Marguerite, 36, Berlin

„Schokolade für alle und Weltfrieden“


MARGUERITE

 

Marguerite! Ich folge dir irre gerne auf Twitter. Zum einen, weil du einen großartigen Geschmack hast. Und zum anderen, weil das, was du zu den Themen äußerst, die mich interessieren – Bücher, Kultur, Feminismus… – immer so wunderbar klug und auf den Punkt ist. Wer oder was hat dich und dein Denken am meisten beeinflusst?
Danke für das sehr liebe Kompliment, Melanie!
Am meisten hat mich meine familiäre Umgebung beeinflusst sowie die Regale voller Bücher, die es bei uns zuhause gab. Als Französin in Süddeutschland / Stuttgart aufzuwachsen, hatte für uns viel mit Anderssein, und Doch-dabei-sein-Können zu tun. Das Anderssein manifestierte sich zum Beispiel dadurch, dass meine Eltern beide berufstätig waren und sind und beide gleichermaßen für uns Kinder zuständig und präsent waren. Diese Differenz wurde mir sehr schnell bewusst. Es hat mich auch mit Stolz erfüllt und mich in der Wahl meines Lebensweges stark geprägt. Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist dementsprechend eines, was mich heute immer noch beschäftigt und anspricht.

Du arbeitest in der Buchbranche. Woran arbeitest du gerade?
Ich leite zwei digitale Imprints bei den Ullstein Buchverlagen, die wir im Sommer 2014 aus der Taufe gehoben haben.

Gibt es etwas, wofür du hier gerne und ganz schamlos ein bisschen Werbung machen würdest? Das ist die Gelegenheit!
Oh sehr gerne! Wir freuen uns bei Midnight und Forever (zu finden auf http://midnight.ullstein.de bzw. auf http://forever.ullstein.de; Anm. d. Bloggerin)  – so heißen unsere digitalen Kinder – immer über tolle Autorinnen und Autoren und über viele neue Leser! Wenn ihr also eine Geschichte geschrieben habt und auf der Suche nach einem Verlag seid, immer her damit! und wenn ihr gerne kurzweilige Lektüre für eure E-Reader sucht, seid ihr bei uns auch an der richtigen Stelle!

Was bedeuten dir Bücher?
Bücher sind für mich Zufluchtsorte und Lernstätten. Sie gehören zu meinem täglichen Leben genauso selbstverständlich wie Essen und Trinken.

Welches sind derzeit deine Lieblingsbücher?
In diesem Jahr habe ich so viele tolle Bücher gelesen, die mich lange beschäftigt haben und die ich unbedingt empfehlen möchte: Why be happy when you could be normal, von Jeanette Winterson. Die komplette Kate-Daniels-Serie von Ilona Andrews, alles von Jeaniene Frost; Der geteilte Himmel, Christa Wolf (endlich Christa Wolf gelesen, nachdem ich das großartige Gesprächsbuch ihrer Enkelin Jana Simon gelesen habe!), Americanah von Chimamanda Ngozie Adichie, My Struggle, pt. I von Karl Ove Knausgaard. Außerdem verschlungen habe ich in diesem Jahr sehr viel Courtney Milan und eine Menge Patricia Briggs.

Und deine Alltime Favourites?
Ich bin ein Riesenfan der Serie Desert Island Discs und könnte dir sofort acht Alben und sogar acht Musikstücke nennen, die meine Alltime Favourites sind und mir etwas bedeuten. Bei Büchern finde ich es absolut unmöglich. Ich schummle also mal und nenne dir drei Lieblingsbücher, die ich so oft als Lektüre empfohlen habe, dass sie bestimmt zu Lieblingsbüchern aller Zeiten wurden: The White Album, Joan Didion; Jahrestage, Uwe Johnson und La Douleur von Marguerite Duras.

Welche Kunstformen interessieren dich neben der Literatur?
Vor allem Kunst und Musik. Musik beeindruckt mich immer, weil ich es irre finde, wie Gedanken in einer Sprache ausgedrückt werden können, die ich nicht schreiben, aber dennoch verstehen kann. Mit Kunst beschäftige ich mich leider nicht mehr so oft wie früher, aber einige Kunstwerke sind, wenn ich sie wieder besuche, ein bisschen wie ein Besuch zu Hause.

Du lebst in Berlin. Was magst du an der Stadt – und was so gar nicht?
Berlin ist eine Stadt, in der es viel Platz gibt und in der wir mit unseren drei Kindern auch gut leben können. Ich bin aber auch schon so lange hier – nämlich seit 1998 – dass ich meine, die besten und wildesten Zeiten der Stadt sowieso schon miterlebt zu haben. Was mich an Berlin immer nervt ist, dass es keinen Horizont gibt, den ich aus der Stadt sehen kann. Und dass der Winter grau und dunkel ist. Das wird aber meist mit einem Wahnsinnsfrühling und -sommer wettgemacht!

Was ist das Aufregendste, was dir je passiert ist?
Als ich 2002 meinen Mann kennengelernt habe. Das war so ziemlich das Aufregendste, weil aus dieser Begegnung alles weitere Aufregende passiert ist. Er kommt aus Kanada und wir haben uns bei der Eröffnung der elften Documenta im völlig unwahrscheinlichen Kassel kennengelernt, mit 6000 Menschen um uns herum. Er war für zehn Tage in Europa, ich nur für die Eröffnung in Kassel. Ein totaler Fall von Liebe auf den ersten (wirklich, den allerallerersten!) Blick. Ob es nun Schicksal oder Zufall war, es war aufregend, und das ist es bis heute.

Hast du ein Vorbild?
Diese Frage hat mich nicht losgelassen. Ich habe Vorbilder in meinen Eltern, die ich schon erwähnt habe. Aber als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass es in Deutschland sehr wenige Vorbilder gibt für Frauen wie mich. Man liest viel über Frauen, die Babys bekommen und im Beruf bleiben oder aus dem Beruf wegbleiben. Über Frauen, die ein bisschen ältere Kinder haben, liest man gar nichts mehr, möglicherweise, weil wir dann irgendwann zu viel zu tun haben, um auch noch darüber zu sprechen? Weil wir andere Kämpfe kämpfen?
Und weil ich so wenige Vorbilder im öffentlichen Leben sehe, habe ich innerlich beschlossen, selber auch Vorbild zu sein, Rat zu geben etc. Soll heißen, ich dränge mich da nicht auf, finde es aber wichtig die Erfahrungen, die ich gemacht und aus denen ich gelernt habe, an Frauen in meinem Alter oder an Jüngere weiter zu geben und Mut zu machen, dass es Wege gibt, um sein Leben so zu gestalten wie es einem wichtig ist.
Wenn du mich nach weiblichen Idolen fragst, dann bin auch ich nicht immun gegen die POW-ness von Beyoncé, die Vorreiterin Madonna, oder der verrückten Weiblichkeit einer Stevie Nicks.

Was inspiriert dich?
Ich esse wahnsinnig gerne. Und ich meine wirklich wahnsinnig. Deswegen sind Kochen und Backen Aktivitäten, die zwar ganz alltäglich sind, die ich aber immer noch sehr gerne und mit Begeisterung mache. Kochen und Backen sind auch zwei Bereiche, in denen ich wirklich gerne inspiriert werde und für die ich mich aktiv interessiere. Meine Kochbuch- und Kochzeitschriftensammlung kann es bezeugen!

Wenn du für einen Tag die Welt beherrschen dürftest, was würdest du anordnen?
Schokolade für alle und Weltfrieden. Beides vereint dann hier: http://www.splendidtable.org/recipes/world-peace-cookies

 

Das Interview führte Melanie Raabe. 

Foto: privat.

Ina, 36, Wiehl

„Musik. Kunst. Wetter. Kinder. Frisuren. Essen. Literatur.“


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Ina! Du kommst aus Wiehl, einer Kleinstadt in NRW. Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
Geprägt von Liebe und einem es gut meinenden Umfeld, würde ich sagen. Als Teenie gab’s die besten Möglichkeiten, groß zu werden. Im Sommer Freibad, BMX-Bahn, Skatehalle, im Winter Eishalle und das ganze Jahr über kleine Konzerte auf ehemaligen Schützenvereinshäusern. Vielleicht male ich ein wenig rosarot, aber hier aufzuwachsen war das Beste, was mir passieren konnte. Die Menschen, die ich heute zu meinen besten Freunde zähle, habe ich spätestens 1999 kennen und lieben gelernt, und es ist herrlich und stabil. Ich bin da sehr dankbar für. Menschen und Ereignisse.

Du arbeitest als Grundschullehrerin. Was magst du an deinem Job?
Die Kinder mag ich am meisten. Sie herauszufordern, mit ihnen zu entdecken und überhaupt, die Zeit mit Ihnen zu verbringen, sie beim Lernen zu begleiten, sie sich ausprobieren lassen, sie echt gerne zu haben, die Liste könnte bis ultimo weitergeführt werden. Ich gehe auf in meinem Job, gehe jeden Tag gerne hin und zufrieden nach Hause. Liegt vielleicht auch daran, dass ich in so einem kleinen System arbeite und man tatsächlich alle Schüler gut kennt. Pläne können tatsächlich umgesetzt und Dinge erreicht werden. Eltern, Lehrer arbeiten zusammen.

 

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Du hast zuvor als Kinderkrankenschwester gearbeitet. Wie war das und warum hast du danach noch mal den Job gewechselt?
Mit 19 war mir nicht klar, was ich mal werden sollte. Und ich war auch unreifer als vielleicht der ein oder andere. Hätte man mich mit 19 in die Universität gesetzt, dann hätte ich wahrscheinlich abgebrochen, weil ich dieses „kommste heute nicht, kommste morgen“ zu sehr verinnerlicht hätte.
Tja, ich habe auf meine Eltern gehört, die mir rieten, eine „ordentliche Ausbildung“ anzufangen, bevor ich irgendwas anderes mache. Ich meine, jeder geht seinen Weg und kein Weg ist gereadeaus. Also hab ich anfangs ohne mit dem Herzen dabei zu sein diese Ausbildung angefangen. Was soll ich sagen: Auch in dieser Zeit habe ich zwei bis vier Freunde fürs Leben gefunden. Drei Jahre lang schön behütet in den alten Gemäuern in Kaiserswerth, Toilette und Bad im Flur. Kleinere und größere Events ebenfalls. Einerseits versuchen, sich an Regeln zu halten und dann das eigene Großwerden zusammen mit Menschen, die Ähnliches geliebt und gehasst haben. Man musste nie alleine sein. Man hatte nie Geld (Krankenschwestern – Gebt denen mehr Kohle!), und so lernte ich ganz eindrucksvoll, Sachen zu schätzen. Und wir wurden kreativ. Zum Beispiel habe ich damals meine Wochenendausgaben durch Fußballwetten gerettet. Es war die Zeit, wo man mit den mühsam zurückgelegten Mäusen in den Plattenladen „Hitsville“ ging und unsagbar dankbar war für die eine Platte im Monat, die man sich leisten konnte.
Und dann die Krankenschwesternhierachie: genauso wie du’s dir vorstellst, noch schlimmer. Angeredet wurde man gerne einfach mit „die Schülerin“, und dann konnte der Satz weitergehen mit : „kann das ja machen“. Gerne auch so Zückerchen wie den Namen der Station in alle 250 Strampler sticken, wenn gerade mal nichts zu tun war. Heutzutage würde man sich vielleicht wehren, für mich gehörten diese Erfahrungen zum Großwerden. Ich möchte nicht einen Tag dieser drei Jahre missen! Inspiration. Flucht. Gemeinschaft. Platz. Wertschätzung. Respekt vor dem Leben und der Arbeit. Begegnungen.
Dann bin ich ja auch quasi direkt als ich in Köln war und endlich studiert habe mit meinem ersten Kind schwanger geworden. Den Vater kannte ich natürlich aus dem schönen Oberberg, seit meinem fünfzehnten Lebensjahr, und wir liebten uns, und nach dem ersten Schock gehörte uns die Welt. Wir hatten ja auch nichts zu verlieren, eben weil ich diese Topausbildung ja schon in der Tasche hatte. Und aus diesem Grund war’s dann auch voll gut, die Leute langsam aus der gemeinsamen WG zu schaufeln – natürlich gemeinsame Freunde aus dem schönen Oberberg – und unserer Familie ein Nestchen zu bauen. Und eben weil man nichts zu verlieren hatte, jung und gut drauf war, fluppte das dann alles. Ich wusste mit der Geburt meiner Tochter, was ich will. Beziehungsweise was ich nicht will, beziehungsweise was ich für meine Kinder sein will. Klassisch spießiges Familienidyll. Und das von Herzen.

Du hast mittlerweile zwei wundervolle Töchter. Was bedeutet dir Familie?
Alles. Einfach alles.

Gibt es bestimmte Grundsätze, die dir wichtig sind, nach denen du deine Töchter erziehst?
Keine bewussten. Ich bin für meine Töchter da, ich versuche, ihnen Dinge zu zeigen, die sie vielleicht in irgendeiner Art inspirieren, und ich liebe sie von Herzen!

Musik spielt in deinem Leben eine wichtige Rolle. Wenn du mir heute ein Mixtape machen würdest, was wäre drauf?
Heute. Okay.

Kate Templest: The Truth
Hannah Murray: I Just Want Your Jeans
Eden Abez: Surfrider
Diamond Rings: Runaway Love
Arab Strab: Tanned
Builders & Butchers: The Night Part II
The Kingbotes: Could You Tell Her For Me
Metronomy: Love Letters
Goldene Zitronen: Diese Kleinigkeit
Mystery Jets: One Night
Drowners: Pure Pleasure
Thee Oh Sees: Lens
Von Spar: Chain Of Command
Flight Of The Conchords: I’m Not Crying (My Eyes Are Just A Little Sweaty Today)
Lemonheads: Hate Your Friends
NOFX: For You Yy Heart Is Yearning
Fugazi: Closed Captioned
Ween: Even If You Don’t
Why: Dropjaw
Sleaford Mods: PPO Kissing Behinds
Killers : Joel The Lump Of Coal

Welches sind deine neuen Lieblingsmusiker oder -bands?
Die wunderbare Kate Tempest.

Und welches sind deine alten Lieblingsbands, die immer einen Platz in deinem Herzen haben werden, egal, was passiert?
Ween, They Might Be Giants, Weezer, Depeche Mode, Flight Of The Conchords.

 

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Welches ist das beste Konzert, auf dem du je gewesen bist?
Kann ich nicht sagen. Meine ersten drei Konzerte überhaupt waren A Subtle Plaque, die zufälligerweise zwei mal an den wenigen Abenden gespielt hatten, an denen meine Freundin und ich mit unseren größeren Freunden mit dem Auto nach Köln gefahren sind. Ohne Internet, dafür mit der Visions oder dem EMP-Katalog ausgestattet, war man ja dann auf die Coolheit der Größeren angewiesen, die einen mitnahmen. Aber meine Freundin und ich beziheunsgweise mein Freund und ich hatten immer Highlightkonzerte, oder anders gesagt: Wir haben die zu unseren persönlichen Highlights gemacht, weil wir nie einfach nur ein Konzert besucht haben. Immer erste Reihe und das eigene Fansein zur Show stellen. Muff Potter 1996, Mister T Experience, Undeclinable Ambuscade: Da haben wir zum Beispiel bei dem Song „Seven Years“ die Lyrics vorher auswendig gelernt, weil ein Freund uns erzählte, dass der Sänger immer nach jemandem fragt, der die weibliche Stimme singt. Das machte Konzerte zu besten Konzerten. Ich finde die Verbindung zwischen Künstler und Kunstliebhaber immer am Interessantesten. Und erstaunlich, dass unsere Freunde jetzt die Idole von früher fotografieren (wie Christian Faustus) oder bekochen (wie Julia Meier). Da schließt sich der Kreis. Ich würde nie auf ein Konzert gehen und mir eine Platte kaufen von Künstlern, die mir menschlich unsympathisch wären, oder deren Texte ich nicht mag. Das ist für mich das Wichtigste.

Du reist gerne. Welches war deine bisher schönste Reise?
Ich mag keine Superlative. Schönste Reise gibt’s nicht. Der Weg ist das Ziel.

Mit Malta scheint dich aber eine besondere Liebe zu verbinden, denn du warst schon oft da. Wie kommt’s?
Jetzt wo ich dir das so alles erzähle komme ich selbst erst drauf: Menschen, die einmal in meinem Herz sind, haben wenig Chance, da jemals wieder rauszukommen. Mit 14 war ich auf Sprachreise dort und habe Mark, Ian, James, Alison und Kristina kennengelernt, die alten Malterser, und seitdem besuchen wir uns. Einmal im Jahr sehen wir uns wohl.

Früher hast du in Köln gelebt, mittlerweile bist du wieder auf dem Land daheim. Lebst du gerne auf dem Land?
Mal mehr, mal weniger. Ich mag’s hier. Mich stören nur ein bisschen die vielen Nadelbäume und die Unanonymität auf dem Lande. Ich bin hier, weil meine Familie hier glücklich ist und ein Netzwerk hat. Ich nutze die Natur aber wohl leider nicht so sehr, wie man es könnte. Als ich in Köln gewohnt habe und wieder auf’s Land wollte – zurück in meinen Heimatort – träumte ich von wöchentlichen Walderdbeerpicknicks an Talsperren und vom Eingeschneitwerden. Die Realität ist eine andere. Nicht die schlechteste.

In deinem Heimatort gehörst du zu den Leuten, die sich für das Entstehen eines Skateparks stark gemacht haben. Warum war dir das wichtig und wie ist der Stand der Dinge?
Der soll 2016 stehen. Wichtig, weil ich finde, dass die Stadt nicht nur etwas für die Generation 60 plus tun sollte, sondern auch Angebote für 20 minus bieten muss. Ich finde, Skateboardfahren macht selbstbewusst, und genau solche Kinder und Jugendliche brauchen wir.

 

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Was macht dich glücklich?
Mit den Leuten, die ich liebe, Zeit zu verbringen.

Was inspiriert dich?
Musik. Kunst. Wetter. Kinder. Frisuren. Essen. Literatur.

Was ist der Sinn des Lebens?
Immer weiter gehen. Auf sein Herz hören? Ich weiß es doch auch nicht.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Alle Fotos: privat.

Sophie, 25, Lübeck

„Offen, ehrlich und menschlich durch die Welt gehen“



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Sophie! Was antwortest du, wenn dich ein Fremder auf einer Party fragt, „was du so machst“?
Meistens sage ich zunächst, dass ich Buchhändlerin („Das kann man lernen?“) bin, das klingt irgendwie halbwegs bodenständig. Wenn da ein Schimmer Interesse erkennbar wird, sage ich auch mal, dass ich einen Literaturblog betreibe, oft genug können die Gesprächspartner damit aber wenig anfangen und fragen auch nicht weiter. Irgendwas jedenfalls habe ich mit Literatur zu tun, das reicht den meisten.

Du lebst in Lübeck. Was magst du an der Stadt – und was so gar nicht?
Lübeck hat eine sehr schöne Altstadt, wenn auch mittlerweile durch den einen oder anderen Erlebnis-Shopping-Glasklotz verschandelt. Es lohnt eine Reise, wenn man nicht schon einmal dort war. Insgesamt gibt es mir hier aber bedeutend zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten im kulturellen bzw. literarischen Bereich. Auch wenn die Stadt sich als Wiege der Manns und Günter Grass vielfach sehr offen präsentiert, sind die Lübecker insgesamt doch wenig experimentierfreudig. Für viele Veranstaltungen fahre ich nach Hamburg, weil es sie in der Form in Lübeck einfach nicht gibt. Und in Lübeck abends wegzugehen, bringt einen – so ohne Führerschein – eigentlich stetig in Konflikt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Was das betrifft ist es doch eher eine süße Kleinstadt. Da werden halt früh die Bürgersteige hochgeklappt – und ich bin nun wahrlich kein Nachtmensch!

Wo kommst du ursprünglich her?
Geboren bin ich in Magdeburg, für mich noch immer eine der hässlichsten und unsympathischsten Städte, die ich jemals gesehen habe. Mit dem Umzug 2001 habe ich mich also in ästhetischer Hinsicht deutlich verbessert. Ich würde niemals nach Magdeburg zurückkehren, auch nicht für Geld und gute Worte.

Wie warst du als Kind?
Seltsam. Außenseiter. Niemals so richtig beliebt, aber auch nie so unbeliebt, dass es mich oder ich die anderen gestört hätte. Als Einzelkind war ich viel mit mir allein. Hing über Büchern. Wenn ich das jetzt so lese: Ich war ein richtiges Klischeekind, was Komischsein betrifft, bloß dass es dafür früher noch keinen hippen Begriff gab.

Und als Jugendliche?
Ein Alptraum; ich bin auch ganz froh, dass ich nicht meine eigene Mutter sein musste, ich würde wohl auf entbehrungsreiche und stressige Jahre zurückblicken. Ich war jetzt nicht unbedingt Rebell, aber doch sehr schwierig, für mich selbst und mein Umfeld aber gleichermaßen – so hat sich das vielleicht ein bisschen ausgeglichen.

Ich kenne dich vor allem als leidenschaftliche Literatur-Bloggerin. Was hat deine Liebe zur Literatur entfacht?
Eine Frage, die ich immer schwer beantworten kann, weil ich mich an keine Zeit erinnere, in der Bücher nicht elementarer Bestandteil meines Alltags waren. Ich habe als Kind – und da konnte ich noch nicht lesen – sogar ein Buch derart geliebt, dass ich es auswendig konnte. Wort für Wort. Ich schätze, es ist mir einfach einerseits vorgelebt worden, andererseits womöglich auch ein Stück vererbt. Mein Vater, zu dem ich allerdings nie Kontakt hatte, ist studierter Kultur– und Literaturwissenschaftler, womöglich ist irgendwas davon in mir verwirklicht.

Was bedeuten dir Bücher?
Sehr viel, weil sie in dem, was sie bieten, so vielseitig sind. Sie können mich gut unterhalten, sie können meinen Horizont erweitern, sie können mich ganz profan – deshalb aber nicht minder bedeutsam – etwas lehren, sie können mich meinen Alltag und mein Leben vergessen lassen. Und ich finde es schön, dass ich mich nicht auf eine dieser „Funktionen“ von Literatur beschränken muss. Damit täte ich den Büchern ja Unrecht. Was auch der Grund dafür ist, dass ich so manchen Literatursnobismus eher anstrengend finde. So Leute, die einen Unterhaltungsroman bloß mit der Kneifzange anfassen oder ein schwierigeres Buch nach drei Seiten zuklappen, weil es ihnen zu anstrengend ist. Ich finde es zwar manchmal nervtötend, größtenteils aber großartig, dass mir die Bücher niemals ausgehen werden, solange ich lebe. Weil es noch so viel gibt, was ich wissen möchte.



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Du sagst, dass du insbesondere das Abgründige und Abseitige in der Literatur magst. Welche Bücher oder Autoren fallen dir dazu spontan ein?
Im ersten Moment überraschenderweise Klassiker wie ,Dr. Jekyll & Mr.Hyde‘, oder ,Frankenstein‘, die ja trotz ihres etwas fantastischen Ansatzes sehr weltliche Entwicklungen thematisieren – ich schätze es aber auch in Gegenwartsliteratur, wenn sie sich Themen widmet, die sonst in Gesprächen aufgrund ihres unangenehmen Beigeschmacks eher schnell unter den Teppich gekehrt werden. Psychische Erkrankungen, Armut, Vereinsamung, Gewalt, Verfall – sowas zieht mich oft magisch an. Nicht nur in der Literatur. Nicht umsonst bin ich ein sehr großer Hitchcockfan. Mich interessiert, wie Menschen funktionieren bzw. was geschieht, wenn sie nicht mehr funktionieren.

Welches sind deine Lieblingsbücher – und warum?
Eines meiner Lieblingsbücher ist und bleibt seit Jahren „Vincent“ von Joey Goebel, weil ich diesen leicht zynischen Blick auf Unterhaltungsindustrie und Künstlerdasein sehr gelungen fand. Was macht mich zum Künstler? Ist es mein Leid? Wenn ja, muss ich jetzt mein ganzes Leben lang leiden? Zum Thema Leid auch einer meiner Dauerbrenner: „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick. Trotzdem es schon so alt ist ein fantastisches Buch darüber, wie man sich selbst so richtig unglücklich machen kann. Oftmals ohne es zu bemerken, nur mit unseren Annahmen über die Welt, die Menschen in ihr und uns selbst. Wenn man dieses Buch liest, lacht man drüber, bemerkt aber an vielen Stellen Parallelen zu eigenen Unarten. Ich bin außerdem – ohne da jetzt ein Buch gesondert rausgreifen zu können – eine große Verehrerin Max Goldts. In Gänze. Sogar so sehr, dass ich zwei T-Shirts aus dem Rumpfkluft-Shop von Katz & Goldt habe. (http://www.katzundgoldt.de/rumpfkluft.htm)
Und ich verehre Sherlock Holmes. Und zwar nicht den coolen Zeitgemäßen.

Mit welchem Autor würdest du gerne mal ein Glas Wein trinken?
Saša Stanišić. Ein ungeheuer sympathischer Typ – und „Vor dem Fest“ habe ich geliebt.

Du betreibst nicht nur das Literatur-Blog „Literaturen“, sondern bist auch Teil von „We read Indie“, eines Zusammenschlusses von Bloggern, der auf Literatur aus unabhängigen Verlagen aufmerksam macht. Warum ist dir das wichtig?
Weil Literatur vielseitig ist und sich kleine Verlage oftmals einen größeren experimentellen Spielraum erlauben. Da geht es nicht ausschließlich um Verkäuflichkeit und Marktkonformität, um die Wiederholung des ewig Gleichen (nach dem Hundertjährigen brachen ja reihenweise irgendwelche skurrilen Gestalten irgendwo aus, gingen auf Reisen und alles mit gewollt verschnörkeltem Titel), da werden Dinge ausprobiert, da werden Dinge riskiert. Und damit die Literaturlandschaft nicht irgendwann so gleichförmig aussieht wie unsere Innenstädte .. ist es mir wichtig, kleinere, unabhängige Verlage und ihre Publikationen sichtbar(er) zu machen.



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Welche Kunstformen interessieren dich neben der Literatur?

Vornehmlich Film und Musik. Bei Filmen bin ich allerdings seltsam, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Kino war. Und mein Interesse an aktuellen Blockbustern hält sich auch irgendwie in Grenzen. Ich liebe diese richtig alten Klassiker, Screwballkomödien wie „Leoparden küsst man nicht“ oder Großartigkeiten wie „Die zwölf Geschworenen“. Was Musik anbelangt, so liebe ich Liedermacher und Chansoniers. Deshalb schreibe ich für „Ein Achtel Lorbeerblatt“ (http://einachtellorbeerblatt.wordpress.com/) und bin seit kurzem Jurymitglied der Liederbestenliste. Man findet mich also höchstwahrscheinlich auf Konzerten von Bodo Wartke und Sebastian Krämer … oder bei einem Weißwein mit Musik von den Beatles, Bob Dylan oder Johnny Cash.

Was ist das Aufregendste, was dir je passiert ist?

Ich fand es sehr aufregend, als ich dieses Jahr Bodo Wartke persönlich von Angesicht zu Angesicht interviewen durfte, aber ob das das Aufregendste war, was mir je passiert ist .. – ich glaub nicht. Da ich generell ein irgendwie eher nervöser Mensch bin, ist für mich vieles aufregender als für andere.

Hast du ein Vorbild?

Vorbild nicht, aber Menschen, die ich für ihr Tun und Lassen sehr bewundere. Oben genannte Musiker und solche wie z.B. Georg Kreisler. Generell sind mir aber Menschen Vorbilder, die offen, ehrlich und menschlich durch die Welt gehen. Idealisten. Leute mit Profil und Ideen.

Hast du ein Lebensmotto?

Nein. Ich hab auch nie gute Vorsätze an Silvester.

Was inspiriert dich?

Kunst, Kultur, Menschen und das Atmen so an und für sich.

Welche Frage habe ich vergessen, obwohl du eine richtig gute Antwort darauf gehabt hättest?

Ich bin fraglos glücklich!



Sophies Blog findet sich hier: http://literatourismus.net/

Das Interview führte Melanie Raabe.

Annette, „39, mal wieder“, Köln

„Wahre Liebe lässt los“

 

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Liebe Annette! Du machst so viele unterschiedliche und spannende Dinge. Wenn dich ein Fremder fragt, „was du beruflich machst“ – was antwortest du?
Am Liebsten sage ich: ICH BIN ICH … was auch immer das in dem Moment bedeuten mag. Ich habe so viele Berufe, dass ich manchmal denke, die Leute sind überfordert, wenn ich die alle aufzähle. Also wähle ich immer einen oder zwei aus, je nach Situation, aber ich kann ja mal den Versuch einer Aufzählung machen: Zigarenmanufactrice – das Wort hab ich selbst kreiert – Zigarrenrollerin, Autorin, Sängerin, Dolmetscherin, Künstleragentin, Eventmanagerin, Regisseurin …

Wie schöpfst du die Energie für all deine Projekte?
Ich hab sehr viel Energie von Natur aus. Und wenn ich Menschen begeistern kann, bekomme ich jede Menge zurück. Und wenn die Speicher mal leer laufen, gehe ich in die Natur oder singe.

Wo kommst du her und wie bist du aufgewachsen?
Ich komme aus einer Provinzhauptstadt in Südbaden namens Rheinfelden. Dort bin ich geboren, am südlichen Rande des Schwarzwaldes.

Du reist offensichtlich gerne und viel. Welches war dein schönstes oder interessantestes Erlebnis auf Reisen?
Als afrikanische Voodookünstler, die ich produziert und getourt habe, auf dem Marktplatz eines Dorfes in den Anden Glas zerkaut und runtergeschluckt haben, um den Indios, die noch nie schwarze Menschen gesehen hatten, ein Stück ihrer religiösen Kultur zu zeigen.

Welches ist der interessanteste Mensch, dem du je begegnet bist?
Ahmet Ertegün, der Gründer von Atlantic Records, New York, den ich zwei Jahre vor seinem Tod in Bodrum kennengelernt habe. Er hat mit den Rolling Stones, Led Zeppelin, Aretha Franklin und endlos vielen weltberühmten Musikern gearbeitet. Es war ein gegenseitiges „Sich-Erkennen“ von zwei Persönlichkeiten, als wir uns begegneten, eine Art „platonische Liebe auf den ersten Blick“.

Du bist Besitzerin einer Kölner Zigarrenbar. Wie kamst du auf die Idee? Erzähl doch ein bisschen von deinem Laden.
Das ist keine Zigarrenbar, sondern eine Zigarrenmanufaktur mit Laden und kleinem Salon, in dem wir Seminare abhalten. Die Zigarren sind mir zugeflogen wie ein verirrter Papagei. Ich liebe Kuba, die kubanische Musik und Kultur. Ich habe viele Tourneen kubanischer Künstler organisiert und irgendwann begann ich die „Kunst des Zigarrenrollens“ auf Events zu zeigen, also so eine Art mobile Zigarrenmanufaktur und eh ich mich versah, hatte ich meine eigene Zigarrenmanufaktur – ein Stück Kuba in Köln …

Zudem bist du Autorin. Was hat es mit deinem Buch auf sich? Was steht drin und warum hast du es geschrieben?
Ich erzähle von einem Liebesexperiment, das ich durchgeführt habe. Fünf Männer, fünf Beziehungen parallel wollte ich haben, und das ganz offen und ehrlich. Ich wollte mal was ganz Neues ausprobieren, ausbrechen aus den Konventionen unserer Vorstellung von Partnerschaft. Ich erzähle heiße Stories aus dem Nähkästchen, es geht um Sex, Eifersucht, wilde Experimente und die Sehnsucht nach Liebe. Das Buch hat in der Presse einige Wellen geschlagen, ich war bei vielen Talkshows zu Gast, u.a. bei Markus Lanz, bei Plasberg oder in Backes’ Nachtcafé und erntete nicht wenig pikierte Blicke der Männerwelt.

Du stehst auch immer mal wieder auf der Bühne. Was bedeutet es dir, vor Publikum zu stehen?
Ich liebe die Bühne, ich liebe es, meine innere Rampensau rauszulassen. Wenn ich dann noch Rückmeldungen bekomme, dass ich irgendwas in den Menschen bewege durch meine Musik oder meine Texte, dann bin ich glücklich!

Kennst du Lampenfieber?
Oh ja und wie! Aber ich glaube, das gehört zu einer guten Performance dazu.
 



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Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast im Leben?
Die wahre Kraft und das Glück liegt in Dir. Und in jeder Katastrophe, auch wenn du es erst nicht glauben kannst, ist irgendwo ein Geschenk versteckt.

Hast du ein Lebensmotto oder eine Lebensphilosophie?
Wahre Liebe lässt los.

Was inspiriert dich?
Städte wie Istanbul oder Paris. Am Liebsten sitze ich in Straßencafés und lasse das Leben an mir vorbeiziehen.

Was macht dich glücklich?
Musik. Sex. Sonne.

Gibt es etwas – eine Veranstaltung, ein Buch, eine Homepage – die oder das du gerne promoten würdest? Das ist die Gelegenheit!
Ab 24.10. trete ich mit meiner Show zum Buch „Fünf Männer für mich“ im Kölner Arkadastheater – Bühne der Kulturen auf, (Spieldaten: 24.10 / 30.10. / 11.11. / 18.11. / 11.12. / 23.12 jeweils 20.15 h ) Vorverkauf unter 0221-550 43 15, weitere infos hier www.annettemeisl.de
Mein Buch „Fünf Männer für mich“ kann man in allen Buchhandlungen bekommen oder hier: http://shop.lagalana.de/artikel/fuenf-maenner-fuer-mich
Und in meinem Zigarrensalon gibt es spannende Seminare zu Zigarrenherstellung und Rumverkostungen. www.lagalana.de

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Fotos: Dario Scandura.

Pasquale Virginie, 36, Berlin

„It’s O.K. You can breathe. The change happens by itself.“


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Liebe Pasquale! Was machst du beruflich?
Gerade habe ich eine Entscheidung hinter mir: Ich habe entschieden, nach zwei intensiven Jahren Ausbildung zur Praktikerin der Grinberg-Methode mit eben dieser zu pausieren. Ich liebe Entscheidungen! Diese hier gibt mir gerade viel neuen Freiraum nachzufühlen, was ich eigentlich noch so liebe im Leben, außer Menschen zu berühren! Oder anders: mich wieder darauf zu besinnen, wie ich Menschen – außer mit meinen Händen – noch berühren kann, um sie dabei zu unterstützen, ihr Leben zu verändern. Seit 2008 bin ich als Beraterin und Trainerin der politischen Bildungsarbeit tätig, freiberuflich und im gesamten Bundesgebiet. Ich werde von Migrant_innenselbstorganisationen, Universitäten, Stiftungen und politischen Initiativen angefragt, Trainings und Workshops zu den Themen machtkritische Diversity, Empowerment für Menschen mit Rassismuserfahrung und Antidiskriminierung zu geben. Manchmal moderiere ich auch Veranstaltungen und Fachgespräche oder werde für Mediationen angefragt, in denen die Konfliktparteien sich eine rassismus-sensible Begleitung wünschen. In all diesen Bereichen versuche ich, Lernprozesse so ganzheitlich wie möglich zu gestalten. Also methodisch so zu arbeiten, dass der Körper ein selbstverständlicher Teil von Lern- und Transformationsprozessen ist. Denn Diskriminierungformen wie Rassismus oder Sexismus machen sich ja am Körper fest! Gesellschaftliche Vielfalt und daran gekoppelte Diskriminierungerfahrungen sind im Körper eingeschrieben, geschaffene Machtgefälle, konstruierte Unterschiede und Gewalt werden körperlich performiert. Da erscheint es mir absurd, individuelle und gesellschaftliche Transformation ausschließlich mit intellektuellen Analysen, kopflastiger Reflexion und vielen schlauen Worten erreichen zu wollen. Und dann: Ich schreibe. Ja, ich liebe das Schreiben, und ich will mehr davon in meinem Leben haben.

Wo und wie bist du aufgewachsen? Hattest du eine glückliche Kindheit?
„Eine glückliche Kindheit“? Das klingt in meinen Ohren fast schon kitschig. Nun, ich habe viele einzelne Erinnerungen an schöne Momente in meiner Kindheit. Der Rest verschwimmt. Prägend war, dass ich alleine mit einer schwer depressiven Mutter aufgewachsen bin. Also mit einem Menschen, der zwar nicht suizidgefährdet war, jedoch meistens mit der Intensität des Lebens überfordert war. Daher kommt es wahrscheinlich, dass ich mich im Laufe des Aufwachsens immer wieder bewusst für das Leben entschieden habe und es auch heute immer wieder muss! Das Wien der 80er und 90er Jahre war – naja – von beschaulich, idyllisch über geleckt, verstaubt bis morbid und rassistisch.

Wie warst du als Teenager?
Die längste Zeit ein „Fliegengewicht“ das „von Liebe und frischer Luft“ lebt, mit „Bienenstichen statt Brüsten“ – wurde mir öfter mal gesagt. In Wirklichkeit war ich als Teenager im Wesentlichen damit beschäftigt, mich von meiner Mutter abzugrenzen, fröhlich zu sein, auch wenn ich es gar nicht war, zwischendurch von zu Hause abzuhauen, unglücklich verliebt zu sein, mit meiner besten Freundin eng umschlungen in der Klasse zu sitzen, unglaublich viel Gummizeugs zu essen, auf den Flohmärkten die schicksten Teile aus den Klamottenhaufen zu fischen  – und solche Dinge halt. Irgendwann wollte ich Gogo-Tänzerin werden, weil ich in den Gogo-Tänzer vom Club P1 in Wien verknallt war. Doch Vater – den ich mit 13 kennengelernt hatte – ist ausgerastet und hat es mir verboten. Und weil ich so froh war, dass mein Vater überhaupt – auch wenn mit Verboten – irgendwie in Erscheinung trat, hab ich es gelassen.

 

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Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Ich schlafe gerne lang. Das heißt, wenn ich nicht gerade um 8 Uhr einen Zug nach München oder Köln nehmen muss, geht vor 9 bei mir gar nichts. Meine Woche ist in der Regel strukturiert durch ausgedehnte Rumdaddelphasen, die ich oft mit „Freizeit“ verwechsle und im Internet verbringe, und Arbeitsphasen, in denen ich irgendeiner Frist hinterherjage um eine Zusage zu erfüllen, die ich irgendwann mal gemacht habe. Oder ich schreibe Mails, in denen es darum geht, wann ich die gemachte Zusage erfüllen kann. Oder To-Do-Listen mit Namen, wen ich alles an- oder zurückrufen muss. In den Rumdaddelphasen gehe ich auch mit Freundinnen oder Freunden im Kiez Mittagessen, ’ne Runde um den Block und Café trinken. Dann habe ich mehrmals in der Woche Skype- oder Face-to-face-Besprechungen, in denen ich mich mit meinen diversen Kolleginnen und Kollegen kurzschließe, wir Anfragen, Trainingskonzepte oder Organisatorisches besprechen. Am Abend bin ich entweder mit Freundinnen und Freunden oder meinem Partner unterwegs oder genieße es sehr, gerade nicht unterwegs zu sein und alleine zu sein. Und irgendwann ab 23 Uhr schlagen die Fristen in meinem Kopf Alarm, ich werde produktiv, haue in die Tasten, habe die besten Ideen, bin fürchterlich inspiriert und denke intensiv darüber nach, dass und wie ich am nächsten Tag mein Leben ändern werde. Donnerstag oder Freitag geht es dann los nach Bremen, Stuttgart, München, Köln oder wo auch immer das Training stattfindet, am Sonntagabend oder am Montag geht es zurück nach Berlin, und ich versuche, einen Tag frei zu nehmen, was dann meisten rumdaddeln heißt. In den letzten zwei Jahren war ich in der Ausbildung zur Grinberg-Praktikerin, das ist eine Methode der Körperarbeit. Da waren meine Tage durch Einzelsitzungen mit Klientinnen und Klienten strukturiert, jeweils einen ganzen Vormittag oder Nachmittag, das hat mir echt gut getan. Doch ich habe vor Kurzem entschieden mit der Ausbildung zu pausieren, also wird sich mein Arbeitsalltag jetzt wohl wieder neu strukturieren.


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Was liebst du an deinem Job? Und gibt es auch etwas, das dich frustriert?
Ich liebe es, Menschen zu berühren. Ich liebe es, dass ich, so wie ich bin, Räume schaffen und begleiten kann, in denen Menschen Neues über sich und die Welt erfahren, in denen sie es wagen, sich zu zeigen und Lust bekommen, sich von in Körper und Geist gespeichertem rassistischen Wissen zu befreien. Ich liebe es, mitbekommen zu dürfen, wie sich Menschen, Gedanken, Ideen, Sichtweisen, Erfahrungen etc. transformieren, wie Menschen „werden“ wenn sie sich dafür öffnen, etwas Neues zu denken, zu erleben und zu fühlen. Was mich in den letzten Jahren eher frustriert hat, ist das Gefühl, meinen Freundinnen und Freunden in Berlin nicht meine Wertschätzung zeigen zu können, weil ich einfach so viel unterwegs bin. Ich habe das Gefühl, nicht wirklich für sie da sein zu können. Da ich überwiegend am Wochenende Trainings habe, verpasse ich die meisten Geburtstage, Ausstellungseröffnungen, Lesungen, Parties und sonstige Aktivitäten. Doch vielleicht irre ich mich. Ich könnte ja mal meine Freundinnen und Freunde fragen, ob sie das auch so erleben. Und das Reisen strengt mich auch an, das soll anders werden. Es geht also eher um die Rahmenbedingungen meines Jobs, inhaltlich und atmosphärisch erlebe ich meine Arbeit als das Gegenteil von Frust.

Hast du Vorbilder?

Alle Menschen, die tiefe Widersprüche in sich tragen und schwere Krisen überleben. Meine Mutter mit ihrer Todessehnsucht und ihrer Lebendigkeit. Mein Vater mit seinen Träumen und seinen Misserfolgen. Menschen, die sich treu bleiben und es dennoch – oder genau deshalb? – wagen, heute „hü“ und morgen „hott“ zu sagen. Einfach weil sie eine neue Entscheidung für sich als richtig erkannt haben. Menschen, die andere Menschen berühren – wie meine ehemaligen Grinberg-Lehrerinnen Nadine Débetaz oder Vered Menasse. Menschen die kämpfen – wie viele Schwarze politische Aktivist_innen und Aktivist_innen of Color – und Menschen, die Liebe schenken und Frieden stiften – wie die kürzlich verstorbene Fotografin Nzitu Mawhaka. Menschen die sagen „I don’t give a fuck“ und etwas erschaffen.

Was machst du am Liebsten, wenn du nicht arbeitest?
Schreiben, lesen und schmusen.

Hast du ein Lieblingsbuch?
Uff, wo anfangen? Gut, ganz pragmatisch beantwortet: vor Kurzem habe ich „Winifred Wagner: oder Hilters Bayreuth“ von Brigitte Hamann zu Ende gelesen. Der 600 Seiten lange Wälzer hat mich ganz schön in seinen Bann gezogen. Ein Detail: die erste Schwarze Sängerin, die auf dem Festspielhügel sang, war 1961 die Sopranistin Grace Bumbry! Sie sang die Venus im Tannhäuser (ich glaub‘, nachher hätte sie gut ein Empowerment-Coaching brauchen können), und das Engagement führte immerhin zu ihrem internationalen Durchbruch. In diesem Jahr liebe ich es, in die Lebens- und Schaffensgeschichten von realen Menschen aus der Vergangenheit einzutauchen. Ich habe den Eindruck, dann die Vergangenheit besser zu verstehen, somit auch die Gegenwart und letzten Endes auch mich. In diesem Jahr waren das unter anderem die Geschichten von Delia Zamudio Palacio, einer Schwarzen Feministin und Gewerkschafterin in Peru, von der fast vergessenen Tänzerin des Berlins der 20er Jahre, Anita Berber, der wichtigsten deutschen Solistin des Modernen Tanzes, Dore Hoyer, oder Albert Speers Sicht der Dinge in seinen „Erinnerungen“. Oh und generell alles von Wolf Haas.

 

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Hast du einen Lieblingsfilm?
Das kann ich gar nicht sagen. Obwohl, „West Side Story“ von 1961 und „A Chorus Line“ von 1985 sind schon ziemlich schick. Doch ich kann dir sagen, welche zwei Filme mich richtig kalt erwischt haben. Also tagelang begleitet haben. Das war einmal „I am Love“ mit der wunderbaren Tilda Swinton (wenn du mich fragen würdest: „Wenn Du für einen Tag wie jemand anderer aussehen könntest, wer wäre das?“, es wäre Tilda Swinton). Ich war zerstört nach dem Film. Und dann „Into the Wild“. Der war auch krass. Generell geht es mir so, dass ich mir sowohl Bücher als auch Filme und Musik nur gefühlsmäßig merke. Also nicht korrekt oder komplett, sondern in Bruchstücken. Abhängig davon, was mich berührt. Und diese beiden Geschichten, die Entscheidungen, die die Protagonistinnen und Protagonisten treffen und die Konsequenzen, die daraus folgen, sind mir wirklich durch Mark und Bein gegangen. In beiden Geschichten entscheiden sich Menschen für die Freiheit – oder das was sich für sie danach anfühlt – und ernten den Tod. Brrrr.

Welche Musik läuft bei dir rauf und runter?
„Rauf und runter“ ist gut gefragt, denn tatsächlich höre ich Musik so. Ich habe erst in den letzten Jahren gelernt, Musik ausgiebig und wirklich bewusst zu hören, also mich tief davon berühren zu lassen. Wenn sie mir gerade gut tut, kann die schon mal stundenlang auf Repeat laufen. Im Moment zum Beispiel läuft seit Stunden die Kora-Musik von Toumani Diabaté, abwechselnd mit einem Mix von Chefket. Lauryn Hills Unplugged-Album schickt mich immer an einen guten Ort. Und der letzte Song „The Conquering Lion“ bläst mich jedes Mal weg: „The conquering lion, Shall break every chain, The conquering lion, Shall break every chain, Give him the victory, Again and again and again and again, Give him the victory, Ohh.“ Ansonsten Edith Piaf oder Letta Mbulu oder Ahmet Aslan oder die geniale Tsegué-Maryam Guébrou oder Lizz Wright oder Fetsum oder Gonzales oder oder oder.

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast im Leben?
„Stop worrying.“

Was ist das Interessanteste, was dir jemals passiert ist?
Dass das das Erste war, was meine Grinberg-Lehrerin zu mir gesagt hat. Und die Faszination darüber, was echte Aufmerksamkeit in der Lage ist, zu bewirken. Deine Wahrnehmung erweitert sich auf eine Weise, die nahezu magisch ist.

Welches ist dein liebstes Zitat?
Ich hab‘ mal einen Urban Aufkleber entdeckt mit den Worten: „It’s O.K. You can breathe. The change happens by itself.“ Ich liebe es.

Was inspiriert dich?
Menschen und ihre Taten. Der Mond. Mein Körper. Tanz.

Was macht dich glücklich?
Wenn ich mich so sehr berühren lasse, dass mein Herz einen kleinen Sprung macht oder kurz aussetzt und mein Körper von ganz alleine einen besonders tiefen Atemzug nimmt, um die Realität dieses Moments voll aufzunehmen. Zuletzt bekam ich eine lange Mail eines Vaters Schwarzer Kinder, in dem er sich für einen Text von mir bedankt hat. Ja, es macht mich glücklich, wenn ich Menschen inspirieren kann. So wie ich von Menschen inspiriert werde. Das ist ein großes Geschenk.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Mehr von Pasquale Virginie gibt es hier: http://empowering-diversity.tumblr.com/

 

 
 

Raimund, 69, Wiehl

„In der Jugend zufrieden sein, ist ein Verbrechen an eigenen Möglichkeiten,
im Alter zufrieden ankommen, das ist Glück.“


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Lieber Raimund, du bist Regisseur und Schauspieler und hast darüber hinaus zahlreiche Schauspieler ausgebildet. Wie bist du zum Theater gekommen?
Als Sohn einer, im siebenbürgisch deutschen Raum, namhaften Schauspielerin und Regisseurin und eines dort ebenso bekannten Malers und Bühnenbildners, bin ich sozusagen im Theater aufgewachsen. Mutter war eine richtige Diva, hochgeschätzt und von ihrem Publikum bewundert. Ich erinnere mich eines Vorfalls während der Aufführung von „Drei Generationen“: Auf der Bühne schrie ihr verzweifelter (Rollen-)Vater sie nach dem unvermeidlichen Fehltritt, in dem zu spielenden Dramolette an: „Wer wird dich jetzt noch haben wollen ?“ Im Publikum sprang ein begeisterter Herr auf und antwortete: „Ich!“
Oder während „Mutter Courage“: Im Foyer des Theaters stand ich zufällig neben zwei Männern, die eines der Theaterfotos, das meine Mutter als „Courage“ mit einem Huhn in der Hand zeigte, kommentierten: „Kannst du dir vorstellen, dass die Göttlinger jemals ein Huhn gerupft haben soll ?“ Empört mischte ich mich ein: „Meine Mama wäscht, kocht und putzt für uns, wie jede andere Mama auch!“ Ich war höchstens zwölf und ließ die beiden ziemlich verdutzt zurück. Seit frühester Jugend fing der Tag mit Theater an und endete auch so. Ich konnte mir kein anderes Leben vorstellen, da es in meiner Umgebung nichts Wichtigeres gab. Von der siebten zur achten Klasse sollte eine Aufnahmeprüfung stattfinden. Ich ging bewusst nicht hin, um die Schule loszuwerden und endlich im Theater, meinetwegen auch nur als Bühnenarbeiter, anfangen zu können. Meine Mutter kam dahinter und peitschte mich in die Schule zurück. Mit einer extra Prüfung kam ich dann doch noch bis zum Abitur. Als ich anfing mir vorstellen zu können, dass es im Leben auch andere interessante Berufunge gibt, war es für ein Umsatteln zu spät.

Was bedeutet Theater für dich?
Meine Bestimmung. Aber meine Ansprüche machten es mir schwer, einen Platz zu finden, der befriedigt. In Siebenbürgen und im Banat war deutsches Theater in Rumänien, unter den Umständen des real existierenden Sozialismus, Pionierarbeit, erfahrbare kulturelle Aufgabe. Fünf Jahre lang habe ich es dabei zu höchsten Ehren gebracht, um schließlich festzustellen, dass es, für mich jedenfalls, ein Irrweg in einem unerträglichen Staatswesen war.
In Bielefeld, oder Krefeld-Mönchengladbach, wo ich in meinem Basis-Beruf als Schauspieler angestellt wurde und meine Aufgaben zu erfüllen hatte, fühlte ich mich, nach meiner Tätigkeit als Regisseur und Schauspiellehrer völlig unterfordert. Teils durch die festgefahrene Situation, die ein Stadttheater-Betrieb mit sich bringt, in dem die Schauspieler wie austauschbare Ware behandelt werden. Zwei Jahre dabei, dann weiter bewerben. Den „Glanzauftritt“ erledigen eilig engagierte Gäste im Vorbeigehen. Teils durch die leider nicht seltene Selbstzufriedenheit mit der Verträge erfüllt werden. Konkurrenz und Gerangel gibt es meistens nicht um die Qualität auf der Bühne, sondern um die Verhandlungsposition in der Fach-Einstufung. Erst in der Zusammenarbeit mit kleineren freien Bühnen und dann mit den oberbergischen Amateuren erlebte ich wieder, tatsächlich gebraucht zu werden. In all meinen Qualifikationen. Zehn Jahre lang war ich als Regisseur, Schauspiellehrer, Bühnenbildner und Theaterleiter tätig und stellte eine Kleinbühne auf die Beine, dank der ich in Wiehl richtig Heimat gefunden habe. Ohne die vielen Theaterbegeisterten, auf die ich gestoßen bin, wäre das alles natürlich nicht möglich gewesen. Man befruchtet sich gegenseitig und weiß, was man aneinander hat.

Wolltest du schon immer Theater machen?
In allen seinen Formen. Als Stückeschreiber ebenso wie als Regisseur, Bühnenbildner und Theaterpädagoge bzw. Schauspiellehrer.

Gibt es auch andere Kunstformen, die dich reizen oder interessieren?
Wie gesagt Schreiben, Handwerkern und Malen. Einige meiner Märchenstücke sind aufgeführt worden: Noch an dem Deutschen Staats-Theater Temeschburg „Das tapfere Schneiderlein“ und „Die Gänsehirtin am Brunnen“, zwei hintersinnige Märchenkomödien auch für Erwachsene. Die „Gänsehirtin“ wurde eingestampft, nachdem die Zensur erkannte, was dahinter steckt. Ein Gedichtband wurde, mangels notwendiger Lobhudeleien an die Adresse der kommunistische Partei, abgelehnt. 1987 hat das Theater Ulm meine „Drei Kaiserdiamanten“ uraufgeführt. Die Schloss Festspiele Neersen haben eine „Dornröschen“-Bearbeitung von mir auf die Bühne gebracht, das Theater der Altstadt Stuttgart meine Bearbeitung „Der verlorene Brief“ nach J.L.Caragiale. „Schneiderlein“ und „Kaiserdiamanten“ habe ich dann am Schau-Spiel Studio Oberberg in Wiehl wieder gezeigt. 
Jede Art praktischer Handarbeit, Dekoration bauen, malen, Kostüm schneidern, läuft mir leicht von der Hand. In dem Sinne waren die Ateliers meines Vaters seit Kindeszeiten meine Schule. Zur Entspannung fotografiere und male ich, ohne die Ambition zu haben, jemals etwas auszustellen.

Wo bist du aufgewachsen und wie erinnerst du dich an deine Kindheit und Jugend?
In dem über achthundert Jahre alten siebenbürgisch-deutschen Städchen Schäßburg habe ich die ersten sieben Jahre meines Lebens verbracht. Die mittelalterliche Burganlage an der Kokel, in der mein Geburtshaus steht, war der romantischste Spielplatz, den man sich vorstellen kann. Zu der Zeit kannte man auch noch jeden Bewohner der Burg. Als Deutsche hatten wir, nach dem verlorenen Krieg, das gleiche Schicksal. Es gab kaum eine Familie, in der nicht mindestens Onkel und Tanten, meist aber auch Väter und Mütter, zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt waren. Für uns, die verbliebenen Kinder und Großeltern, hatte das Warten auf Rückkehr eine besondere Bedeutung. Gleichzeitig wurden wir in unseren Lebensumständen, durch den Zuzug von Flüchtlingen aus den von der Sowjetunion annektierten rumänischen Gebieten, beengt. Eine bewegte Zeit, mit starken Umbrüchen, Hungersnot, Enteignung.
1953 wurde in Temeschburg wieder ein deutsches Theater zugelassen und meine dahin berufenen Eltern übersiedelten in das Banat. Der Wechsel aus der siebenbürgischen Kleinstadt, in der Gruppen Gleicher aufeinander hockten, in die Vielvölker-Großstadt Temeschburg, in der das Miteinander von Rumänen, Ungarn, Deutschen, Serben, Juden und Zigeunern (Ich nenne sie immer noch so, weil ihrer Viele sich selber nicht anders nennen, weil ich Freunde unter Ihnen hatte, sie so kennenlernte und ich letztendlich davon überzeugt bin, dass es nicht davon abhängt, wie man einen Menschen nennt, sondern was man zu dieser Benennung als grundsätzliche Einstellung empfindet. Nach dem Krieg war in Rumänien die Bezeichnung „Deutscher“ als Schimpfwort gebräuchlich. Hätte man die Bezeichnung abschaffen sollen? – Entschuldige die lange Klammer, die sich aus dem Gebrauch einer Bezeichnung ergibt, die besonders tiefschürfende Menschen darüber nachdenken lässt, ob man den „Zigeunerbaron“ nun umbenennen muss.) – also: diese Vielvölker-Situation in Temeschburg hatte einen sehr befruchtenden Einfluss auf mein weiteres Leben, weil sie viele kindlich aufgesogene Gewissheiten ins Wanken brachte. Von Geburt ist man nichts Besseres als jeder andere. Erst Leistung und Handlungsweise erbringen einen Unterschied. Aber es ist völlig unsinnig, den zu betonen. Er kann höchstens von anderen erkannt werden. Das musste ich allerdings erst lernen. Meine Schulzeit war keine Glanzleistung. Da mich nichts als Theater interessierte und die Schule mir davon rein gar nichts bot, trachtete ich nur danach, sie schnell und unbeschadet hinter mir zu lassen. Als Absolvent eines mindestens in meinen Augen einzigartigen Instituts zur Ausbildung professioneller Schauspieler für Film und Theater in Bukarest legte ich einen Berufsstart am Deutschen Staatstheater Temeschburg hin, der es in sich hatte. Drei Jahre nach meinem ersten Engagement als Anfänger war ich Regisseur des Hauses und bewarb mich um dessen Leitung. Gleichzeitig tauchte in einem meiner Gedichte die Zeile auf: “ …diese Wand um Wand der verwirklichten Träume.“
Motor meines Handelns war der Glaube, etwas bewegen zu können, wenn ich erst „Oben“ bin. Hinauf kam ich nur, um festzustellen, das es nirgends eine Türe gab, die einem Perspektive eröffnen konnte .Immer nur wieder die nächste Mauer.
Meine Frau und ich saßen uns in der neu erworbenen Eigentumswohnung gegenüber und ich fragte: „Willst Du hier alt werden?“ Ihr temperamentvolles „Nein!“ drückte alles aus, was auch ich empfand. Der real existierende Sozialismus unter Ceausescu, mit seiner nationalen Prägung, mit seinem Parteiwesen, seiner Securitate, Korruption und Verlogenheit, hatte in uns den Willen reifen lassen,Wege zu suchen, dieses Land zu verlassen.

Was hat dich nach Köln und schließlich ins Oberbergische verschlagen?
Die Reihenfolge ist umgekehrt. Meine Frau, der es als erste unserer Familie 1978 gelang, sich in die Bundesrepublik abzusetzen, kam über hier ansässige ehemalige Schulkolleginnen, also „Heimatverbundene“, nach Wiehl und fand glücklicherweise nahtlos eine Anstellung als Diplom-Sportlehrerin am Gymnasium. Als ich 1980 dann, im Rahmen von Familienzusammenführung, hier ankam, war sie schon in der glücklichen Lage, unsere Familie erhalten zu können. Erstmal war ich entsetzt. Was soll ich als Schauspieler in Wiehl?! Ich durchlief eine Reihe von Bewerbungen und Engagements. Die Erfahrungen waren traumatisch. Die Sprache, die Denke, die Kategorien der Bewertung – Originalität als oberstes Gebot –, sogar die Wahrnehmungsweise des Publikums war eine andere. Ich bekam keinen Bezug zu meinem Beruf, in den neuen Umständen einer satten Gesellschaft, die das Außergewöhnliche suchend, oft auch in Selbstzweck, meinem Empfinden nach nicht selten sinnentleert, herum tappt und sich dabei, soweit es den Star-Rummel betrifft, gerne übermäßig beweihräuchert. Ich war unfähig, in meinem Basisberuf Schauspieler als kleines Rädchen mittelmäßiger Inszenierungen einfach zu funktionieren. Dazu kam die Tatsache, dass ich nach der zweijährigen Trennung von meiner Frau vor der Entscheidung stand: Berufskarriere oder Familie. Da sich mir diese Frage in Rumänien nie stellte, musste ich mein ganzes Wertesystem völlig neu überdenken. Ohne zu hinterfragen hatte ich hingenommen, dass meine Frau bei unserem Umzug nach Bukarest meiner Karriere zuliebe (Dozent an der Schauspielschule, Mitwirkender bei Film, Radio, Fernsehen, Mitglied im Autoren-Kreis von „Volk und Kultur“ und „Neue Literatur“) ihre eigene Position als Lehrerin zeitweise aufgab. Jetzt war plötzlich ihre Position am Wiehler Gymnasium die materielle Basis der Familie. Die Erfahrungen während der Zeit unserer politisch bedingten Trennung, hatten sowohl bei mir als auch bei meiner Frau, die tiefe Überzeugung bestärkt, dass es für uns keinen wichtigeren Wert, als den Zusammenhalt unserer Familie geben konnte. Unsere Liebe aufs Spiel setzen? Nie wieder. Unser wahrer Lebensmittelpunkt blieb unser zu Hause.
Ich entschloss mich von hier aus freischaffend durch die Republik zu pendeln und nahm nur noch Regieaufträge an. Theater Ulm, Theater der Altstadt Stuttgart, Sandkorn Theater Karlsruhe, Schloss Festspiele Neersen, und dazu die Position am Theater der Keller Köln, wo ich als Schauspiellehrer, Regisseur, Bühnenbildner und manchmal auch als Schauspieler freischaffend tätig sein konnte, boten mir den nötigen Einblick in eine Szene, die auf jeden Fall wahrhaftiger und kreativer war als jedes mittlere Stadttheater.
Ein Zufall brachte mich mit dem Amateurtheater Gummersbach zusammen. Sie suchten einen Wochenend-Workshop zur Weiterbildung. Ich hielt ihn. Sie engagierten mich zu der Inszenierung „Gibt es Tiger am Kongo“, die von der Kreissparkasse gefördert wurde. Diese sprach mich an, die Pilot-Inszenierung eines Theater Festivals der Oberbergischen Amateurbühnen zu betreuen. Ich inszenierte „Lysistrate“, danach „Alles im Garten“ von Albee, und den „Sommernachtstraum“, in dem die Tanz-Truppe des Gymnasiums Wiehl, unter der Leitung meiner Frau, wunderbare Feen-Einlagen tanzte.
Dann drohte das Amateurtheater Gummersbach einzugehen, da ihnen der künstlerische Leiter abhanden kam. Die Erfolge, die sie mit meiner Arbeit hatten, das gute Miteinander, führten dazu, dass wir mit neuen Statuten und einer strafferen Organisation, erst ein oberbergisches Tournee-Theater und seit 1997 eine feststehende Bühne in der Aula der Grundschule Wiehl ausbauten, die bis heute und hoffentlich noch lange weiter, als Repertoire-Bühne mit einer beachtlichen Zahl an Auftritten funktioniert.

Du hast in zahllosen Stücken gespielt und wahrscheinlich mindestens ebenso viele inszeniert. Auf welches deiner kreativen Projekte bist du besonders stolz?
Als Schauspieler liegen meine größten Erfolge in der Zeit meiner Anfänge am Deutschen Staatstheater Temeschburg. Gegen Widerstände erklärte sich der Regisseur des Hauses 1970 bereit, mir die Rolle des Truffaldino im „Diener zweier Herren“ von Goldoni zu geben. Der Komödiant des Hauses war abgesprungen und ich wurde nur als der jugendliche Held gesehen. Meine Behauptung, als ausgebildeter Schauspieler nicht an ein Fach gebunden zu sein, wurde bloß belächelt. Doch meine Darbietung wurde ein Triumph. Ich konnte auf einer Wolke des Erfolgs schwimmen und hatte die Kollegen davon überzeugt, ein Rüstzeug als Schauspieler zu haben, von dem man lernen konnte. Ich bot im Ensemble Schauspieltraining an und suchte so den Weg in die Regie. Allerdings empfand ich auch damals schon, dass ich sehr abhängig von der kreativen Situation war, die sich während des Probierens über die Persönlichkeit des Regisseurs entwickelte.
Erst 1973 in der Zusammenarbeit mit Emmerich Schäffer, einem charismatischen Mann, gelang mir eine zweite außergewöhnliche Leistung: der psychisch belastete Front-Heimkehrer Paul Chaudras in Georg Kaisers „Die Spieldose“. 1972 wurde ich von Friedo Solter, damals Regisseur am Deutschen Theater Berlin in der DDR, zur Regie-Hospitanz während seiner „Amphitrion“-Inszenierung eingeladen. Diese Hospitanz und meine Studioarbeit führten dazu, dass ich an dem Deutschen Staatstheater Temeschburg auch als Regisseur geführt wurde.
Als meine wertvollste Inszenierung dieser Zeit betrachte ich Ibsens „Gespenster“, mit der mir eine sehr symbolistische Darstellung der individuellen Vereinsamung durch gesellschaftliche Verlogenheit gelungen war.
Erst im Schau-Spiel-Studio Oberberg hier in Wiehl konnte ich an diese Qualität der Inszenierung wieder anbinden. „Warten auf Godot“, „Urfaust“, „Dantons Tod“, „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ waren Leistungen, die den Rahmen eines Amateurtheaters sprengten.
Allerdings fühle ich mich dem Publikum verpflichtet. Es geht mir immer darum, den Rahmen des Verständlichen nicht zu verlassen. Theater ist für mich Kommunikation mit den Menschen, die im Saal sitzen. Und wenn die sich fragen: „Warum tu ich mir das hier an?“ dann hat meiner Meinung nach der Künstler versagt. Das Publikum, für das gespielt werden soll, kann nicht zu dumm sein, höchstens der Künstler, in seiner erzwungenen Originalität, zu überheblich. Deshalb finde ich es schade, dass man sich abgewöhnt hat, mit faulen Eiern ins Theater zu gehen. Das war wohl am Marktplatz einfacher. Heutzutage, wo man sich die Meinung über Kunst und Kultur aus Zeitung oder Fernsehen klaubt und das meiste zu viel mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern zu tun hat, wäre auch ein solches Verhalten höchstens manipuliert.

Du hast in Köln an der Schule des Theater der Keller unterrichtet. Was rätst du jungen Menschen, die Schauspieler werden wollen?
Sich Rilkes „Ratschläge für einen jungen Dichter“ eindringlich zu Gemüt zu führen. Oder verkürzt: „Versuch es zu lassen!“ Wenn dir das nicht gelingt und du es unbedingt tun musst, dann bleibt dir weiter nichts übrig, als alles, was du für dein Leben hältst, in Frage zu stellen, auf den Prüfstand zu stellen und dich mit Leib und Seele einem bewussten Spielen mit Empfindungen, Gedanken und körperlichen Fähigkeiten hinzugeben, bei dem immer die anderen darüber entscheiden, wie gut es dir gelingt und in dem kein Erfolg Garant für den nächsten sein kann.

Gibt es welche unter deinen Schülern, die berühmt geworden sind?
Ich glaube, jeder Lehrer wird den ein oder anderen nennen können der berühmt geworden ist. Wesentlich wäre, zu erfahren, was die Schüler selber von dem Beitrag halten, den der Lehrer an ihrer Karriere hatte. Till Schweiger ist einer der ganz Großen, der bei mir Rollen Unterricht hatte, aber ich finde er ist trotz der Schule des Theaters der Keller und nicht wegen ihr berühmt geworden. Ich erinnere, als es zu den Vorsprechen für die ZBF (Zentrale Schauspieler Vermittlung) gehen sollte, da winkte er ab. Er suche sich seinen Agenten selber. Zwei Jahre später besuchte er mich in der Schule, um mir voller Stolz mitzuteilen, dass er es „geschafft“ hatte. Intensiver und ebenso gerne habe ich auch mit Anette Frier gearbeitet. Von den ersten Improvisationsschritten bis zum Rollenstudium. Aber auch dazu muss ich sagen, dass ich eher versucht habe, ihr nicht im Weg zu stehen. Sie unterbrach ihre Beteiligung am Unterricht, wenn ich das richtig erinnere, zweimal, um an Projekten des Schauspiels Köln teilzunehmen. Bestimmt ein wichtiger Motor für ihre Karriere, zu dem ich ihr auch, gegen andere Widerstände von schulischer Seite her, den Weg ebnete.
Ich freue mich immer wieder, wenn ich den ein oder anderen (Max Landgrebe, Thomas Held, Volker Büdts und viele mehr) in Film oder Fernsehen wiederfinde und hoffe, dass ich ihnen einiges mit auf ihren Weg geben konnte. Dass aus unser Wiehler Truppe es einige auf den beschwerlichen Weg ins Profi-Lager geschafft haben, macht mich besonders stolz. Von Jörn Kolpe erwarte ich, über Lübeck hinaus, von einer großen Karriere zu hören und drücke ihm fleißig die Daumen.

Welches ist dein größter, noch unerfüllter kreativer Traum?
Mit siebzig sind die großen Träume eigentlich geträumt. Es ist eher die Zeit der Bilanz, der Ernte. Einst träumte ich anerkannter Schauspieler am Deutschen Staatstheater Temeschburg zu werden. Als ich das drei Jahre nach dem Abschluss meiner Ausbildung erreicht hatte, musste ich mich fragen: „Ja und?“. Jetzt habe ich mir hier in Wiehl eine Oase geschaffen, die aus sich selbst heraus existieren kann und mich trotzdem immer noch braucht. Wenn sich auf der Straße spontan Leute aus dem Publikum für eine gelungene Inszenierung bedanken, fühle ich mich anerkannt und in einer Heimat angekommen. Das macht glücklich. Ebenso wie die Überzeugung, dass es richtig war einem solchen zu Hause, eine vielleicht mögliche „große Karriere“ zu opfern. Manchmal sitze ich vor dem Computer und schreibe an so etwas wie einem Requiem für Siebenbürgen, aber ob das jemals ein fertiger Roman wird, weiß ich nicht.

Du hast vor einigen Jahren eine Krebserkrankung besiegt und dich kurz darauf wieder in die Arbeit an neuen Stücken gestürzt. Woher nimmst du deine Energie?
Das kann ich nicht sagen. Wie riesig die Anspannung während der Krankheit und deren Überwinden war, habe ich erst durch den Zusammenbruch erfahren, den ich hatte, als man mir versicherte, dass nichts zurückgeblieben ist. Während der ganzen Zeit merkte man mir weder Leid noch Belastung an. Die zehn Jahre seither erlebe ich als Geschenk, nach dem Motto: „Ich werde hundert. Sollte das nicht klappen, erfahre ich es immer noch früh genug.“
Und wenn ich hundert bin, werde ich mich darüber freuen und auf ein nächstes Jahr anstoßen.

Was inspiriert dich?
Hauptsächlich das Hinterfragen, das Durchdringen von Inhalten. Das Feststellen von Zusammenhängen. Das Aufdecken von Strukturen. Es gibt für mich nichts Fürchterlicheres, als den sogenannten Fachidioten, die enge Konzentration auf ein abgegrenztes Thema, das eine reduzierte Sicht auf Dinge und Geschehen eröffnet, als ob diese losgelöst im luftleeren Raum existieren würden. Dadurch kann man eine Menge stimmiger Unwahrheiten in die Welt setzen.

Hast du Vorbilder?
Dazu ist mir ein Zitat aus den „Neuen Leiden des jungen W.“ nie mehr aus dem Kopf gegangen. Frei nach Plenzdorf heißt es da: „Ich möchte so werden, wie ich einmal werde.“ Eine Provokation für sozialistische Erzieher. Was wurden wir von unseren Jugend- und Partei-Funktionären gelöchert, unsere Vorbilder zu wählen. Genosse Stalin gehörte dazu und andere Verbrecher mehr. Ich glaube, dass egal was man sich vornimmt, erst die Extremsituation darüber entscheidet, was für ein Mensch man wirklich ist. Solange man keine Extremsituation erlebt hat, kann man sich alles vornehmen, aber erst richtig hungrig trotzdem ein Brot zu teilen, unter Lebensgefahr trotzdem anderen helfen, unter Androhung trotzdem bei seinen Überzeugungen bleiben, als Erschiessungskommando die Waffe beiseite legen, als Sieger nicht morden, als Herrscher kein Unrecht tun, auch nicht dem eigenen Nachwuchs zuliebe, einzig das wären für mich wirkliche Maßstäbe. Man lebt allerdings glücklicher, in einer Welt, in der sich all diese Fragen, des Wohlstands wegen, nicht stellen, in der man sich Idole träumen kann und jedes Lippenbekenntnis unüberprüft stehen bleibt.

Was macht dich glücklich?
Ich kenne kein größeres Glück, als jenes, dass ich neben meiner Frau in einer erfüllten Ehe erlebe. Weder beruflicher Erfolg, noch materielle Anhäufungen, von denen ich früher einmal träumte, wie jeder wahrscheinlich, konnten diese immer tiefer werdende Überzeugung verdrängen. In der Jugend zufrieden sein, ist ein Verbrechen an eigenen Möglichkeiten, im Alter zufrieden ankommen, das ist Glück.

Du bist eine sehr reiselustige Person und bist mit deiner Frau viel unterwegs. Welches ist dein schönstes Reiseerlebnis bisher?
Ich habe immer noch eine riesige Neugier, so viel wie möglich von der Welt zu sehen. 35 Jahre im sozialistischen Osten eingesperrt gewesen zu sein und dabei die Abenteuerbücher über Weltentdecker wie Columbus, Magellan, Cook, Humboldt und wie sie noch alle hießen, zu verschlingen, hat nicht nur in mir ein solches Maß an Fernweh geschürt, dass wir nicht mehr zu halten sind. Wir flitzen fast rastlos mit unserem Reisemobil durch Europa. Und gönnen uns als Rast und Ruhe dazwischen mal eine gebuchte Flugreise.
Einzigartig war der Besuch der Owahimbas in Namibia, aber es ist immer die letzte Reise, die ich durch das Bearbeiten der zahllosen Fotos meist wieder erlebe, die ein neues Puzzle zu meinem Weltbild fügt. So wie jetzt die Indien-Reise im November 2013, unter deren Eindruck ich noch immer stehe. Das Maß an Elend, Reichtum, Menschenverachtung und sozialem Bemühen, diese Mischung aus Moderne und Mittelalter, die sich größte Demokratie der Welt nennt und einfach nur mit Extremen schockt, ist mir immer noch fast unbeschreiblich.

Hast du ein Lebensmotto?
Egal welches es wäre, ich finde es würde mich einschränken.

Das Interview führte Melanie Raabe. 

 

Jörn, 31, Lübeck/Ingolstadt

„Offene Augen, Ohren, Herz.“


Copyright: Olaf Malzahn

Lieber Jörn! Was ist das Interessanteste, was dir je passiert ist?
Momentan, dass ich genau diese Frage neulich jemandem gestellt habe. In Ermangelung auf der Hand liegenderer Themen in einem stockenden Gespräch. Und als Antwort bekam ich eine tolle Geschichten über Seekrankheit auf dem Polarmeer zu hören. Ich selber habe aber folgende Geschichte erzählt: Freundinnen von mir haben zufällig einen Typen in seinem Garten aufgestört, der meinte „Och nee, jetzt habt ihr mich beim meditieren gestört“ Er hat sie dann aber eingeladen irgendwann nochmal wiederzukommen. Das haben die auch gemacht und mich und ein paar Sixpacks mitgenommen. Wir saßen dann also einen Abend im Wohnzimmer dieses Menschen. Exakt die Sorte vor denen meine Mutter mich immer gewarnt hat. Ernsthafte Drogenvergangenheit, esoterische Wolfsbilder an der Wand, alles ein bisschen runtergekommen. Aber plötzlich sitzt dir ein wildfremder Mensch, dem du sonst nur an Flaschenrückgabeautomaten begegnen würdest, gegenüber und erzählt Dir, was er denkt, was er erlebt habt, fühlt und so weiter. Das war sehr überraschend und prägend. Und definitiv genauso interessant wie der Abend als ich mit Günter Grass Rotwein getrunken habe. Aber das ist eine andere Geschichte…

Du kommst vom Land – genauer gesagt aus dem Oberbergischen. Wie würdest du deine Kindheit und Jugend beschreiben?
„Da wo ich herkomm / stehn die Kühe auf den Wiesen / und seh´n aus wie / Götter aus grünem Gras / Hier sind die Eier frisch / und man kennt die Namen / der Tiere die man ist / Chorus: Das ist da, das ist da wo ich herkomm / das ist da wo ich herkommm … / Da wo ich herkomm / tragen Jungen Karohemden / trinken gerne Bier/ haben ordentliches Haar/ Die Mädchen machen gern eine Ausbildung / und sehen zuviel fern / das ist da…
(Bridge:) Nicht so viele Kneipen /aber jeden Menge Spaß / Fußballverein und Grillfleisch / barfuß durch das Gras / Repeat Chorus …“

Also so hab ich das jedenfalls 2000 beschrieben und da steckte ich ja noch mittendrin.
Mir war relativ früh klar ,dass ich das, was ich in meinem Leben machen wollte, dort nicht würde umsetzen können. Und das entspannt ungemein. Jedesmal wenn ich jetzt da bin freu ich mich über Freunde und Verwandte, die noch da sind (und entspannt sind), genieße die vielen Hügel und Bäume und reg mich auf, weil immer mehr zugebaut wird und die Bäcker, die diese großartigen Teilchen gemacht haben, alle zumachen. Dafür kommen da jetzt Billo-Vintage-Schreiner rein. Und die Kuhställe werden alle zu Wohnungen umgebaut. Überhaupt ein unterschätztes Thema: Gentrifizierung im ländlichen Raum.

Jörn1



Du hast schon als Kind auf der Bühne gestanden, du hast Schauspiel studiert, du warst am Stadttheater und du warst freier Schauspieler, du führst Regie, du hast in Spanien Theaterseminare gegeben, warst kürzlich auf einem Theaterfestival in Serbien und kommst auch so ziemlich rum. Was ist deine schönste, lustigste oder schrägste Anekdote aus der wunderbaren, wunderbaren, sexy Welt des Theaters?
Oh mein Gott. Theateranekdoten. Das ist für außenstehende meist gar nicht so lustig. (Haben mir schon einige Freunde nach Partys erzählt). Aber ich mochte es sehr, bei den Bayerischen Theatertagen 2006 in Bamberg mit einem ziemlich postdramatischen Stück eingeladen gewesen zu sein und von einem Zuschauer zu hören „Ich han sowas noch nie net gsehe aber desch war großartig.“

Copyright: Olaf Malzahn



Wie bist du zum Theater gekommen?
Auf dem Land. Da wird Vereinsleben ja noch großgeschrieben und ist auch ratsam, weil man als junger Mensch seine Energie irgendwie kanalisieren lernen will und soll. Mein sportlicher Ehrgeiz war eher begrenzt, auf Chöre hatte ich keine Lust und meine Begeisterung für christliche Jugendarbeit reichte nicht über die Rezeption hinaus. Zum Glück gab es eine offene und ehrgeizige Theatergruppe. Gegründet von Enthusiasten und dann von einem altgedienten Theatertier durchorganisiert. Da hab ich mich ab zwölf engagiert, Blut geleckt, ausprobiert. Ich hab da später dankenswerterweise viel Freiraum zum Ausprobieren bekommen.

Auf welches deiner vielen Projekte bist du besonders stolz?
Auf alle wo man nach neugierigen Probenwochen mit Stolz auf das Ergebnis blickt und sagt: So cool hatte ich es mir gar nicht vorgestellt. Ein paar Sachen aus meiner Landtheatervergangenheit gehören da rein, definitiv meine Lübecker Jugendclubs und natürlich meine Lesereihe „Prima Vista Social Club“, bei der ich einfach in Kneipen und an anderen tollen Or ten sitze, Texte vorlese und mit Menschen ins Gespräch komme. Die Resonanz auf diese simple Schnapsidee war so positiv, wie ich das selten erlebt habe und mit der Reihe auch nach zweieinhalb jahren gerne unterwegs bin.

Was ist das Coolste, das du je auf einer Bühne tun durftest?
Das Tolle ist ja, dass man relativ viele Sachen auf der Bühne macht, zu denen man sonst nicht ohne Strafanzeige kommt. Singen, tanzen, schießen, fechten, klettern, schreien. Das macht einen privat sehr entspannt (warum so viele Schauspieler so hysterisch sind, weiß ich auch nicht.) Viele Leute sprechen mich auch nach sechs Jahren immer noch auf „Werther“ an. So sehr man über das Mittel streiten kann: Vor einem Publikum mit 600 OberstufenschülerInnen komplett nackt eine drei Meter-Wand hochklettern war sowohl für die wie für mich ein spannendes Erlebnis.

Und was ist das Blödeste, das du je auf einer Bühne tun musstest?
Wenn man blöde Sachen auf der Bühne macht ohne dem Regisseur zu widersprechen, ist man selber Schuld und mault nachher nicht rum.

Welches ist dein größter, noch unerfüllter kreativer Traum?
Die perfekte Wohnung mit dem richtigen Menschen gemütlich machen.
Und natürlich ne Menge Zeug, das aber an der Finanzierung, eigenem Unvermögen und Ehrgeizlosigkeit scheitert. (Sorry, Hollywood und Frankfurter Buchmesse.)

Lass uns über Musik reden. Immerhin sind deine Compilations, die du an gute Freunde verteilst, fast schon legendär. Welches sind deine Lieblingssongs derzeit?
Vielen Dank für die Blumen. Musik zu teilen ist ja ne schöne Art, was über eigene Gefühle zu erzählen. Ich steh auf alles was raffiniert und überraschend ist und wühl gern in der Musik- und Popgeschichte. Momentan ist es Februar 2014. Ich hab ne Menge um die Ohren. Deshalb brauch ich Happy Music zum Zweitwohnsitz schönmachen und Hüften wackeln. Perfekt ist „Jeepster“ von T.Rex (gewinnt nach dem zehnten Hören). Die letzte CD (!) die ich mir dank der EbayGrabbeltischGlobalisierung aus Jersey bestellt habe: „Resident Alien“ von Spacehog. Eine zu unrecht vergessene Perle des 90er-Pops.

Jörn3 -thorsten wulff



Welches sind deine Lieblingsfilme?
Velvet Goldmine, Rumba, Labyrinth, Smoke, Stardust – das sind die, die ich alle anderthalb Jahre sehen muss. Ja, ich liebe witzigen Kitsch.

Mit welcher Person – egal ob realistisch oder unrealistisch, lebendig oder tot – würdest du gerne mal Tee trinken?
Das ist so ne Einsame-Insel-Frage… Da kann man nur verlieren. Im Moment aber mit meiner Freundin. Wir haben grad ne berufsbedingte Fernbeziehung und da zieh ich sie dem Dalai Lama definitiv vor.

Du bist einer der kreativsten Menschen, die ich kenne. Was inspiriert dich?
Offene Augen, Ohren, Herz.

Was macht dich glücklich?
Liebe Menschen in angenehmer Umgebung und dazu vielleicht noch ein frisch gezapftes Bier – reicht schon.

Hast du ein Lebensmotto?
Nicht mehr.

Hast du Vorbilder?
Leute, die mit Mut und Sorgfalt ihr Ding machen und dran bleiben.

Was ist der Sinn des Lebens?
Rumwuseln. (Hab ich zumindest auch 2000 so aufgeschrieben und je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass ich recht hatte.)


Jörn live gibt’s beim Prima Vista Social Club:

Mi, 26.03.2014, 20h – Diagonal, Kreuzstraße 12, Ingolstadt

Sa 26.4. , 20h – Feuerwerk, Hansestraße 24, Lübeck

So 18.5., 19.30h – Tonfink, Große Burgstraße 46, Lübeck

und Sa 21.6., 20h – „Mein schönstes Ferienerlebnis“ – Diary Slam – Theater Lübeck, Studio


Das Interview führte Melanie Raabe. 

Foto 1 und Foto 3 (von oben nach unten): Olaf Malzahn, http://olafmalzahn.de/

Foto 2 und Foto 4 (von oben nach unten): Thorsten Wulff, http://www.thorstenwulff.com/