen, reiste nach Island und stieß auf eine unglaubliche Story, denn diese Frauen hatten alle nie über ihre Motive gesprochen, warum sie Deutschland verlassen hatten. Sie hatten ihre Biografien nicht einmal mit ihren isländischen Familien geteilt. Ich plante eigentlich einen Dokumentarfilm darüber und bekam, bevor ich zu drehen beginnen konnte, das Angebot von einem Verlag, erst mal ein Buch darüber zu schreiben. FRAUEN FISCHE FJORDE wurde ein Bestseller und so seltsam es klingen mag, dieses Buch machte mich zur Schriftstellerin. Den Film dazu drehte ich übrigens nie.

Gerade gab ich das Manuskript zu meinem achten Buch ab.

Was begeistert dich an deiner Arbeit?

Mich begeistert die Vielfalt dieser Tätigkeit, es erfüllt mich, dass ich einerseits lange und tiefgreifende Recherchen machen kann, zum Beispiel weltweit in historischen Archiven grabe und gleichzeitig Menschen befrage, ihre Geschichten erzählen darf, ihre Erfahrungen einfließen lassen kann und dann wieder diese ganz stillen, hoch konzentrierten Phasen des Schreibens habe. Den Fokus zu vertiefen.

Manchmal denke ich, ich bin im richtigen Moment ins Schriftstellerinnenleben geworfen worden, denn ich drehe oft aus einem alten Impuls heraus erst einmal Filmsequenzen mit den ProtagonistInnen meiner Bücher und nehme Töne auf und das passt gut in unsere Zeit, weil es mir leicht fällt, das alles dann in den entsprechenden Kanälen zu teilen, wenn die Bücher erscheinen. Mir macht diese Vielfalt unglaublich viel Freude. Und ich habe schon bei meiner zweiten Lesung etwas entwickelt, von dem ich nie wusste, dass das in mir schlummert. Ich hatte mir nicht klargemacht, dass ich doch viel über Bühnendramaturgie lernte, als ich fürs Unterhaltungsfernsehen und für die Bühne schrieb. Und so kam aus mir schon bei der zweiten Lesung eine Rampensau raus, von der ich selbst nicht die leiseste Ahnung hatte, bevor ich vor ein paar hundert Zuschauern eine Lesung geben sollte. Meine Lesungen habe ich von Anfang an mit Sounds und Filmclips kombiniert und im Laufe der Jahre entstand dadurch eine sehr eigenwillige Form der Literaturstandup. Ich habe in meinen 675 Lesungen noch keine einzige wiederholt, das würde mich selbst langweilen.

Das ist immer ein ganz schönes In-Kontakttreten mit dem Publikum, mit meinen Leserinnen und Lesern, bei dem wahnsinnig viel gelacht wird, selbst bei tragischen Stories und das ist für mich immer ein hoch konzentrierter Abend für mich, der da stattfindet und der von einer großen Woge von Energie getragen ist, auch von einem herrlich gegenseitigen Austausch.

Je größer die Lesung, desto schöner, ich hatte eine ganze Reihe von Lesungen mit über 1000 Gästen. Das liebe ich, denn das hat sich zu einer ganz eigenen Form entwickelt. Bei meiner letzten Lesung in Ostdeutschland gestanden mir allerdings ein paar Besucherinnen, dass sie zwar meine Bücher auch lieben, aber vor allem immer in meine Literatur-Standups kämen, weil sie dann – wie sie sagten „noch Monate lang so eine Energie spüren“! Das hat mich ziemlich erstaunt.

Gerade kehrte ich von einer Lesereise aus Island zurück. Das waren außergewöhnlich tiefe und schöne Momente, die ich mit meinem Publikum dort teilen durfte. An manchen Tagen hatte ich 800 – 1000 Kilometer zwischen zwei Lesungen zu überbrücken. Mit dem Flugzeug und auf der Schotterpiste im Jeep. Irre!

Was machst du, wenn du nicht arbeitest?

Oh, kann man das trennen? Es ist wohl eine Art Berufskrankheit aus dem Journalismus, dass meine Antennen immer ziemlich auf Empfang stehen, aber ja, ich entspanne natürlich auch, mache seit meiner Kindheit viel Sport, meditiere jeden Tag zweimal, was wohl Menschen, die mich bei meinen sehr vitalen Bühnen-Standups erleben, sehr überraschen dürfte.

Aber zu der aktiven Seite kommt tatsächlich eine stille Seite. Aus ihr schöpfe ich viel Energie. Und wenn ich frage „kann man das trennen?“, dann meine ich damit auch, dass ich oft bei meinen langen Laufrunden auf Texte komme, oder wenn ich im Text stocke, laufen gehe, weil ich tatsächlich glaube, dass die Sätze bei mir oft aus der Bewegung stammen. Ich sitze zwar viel, aber beim Texten stehe ich oft auf und gehe umher, brauche Perspektivwechsel.

Meine große Liebe und wohl meine einzig wirkliche Sucht (neben isländischen Lakritz) : Kino! Egal wo ich bin, ich gehe notorisch häufig ins Kino.

Zu meiner städtischen Seite, der, die sich aus der Kultur, etwa in Köln oder Reykjavík (wo ich in diesem Jahr sehr viel Zeit verbringe) speist, kommt meine tiefe Liebe zur Natur.

Mir gibt die Natur Antworten auf Fragen des Lebens. Ich bin auf einem einsamen Bauernhof in der Pampa des Tecklenburger Landes aufgewachsen. Mein erstes Haustier war ein Rehbock. Natur und Tiere sind mir immer wichtig gewesen und ich konnte schon Greifvögel am Flugbild erkennen und kannte alle Bäume, lange bevor ich schreiben konnte. Ich bin ein Birdwatcher und liebe es, dass manche Veranstalter das wissen. Es gibt einen sehr tollen Buchhändler an der polnischen Grenze, der geht mit mir immer Kraniche gucken, bevor ich am Abend dort auf die Lesebühne gehe.

Was mich auch tief erfüllt, sind Reisen und es ist eine große Freude und ein Privileg, dass ich das sehr gut mit meinem Beruf verbinden kann.

Was würdest du als deine Berufung bezeichnen?

Meine Berufung ist es, Menschen zum Leuchten zu bringen und ihre Geschichten vollständig zu erzählen, Fragmente einer Story so zusammenzufügen, dass es eine Erklärung gibt, wir einen Sinn dahinter erkennen, im weitesten Sinne vielleicht sogar eine Erlösung darin finden. Für mich steht am Anfang eines neuen Buches immer die Frage, welchen Effekt es auf unsere Gesellschaft haben wird, was gibt das Buch nicht nur den einzelnen Leser*innen, sondern welche Lücke kann es füllen, die von besonderem gesellschaftlichem Wert ist?

Was treibt dich an?

Vor allem Neugier. Kein Wunder, dass ich beim Radio noch immer begeistert für die wunderbare WDR 5-Sendung NEUGIER GENÜGT arbeite.

Aber auch mein Gerechtigkeitssinn. Vielleicht auch der Wunsch, eine Art Frieden herzustellen. Ich bin vom Studium her Sozialwissenschaftlerin und habe einen Abschluss als Familientherapeutin. Ich legte immer viel Wert darauf, dass ich nie praktiziert hätte, mir diese Ausbildung aber bei meinen journalistischen Interviews helfe und bei meinem ersten Buch musste ich feststellen, dass meine Aufarbeitung der Einwanderungsgeschichte der Frauen in FRAUEN, FISCHE, FJORDE ganz schön viel bei ihren Familien auslöste. Ich hatte keine Ahnung, was für krasse Geschichten von Krieg und Vertreibung sie hatten. Keine von ihnen hatte je ihren isländischen Familien von der Tragik ihres Lebens, das sie vor ihrer Ankunft in Island führten, erzählt. Nun musste ich plötzlich mit Familien zusammen richtig daran arbeiten, dass eine Ordnung hergestellt wurde, allein schon dadurch, dass ich die alten Ladies endlich dazu gebracht hatte, zu sprechen. Das war anstrengend und sehr beeindruckend und plötzlich machte mein altes Handwerk Sinn. Was mich auch antreibt, ist die Erkenntnis, dass das Leben mich an manchen Stellen wohl als Medium einsetzt, als Medium zwischen Menschen und ihren Geschichten. So erlebe ich es und dafür bin ich sehr dankbar, denn so ergibt meine Arbeit einen tiefen Sinn für mich. Ich hoffe, natürlich auch für andere.

Worauf bist du besonders stolz?

Tatsächlich darauf, dass meine Geschichten etwas auslösen. Bei meinem ersten Buch erlebte ich unglaubliche Widerstände. Einerseits waren da diese krassen Stories aus Island. Ich war jedes Mal vollkommen erschöpft, wenn ich von einem der Interviews aus total abgelegenen Orten am Polarkreis zurückkam, so tragisch waren die Biografien der alten Frauen, die längst mit Deutschland gebrochen hatten. Das hatte ich mir bei all meiner Phantasie nicht ausgemalt und dann hatte ich wahnsinnig Stress mit meinem allerersten Verlag, die mich tatsächlich 8 Wochen vor der Buchmesse rausschmissen, weil ich nicht so „spurte“, wie sie das wollten. Die erwarteten ein Null-acht-fünfzehn Buch, wollten das sogar „Isländischer Bauer sucht Frau“ nennen, worauf ich antwortete „Over my dead Body“. Nur über meine Leiche. Ich bin Tochter eines Landwirts und hatte verrückterweise gerade ein Comedy-Hörspiel für den WDR mit Lioba Albus zusammen geschrieben, in dem der Regisseur der gleichnamigen Privat-TV-Serie tot in der Jauchegrube gefunden wurde, eine wahnsinnig lustige „Who’s done it- Geschichte“. Wie hätte ich das zulassen können?

Was mich seltsamerweise rettete, war, das damals alle sagten „Im nächsten Jahr interessiert sich niemand mehr für Island“. Wären nicht alle davon überzeugt gewesen, dass Island nach dem Buchmessenauftritt des Landes keine Rolle mehr spielen würde, ich hätte die Story in die Schublade gelegt und erst – ich schwöre – zwei Jahre später wieder rausgeholt. Heute ist das ein irrwitziger Gedanke, denn damals begann der große Boom mit Island erst und er hört nicht auf.

Im Nachhinein kam raus, dass man mich vom Verlag wohl nur disziplinieren wollte. Der Rauswurf war mit das Beste, was mir als Schriftstellerin passieren konnte, denn als ich endlich weinen wollte, aus Gram darüber und auch aus Erschöpfung, wurde mir plötzlich klar, dass ich das Buch jetzt endlich so schreiben konnte, wie ICH das wollte. Das noch verrücktere: Ich hatte einen lausigen Vertrag und hätte daran nicht mal ein Zehntel dessen verdient, was mein Buch schließlich für mich abwarf.

Mein österreichischer Verleger und ich wurden glücklich darüber. Es hat dan als Paperback noch mal ein verrücktes und schönes neues Leben bekommen, als es unterm Piper-Dach bei Malik landete, in der National Geographic Reihe und damit bei Buchmenschen, die mich als Schriftstellerin enorm fördern.

Aber ja, ich habe unglaublich für und um dieses erste Buch kämpfen müssen, in den ersten Jahren bin ich kurz an einen Verlag geraten, der sich als kriminell herausstellte und der die Autorinnen (das hatten sich tatsächlich nur Frauen gefallen lassen – was sagt uns das?) bewusst betrog. Ich war die Einzige, die dagegen klagte und nach Jahren und einige Gerichtsinstanzen später bekam ich Recht. Wir konnten denen tausende Buchexemplare an Schwarzverkäufen nachweisen. Und da wir gerade darüber sprechen: Zum Stolz gehören die richtigen Freunde:

Hättest Du, Melanie, mir damals nicht in einer entscheidenden Minute den richtigen Satz gesagt, ich hätte vielleicht auch so, wie die anderen betrogenen Autorinnen aufgegeben. Du sagtest mir damals, als ich gerade überlegte, ob ich nicht doch lieber wieder in die USA und zum Film zurückgehen sollte „Wer bei so vielen Rückschlägen immer noch so glücklich schreibt, ist Schriftstellerin!“ Auch das hat mich damals bewegt, nicht aufzugeben. Dafür danke ich dir.

Stolz ist ein Gefühl, das ich nicht allzu oft habe. Als ich in diesem Sommer die Reise von Bundespräsident Steinmeier in Island begleiten durfte, die er anlässlich der „70 Jahre deutsche Einwanderung“ an den Polarkreis machte und da die letzten Überlebenden mit dem Bundespräsidenten und unserer First Lady zusammenkamen, da spürte ich das plötzlich. Die hochbetagte Alma, die ich in FRAUEN, FISCHE, FJORDE portraitiert hatte, sagte diesen Satz „Dass ich das noch erleben darf“ – da dachte ich „All die Kämpfe für mein erstes Buch haben sich gelohnt“. In diesem Moment war ich sehr stolz, denn so verrückt es klingen mag – mein Buch löste eine neue Welle der isländisch-deutschen Freundschaft und letztlich sogar einen Staatsbesuch aus.

Welches war deine bisher interessanteste Reise?

Eine Atlantiküberquerung auf einem Segelboot, einem 22 Meter langen Katamaran. Vollkommen verrückt, ich war mal wieder auf Abenteuer aus und total begeistert und landete schließlich bei 7 Meter hohen Wellen irgendwo auf diesem riesigen Ozean, der mich die Demut lehrte, die ich bis dahin nicht hatte. Ich war vorher noch nie seekrank, aber hier wollte ich an zwei Tagen einfach nur noch sterben. Und doch war es die verrückteste und interessanteste Reise bisher, denn ich meine, dass ich ein bisschen mehr von der Welt verstanden habe da draußen, Auge in Auge mit einer riesigen Pottwalmutter und ihrem Jungen neben uns oder nachts, wenn der Sternenhimmel in der Karibik sich mit seinen Millionen von Lichtern bis zum Horizont über Dich senkt und Du an Deck liegst und heulen möchtest über die Schönheit und Geborgenheit in dieser Welt. Ich war früher mal mit einem leidenschaftlichen Segler zusammen und habe den nie verstanden, aber da habe ich etwas von dieser Welt der Segler begriffen und auch ein bisschen davon in meinen neuen Roman REYKJAVÍK BLUES einfließen lassen.

Was ist das Aufregendste oder Interessanteste, was dir je passiert ist?

Da muss ich nicht lange nachdenken. Das war meine Begegnung mit Gerta Stern. Eine seltsame Fügung brachte unser beider Leben in Verbindung – ich war nach Panama City eingeladen worden und hatte dort eine Lesung in der Deutschen Residenz. Eine alte Dame stand beim Signieren vor meinem Tisch und hielt eines meiner Sachbücher in der Hand, sagte „Weißt du, dass das erst das zweite deutsche Buch ist, das ich lesen werde?“

Vor mir stand Lotte, die beste Freundin von Gerta. Lotte erzählte mir von der Welt der jüdischen Emigranten in Panama. Das überraschte mich vollkommen, denn ich hatte schon 20 Jahre davor für eine amerikanische Filmproduktion zum Exil der 1930er Jahre gearbeitet und mir immer eingebildet, nahezu alles darüber zu wissen. Von Panama war da nie die Rede. Diese Begegnung eröffnete mir eine vollkommen neue Welt und ich bin so glücklich und froh, dass ich diese Welt der alten jüdischen Emigrantinnen noch ein paar Jahre lang ausgiebig kennenlernen durfte, denn das waren die größten Lehrmeister im Leben, die ich je hatte: Vollkommen in ihrer Lebensfreude, tief dankbar für das Leben, das ihnen noch mal geschenkt wurde und so voller Neugier und Unbefangen allem Fremden gegenüber.

Ich lernte Gerta Stern durch Lotte kennen. Die beiden waren beste Freundinnen. Die eine so dröge und norddeutsch, wie eine Hamburgerin in der Ferne nur sein kann und Gerta im Vergleich dazu die jüdisch wienerische Dramaqueen. Als ich Gerta begegnete, wurde es ein wenig spooky, denn sie erwies sich als die Nichte des berühmten Komponisten Siegfried Translateur. Der kam in meinem ersten Roman NORDBRÄUTE vor, der gerade in dem Jahr erschienen war.

Gerta und ich sahen uns ziemlich überrascht an, als das klar wurde. Ich beschloss, ihre außergewöhnliche Geschichte fürs Radio zu erzählen, denn sie war eine Schauspielerin in Wien gewesen, hatte einen der ersten Fußballprofis geheiratet und war mit ihm eigentlich auf dem Weg nach Südafrika gewesen, als die beiden von den Progromen in Hamburg überrascht worden waren und er im Konzentrationslager landete. Mit Hilfe eines unbekannten Helfers war es Gerta damals gelungen, ihren Mann aus dem KZ zu befreien. Der Unbekannte, von dem sie nur den Vornamen wussten, hatte ihnen sogar die Schiffspassage nach Panama geschenkt, denn das war das einzige Land, in das sie sich mit seiner Hilfe als Juden noch retten konnten.

Als ich das Interview über dieses verrückte und später so erfolgreiche Leben in Panama schon beendet hatte, warf ich aus einem Impuls heraus mein Aufnahmegerät noch mal an und stellte Gerta eine letzte Frage. Sie sah selbst viel jünger aus, als sie war, war damals aber schon 99 Jahre alt und betrieb noch immer ihren gut gehenden Kosmetiksalon. Wir saßen bei fast 40° Grad und 97% Luftfeuchtigkeit in den Tropen. Ein paar Monate später wollte sie ihren hundertsten Geburtstag in Österreich, in ihrer alten Heimat feiern.
Und nun schoss sie wie aus einer Pistole in mein digitales Aufnahmegerät: „Wir haben nie erfahren, wer dieser Herr Otto war, dem wir unser Leben verdanken“
Gerta meinte, dass es doch eine Schande sei, dass dieser Mann, der alles für sie riskiert hatte, ihnen nie seinen vollen Namen genannt habe und sie sich nie bedanken konnten. Sie hatte gleich nach dem Krieg in Mittelamerika damit begonnen, ihn zu suchen, aber irgendwann aufgegeben und vermutete nun, er müsse wohl im Krieg umgekommen sein.
In diesem Moment in Panama wusste ich, dass ich ihn finden kann. Gerta verriet ich nichts davon, denn ich hatte beschlossen, dass das mein Geschenk zu ihrem 100. Geburtstag würde. Das konnte doch nicht sein, dass sie 100 würde und nicht wusste, wem sie ihre Rettung zu verdanken hatte.

Es war verrückt, denn ich fand diesen Otto Dettmers ziemlich schnell. Ich kannte sogar seine Villa, war als Studentin in Bremen jeden Tag an seinem Haus zur Uni vorbeigeradelt. Er war inzwischen längst gestorben, aber ich wusste nun, wer Gerta und ihre Familie gerettet hatte. Dann lud mich das 5-Sterne-Hotel zu Gertas Geburtstagsfeier ein. Allein die Feier zu Gertas Hundertstem war der Hammer: 60 Leute aus 15 Ländern. Die alte Dame feierte mit uns anderen eine ganze Woche lang in ihrem schicken Stammhotel in Bad Hofgastein und hatte nicht die leiseste Ahnung, was ich ihr schenken würde.
Sie war sprachlos, als ich meine Rede dort hielt und ihre lebenslange Frage auflösen konnte.
Am dritten Tag in Bad Hofgastein wusste ich: Das ist das zweite Mal in meinem Leben, das mir eine historische Geschichte mit Happy End geschenkt wird, die noch nicht erzählt wurde und ich wusste auch, ich würde es mir wahrscheinlich bis ans Lebensende vorwerfen, dieses Buch nicht gemacht zu haben.
Das Memoir, das ich schrieb, „Señora Gerta“ landete in der Spiegel Bestsellerliste, aber was mich mit noch mehr Freude erfüllte, war der Brief, den ich von Ulrike, einer der Enkelinnen von Gertas Retter erhielt „Ihr Buch klärt alle Fragen, die ich mir mein Leben lang schon stelle!“ Wir fanden inzwischen drei weitere jüdische Familien, die Otto Dettmers auch gerettet hat.
Im Jahr darauf flogen wir gemeinsam mit Ulrikes Tochter nach Panama. Das Buch hatte also viele positive Folgen. Unter anderem auch, dass Gerta noch mit 101 einen Heiratsantrag erhielt und sie sogar noch einen Werbevertrag im panamaischen Fernsehen bekam. Sie starb glücklich und erfüllt mit fast 104!

Was ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?

Mir treu zu bleiben, auf mein Bauchgefühl zu hören, meinen Instinkten zu trauen. Ein Beispiel ist der Verlag aus München, der mich betrogen hat. Die dortige Verlegerin rief mich an, weil die unbedingt meine Bücher in ihrer Firmengründung mit im Portefeuille haben wollten und als ich nach dem ersten Gespräch auflegte, dachte ich „die klingt wie eine verzickte Dreizehnjährige, die nicht das kriegt, was Papi ihr versprochen hat“ – im Nachhinein muss ich sagen: Stimmte komplett.

Und wenn ich Verlegerin sage, muss ich das hier relativieren, denn das war das erste Verfahren in der deutschen Verlagsgeschichte, dass jemand behauptete „Verleger“ zu sein, ohne dafür die nötigen Voraussetzungen zu erfüllen. Die ganze Firma war offensichtlich nur gegründet worden, um ein Abschreibungsprojekt zu kreieren.

Verbunden damit übrigens war die Lektion, sich mit den Besten zu verbinden. Ohne meinen Anwalt, der auf Verlagsrecht spezialisiert war, hätte ich das nicht geschafft. Und den Agenten des Literaturbetriebes zu vertrauen. Eine Agentur im Rücken zu haben, hat mein Leben als Schriftstellerin sehr viel leichter gemacht.

Zum vermeintlichen Bauchgefühl, das so platt klingen mag: Ich machte dieses Buch über weibliche Tibetische Gelehrte. Beim Schreiben stieß ich auf ein im Buddhismus wichtiges Organ: nämlich das, was wir Bauch nennen und das schon im Buddhismus als das wichtigste Organ angesehen wird. In der Meditation schließen wir uns daran an: Da liegen 200 Millionen Nervenzellen, die haben uns wirklich was zu sagen!

Hast du Vorbilder? Welche?

Ja, einige sogar. Bestimmt ist Gerta für mich zum Vorbild geworden. Nachdem mein Memoir über sie fertig war, begann eine tiefe Freundschaft. Ich empfand es als großes Glück, von einem Menschen in meinem Leben begleitet zu sein, der so viel Lebenserfahrung hat. Ich reiste noch regelmäßig nach Panama und Gerta und ihre Freundinnen nahmen mich auf in ihren Kreis vollkommen ungebrochener, starker Persönlichkeiten. Gerta wurde in ihrer tiefen Fröhlichkeit und ihrem Ungebrochensein, ihrem vollkommenen Mut, es mit den Nazis aufzunehmen und sein eigenes Glück zu retten, zu einem Vorbild für mich.

Früher hätte ich bestimmt als erstes gesagt: Tania Blixen und zu den wenigen Dingen, die ich mir nur schwer verzeihen kann (höchsten 2 oder 3) , gehört, dass ich nicht das Original Tintenfässchen von ihr kaufte, dass mir mal für 60 $ zum Kauf angeboten wurde. Aber diese Haltung ist natürlich tief romantisch und hat auch was mit dem Blick auf das „alte“ Schriftstellerleben zu tun. Let’s face it: Wir arbeiten und leben in einem Business, in dem es um ernsthafte Dinge und ein komplexes Handwerk geht. Auf eine Weise ist mein indischer Meditationslehrer ein Vorbild für mich, denn er schafft es immer wieder, mich mit seinem Wissen zu überraschen und zu fördern.

Wer in diesem Leben (nach all den großen Vorbildern meiner Jugend von Hermann Hesse bis Doktor Schweizer) mein Vorbild wurde, ist eine Künstlerin, die ich in San Francisco kennenlernen durfte: Topher Delaney ist die bedeutendste Landart-Künstlerin der USA. Sie hat unter anderem Liebesgedichte in Braille-Schrift aus Felsen in einem Park in Nordkalifornien gebaut, die man nur aus der Luft lesen kann. Sie ist jemand, die meinen Blick auf die Welt sehr veränderte. Topher wurde schon als Teenager Assistentin von Jackson Pollock und war die Erste, die „heilende Gärten“ machte, indem sie die Lehre Hildegard von Bingens in die moderne Landart übernahm.

Topher ist jemand, die ich in ihrer Fähigkeit für große Visionen und für ihre positive Form der Kompromisslosigkeit bewundere.
Sie war auch diejenige, die mich zur Seite nahm und ernst ansah und sagte „Du weißt aber schon, dass du eigentlich eine Künstlerin bist, oder? Du kannst dem nicht entkommen und musst dich dem endlich stellen!“
Das hat mir geholfen, mich zu trauen, das auszudrücken, was ich heute mache.

Was inspiriert dich?

Menschen, Menschen und nochmals Menschen. Nichts finde ich spannender und schöner und inspirierender als Menschen in ihrer Vielfalt. Mir fallen dabei sofort russische Einwandererkinder in der israelischen Negevwüste ein, bei denen ich mal am Schulunterricht teilnehmen durfte. Selten sind mir glücklichere Menschen begegnet. Für meinen ersten Dokumentarfilm drehte ich in einem Indianerreservat in Süddakota. Die Lakota Sioux, die ich da treffen durfte, fand ich hoch interessant, ich verbrachte viel Zeit mit der Schamanin des Stammes, wir hatten unglaubliche Diskussionen über ein gelingendes Leben, das ist jetzt 20 Jahre her, hat mich aber als tiefe Inspiration bis heute nicht losgelassen.

Was macht dich glücklich?

Ein Mensch, der mich sehr liebte, sagte mal den schönen Satz „Du siehst die Schönheit Gottes in jeder Wolke!“ – und ja, that’s it! Ich halte mich für sehr „glücksbegabt“. Ich arbeite in einem alten Turm und ich schaue dabei durch fünf konvex in den Himmel gerichtete Fenster, schaue in die Wolken und blicke über Baumkronen hinweg und kann gar nicht aufzählen, wie viele Glücksmomente ich so am Tag habe: Die schönste Wolke, lachende Kinder in der Schulpause im Park.

Manchmal sind es auch Sätze, die schön sind und die mir jemand ins Ohr flüstert oder schreibt, oder die ich im Vorbeigehen höre.

Den Sommer habe ich in diesem Jahr in Island verbracht. Irgendwann hörte ich auf, dort die Glücksmomente zu zählen, denn in Island bin ich mitten in der Natur und in dieser schönen Gemeinschaft dort oft sehr glücklich. Zu den wundervollsten Momenten meines Lebens gehört der, als ich mich bei der Rückkehr der Singschwäne im Frühjahr in Island mal spontan auf ein freies Feld legte und mich mit meinem Daunenmantel zudeckte, der zum Glück die Farbe des Feldes hatte. Hunderte von Singschwänen landeten um mich herum und ich lag heulend vor Glück unterm Daunenmantel und spürte die Kraft ihrer großen Flügel um mich herum, hörte ihre Gesänge, weil sie gerade alle nach Südisland zurückkehrten. Aber nichts, wirklich nichts toppt ziehende Kraniche.

Und Menschen, Gemeinschaft, gemeinsames Lachen macht mich sehr glücklich. Oft übrigens auch mein Bruder, wenn wir uns Geheimcodes aus der Kindheit zuwerfen, verbale Codes, dann könnte ich ausflippen vor Glück. Verrückt, wie nachhaltig und wie tief so etwas wirkt. Das ist dann auch Verbundenheit und Glück durch Sprache. Ich wuchs mit norddeutschem Plattdeutsch auf. Speziell diese Sprache lässt mich manchmal ganze Glückswellen erleben.

Was macht dich wütend?

Früher hat mich vieles wütend gemacht, aber seit ich meditiere, nicht mehr viel. Die Wut führt oft dazu, nicht klar zu bleiben. Ich bin heute sehr viel besonnener, als früher. In der Regel ist es Politik, die mich wütend machen kann. Das ist wohl genetisch bedingt, denn in meinem Elternhaus pflegten wir heftige Debatten, meine Eltern waren beide politisch engagiert und das ist wie ein Muskel, den ich schon als Kind ausbilden musste, weil das einen großen Stellenwert in meiner Herkunftsfamilie hatte.

Wenn jemand, der dir nahe steht, unglücklich ist: Wie munterst du sie oder ihn wieder auf?

Total bekloppt, aber das weckt in mir komplette Mutterinstinkte, denn ich bin geradezu besessen davon, dass dieser Mensch sofort etwas Gutes essen muss. Ich bekoche dann wie eine Glucke und gebe nicht auf, bis der- oder diejenige wieder lachen kann.

Hast du ein Lebensmotto?

Werde, die/ der Du bist.

Ein Lieblingszitat?

Das wechselt immer mal. Deshalb habe ich gerade in mein Tagebuch geblickt und fand ein schönes Zitat meiner großen Lehrmeisterin Gerta Stern AKA „Senora Gerta“, das ich hier teilen möchte: „Nicht jeder Mensch ist gleich begabt fürs Glück, es gehört eine Menge Mut dazu.

Was ist der Sinn des Lebens?

Die Erde ein bisschen besser zu machen durch die eigene Anwesenheit, eine positive Spur auf ihr zu hinterlassen!

Welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine spannende Antwort darauf gehabt hättest?

Wow! Ja, diese hier: „Was macht dieser Fragebogen mit dir?“
Er bringt mich auf erstaunliche Antworten, denn du hast beeindruckende Fragen (o.k., bis auf die nach meinem Alter).

 

Mehr über Anne Siegel:

www.AnneSiegel.de
Insta – theAnneSiegel (https://www.instagram.com/theannesiegel/)
FB – Anne Siegel / Autorin & Frauen Fische Fjorde (https://www.facebook.com/AnneSiegelAutorin/ & https://www.facebook.com/FrauenFischeFjorde/)

Annes aktuellsten Roman REYKJAVÍK BLUES gibt es überall dort, wo es Bücher gibt.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Jacobia Dahm

 

Monika, 70, Wiehl


Alles wirkliche Leben ist Begegnung

 

Monika! Bitte stellen Sie sich doch kurz vor. Wer sind Sie, was machen Sie?
Ich heiße Monika Höhn und wurde 1945 in Göttingen geboren. Auf der Flucht von Göttingen nach Salzburg überlebte ich einen Fliegerangriff auf den Flüchtlingstreck, weil meine Mutter mich aus dem Kinderwagen riss und mit mir auf dem Arm in den nahen Wald rannte. Mein Kinderwagen wurde von den MG-Salven zerfetzt. Noch heute erinnert mich ein kleines Holzpüppchen an diesen Angriff. Ich wuchs in Düsseldorf auf, bin seit 1968 mit Michael Höhn verheiratet, habe zwei Töchter.
Als Großhandelskauffrau, Personal- und Vorstandssekretärin, arbeitete ich in Düsseldorf und Mainz, später in der Kirchengemeinde meines Mannes in Duisburg-Bruckhausen in der Jugend- und Altenarbeit, mit türkischen Frauen und in der Beschäftigungstherapie eines Pflegeheims. Im Oberbergischen Wiehl engagierte ich mich in der Friedens- und Flüchtlingsarbeit und war tätig als Dozentin für „Deutsch für AsylbewerberInnen“ – vorwiegend mit kurdischen Familien. 1993 gründete ich mit meinem Mann und nicaraguanischen Freunden das Ometepe-Projekt Nicaragua, für dessen langjährige Arbeit mein Mann und ich am 9. November 2011 das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und den Silbernen Wiehltaler der Stadt Wiehl für soziales Engagement erhielten.
Meine Hobbies sind: Lesen, Reisen, Kontakte zu fremden Kulturen, Liebe zur Natur und zu Tieren aller Art, vor allem zu Hunden. Ich bin gern mit Menschen unterwegs, besonders auch zu Lesungen zum Thema „Eine Welt“ in Kindergärten, Schulen und Kirchengemeinden.
Seit 1983 bin ich Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS in ver.di) und Autorin verschiedener Bücher und Anthologien. Veröffentlichungen von mir und meinem Mann sind auch zu finden auf http://www.ometepe-projekt-nicaragua.de.

Was begeistert Sie an Ihrer Arbeit?
Die Begegnung mit den unterschiedlichsten Menschen, vor allem auch solchen, die mit Tieren (therapeutisch) zu tun haben.

Was würden Sie als Ihre Berufung bezeichnen?
Ich möchte Menschen bewegen, diese Welt menschenwürdig zu gestalten, um sie unseren Kindern und Enkeln lebenswert zu hinterlassen

Was treibt Sie an?
Der bisherige Erfolg, der meinem Mann und mir gezeigt hat, dass wir etwas bewegen können, dass sich viele Menschen mit uns gemeinsam für diese „Eine Welt“ auf unterschiedliche Art und Weise einsetzen. Das ist uns vor allem in unserer 23-jährigen Entwicklungs-Zusammenarbeit mit Nicaragua bisher gelungen.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Auf meine Familie.

Welches war Ihre bisher interessanteste Reise?
Alle Reisen, die wir unternommen haben, waren interessant.
Nicaragua ebenso wie meine Reise in die kurdische Region der Türkei, wo ich 1993 mit einer Menschenrechtsdelegation vom türkischen Militär verhaftet und 14 Stunden lang mit verbundenen Augen im Militärgefängnis von Diyarbakir zubringen musste, bis wir schließlich wieder frei kamen.
Trotz dieses traumatischen Erlebnisses habe ich einen intensiven Einblick erhalten in die Lebenssituation der kurdischen Bevölkerung und die Assimilierungspolitik der türkischen Regierung, die mittlerweile unverändert ihre „Kriegsführung“ fortsetzt.
Aber auch ein Projektbesuch in El Salvador und die Information zur leidvollen Geschichte dieses Landes haben mich sehr beeindruckt.

Was ist das Aufregendste oder Interessanteste, was Ihnen je passiert ist?
Dass ich meinen Mann in sehr jungen Jahren kennen lernte und mit ihm viele Höhen und Tiefen durchlebt habe. Dass wir nach der Totgeburt und einem akuten Herzstillstand bei der Geburt unseres ersten Kindes im 6. Monat den Mut auf weitere Schwangerschaften nicht verloren haben und heute zwei erwachsene gesunde Töchter, vier Enkelkinder mit drei Hunden haben.

Was ist die wichtigste Lektion, die Sie bisher gelernt haben?
Verständnis und Liebe und die Bereitschaft, mich auf Fremdes einzulassen.

Haben Sie Vorbilder?
Martin Luther King, Albert Schweitzer, Geschwister Scholl, Mahatma Gandhi,
und viele starke Frauen, die ich in größter Armut in Nicaragua kennen gelernt habe und die – oft alleinerziehend – ihren Alltag bewältigen müssen.

Was inspiriert Sie?
Mein Glaube und die Hoffnung auf eine Welt, in der Gerechtigkeit, Frieden und Gewaltlosigkeit lebbar werden.

Was macht Sie glücklich?
Dass ich mit meinem Mann ähnliche Visionen lebe und sie mit ihm teilen kann, dass wir uns fair streiten und versöhnen können und dass wir dankbar sein können für unser bisheriges gemeinsames Leben von insgesamt über 50 Jahren.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Alles wirkliche Leben ist Begegnung.
(Martin Buber)

Was ist der Sinn des Lebens?
Mich einzusetzen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung,
damit es mir und allen Lebewesen gut geht.

Rikje, 32, Hannover

„Den Blick auf das Gute wenden“

Rikje_by Isabelle Hannemann

Isabelle Hannemann




Rikje! Wenn ich versuche, mir dich als Kind vorzustellen, dann taucht vor meinem inneren Auge ein sehr cooles, sehr wildes kleines Mädchen auf, das auf die höchsten Bäume klettert und vor praktisch nichts Angst hat. Liege ich richtig? Wie war deine Kindheit?
Auha, nun kommt meine wahre Seite zum Vorschein. All diejenigen, die dachten, ich hätte bereits mit sieben Jahren Dreadlocks gehabt, da ich wild geknurrt habe, sobald meine Haare geschnitten oder gewaschen werden sollten, liegen leider falsch. Ich habe sogar, es fällt mir schwer das zu sagen, Matrosenkleidchen getragen, wenn es einen festlichen Anlass gab (jeder Mensch hat irgendwie ein Kindheitstrauma – danke Mama!). ABER: Deine Interpretation ist nicht ganz falsch. Meistens hat mich mein großer Bruder mitgenommen (von dem ich übrigens die alten Kleidungsstücke auftragen musste – das hat mich aber auch nicht sonderlich gestört um ehrlich zu sein), und dadurch kroch ich durch Matsch und Sand, versuchte mit meiner zarten Mädchenstimme grunzende und brutal klingende Geräusche nachzumachen und wurde eigentlich immer irgendwie geduldet. Mein großer Bruder hat mich aber überwiegend ohne Diskussionen im Schlepptau gehabt. Das hat sich ausgezahlt, dafür habe ich statt einer langweiligen Hochzeitsrede einen Text für ihn geschrieben, der die Geschichte des kleinen Zahnlücken-Cowboys auf der Suche nach der perfekten Frau erzählte. Aber die Jugend meines Bruders bot auch einfach das perfekte Futter für einen solchen Text.

Und wie war deine Jugend?
Oh, meine Jugend. Mein kleinster Bruder – ich habe noch zwei kleinere Halbbrüder – steckt mitten im kleinen Horrorladen namens „Pubertät“. Ich bin so unendlich dankbar, dass ich das hinter mich bringen durfte. Alles war peinlich. Selbst atmen in einigen Situationen. Ich war äußerst schüchtern, was Jungs betraf, in die ich „verknallt“ war. Kein Wunder, denn dadurch, dass ich nicht mehr atmete (die Nase könnte dabei ja komische Geräusche machen), sagte ich keinen Ton und rannte ziemlich schnell weg, um nicht zu ersticken. Somit war meine Jugend äußerst behütet – neben den üblichen Streitereien mit den peinlichen Eltern. (Wie sich das Blatt auch wendet: Heute bin ich ihnen eher peinlich – sehr witzig!) Also, Jugend-Rikje begann mit „Bravo“ lesen, in enge Hosen mit Schlag und übergroße Pullis gekleidet „Kelly Family“- und „Backstreet Boys“-Konzerte besuchend. (Jaja, lacht ihr alle). Mit fünfzehn oder sechzehn wurden es dann Hardcore- und Punk-Konzerte. Zum Glück, sonst wäre ich wohl heute noch Jungfrau.

Was wolltest du als Kind gerne werden, „wenn du mal groß bist“?
Da ich bei meinen Großeltern immer viel fernsehgucken durfte – ich bin die Tochter einer Pädagogin –, guckte ich auch viel die Fernsehserie „Quincy“. Damals war mir nicht klar, dass er Rechtsmediziner sein sollte, da er so viel im Gerichtssaal stand. Dadurch dachte ich immer, es wäre total aufregend Anwältin zu sein. Nun, Anwältin bin ich nicht geworden, scheint als hätte mein Verstand dann doch noch gesiegt.

Und was bist du geworden bzw. was wirst du?
Da mein Abi nicht den besten Schnitt hatte, war mir klar, dass das mit meinem Gedanken, „Tiermedizin“ zu studieren, schwierig werden könnte. Somit kombinierte ich knattertonartig und entschied mich dafür, eher ein Medizinstudium anzustreben. Zumindest war die Wartezeit etwas kürzer. Glücklicherweise war ich schlau genug zu wissen, dass ich bestimmt drei Jahre hätte warten müssen, und so begann ich eine Ausbildung zur examinierten Krankenschwester (heute: Gesundheits- und Krankenpflegerin). In meiner Ausbildung bemerkte ich die sehr dominierenden negativen Seiten des Medizinerlebens. Mein einer Lehrer in der Ausbildung brachte mich auf die Idee „Pflegewissenschaft“ und „Deutsch auf Sekundarstufe. II“ zu studieren. Bei diesem Studiengang war es damals noch möglich, mit zwei Abschlüssen abzuschließen. Und so habe ich mein erstes Staatsexamen auf Lehramt und zudem ein Diplom, das mich dazu berechtigt, in der Wissenschaft tätig zu sein. Somit habe ich beides für mich genutzt. Ich arbeite sowohl in einer Kranken- und Kinderkrankenpflegeschule an einer Universitätsklinik als Lehrerin sowie im Bereich der Versorgungsforschung im Bereich Palliativmedizin (Wissenschaftsstellen sind ja meist nur mit 50% Stellen ausgeschrieben – unfassbar!). Darin promoviere ich auch gerade, zumindest versuche ich es.

 

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Bellabellinsky Photographie

 

 

Gemeinsam mit deinem Kumpel Mirco Buchwitz hast du zudem ein sehr cooles, sehr lustiges Buch geschrieben, das kürzlich bei Rowohlt erschienen ist („Arschbacken zusammenkneifen, Prinzessin“). Wie kam es dazu?
Danke für dieses Lob, das freut mich! In Kurzfassung: Mirco und ich hatten mal einen Abend zu tief ins Glas geguckt – ach was rede ich, wir waren rotzevoll. Ich erzählte ihm, dass mich diese typischen „frechen Frauenromane“ annerven, da sie den Ist-Stand nicht wirklich darstellen. Meistens sind dies Frauen Mitte Dreißig, die ihren Typen scheiße finden, da er sich zu wenig um sie kümmert bzw. ihre Hollywood-Erwartungen nicht erfüllt. Sie trennen sich dann von ihm, und dort beginnt dann die eigentliche Story. Auf dem Weg der Trauerverarbeitung fahren sie nach Sylt oder zu einem anderen übermäßig teuren Ziel, schmeißen die Kohle zum Fenster raus und finden dann letztlich den perfekten Typen, der mit ihnen Kinder zeugt. Wer sagt, dass eine Frau Anfang/Mitte dreißig unzufrieden sein muss, da sie keine Kinder hat bzw. keinen Typen, der mit ihr potentiell Kinder machen könnte? Wieso dürfen Frauen nicht auch mal ihr „Leben leben“, ohne gleich als „Schlampe“ zu wirken, da sie das machen, worauf sie Lust haben und nicht dem Rollenbild der Gesellschaft entsprechen (es gibt Frauen, die auch gerne Sex haben und das auch gerne leben)? Und überhaupt, wer hat dieses Rollenbild überhaupt erfunden? Männer sind die geilen Hengste und Frauen eben Schlampen. Das Schlimmste: Dieses Urteil treffen überwiegend die Frauen selbst über ihre gleichgeschlechtlichen Mitstreiterinnen. Und welche Frau Mitte dreißig hat bereits selbstständig so viel Geld verdient, dass sie einen schwulen Star-Friseur bezahlen, ein abbezahltes geiles Auto fahren und ihrem überzüchteten Hund „Evian“ zu saufen geben kann? Lustige Passagen haben diese Romane, das möchte ich nicht bestreiten. Doch können wir Frauen nicht auch anders sein, als das, was von uns erwartet wird? Somit kamen wir auf die Idee. Mirco hat irgendwann einfach angefangen zu schreiben, da er viel mehr Erfahrung darin hat als ich. Wir sprachen immer wieder über den Story-Verlauf, über Charaktere, und er ließ mir dann immer wieder die Kapitel zukommen, wozu ich dann noch Dinge hinzugefügt oder verändert habe, und am Ende kam dabei ein Buch raus.

Wird es noch mehr Bücher geben – von euch als Duo oder von dir alleine?
Sowohl als auch. Mirco ist bereits fleißig am Schreiben anderer Romane (ja, der Plural an dieser Stelle war vollkommen bewusst gewählt), und ich plane gerade ebenfalls noch einen Roman. Alles ist denkbar. Mal gucken, was die Zukunft für uns bereits hält.

Als ich dich gegoogelt habe, bin ich über ein Projekt namens Demenz-Poesie gestolpert. Das klingt irre spannend. Was hat es damit auf sich?
Ich werde nun mal etwas förmlicher, da es mir wichtig ist, dabei die Ernsthaftigkeit des Projektes darzustellen und zu zeigen, dass dahinter ein durchdachtes Konzept steckt: DemenzPoesie® ist eine Therapieform zur Gedächtnisrehabilitation von Menschen mit Demenzerkrankung. Meine Kollegin Pauline Füg (sie selbst ist Diplom-Psychologin und ebenfalls Bühnenautorin) und ich machen das zusammen. Das Gedächtnis wird dabei rehabilitiert, indem bestehende Ressourcen genutzt und gefördert werden. Bei DemenzPoesie® erfolgt dies anhand eines sehr lebendigen Vortrags von Gedichten, die die demenzkranken Teilnehmer noch aus Kindertagen kennen. Dadurch werden sie in einer Gruppensitzung – „Session“ genannt – interaktiv und kreativ an Sprache und Rhythmus herangeführt. Anhand von audiovisuellen, haptischen, taktilen und olfaktorischen Reizen werden Menschen mit Demenzerkrankung stimuliert, an ihrer Umwelt aktiv teilzuhaben. Die Förderung der eigenen Sprache, des Ausdrucks, der Wahrnehmung und des positiven Gruppengefühls werden dabei verfolgt. Zum Ende jeder Session wird gemeinsam mit den erkrankten Teilnehmern ein so genanntes Improvisationsgedicht erschaffen. Nachdem ich in New York hospitierte, wird anlehnend an das im Museum of Modern Art in New York seit 2009 durchgeführte Projekt “The MoMA‘s Alzheimer‘s Project” (gefördert vom US-Ministerium für Bildung [Department of Education]), seit 2013 das DemenzPoesie®-Projekt in der Form erweitert, dass die Sessions neben in Seniorenheimen auch in Museen vor Kunstgemälden und -gegenständen stattfinden. Dazu werden die Gemälde und anderen Kunstwerke gemeinsam mit dem demenzerkrankten Menschen betrachtet, besprochen und dazu passende Gedichte vorgetragen. Diese Umsetzung erfreut sich steigender Beliebtheit, und so wurden Sessions in unterschiedlichen Museen (Kunst-, Historische- und Heimatmuseen) in ganz Deutschland durchgeführt. Die Konzeption und Durchführung der DemenzPoesie®-Sitzungen geschah in enger Zusammenarbeit mit dem Erfinder: Der amerikanische Poet Gary Glazner rief 2004 das Alzheimer‘s Poetry Project ins Leben.

Du hast auch noch in anderer Hinsicht mit Poetry zu tun: Du trittst bei Poetry Slams auf! Chapeau! Ich finde den Gedanken, bei einem Poetry Slam mitzumachen, in etwa so verlockend wie ein Date mit einem hungrigen Grizzly. Seit wann machst du das und was reizt dich am gesprochenen Wort?
Mit Poetry Slam wurde ich bereits 2004 in meinem Studium konfrontiert. Daraufhin fing ich an, öfter als Gast dort anwesend zu sein. Damals waren die Zuschauerräume noch übersichtlich gefüllt, und die Texte waren experimentell. Sehr spannend, teilweise etwas merkwürdig, aber individuell und angenehm fern vom Mainstream. Ich selbst hatte mich aber nie getraut, dort aufzutreten, obwohl es mich immer gereizt hat. Da ich mir 2009/2010 zum Jahreswechsel vorgenommen hatte, mich Herausforderungen zu stellen, die ich bis dato nicht durchgezogen hatte, kam es dann am 18.02.2010 zu meinem ersten Poetry-Slam-Auftritt in Hannover. Für zwei Jahre war ich dann, so wie es mein Arbeitspensum zuließ, auf einigen Poetry Slams und Lesebühnen unterwegs. Nach einer Zeit bemerkte ich auf den Slams eine Veränderung für mich, die mir selbst nicht mehr so gefiel. Es galt nur noch, den lustigsten Text mit der besten Performance zu haben und nicht mehr, sich auf schriftstellerischer Ebene auszuprobieren und neues zu probieren. Deine Aussage „ein Date mit einem hungrigen Grizzly zu haben“ trifft es meiner Meinung nach. Es hatte mich auch irgendwann so sehr blockiert, dass ich beim Schreiben darüber nachdachte, ob es denn beim Publikum „ankommen würde“, anstatt diese Geschichte nach meinen Ideen und Gedanken zu verfassen. Somit bin ich nicht mehr auf Slams unterwegs, denn das Format passt nicht mehr zu mir. Es gibt viele Menschen, die sind hervorragende Slammer und die bewundere ich dabei. Ich selbst hätte Lust, eine hervorragende Schriftstellerin zu werden, aber diesen Wunsch haben ja viele. Somit schreibe ich weiterhin für mich, habe Spaß dabei, und wer weiß, vielleicht darf ich irgendwann damit meinen Lebensunterhalt verdienen. Das wäre ein Lebenswunsch. Drückt mir die Daumen!

 

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Bellabellinsky Photographie

 

 

Die Daumen sind gedrückt. Welche Poetry Slammer sind es denn, die du bewunderst?
Pauline Füg – sie ist schon ewig dabei, hat einen eigenen Stil kreiert – der leider zu viel kopiert wurde – und kämpft sich mit ihren sehr guten lyrischen Texten (echte Lyrik, keine Hausfrauenlyrik) weiterhin auf den Bühnen durch, obwohl Personen aus dem Publikum anfangen, laut zu reden oder gar laut zu rülpsen. Schade! Sehr schade!

Und wen liest du? Wer sind deine Lieblingsautoren?
Ehrlich gesagt lese ich beruflich bedingt viel Fachliteratur und wenig Romane. Ich dürfte dies zwar nicht zugeben, aber ich oute mich jetzt hier. Ansonsten liebe ich Roald Dahl und Jonathan Safran Foer. Mirco Buchwitz schreibt auch in einer faszinierenden, individuellen Art, was ich unabhängig von unserer Zusammenarbeit hier mal erwähnen möchte.

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Puh, früher hätte ich was von Johnny Depp erzählt, aber irgendwie wird der immer unspektakulärer, seit er in einer Art Midlife-Crisis steckt. Irgendwie habe ich aufgehört zu schwärmen. Wenn ich mir aber mal eine Person aussuchen dürfte, mit der ich eine Kneipentour machen möchte, dann sage ich selbstbewusst „Carolin Kebekus“. Obwohl sie unser Horbüch eingelesen hat, hatte ich leider nicht das Vergnügen, sie selbst kennen lernen zu dürfen. Ich denke aber, wir hätten gemeinsam verdammt viel Spaß.

Was ist das Schönste, das dir jemals passiert ist?
Ich war mal für vier Monate in Australien, aber bevor ich das machte, fragte ich mich, ob es denn so eine gute Idee sei, die ganzen Ersparnisse dafür zu verbraten und ganz allein mit mindermäßigen Englischkenntnissen dahin zu fliegen. (Meine Mutter ist Englisch-Lehrerin, ich denke jedem ist nun klar, welches mein schlechtestes Schulfach war). Ich war bereits im Studium und arbeitete nebenher auf einer Station als Krankenschwester. Ich war zum Spätdienst eingeteilt und ein Mann klingelte, sodass ich sein Zimmer aufsuchte. Er selbst war an Morbus Parkinson erkrankt und wollte vom Badezimmer zurück in sein Bett begleitet werden. Menschen mit Parkinson können einen so genannten Stupor bekommen. Sie können zwar klar denken, aber der Körper führt keine Bewegungen mehr aus, und sie verfallen in eine Art „Starre“. Er entschuldigte sich und sagte, dass er einen Moment brauche, bis er sich wieder bewegen könne. Ich verdeutlichte ihm, er solle sich die Zeit nehmen, die er brauche, und ich wäre jetzt nur für ihn da. Er erzählte mir, er habe früher viel gearbeitet, hätte eine eigene Gärtnerei gehabt und viel Geld damit verdient. Immer hätte er sich gesagt, er wollte auf Reisen gehen, wenn er in Rente sei. Mit seinem Rentenbescheid kam jedoch fast zeitgleich seine Diagnosestellung, weswegen er nichts von der Welt gesehen habe. Er klopfte mir auf die Schulter, sah mich an und meinte mit einer tiefen Weisheit in seinen Augen: „Mädchen, was immer Sie tun, tun Sie es jetzt.“
Nach meiner Schicht fuhr ich nach Hause und buchte sofort meinen Flug. Mein Australienaufenthalt im Jahr 2008 war mit das Beste, das ich in meinem Leben bisher getan habe. Ich sehe diesen Herrn als eine Art Erfüllungsgehilfen für einen absolut wichtigen Teil meines Lebens an. Durch ihn habe ich gelernt, dass ich keine Konjunktive in meinen Erzählungen finden möchte, da ich es getan und nicht „immer nur drüber nachgedacht“ habe. Ich konnte es ihm nie mitteilen, doch hoffe ich, dass er es spüren konnte.

Was ist das Schlimmste, das dir jemals passiert ist?
Meine Schulzeit in Verbindung mit meiner Pubertät – die Hölle!

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Sei dankbar!

Was inspiriert dich?
Das Leben. Dazu muss ich viel reisen und viel erleben. Ich kann nur selten stillsitzen, da ich mich sonst langweile. Sonnenbaden beispielsweise wäre für mich eine Foltermethode!

Hast du Vorbilder?
Die Erfinder von „Dschungel-Camp“. Eine unglaublich geniale Idee, die die Menschen (vor allem die Akademiker, wie es ja immer gesagt wird) vor den Fernseher zieht ,um irgendwelche „Promis“ dabei zuzugucken, wie sie ekelige Sachen machen und essen müssen. Grandios! Die haben sich zu Recht eine goldene Nase verdient. Immer wieder frage ich mich: „Verdammt, wieso hattest du nicht einen so genieartigen Gedanken?“

Was macht dich glücklich?
Reisen, meine Familie, meine Freunde, Menschen treffen, viel reden – manchmal zu viel –, Essen, Bier, gute Filme, stumpfe TV-Shows (Bauer sucht Frau ist bei mir auch ganz weit oben), Fleisch und Wurst, Käse und Quark, Marmelade, Gartenarbeit, kochen, PC-Spiele spielen… Manchmal auch schreiben (an alle nicht Autoren: das kann verdammt harte Arbeit sein!).

Was ist der Sinn des Lebens?
Die Erfindung von kalorienarmer Schokolade bei gleicher Geschmacksintensität!
Ernsthaft: Mein Sinn liegt darin, den Blick auf das Gute zu wenden, auch wenn das Schlechte Oberhand gewinnt. Sonst gibt es irgendwann nur noch Psychiatrie-Blöcke, die wir als unsere Wohnadresse angeben.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

 

Bea, 37, Köln

„Ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf“


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Bea! Du lebst in Köln. Wo bist du geboren?
Sozusagen „In einem Land vor unserer Zeit“, nämlich 1977 in der DDR, genauer gesagt in Dessau. Ich bin also in zwei Ländern aufgewachsen. Bis zu meinem zwölften Lebensjahr in der DDR und dann in der BRD. Geprägt hat mich beides. Heute denke ich manchmal, wie verrückt und aufregend es doch ist, ein winziger Teil unserer Geschichte zu sein. Mir fallen dann meine Oma ein und ihre Erzählungen. Sie hatte in ihrem Leben auch drei Währungsreformen erlebt, genau wie ich.

Du arbeitest als Schauspielerin und Regisseurin. Wie bist du zum Theater gekommen?
Das Theaterblut fließt seit Generationen in den Adern meiner Familie. Urgroßvater Opernsänger, Großeltern Opernsänger, Vater Schauspieler… Naja, da war ich für jeden anderen Beruf verdorben. Ich bin schon als kleines Kind im Dessauer Theater auf der Bühne rumgesprungen, da ich dort im Chor gesungen habe. Es war eine tolle Kindheit, denn das Theater war für mich wie ein riesiger Abenteuerspielplatz, und so kam ich mir zwischen all den Kulissen und Kostümen wie Alice im Wunderland vor. Leider habe ich nie mit meinem Vater zusammen auf der Bühne gestanden, denn er starb als ich 10 war. Ab diesem Moment war der Wunsch, selber Schauspielerin zu werden und in seine Fußstapfen zu treten, noch größer. Der Beruf ist immer noch meine Verbindung zu ihm, und dadurch, dass ich seinen Künstlernamen angenommen habe, habe ich das Gefühl, sein Andenken zu bewahren.

Was würdest du machen, wenn du nicht am Theater gelandet wärst?
Zum Glück (oder leider?) gab es nie eine Alternative. Als es nach dem Abitur drei Jahre lang nicht mit einem Studienplatz für Schauspiel geklappt hat, begann ich für vier Semester Design am Bauhaus zu studieren. Glücklicherweise kam dann die „Erlösung“ durch den Ausbildungsplatz am Theater der Keller. Ich glaube, für jeden anderen Beruf fehlt mir das Talent.

Du hast also schließlich an der Schauspielschule des Theaters der Keller studiert. Wie war die Zeit dort?
Sie war der letzte Versuch nach drei erfolglosen Jahren des Vorsprechens. Ich weiß noch genau, dass ich den Nachtzug von Dessau nach Köln gar nicht nehmen wollte und mich erst in letzer Sekunde dazu aufraffen konnte, doch zu fahren. Als der Zug dann morgens um 7 Uhr über die Hohenzollernbrücke rollte, war ein wunderschöner Regenbogen über der Stadt zu sehen und ich wußte: „Das wird mein Tag.“ Wenn ich so zurückschaue, ist es gut, dass ich lange darum kämpfen musste, Schauspielerin werden zu dürfen. Ich habe mich dadurch auch geprüft und weiß, dass ich nie etwas anderes machen möchte, auch wenn es immer mal Rückschläge gibt. In der Schauspielschule habe ich eine richtige Wandlung durchgemacht, innerlich wie äußerlich, denn ich war anfangs extrem schüchtern und unscheinbar. Großartig war, dass man schon während der Ausbildung am „Keller“ spielen durfte und dadurch das Erlernte nicht im sterilen Klassenraum blieb, sondern sein Publikum fand. So war ich auf das Berufsleben da „draußen“ gut vorbereitet. Und ich hatte wunderbare Lehrer. Herbert Wandschneider zum Beispiel, bei dem ich mich ohne Angst in „Gombrichs Geschichte(n)“ freispielen und ausprobieren konnte.

Was würdest du jungen Schauspielerinnen raten?
Der Beruf ist hart, besonders für Frauen. Prüfe dich, ob du es wirklich willst, mit allen Konsequenzen. Und wenn du es wirklich von Herzen willst, dann mach es mit deinem ganzen Herzen.

Was liebst du an deinem Job?
Das Unerwartete, das Lampenfieber, die Kreativität, die Energie, und die Erleichterung und Freude nach einer gelungenen Premiere.

Und was weniger?
Es ist ein sehr unsicherer und manchmal auch unfairer Beruf. Oft entscheidet nur der „Typ“ und nicht die Leistung.

Ist Köln ein guter Ort für Theaterleute?
Es ist sicherlich ein guter Ort um gleichgesinnte, kreative Leute kennenzulernen und sich auszutauschen oder gegenseitig zu inspirieren. An den äußeren Bedingungen in der freien Szene ließe sich aber noch so einiges optimieren. Als freies Ensemble wie es das „Theater Skurreal Noir“ ist, muss man sich für ziemlich viel Geld in einer Spielstätte einmieten und trägt ganz allein das Risiko. Bekämen diese freien Spielstätten Zuschüsse, müssten sie keine so hohen Mieten nehmen, und es würden sicher noch mehr Stücke in Eigeninitiative produziert. Köln könnte in dieser Hinsicht also noch um einiges bunter sein. Obwohl die freie Szene in Köln auch jetzt schon beachtlich ist.

Welches ist deine Traumrolle? Hast du sie schon gespielt?
Ich mag es, Figuren mit Ecken und Kanten zu spielen. Eine Traumrolle selber gibt es nicht. Meist „verliebe“ ich mich in die Rolle, die ich gerade spiele, und versuche ihr Leben einzuhauchen.

Du hast mit einer tollen, unglaublich detailverliebten Inszenierung von „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ dein Regiedebüt gegeben. Was hat dich gereizt an diesem Stoff?
Danke. Ja, es war wirklich mein erstes eigenes „Baby“ und ist eigentlich aus der Not heraus geboren. 2013 war für mich ein schwieriges Jahr, viele Vorsprechen, viele Absagen, viele Selbstzweifel. Eines abends im Mai kam dieser großartige Film im Fernsehen. Ich liebe ihn schon seit meiner Kindheit und bleibe jedesmal davor hängen, wenn er läuft. Doch diesmal traf es mich wie ein Blitz und ich dachte: „Den Stoff muss ich auf die Bühne bringen“. Es ist eine makabere und düstere Geschichte mit abgründigem schwarzen Humor. Genau das, was ich liebe. Ab diesem Moment spürte ich eine enorme innere Kraft, die mich bis zur Premiere angetrieben hat. In relativ kurzer Zeit habe ich eine Bühnenfassung geschrieben, das Stück besetzt (denn die Schauspieler hatte ich bereits beim Schreiben vor Augen), das Bühnenbild entworfen und dann losgeprobt. Ich hätte mir das vorher nie zugetraut und ich habe auch einige damit überrascht. Vor allem mich selbst.

Wie ist das Projekt gelaufen? Und planst du, erneut als Regisseurin zu arbeiten?
Trotz aller Anfängerfehler, die ich gemacht habe, und um die ich auch weiß, bin ich stolz auf unser „Baby“. Ich sage ganz bewußt „unser“, denn es ist eine wirkliche Gemeinschaftsarbeit zwischen den Schauspielern und mir gewesen. Gerade Gisela Nohl, die als „Jane“ das Stück tragen musste, hat sich ohne zu zögern ganz der Rolle geöffnet und eine vielschichtige Figur erschaffen. Und mit Uta-Maria Schütze stand meine ehemalige Schauspiellehrerin als Blanche an ihrer Seite. Ich bin sehr dankbar, dass sie dieses Experiment mit mir gewagt hat. Sonia Fontana hat als Hausmädchen alle spanischen Texte beigesteuert und ganz nebenbei noch die Choreografie gezaubert. Es ist also das Ergebnis vieler fleißiger und selbstloser Menschen, die wie ich an die Sache geglaubt haben. Und wir wurden auch mit viel positivem Feedback belohnt. Eigentlich sollte das Stück auch ab Januar 2015 wieder laufen, aber leider ereilte mich im Oktober ein Anruf aus Amerika, und nun dürfen wir aus rechtlichen Gründen das Stück nicht mehr spielen. Das ist sehr bitter und ein herber Schlag, denn wir wollten alle unbedingt und mit Freude weiterspielen. Nun machen sich Entsetzen und Enttäuschung breit. Bevor der Anruf kam, begann sich in meinem Kopf schon das nächste Projekt zu formen. Ich spiele mit dem Gedanken, „Psycho“ auf die Bühne zu bringen. Bilder und Besetzung habe ich schon vor Augen und Lust wieder zu schreiben auch. Aber die Lähmung nach dem „Baby Jane“-Schock ist noch da. Aber ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf. Irgendwann muss die Energie wieder sprudeln, sonst platze ich.

Hast du Vorbilder?
Schon lange bewundere und verehre ich Judi Dench und Imelda Staunton. Zwei Ausnahmeschauspielerinnen.

Was macht dich glücklich?
Es sind die kleinen Dinge, die mich innerlich lächeln lassen. Mein Kater schnurrend auf meinem Schoß, ein schöner Abend mit Freunden, Besuche in der Heimat, ein Stück Schokolade langsam auf der Zunge zergehen zu lassen, lange Spaziergänge, ein guter Film. Es gibt so vieles.

Was inspiriert dich?
Andere Menschen und Kulturen. Musik.

Hast du ein Lebensmotto?
Gib niemals auf. Und gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Das für mich wichtigste Erlebnis war der Mauerfall. Ohne den wäre ich jetzt nicht in Köln und vieles wäre anders.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Sophie, 25, Lübeck

„Offen, ehrlich und menschlich durch die Welt gehen“



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Sophie! Was antwortest du, wenn dich ein Fremder auf einer Party fragt, „was du so machst“?
Meistens sage ich zunächst, dass ich Buchhändlerin („Das kann man lernen?“) bin, das klingt irgendwie halbwegs bodenständig. Wenn da ein Schimmer Interesse erkennbar wird, sage ich auch mal, dass ich einen Literaturblog betreibe, oft genug können die Gesprächspartner damit aber wenig anfangen und fragen auch nicht weiter. Irgendwas jedenfalls habe ich mit Literatur zu tun, das reicht den meisten.

Du lebst in Lübeck. Was magst du an der Stadt – und was so gar nicht?
Lübeck hat eine sehr schöne Altstadt, wenn auch mittlerweile durch den einen oder anderen Erlebnis-Shopping-Glasklotz verschandelt. Es lohnt eine Reise, wenn man nicht schon einmal dort war. Insgesamt gibt es mir hier aber bedeutend zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten im kulturellen bzw. literarischen Bereich. Auch wenn die Stadt sich als Wiege der Manns und Günter Grass vielfach sehr offen präsentiert, sind die Lübecker insgesamt doch wenig experimentierfreudig. Für viele Veranstaltungen fahre ich nach Hamburg, weil es sie in der Form in Lübeck einfach nicht gibt. Und in Lübeck abends wegzugehen, bringt einen – so ohne Führerschein – eigentlich stetig in Konflikt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Was das betrifft ist es doch eher eine süße Kleinstadt. Da werden halt früh die Bürgersteige hochgeklappt – und ich bin nun wahrlich kein Nachtmensch!

Wo kommst du ursprünglich her?
Geboren bin ich in Magdeburg, für mich noch immer eine der hässlichsten und unsympathischsten Städte, die ich jemals gesehen habe. Mit dem Umzug 2001 habe ich mich also in ästhetischer Hinsicht deutlich verbessert. Ich würde niemals nach Magdeburg zurückkehren, auch nicht für Geld und gute Worte.

Wie warst du als Kind?
Seltsam. Außenseiter. Niemals so richtig beliebt, aber auch nie so unbeliebt, dass es mich oder ich die anderen gestört hätte. Als Einzelkind war ich viel mit mir allein. Hing über Büchern. Wenn ich das jetzt so lese: Ich war ein richtiges Klischeekind, was Komischsein betrifft, bloß dass es dafür früher noch keinen hippen Begriff gab.

Und als Jugendliche?
Ein Alptraum; ich bin auch ganz froh, dass ich nicht meine eigene Mutter sein musste, ich würde wohl auf entbehrungsreiche und stressige Jahre zurückblicken. Ich war jetzt nicht unbedingt Rebell, aber doch sehr schwierig, für mich selbst und mein Umfeld aber gleichermaßen – so hat sich das vielleicht ein bisschen ausgeglichen.

Ich kenne dich vor allem als leidenschaftliche Literatur-Bloggerin. Was hat deine Liebe zur Literatur entfacht?
Eine Frage, die ich immer schwer beantworten kann, weil ich mich an keine Zeit erinnere, in der Bücher nicht elementarer Bestandteil meines Alltags waren. Ich habe als Kind – und da konnte ich noch nicht lesen – sogar ein Buch derart geliebt, dass ich es auswendig konnte. Wort für Wort. Ich schätze, es ist mir einfach einerseits vorgelebt worden, andererseits womöglich auch ein Stück vererbt. Mein Vater, zu dem ich allerdings nie Kontakt hatte, ist studierter Kultur– und Literaturwissenschaftler, womöglich ist irgendwas davon in mir verwirklicht.

Was bedeuten dir Bücher?
Sehr viel, weil sie in dem, was sie bieten, so vielseitig sind. Sie können mich gut unterhalten, sie können meinen Horizont erweitern, sie können mich ganz profan – deshalb aber nicht minder bedeutsam – etwas lehren, sie können mich meinen Alltag und mein Leben vergessen lassen. Und ich finde es schön, dass ich mich nicht auf eine dieser „Funktionen“ von Literatur beschränken muss. Damit täte ich den Büchern ja Unrecht. Was auch der Grund dafür ist, dass ich so manchen Literatursnobismus eher anstrengend finde. So Leute, die einen Unterhaltungsroman bloß mit der Kneifzange anfassen oder ein schwierigeres Buch nach drei Seiten zuklappen, weil es ihnen zu anstrengend ist. Ich finde es zwar manchmal nervtötend, größtenteils aber großartig, dass mir die Bücher niemals ausgehen werden, solange ich lebe. Weil es noch so viel gibt, was ich wissen möchte.



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Du sagst, dass du insbesondere das Abgründige und Abseitige in der Literatur magst. Welche Bücher oder Autoren fallen dir dazu spontan ein?
Im ersten Moment überraschenderweise Klassiker wie ,Dr. Jekyll & Mr.Hyde‘, oder ,Frankenstein‘, die ja trotz ihres etwas fantastischen Ansatzes sehr weltliche Entwicklungen thematisieren – ich schätze es aber auch in Gegenwartsliteratur, wenn sie sich Themen widmet, die sonst in Gesprächen aufgrund ihres unangenehmen Beigeschmacks eher schnell unter den Teppich gekehrt werden. Psychische Erkrankungen, Armut, Vereinsamung, Gewalt, Verfall – sowas zieht mich oft magisch an. Nicht nur in der Literatur. Nicht umsonst bin ich ein sehr großer Hitchcockfan. Mich interessiert, wie Menschen funktionieren bzw. was geschieht, wenn sie nicht mehr funktionieren.

Welches sind deine Lieblingsbücher – und warum?
Eines meiner Lieblingsbücher ist und bleibt seit Jahren „Vincent“ von Joey Goebel, weil ich diesen leicht zynischen Blick auf Unterhaltungsindustrie und Künstlerdasein sehr gelungen fand. Was macht mich zum Künstler? Ist es mein Leid? Wenn ja, muss ich jetzt mein ganzes Leben lang leiden? Zum Thema Leid auch einer meiner Dauerbrenner: „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick. Trotzdem es schon so alt ist ein fantastisches Buch darüber, wie man sich selbst so richtig unglücklich machen kann. Oftmals ohne es zu bemerken, nur mit unseren Annahmen über die Welt, die Menschen in ihr und uns selbst. Wenn man dieses Buch liest, lacht man drüber, bemerkt aber an vielen Stellen Parallelen zu eigenen Unarten. Ich bin außerdem – ohne da jetzt ein Buch gesondert rausgreifen zu können – eine große Verehrerin Max Goldts. In Gänze. Sogar so sehr, dass ich zwei T-Shirts aus dem Rumpfkluft-Shop von Katz & Goldt habe. (http://www.katzundgoldt.de/rumpfkluft.htm)
Und ich verehre Sherlock Holmes. Und zwar nicht den coolen Zeitgemäßen.

Mit welchem Autor würdest du gerne mal ein Glas Wein trinken?
Saša Stanišić. Ein ungeheuer sympathischer Typ – und „Vor dem Fest“ habe ich geliebt.

Du betreibst nicht nur das Literatur-Blog „Literaturen“, sondern bist auch Teil von „We read Indie“, eines Zusammenschlusses von Bloggern, der auf Literatur aus unabhängigen Verlagen aufmerksam macht. Warum ist dir das wichtig?
Weil Literatur vielseitig ist und sich kleine Verlage oftmals einen größeren experimentellen Spielraum erlauben. Da geht es nicht ausschließlich um Verkäuflichkeit und Marktkonformität, um die Wiederholung des ewig Gleichen (nach dem Hundertjährigen brachen ja reihenweise irgendwelche skurrilen Gestalten irgendwo aus, gingen auf Reisen und alles mit gewollt verschnörkeltem Titel), da werden Dinge ausprobiert, da werden Dinge riskiert. Und damit die Literaturlandschaft nicht irgendwann so gleichförmig aussieht wie unsere Innenstädte .. ist es mir wichtig, kleinere, unabhängige Verlage und ihre Publikationen sichtbar(er) zu machen.



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Welche Kunstformen interessieren dich neben der Literatur?

Vornehmlich Film und Musik. Bei Filmen bin ich allerdings seltsam, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Kino war. Und mein Interesse an aktuellen Blockbustern hält sich auch irgendwie in Grenzen. Ich liebe diese richtig alten Klassiker, Screwballkomödien wie „Leoparden küsst man nicht“ oder Großartigkeiten wie „Die zwölf Geschworenen“. Was Musik anbelangt, so liebe ich Liedermacher und Chansoniers. Deshalb schreibe ich für „Ein Achtel Lorbeerblatt“ (http://einachtellorbeerblatt.wordpress.com/) und bin seit kurzem Jurymitglied der Liederbestenliste. Man findet mich also höchstwahrscheinlich auf Konzerten von Bodo Wartke und Sebastian Krämer … oder bei einem Weißwein mit Musik von den Beatles, Bob Dylan oder Johnny Cash.

Was ist das Aufregendste, was dir je passiert ist?

Ich fand es sehr aufregend, als ich dieses Jahr Bodo Wartke persönlich von Angesicht zu Angesicht interviewen durfte, aber ob das das Aufregendste war, was mir je passiert ist .. – ich glaub nicht. Da ich generell ein irgendwie eher nervöser Mensch bin, ist für mich vieles aufregender als für andere.

Hast du ein Vorbild?

Vorbild nicht, aber Menschen, die ich für ihr Tun und Lassen sehr bewundere. Oben genannte Musiker und solche wie z.B. Georg Kreisler. Generell sind mir aber Menschen Vorbilder, die offen, ehrlich und menschlich durch die Welt gehen. Idealisten. Leute mit Profil und Ideen.

Hast du ein Lebensmotto?

Nein. Ich hab auch nie gute Vorsätze an Silvester.

Was inspiriert dich?

Kunst, Kultur, Menschen und das Atmen so an und für sich.

Welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine richtig gute Antwort darauf gehabt hättest?

Ich bin fraglos glücklich!



Sophies Blog findet sich hier: http://literatourismus.net/

Das Interview führte Melanie Raabe.

Annette, „39, mal wieder“, Köln

„Wahre Liebe lässt los“

 

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Liebe Annette! Du machst so viele unterschiedliche und spannende Dinge. Wenn dich ein Fremder fragt, „was du beruflich machst“ – was antwortest du?
Am Liebsten sage ich: ICH BIN ICH … was auch immer das in dem Moment bedeuten mag. Ich habe so viele Berufe, dass ich manchmal denke, die Leute sind überfordert, wenn ich die alle aufzähle. Also wähle ich immer einen oder zwei aus, je nach Situation, aber ich kann ja mal den Versuch einer Aufzählung machen: Zigarenmanufactrice – das Wort hab ich selbst kreiert – Zigarrenrollerin, Autorin, Sängerin, Dolmetscherin, Künstleragentin, Eventmanagerin, Regisseurin …

Wie schöpfst du die Energie für all deine Projekte?
Ich hab sehr viel Energie von Natur aus. Und wenn ich Menschen begeistern kann, bekomme ich jede Menge zurück. Und wenn die Speicher mal leer laufen, gehe ich in die Natur oder singe.

Wo kommst du her und wie bist du aufgewachsen?
Ich komme aus einer Provinzhauptstadt in Südbaden namens Rheinfelden. Dort bin ich geboren, am südlichen Rande des Schwarzwaldes.

Du reist offensichtlich gerne und viel. Welches war dein schönstes oder interessantestes Erlebnis auf Reisen?
Als afrikanische Voodookünstler, die ich produziert und getourt habe, auf dem Marktplatz eines Dorfes in den Anden Glas zerkaut und runtergeschluckt haben, um den Indios, die noch nie schwarze Menschen gesehen hatten, ein Stück ihrer religiösen Kultur zu zeigen.

Welches ist der interessanteste Mensch, dem du je begegnet bist?
Ahmet Ertegün, der Gründer von Atlantic Records, New York, den ich zwei Jahre vor seinem Tod in Bodrum kennengelernt habe. Er hat mit den Rolling Stones, Led Zeppelin, Aretha Franklin und endlos vielen weltberühmten Musikern gearbeitet. Es war ein gegenseitiges „Sich-Erkennen“ von zwei Persönlichkeiten, als wir uns begegneten, eine Art „platonische Liebe auf den ersten Blick“.

Du bist Besitzerin einer Kölner Zigarrenbar. Wie kamst du auf die Idee? Erzähl doch ein bisschen von deinem Laden.
Das ist keine Zigarrenbar, sondern eine Zigarrenmanufaktur mit Laden und kleinem Salon, in dem wir Seminare abhalten. Die Zigarren sind mir zugeflogen wie ein verirrter Papagei. Ich liebe Kuba, die kubanische Musik und Kultur. Ich habe viele Tourneen kubanischer Künstler organisiert und irgendwann begann ich die „Kunst des Zigarrenrollens“ auf Events zu zeigen, also so eine Art mobile Zigarrenmanufaktur und eh ich mich versah, hatte ich meine eigene Zigarrenmanufaktur – ein Stück Kuba in Köln …

Zudem bist du Autorin. Was hat es mit deinem Buch auf sich? Was steht drin und warum hast du es geschrieben?
Ich erzähle von einem Liebesexperiment, das ich durchgeführt habe. Fünf Männer, fünf Beziehungen parallel wollte ich haben, und das ganz offen und ehrlich. Ich wollte mal was ganz Neues ausprobieren, ausbrechen aus den Konventionen unserer Vorstellung von Partnerschaft. Ich erzähle heiße Stories aus dem Nähkästchen, es geht um Sex, Eifersucht, wilde Experimente und die Sehnsucht nach Liebe. Das Buch hat in der Presse einige Wellen geschlagen, ich war bei vielen Talkshows zu Gast, u.a. bei Markus Lanz, bei Plasberg oder in Backes’ Nachtcafé und erntete nicht wenig pikierte Blicke der Männerwelt.

Du stehst auch immer mal wieder auf der Bühne. Was bedeutet es dir, vor Publikum zu stehen?
Ich liebe die Bühne, ich liebe es, meine innere Rampensau rauszulassen. Wenn ich dann noch Rückmeldungen bekomme, dass ich irgendwas in den Menschen bewege durch meine Musik oder meine Texte, dann bin ich glücklich!

Kennst du Lampenfieber?
Oh ja und wie! Aber ich glaube, das gehört zu einer guten Performance dazu.
 



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Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast im Leben?
Die wahre Kraft und das Glück liegt in Dir. Und in jeder Katastrophe, auch wenn du es erst nicht glauben kannst, ist irgendwo ein Geschenk versteckt.

Hast du ein Lebensmotto oder eine Lebensphilosophie?
Wahre Liebe lässt los.

Was inspiriert dich?
Städte wie Istanbul oder Paris. Am Liebsten sitze ich in Straßencafés und lasse das Leben an mir vorbeiziehen.

Was macht dich glücklich?
Musik. Sex. Sonne.

Gibt es etwas – eine Veranstaltung, ein Buch, eine Homepage – die oder das du gerne promoten würdest? Das ist die Gelegenheit!
Ab 24.10. trete ich mit meiner Show zum Buch „Fünf Männer für mich“ im Kölner Arkadastheater – Bühne der Kulturen auf, (Spieldaten: 24.10 / 30.10. / 11.11. / 18.11. / 11.12. / 23.12 jeweils 20.15 h ) Vorverkauf unter 0221-550 43 15, weitere infos hier www.annettemeisl.de
Mein Buch „Fünf Männer für mich“ kann man in allen Buchhandlungen bekommen oder hier: http://shop.lagalana.de/artikel/fuenf-maenner-fuer-mich
Und in meinem Zigarrensalon gibt es spannende Seminare zu Zigarrenherstellung und Rumverkostungen. www.lagalana.de

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Fotos: Dario Scandura.

Nina, 30, Istanbul

„Ich glaube daran, dass alles, was wir tun, sich in kleinen Wellen fortpflanzt und andere Ereignisse und Entscheidungen beeinflusst.“


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Du bist kürzlich von Köln nach Istanbul gezogen. Warum?
Für die Liebe und das Abenteuer, den Alltag neu zu lernen. Und weil ich dort mal ein bisschen studiert habe und nun gern das Leben in Istanbul unter realen Bedingungen testen wollte. Das gute Essen und die vielen spannenden Leute stehen auch auf der Liste der Umzugsgründe. Ebenso die Istanbuler Dämmerung, die Katzenhundedelfinemöwen, das türkise Wasser des Bosporus, die magnetische Kraft, die dieser glitzernde Moloch auf mich und so ca. 17 Millionen andere Menschen ausübt. Erwähnte ich schon die zwei gigantischen Brücken, die nachts in Regenbogenfarben blinken?

Wie lebt es sich in der Stadt, in diesen turbulenten Zeiten?
Es war wie Achterbahn-Fahren, jetzt ist es ein bisschen wie der Frosch in dem Glas mit dem Tauchsieder. Man überlegt, wie lange es noch dauert, bis es zu heiß wird. Im Grunde ist aber alles irgendwie alltäglich und die Leute um mich herum machen irgendwie weiter, sind aber (so hoffe ich jedenfalls) mit offeneren Augen, Ohren und Herzen unterwegs, was die Probleme und die Möglichkeiten im Umgang miteinander angeht. Das mag ein wenig resigniert klingen, aber was im Land seit den Gezi-Protesten passiert ist, war keine Revolution, sondern das Aufkommen der ersten großen zivilen Protestbewegung. Da wurden keine Systeme auf den Kopf gestellt und Paläste gestürmt, sondern Brücken gebaut und Ideen ausgetauscht. Das Entsetzen, die Wut und der Schmerz über die unglaubliche Gewalt, die den Demonstrierenden angetan wurde, hallt immer noch in unseren Köpfen wider und ich hoffe, dass aus diesem Echo irgendwann reflektierte Entscheidungen werden, die einen positiven Einfluss auf die Zukunft des Landes haben.


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Unterscheiden sich deine Kölner von deinen Istanbuler Freunden?
Ja. Das liegt aber weniger daran, dass die einen in Köln und die anderen in Istanbul wohnen. Ich habe meinen Istanbuler Freundeskreis auf eine ganz andere Weise erschlossen als den Kölner Freundeskreis. Dort war und bin ich immer noch die Nicht-Türkin, die sich notgedrungen meistens auf Englisch unterhält. Diese neutrale Zwischensprache ist eben genau das: eine Zwischensprache und nicht die gemeinsame Muttersprache, in der man nach Lust und Laune herumtoben kann beim Reden, Kennenlernen, Freundschaften knüpfen. Ich werde oft noch als Gast denn als Stadtbewohnerin wahrgenommen, als eine, die Zwischenstation macht. Trotzdem gibt es auch in meiner neuen Heimat Menschen, die mich seit mehreren Jahren kennen und die mir nahe stehen, aber ohne ausreichende Englisch-Kenntnisse auf beiden Seiten wären die Freundschaften vielleicht nie so zustande gekommen.

Welches ist dein Lieblingsort in Istanbul und welches war dein Lieblingsort in Köln?
Die Holzbänke auf der Sonnenseite der Fähren sind immer ein guter Ort in Istanbul. In Köln: die Baustelle Kalk. Da sprudelt Herzblut in jeder Ecke!

Du hast hin und wieder gemodelt. Hast du mal mit dem Gedanken gespielt, eine richtige Karriere daraus zu machen?
Vielleicht als Jugendliche mal. Dieses ganze Brimborium rund um schmale Taillen, schöne Profile und die berüchtigte thigh gap ist aber wahnsinnig einschüchternd und obwohl ich mich hin und wieder gern selbst inszeniere, habe ich wirklich Probleme, für jedes Objektiv immer 100% präsent zu sein und vor allem die Kontrolle über mich an Fremde abzugeben. Dann lieber ab und zu mit Freunden für Freunde und in Rollen, in denen ich mir selbst auch gefalle und genüge.


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Jedes deiner Outfits ist streetstyleblogtauglich. Welche Rolle spielt Mode in deinem Leben?
Stimmt ja gar nicht. (lacht) Trotzdem danke. Ich mag Mode, weil sie verkleidet. Sich seine Außenhülle selber zusammenstellen zu können, ist doch ein unglaublich vielseitiges Instrument, um sich zu verstecken oder zu präsentieren. Ich bin ein bisschen zu sehr Material-Fetischistin und halte wenig von dicken Labels oder monatlich wechselnden Billigkollektionen, darum such ich mir meine Klamotten lieber in Second-Hand-Läden zusammen. Sehr viel mehr ist bei meinem ständig leeren Konto eh nicht drin momentan.


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Was hast du studiert?
Medienwissenschaft mit Nebenfach Medienrecht. Der totale Spagat zwischen zwei akademischen Planeten! Jetzt bin ich fertig, habe den Bachelor of Arts in der Tasche und kann die freigewordenen Hirnkapazitäten wieder auf andere Sachen verwenden.

Auch auf die Gefahr hin, wie Tante Helga zu klingen, die dir diese Frage auf einem Familienfest stellt…: Wie siehst du deine berufliche Zukunft? „Was willst du mal werden, wenn du groß bist?“
Wann ist denn „groß“? Ich bin jetzt 30 und hab immer noch keinen richtigen „Beruf“. Ich schaffe gern Strukturen und Netzwerke aus Menschen und Ideen, mit denen ich dann Projekte realisiere. Nebenher schreibe ich viel zu selten, aber gern kurze Sachen, längere Sachen, Artikel und schlimme Wortwitze. Ich kämpfe nach wie vor gegen meine hyperkritische innere Pessimistin an, die immer zuerst die Probleme und dann die Möglichkeiten sieht. Wenn ich es mir aussuchen könnte, dann möchte ich ab jetzt und so lange wie möglich meine finanzielle und berufliche Unabhängigkeit in Balance halten können. Die beiden Aspekte schließen sich leider noch viel zu oft aus.

Du bist eine ziemlich umtriebige Person. Auf was von allem, was du bisher so gemacht, angeschoben, auf die Reihe gekriegt hast, bist du so richtig stolz?
Zusammen mit meiner Schwester habe ich mal innerhalb sehr kurzer Zeit genügend Geld gesammelt, um dem Familienmitglied einer guten Freundin eine lebenswichtige Operation zu finanzieren. Ich denke zwar nach wie vor, dass das nicht unsere Leistung alleine war (immerhin haben fast 200 andere Menschen mitgeholfen), aber es hat mir sehr viel bedeutet, dass das geklappt hat. Und mein erster richtiger Artikel ist in der SPEX erschienen, das hat mich wirklich gefreut.

Mit wem – egal ob unrealistisch, ob prominent, längst tot oder wasauchimmer – würdest du dich gerne mal bei einem Bier unterhalten?
Aus einem Meer der unendlichen Möglichkeiten wähle ich die, die mir gleichzeitig am nächsten stehen und unerreichbar sind. Meine vier inzwischen verstorbenen Großeltern. Und mit dem ebenfalls verstorbenen Vater meines Freundes, den ich leider nie kennengelernt habe.

Wem – egal ob unrealistisch, ob prominent, längst tot oder wasauchimmer – würdest du gerne mal mit der inzwischen geleerten Bierflasche eins über die Rübe ziehen? Oder wahlweise, falls du Pazifistin bist, zumindest mal massiv die Meinung sagen?
Menschen ohne Empathie – mich eingeschlossen. Ich wünsche mir die Welt nicht als ein kuscheliges Miteinander, in dem sich alle lieb haben, aber wenn man seine Entscheidungen von den Monstern Angst und Egoismus treffen lässt, kann einfach nichts Gutes dabei herauskommen.

Was inspiriert dich?
Zufälle, die keine sein können. Enthusiastische, talentierte Menschen. Farbverläufe und glitzernde Dinge. Rohe Materialen von Holz bis Tomate.



Was macht dich glücklich?
Schon wieder die Zufälle, siehe oben. Diesem einen ganz besonderen Menschen in die Augen schauen. Unerwartet freundliche, hilfsbereite Menschen. Sachen selber herstellen. Und, ganz seltsam, aber es bereitet mir Vergnügen, angebrochene Packungen zu leeren und zu entsorgen.

Hast du ein Lebensmotto oder eine Lebensphilosophie?
Ich glaube daran, dass alles, was wir tun, sich in kleinen Wellen fortpflanzt und andere Ereignisse und Entscheidungen beeinflusst. Wenn ich also eine Welle Gutes, Wichtiges, Großes rausschicke, kommt vielleicht irgendwann von irgendwo eine andere Welle zurück. Darauf zu warten wäre aber unsinnig, weil ich ja nicht mal weiß, in welche Richtung ich Ausschau halten muss. Dieses Prinzip ist lustigerweise auch das Konzept, nach dem eine kleine App namens Rando funktioniert. Man soll Fotos machen und sie in die Welt verschicken. Die Empfänger werden per Zufallsprinzip ermittelt, die Absender sehen lediglich, wo in der Welt das Bild gelandet ist. Für jedes abgeschickte Bild erhält man selbst kurz darauf ein anders Bild von irgendwoher auf der Welt. Im echten Leben geht das natürlich alles etwas weniger paritätisch, gerecht und kartografiert zu. Deswegen: einfach immer weiter Wellen machen!

Was ist das Interessanteste, was dir jemals passiert ist?
Ich hoffe, da kommt noch so einiges. Drei Tage vor einem veritablen Volksaufstand nach Istanbul zu ziehen steht aber auf einer Skala von 1 bis Wahnsinn schon ganz weit oben.

Das Interview führte Melanie Raabe. Be friendly! Meet me at http://www.facebook.com/mademoiselleraabe. Oder auf http://www.twitter.com/melraabe

Alle Fotos: Christian Faustus Photography. http://www.christian-faustus.de.
Video: Wanderlust by Emircan Soksan via Youtube.