Kategorie: Allgemein

Sasha, 39, Köln

Ich habe mich damit abgefunden, dass das Leben herrlich sinnlos ist, was auf mich sehr befreiend wirkt.

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Foto: Eva Kruse-Bartsch

 


Sasha! Du bist zum einen bildende Künstlerin – du malst klassisch mit Farben, du machst Street Art und du malst mit Licht. Erzähl doch ein bisschen, wie es dazu gekommen ist und was du an der bildenden Kunst liebst.

Sie bildet. Kunst macht das Leben schöner und manche Realität erträglicher. Wie wäre denn das Leben ohne Kunst? Es ist deprimierend, wenn man das Leben nur auf das Stillen der Grundbedürfnisse und auf die Funktion reduziert. Kunst fängt dort an, wo es Fülle gibt. Innere oder äußere. Kunst entspannt, regt an und bereichert. Sie ist durchaus lebensbejahend und bewegend. Sie steht über Politik und Grenzen, Sprachbarrieren und Regeln. Diese Sprache ist für jeden offen.
Es ist eine Welt, in der keine Lüge existiert, weil in der Kunst alles erlaubt ist.
Für mich ist Kunst ein Rätsel. Ich liebe auch die unendlich vielen Ausdrucksformen und Möglichkeiten. Kunst gibt mir die Möglichkeit, mich selbst zu kultivieren, zu entwickeln und neu zu entdecken, mich selbst zu überraschen.
Wie ist es dazu gekommen…? Als Kind habe ich gerne gemalt, wie jedes Kind es tut, dann habe ich ein paar Techniken gelernt und angefangen, meine Ideen zu realisieren. Dieser Prozess ist bei mir sehr langsam. Es gab Stadien in meiner Arbeit, in denen ich meine Träume, Depressionen, Ängste oder Beziehungen zum Ausdruck brachte. Ich arbeite mit dem, was gerade da ist, und wenn es zu persönlich ist, behalte ich es für mich. Manchmal bin ich voller Taten, manchmal ist es lau.
Seit 2007 male ich auch mit Licht, was sich technisch sehr von der klassischen Malerei unterscheidet, allein schon deshalb, weil du gar nicht vor dir siehst, was du gerade gemalt hast. Es wird erst später auf dem Foto sichtbar, und wenn es nicht gelungen ist, dann machst du es noch mal. Meine Kollegen von Lichtfaktor (Kölner Kollektiv von Light-Painting-Künstlern, Performern, Fotografen und Medienkünstlern, Anm. der Bloggerin) scherzen, dass ich nie zwei Sachen gleich malen kann…

 

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„Dream“ by Sasha Kisselkova

 


Außerdem schreibst du. Was liebst du am Schreiben?

Am Schreiben generell liebe ich meistens die Dinge, auf die ich ohne das Schreiben nicht kommen würde. Sie entstehen im Prozess. Durch das Schreiben lerne ich viel.
Schreiben ist auch Magie. Mich fasziniert, dass die Worte, die so immateriell sind, so eine unglaubliche Kraft haben können. Überhaupt: Die Sprache ist ein mächtiges Instrument. Und jede ist so anders. Jede hat eigene Dynamik und Atmosphäre. Auf Russisch schreibe ich ganz anders als auf Deutsch.
Außerdem ist es, praktisch gesehen, die günstigste aller Künste: fürs Schreiben brauchst du nur deinen Kopf, Papier und Stift, und dann hast du eine Welt erschaffen. Ist das nicht göttlich?
Dazu habe ich die Möglichkeit, mehrere Leben zu erleben und verschiedene Welten und Zeiten zu bereisen. Alles aus meinem Zimmer. Ich kann eine Königin oder eine Kriminelle werden, Mann oder Frau, oder beides, so wie ich will… und es ist alles genehmigt.

Wer sind deine Lieblingsautoren und warum?
Ich mag alles von zeitloser Klassik bis zu Unterhaltungsliteratur. Und ich liebe Märchen. Vor allem liebe ich Bücher, an deren Ende man traurig ist, dass die Geschichte vorbei ist.
Ich liebe Leo Tolstoi. Seine Beschreibungen und seine Liebe zum Detail sind unglaublich präzise. Es ist so spannend, in seine Welten einzutauchen und sie zu erleben, zu schmecken und zu riechen. Eigentlich hast du keine Wahl, er zieht dich hinein und lässt nie wieder los. Es gibt keine einzige Zeile, die ich kritisieren könnte. Durch seine Werke spricht er direkt zu deinem Unterbewusstsein.
Ich mag Dostojewski für sein Verständnis des Abgründigen in der menschlichen Seele und seinen schwarzen Humor, der manchmal so gnadenlos peitscht.
Mikhail Bulgakov hat mir damals in seinem „Meister und Margarita“ einen Anstoß gegeben, die Dinge neu zu betrachten.
Verwirrender Kafka, er erinnert an die Träume, die ich nie geträumt habe.
Mit Daniil Charms könnte ich sterben vor Lachen. Ich bin aber der Meinung, dass er nur auf Russisch funktioniert.
…Ilf und Petrov mit ihrem unverschämten Humor und ihren scharfsinnigen Beobachtungen der Absurditäten und mit ihrer Liebe zum Abenteuer, mit herrlichen Halunken und spitzfindigen Namen.
…Hermann Hesse mit seinen Seelenwanderungen und dem Drang nach Realisierung des Selbst.
Ich liebe Kortazar für die Alternative, die er in seinen Werken anbietet, für das Gefühl, was Leben bedeutet. Er hat mir mal den nötigen Tritt in den Hintern gegeben.
Salinger lese ich immer wieder. Er ist unsterblich.
Michael Ende finde ich toll. Er zeigt Kindern tolle Welten und geißelt die Erwachsenen für die verlorene Lebensfreude.
Mark Twain und Astrid Lindgren begleiten mich seit meiner Kindheit. Und autorenlose Märchen aus aller Welt, vor allem die Russischen.
Das erste Buch, aus dem ich vorgelesen habe, war das Dschungelbuch von Rudyard Kipling! Ich las das im Kindergarten für alle Kinder vor. Da waren noch ganz tolle Illustrationen drin…
Jorge Louis Borgues, Haruki Murakami, Gillian Flynn, Fred Vargas, Sir Arthur Conan Doyle, F.S. Fitzgerald… die Liste könnte unendlich lang werden. Und nicht zuletzt Melanie Raabe, die so gut wie gar nichts braucht, um eine Geschichte spannend zu gestalten. (Ich werde rot. Danke! Anm. der Bloggerin)

Wer sind deine Lieblingskünstler und warum?
Diese Palette ist auch sehr bunt, von Botticcelli und Bosch bis zu modernen Comic-Zeichnern und Streetart-Künstlern. An manchen Künstlern fasziniert mich die Technik, an den anderen die Aussagen und Ideen.
Ich liebe Gerhard Richters Wirkung auf mich. Jedes Mal, wenn ich ein Werk von ihm betrachte, bin ich verwirrt. Er ist ein Großmeister der modernen Kunst.
An Picasso mag ich mehr seine revolutionäre, unabhängige Art, seine Frechheit, die sich in seiner Kunst spiegelt, als seine Kunst selbst.
Ich mag Banksy. Ich hatte sogar dieses Jahr das Glück, sein Dismaland zu besuchen. Er präsentierte dort die Werke von ungefähr 50 Künstlern, und jeder von ihnen war erste Sahne! Es war ein großartiges Erlebnis.
Ich liebe Ernst Fuchs. Ich war eine Zeit lang so begeistert von der Energie in seinen Bildern und seinem Leben, dass ich auf einer Ausstellung von ihm an nichts anderes denken konnte, als ihn darauf anzusprechen, mich als Schülerin aufzunehmen. Ich habe mich nicht getraut.
Nikolai Roerich hatte ein unglaublich feines Gefühl für Licht und Farbe. Alles ist bei ihm so leuchtend und majestätisch still. Ich hätte gerne ein Bild von ihm!
Ich mag Faith47 dafür, dass sie meistens ihre großartigen Werke in Ghettos für die armen Menschen malt.
Die mutige Marina Abramovic. „The Artist is Present“ war meiner Meinung nach eine Heldentat. Die Frau ist großartig.
Dave McKean ist Kafka in der Kunst, er hat seine absolut eigene, unverkennbare Traumwelt und ist ein vielseitiger Künstler dazu.
Jon J. Muth ist ein sehr atmosphärischer Comic Gestalter. Er beherrscht verschiede Techniken von Aquarell bis Kalligrafie mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Ich mag auch, dass er seine Frau in jede Geschichte reinmalt.
Jim Avignon ist für mich ein Freund und ein Geheimnis. Er scheint an der Quelle der Ideen sein Haus gebaut zu haben und in einer anderen Zeitdimension zu leben. Sein Tag hat wahrscheinlich 40 Stunden… Ich weiß gar nicht, wann er das alles schafft. Er kann innerhalb eines Tages jede Halle mit tollen Bilder füllen und macht noch ein Konzert dazu.
BLU spiegelt unsere Gesellschaft auf riesigen Mauern. Mit wenig Mitteln bringt er es immer auf den Punkt.
DRAN finde ich so, so, so witzig. Ich liebe seine bösen Bilder.
Andy Kaufman finde ich genial und sehr überzeugend.
Und ich bin ein großer Fan von Steven Jay Russell, auch wenn er kein Künstler im traditionellen Sinne ist, eher ein Lebenskünstler. Ich finde, man sollte ihn frei lassen!
Ich liebe Vivienne Westwood, Yayoi Kusama, Scott Hampton, Raymond Lemstra, Laszlo Milasovszki, Trisha Brown, Nick Cave und viele mehr.
Und ich stehe auf alle jungen Künstler, die unsere Städte und Straßen schöner machen und uns zum Nachdenken und zum Lächeln bringen.

 

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Light Painting für Lichtfaktor by Sasha Kisselkova

 


Wo und wie bist du aufgewachsen?

Ich bin in Sibirien groß geworden. Oft umgezogen. Viel Zeit im Wald verbracht. Vielleicht zu viel. Im Winter und im Sommer war ich immer draußen. Ich habe viele tolle Orte und geheime Verstecke entdeckt. Ich erinnere mich nicht daran, dass meine Eltern ständig auf mich aufgepasst haben, so hatte ich völlige Freiheit. Ich hatte immer viele Tiere um mich herum. Hunde, Katzen, Vögel. Ich durfte jedes Tier mit nach Hause nehmen. Ich habe auch sehr viel gemalt und seit meinem fünften Lebensjahr viel gelesen.

Wie warst du als Kind?
Sehr neugierig und nicht besonders sozial. Ich war ein wenig wild, als ich mit sechs für ein Jahr in den Kindergarten musste. Aus dem Wald in die schreiende Zwergenmenge, es war hart. Ich habe dort sogar ein Mädchen gebissen, weil sie mir ein Buch über Papagaienarten weggenommen hatte und nicht zurückgeben wollte. Sie war größer als ich und wedelte vor mir mit dem Buch und provozierte mich mit „Na, hol es dir!“. Wir wurden danach beste Freundinnen.
Ich bin ständig aus solchen Anstalten wie Kindergarten oder Schule weggerannt und habe nach Abenteuern und Freiheit gesucht. Wenn ich keine Mitstreiter fand, machte ich es allein. Einmal rannte ich aus dem Kindergarten weg, weil ich keinen Mittagsschlaf halten wollte. Es war ein wunderschöner Herbsttag, rote und gelbe Blätter bedeckten den Boden, die Sonne schien, die Luft kann ich jetzt noch riechen und die Geräusche hören… ich nahm meine Sachen und floh durch das Toilettenfenster. Am Abend wurde meine Idylle mit Gebell von abgerichteten Hunden zerstört…
Ich glaube, ich war kein Traumkind für meine Eltern, wir hatten viele Konflikte, aber es war nie langweilig.
Ich war sehr wissbegierig und stellte viele Fragen. Lernen fiel mir sehr leicht, mich zu benehmen sehr schwer. Ich hatte ein riesiges Problem mit Autoritäten… Später hatte ich gute Freunde, mit denen ich sehr viele Dinge ausprobiert hatte, für die meine Eltern sich geschämt haben. Ich hoffe, sie werden eines Tages noch richtig stolz sein.

Was hat dich nach Köln verschlagen?
Es ist eine lange und gefährliche Geschichte. 😉 Um sie kurz zu halten und nicht zu viel dazu zu erfinden – die Lebensumstände waren so, dass ich umziehen musste, aber ich hatte auch nichts dagegen. Also betrachte ich es im Nachhinein als ein spannendes Abenteuer.

Was magst du an Köln?
Köln ist offen und international. Diese Stadt ist sofort mein Zuhause geworden. Es war die Liebe auf den ersten Blick, auch wenn die Stadt an sich nicht so viele schöne Anblicke anbietet – die Menschen hier sind fantastisch. Und der Dom!

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Eine dieser Personen ist meine liebste Freundin. Über Menschen wie sie sagt man, alles was sie anfassen, wird zu Gold. Außerdem hat sie eine tiefe Einsicht, kombiniert mit dem feinsten Sinn für Humor. Sie sollte Bücher schreiben!
Ich schwärme für den großzügigen Jay Gatsby (Protagonist aus F. Scott Fitzgeralds Roman „The Great Gatsby“, Anm. d. Bloggerin)
Ich liebe und bewundere Alexandra David-Neel. In ihre Zeit hatte sie so krasse Reisen unternommen, die für einen Mann schon fast unmöglich waren, geschweige denn für eine Frau. Als Jugendliche ist sie von Zuhause abgehauen, um von Frankreich nach Spanien mit dem Fahrrad zu reisen. Mit 57 ist sie zu Fuß nach Tibet gegangen, verkleidet und getarnt, weil Tibeter keine Ausländer hinein ließen. Sie war die erste westliche Frau, die dieses Land betrat. Sie ist mit fast 101 gestorben.
Jesus finde ich richtig cool. Aber nicht den leidenden, den man auf den Ikonen sieht, sondern den 100 Prozent lebendigen, freien und rebellischen.
Ich schwärme für Nick Cave. So ein vielseitiger, eigenartiger Künstler und intelligenter Mann. Es tut mir sehr, sehr leid, dass er seinen Sohn verloren hat.

Was ist das Schönste oder Aufregendste, das dir jemals passiert ist?
Das behalte ich für mich.

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Dass ohne schlechte Ereignisse manche guten Dinge nicht geschehen würden.

Erzähl etwas über deine bisher schönste, interessanteste und/oder aufregendste Reise!
Ich hoffe sie liegt noch vor mir. 😉
Aber ich denke immer wieder gerne an eine abenteuerliche Reise, die ich mit einer Freundin unternommen habe. Es war eine 17 Stunden lange Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Der Zug war voll, und wir bekamen keine Schlafplätze in einem geschlossenen Abteil, sondern ganz schlechte Sitzplätze im offenen Waggon neben der Toilette. Es war voll und lustig, es gab viele nette Mitfahrer. Einige hatten Musikinstrumente dabei, und wir sangen zusammen. Irgendwann, fast betäubt von Toilettengerüchen, sind wir in einen anderen Waggon gegangen, der besser war als unserer, lernten dort neue Menschen kennen und haben angefangen, mit ihnen über Gott und die Welt zu diskutieren. Die angesprochenen Themen führten zu großen Meinungsverschiedenheiten und kamen nicht gut bei der Zugpolizei an, den Kosaken. Wir wurden als Unruhestifter verhaftet. Sie brachten uns mit einem Konvoi in ihren komfortablen Polizeiwaggon, sperrten uns dort ein und stellten einen Wachmann vor die Tür. Zwei Kosaken saßen mit uns im Abteil. Erst haben wir über unsere Rechte diskutiert, die Situation und die Kosaken ausgelacht, was zu einem Redeverbot führte. Wir haben es auch ohne zu reden sehr gut verstanden, dass wir diese Reise ziemlich gemütlich fortsetzen können, wenn wir standhalten. In unserer Haft aßen wir gute Hausmannskost, konnten ausschlafen und haben uns dabei ordentlich beschwert über die Einschränkungen. Erst am Ende der Reise haben wir ihnen verraten, was für einen großen Gefallen sie uns getan haben. Zu dem Zeitpunkt haben wir uns schon fast befreundet und zusammen beim Biertrinken Karten und Domino gespielt.

Was inspiriert dich?
Liebe, Gerüche, Essen, Sounds, neue Erfahrungen aller Art, starke Charaktere.

Hast du Vorbilder?
Nicht wirklich. Es gibt Menschen, die ich liebe und Künstler, die ich bewundere, aber ich möchte die beste Version meiner Selbst sein.

Was macht dich glücklich?
Verliebt sein. Achtsamkeit, meine eigene und die der anderen. Ein gut gelungenes Projekt. Im Flow sein. Über eigene Grenzen hinaus gehen. Reisen. Kreieren. Erfüllte Träume. Tief berührt sein. Kleinigkeiten. Ich habe da eine Liste, die fünf Seiten lang ist.

Was ist der Sinn des Lebens?
Liegt er in der Vergänglichkeit? Oder vielleicht darin, das Leben schöner und spannender zu gestalten drum herum? Die Dinge zu schätzen, die man hat?
Ich habe als Teenager intensiv danach gesucht und bin verschiedenen Ideen gefolgt, habe Freunde mitgezogen. Ich habe alles Mögliche, aber keinen Sinn gefunden, und ich habe mich damit abgefunden, dass das Leben herrlich sinnlos ist, was auf mich sehr befreiend wirkt. So oder so muss man irgendwann alles loslassen.

Welche Frage habe ich vergessen zu stellen – und das, obwohl du so eine gute Antwort darauf gehabt hättest?
Ich hätte eher gerne eine Antwort gewusst. Was ist für dich der Sinn des Lebens?

 

Mehr über Sasha gibt es auf: https://www.behance.net/foryou 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: Eva Kruse-Bartsch. Bilder: Sasha Kisselkova.

 

Sabrina, 28, Siegen

„Einfach mal machen!

 

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Sabrina! Genau wie ich auch bist du in einer Kleinstadt namens Wiehl aufgewachsen. Wie war deine Kindheit?
Grün. Ich kann nicht genau sagen warum, aber ich empfinde meine Kindheit als grün. Grüne Wiesen, grüne Bäume und eine furchtbare grüne Leggins haben sich in meinem Kopf als Erinnerungen festgesetzt. Wahrscheinlich eine kognitive Dissonanz, weil ich eigentlich immer nur lesen wollte und man mich regelrecht zwingen musste, das Haus zu verlassen. Die städtische Bibliothek durchzulesen war eher mein Ziel als auf Bäume zu klettern oder Blumenkränze zu basteln.

Und deine Jugend?
Schnell. Vereine, Theater, Abi-Organisation. Von einem Projekt zum nächsten. Immer auf der Suche nach Beschäftigung, dem nächsten Projekt, in das ich mich einbringen kann. Auf der Suche nach der einen Leidenschaft in Zusammenarbeit mit spannenden Menschen.

Du hast eine Zeit lang Theater gespielt. Hat dir das was gebracht – abgesehen von Spaß?
In jedem Fall die Erkenntnis, dass ich Grenzen im Kopf habe, die zu schnell eingreifen, als dass ich frei Theater spielen könnte. Deshalb bin ich recht schnell auf die andere Seite gewechselt und habe versucht, kreative Köpfe in ihrer Kreativität zu unterstützen, indem ich Rahmenbedingungen schaffe. Das ist eher meine Stärke. Aber Theater spielen hat mir in jedem Fall die Freiheit gegeben, vor Menschen sprechen zu können. Wenn man dann noch in einer Zeit Theater gespielt hat, in der Sprechtraining mit Balladen auf dem Programm stand, weiß man, wie man „König“ ausspricht, man weiß wie man so atmet, dass man 1,5 Stunden lang deutlich, klar und kräftig sprechen kann und man weiß, wieviel Arbeit gute Rhetorik ist. Das hilft mir heute oftmals. Den ersten Tag eines zweitätigen Rhetoriktrainings kann ich mir für gewöhnlich sparen. Auch dass eine Bühne in Balance sein sollte, hilft mir bei meinen Präsentationen häufig. Und dass Theater und Literatur eine Leidenschaft ist, die ich, egal welche Karrierewege ich einschlage, nicht aufgeben möchte, das wird mir auch immer wieder klar, wenn ich an meine „Jugend“ zurückdenke.

Gehst du immer noch kreativen Hobbies nach? Welchen?
Zur Zeit leider nicht. Meine Promotion ist gerade mein Hobby. Ich habe im letzten Jahr alles andere aufgegeben, um mich völlig darauf konzentrieren zu können. Aber das wird sich bald wieder ändern. Denn es reicht einfach nicht. Bis 2014 habe ich zusammen mit ein paar extrem spannenden Leuten ein studentisches Wirtschaftsmagazin entwickelt und vermarktet. Dort habe ich mich an neuen Textsorten versucht, über Grafiken diskutiert und daran gearbeitet, Grenzen im Kopf zu überwinden. Das war eine unglaublich spannende Zeit! Mit Ingenieuren über Wörter zu streiten, mit Grafikern Farben und Designelemente zu diskutieren und mit BWLern zu diskutieren, ob auch philosophische Ansätze in einem Wirtschaftsmagazin ihren Platz finden dürfen, war unglaublich inspirierend. Ich war für die „Mädchen-Themen“ zuständig, in einer Gruppe voller Männer. Das hat viel Raum für anregende Diskussionen gegeben und war immer wieder spannend!

Du bist Juristin. War Jura schon immer der Plan? Was reizt dich an Jura?
Ich bin in der vierten Klasse aufs Gymnasium gegangen, weil ich Jura studieren wollte, habe in der siebten Klasse Latein gewählt, weil ich Jura studieren wollte, habe das Abi durchgezogen weil ich Jura studieren wollte und habe es dann schlussendlich nicht getan. Mein Sozialwissenschaftsleistungskurs war schuld. Da hatte ich einfach zu viel Spaß daran, ökonomische und politische Fragestellungen zu diskutieren. Deshalb habe ich Wirtschaftsrecht studiert, nach zwei Semestern noch ein Bachelorstudium in Literatur, Kultur und Medienwissenschaften begonnen, um heute in BWL zu promovieren. Ich finde Jura immer noch spannend, der Glaube an Gerechtigkeit und Regeln ist elementar, aber die Themen, mit denen ich mich derzeit beschäftige sind einfach spannender.

Bist du ehrgeizig?
Es war es mir nie wert, für eine Eins ein privates Projekt aufzugeben. Eine Drei hätte ich aber auch nicht akzeptieren können. In dem Rahmen spielt sich mein Ehrgeiz ab.

Was treibt dich an?
Selbstverwirklichung und der Drang, Sachen besser zu machen, als sie bisher sind.

Woran arbeitest du gerade?
Derzeit nur an meiner Promotion. Die muss fertig werden. Ich hatte einen Zeitplan, und wenn ich den einhalten will, dann muss die Promotion Prio 1 haben. Aber Folgeprojekte sind in meinem Kopf, ich muss mal anfangen andere Köpfe zu suchen, die Lust haben, neue Projekte mit mir zu verwirklichen.

Was wünschst du dir für deine berufliche Zukunft?
Selbstverwirklichung. Arbeit ist mehr als ein Beruf. Ich möchte nie das Gefühl haben, für Sachen bezahlt zu werden, die ich nicht machen möchte, im Sinne von „Arbeit ist Leid und Bezahlung Schmerzensgeld“. Wir arbeiten so viele Stunden am Tag, dass Arbeit ein elementarer Bestandteil unseres Lebens ist. Deshalb möchte ich mit meiner Arbeit was erreichen. Das kann ich mir im wissenschaftlichen Bereich vorstellen, weil ich Studenten mag, Familienunternehmen faszinierend finde und glaube, mit interdisziplinären Forschergruppen noch richtig viel erreichen zu können. Das kann ich mir aber auch in der Privatwirtschaft vorstellen, mit Menschen, die was mit ihrem Produkt erreichen wollen, die werteorientiert Gewinne erzielen und die nicht an das Hamsterrad und an „Ich muss leiden also musst du auch leiden!“ glauben, sondern an motivierte Arbeitnehmer, die mit und in dem Unternehmen etwas verändern wollen und dafür bereit sind, Leistung zu erbringen.

Und was wünschst du dir für deine private Zukunft?
Ausgeglichenheit. Familie und Freunde im näheren Umfeld als Erdung und Motivator.

Was würdest du anordnen, wenn du für einen Tag die Welt beherrschen würdest?
Ruhe. Ich selbst kann Nichts-Tun nur schwerlich ertragen, aber ich erkenne immer mehr, wie wichtig es ist, zur Ruhe zu kommen. Ich könnte mir vorstellen, dass wenn alle Menschen auf der Welt gleichzeitig einen Tag wie den folgenden verleben würden: Aufstehen, Frühstücken, ein Spaziergang, eine Stunde bei einer Tasse Tee schweigen und nachdenken, Kommunikation mit Menschen über die Dinge über die man nachgedacht hat, Mittagessen, ein Mittagsschlaf, eine Stunde schweigen und nachdenken, Kommunikation über die Dinge über die man nachgedacht hat, ein Spaziergang, Abendessen, Kommunikation bei einem Glas Wein über die Erkenntnisse des Tages, schlafen – … dass dann viele Probleme der Welt gelöst werden könnten.

Was inspiriert dich?
Kunstprojekte, Unternehmensgründungen und Gründer. Zuletzt hat mich eine Installation in Düsseldorf inspiriert: In Orbit. So dass ich zwei mal da war, um diese zu erleben. Kunst zusammen mit Ingenieuren entwickelt und umgesetzt. So eine starke Wirkung hatte selten etwas auf mich. Unternehmensgründungen und Gründer faszinieren mich immer wieder. Menschen, die aussteigen, um ihr Ding zu machen. Was es für unglaublich coole Projekte und Menschen gibt! Wäre ich doch nicht so furchtbar deutsch und risikoavers…

Was macht die glücklich?
To-do-Listen abhaken.

Was ärgert dich maßlos?
Ungerechtigkeit, Selbstgefälligkeit, Pseudoreligiöse, Umweltverschmutzung, Werbung in guten Filmen, schlechtes Essen …

Hast du Vorbilder? Helden?
Das wechselt immer mal wieder. Menschen, die Verantwortung übernehmen und für Ideen einstehen und sich nicht vom System einengen lassen, es aber dennoch berücksichtigen und in ihm agieren finde ich großartig. Ich glaube nicht daran, dass Fähnchen im Wind, die immer den untersten Weg gehen nur um nicht anzuecken, erfolgreich und glücklich werden. Gründer und Gründerinnen sind oft dabei. Immer wieder verneige ich mich vor meiner guten Freundin Katharina, die sich mit Lokaldesign in Hamburg immer und immer wieder neu erfindet, die kämpft, um Lokaldesign am leben zu erhalten, besser zu machen und diese eine Idee die Idee ihres Lebens werden zu lassen. Es gibt Wissenschaftler in meinem Feld, von denen ich lernen will. Mein aktuelles Vorbild ist in jedem Fall Nadine Kammerlander, weil sie mich immer wieder an den Punkt bringt zu fragen: „Wie macht sie das bloß?“ 2014 warst du meine Heldin, ich bin gespannt wer es 2015 wird.

Hui! Also erstens: Danke für das Kompliment! Und zweitens: Wer oder was hat dich in deinem Leben am meisten beeinflusst?
Literatur, gute Filme und meine Zeit in der studentischen Unternehmensberatung. Dass ich mich für den Literaturwissenschaftsbachelor entschieden habe, hat mich definitiv am meisten geschult im Denken und in der Möglichkeit, Sichtweisen zu ändern. Und meine Zeit in der studentischen Unternehmensberatung hat mich präsentieren, diskutieren und moderieren gelehrt. Ich habe während dieser Zeit so spannende Menschen kennengelernt. Keine Diskussion, kein Konzept, kein Projekt und keinen kennengelernten Menschen würde ich missen wollen.

Wie würdest du dich in drei Worten selbst beschreiben?
Leidenschaftlich, kritisch und streitbar.

Was glaubst du, wie andere dich in drei Worten beschreiben würden?
Strukturiert, ehrgeizig, durchdacht.

Hast du ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Ich glaube an Lebensabschnitte und an deren eigenes Gefühl. Deshalb ändern sich die Mottos auch ständig. Zur Zeit fühlt sich mein Leben an wie ein Marathon in dem es gilt durchzuhalten, dennoch halte ich an einem Grundsatz fest: „Einfach mal machen!“

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: privat.

 

Renate, 38, Gummersbach

„All you need is love!“



Renate


Renate! Ich habe das Gefühl, dass es kaum einen optimistischeren, ausgeglicheneren Menschen als dich gibt. Wie zum Teufel machst du das?
Danke. Vermutlich hat meine Mutter zu dieser Entwicklung einen großen Teil beigetragen. Sie war schwer krank und starb früh. Sie hat an mich geglaubt und mich unterstützt, wo sie konnte. Sie hat mich oft zum Lachen gebracht. Ich war als Kind und Jugendliche bereits Pflegeperson meiner Mama. Ich habe sie gefüttert, sie an- und ausgezogen, sie gewaschen, den Popo abgewischt … das volle Programm. Durch ihre schwere Krankheit wurde mir jeden Tag vor Augen geführt, wie glücklich ich mich schätzen darf, gesund und unabhängig zu sein.
Ich habe zahlreiche Interessen, einen vollen Terminkalender und liebe es, Neues kennen zu lernen. Das macht mich zu einem recht ausgeglichenen und optimistischen Menschen. Aber du kennst meine düstere melancholische Seite noch nicht. Ich kann unheimlich gut leiden. Mit der entsprechenden Musik geht das noch besser. Dann schwelge ich in Melancholie und gebe mich aussichtslosen und sehnsuchtsvollen Gedanken hin. Das macht bis zu einem gewissen Grad sogar Spaß! Und wenn dann das Unwiderrufliche und noch Unerreichte in meiner Gedankenwelt durch genügend Tränen aus meinem Bewusstsein gespült wurde, widme ich mich wieder dem Sanguiniker in mir und den großartigen Möglichkeiten und Menschen um mich herum. Die melancholische Seite findet natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, ohne Publikum, meist in den sonnenarmen Monaten oder beim Tango. Da kann ich die schwerfälligen Gefühle zu passender Musik einfach wegtanzen. Aber danke für das Kompliment, welches ich an dieser Stelle gerne an dich zurückgebe. Du gehörst zweifelsohne zu den optimistischsten Menschen, die ich kenne und zu den Menschen, die überall das Gute sehen, und das finde ich inspirierend und erstrebenswert. Energy flows where attention goes! Ich versuche meinen Blick auf das Schöne und Gute zu richten und auf den Weg nach vorne. Es gibt keinen Weg zurück und der Weg, der vor uns liegt, hält noch so manches Abenteuer parat. Jeden Tag. Ist das nicht der Wahnsinn? Sich Wünsche zu erfüllen, dankbar zu sein und das zu tun, was einen glücklich macht, sind der einfachste Weg zu Ausgeglichenheit und Freude am Leben.

Schön gesagt. Danke! Glaubst du eigentlich, dass es dich geprägt hat, dass du in Polen geboren bist? Wie lange hast du da gelebt und sprichst du eigentlich Polnisch?
Ich bin bis zu meinem fünften Lebensjahr in Polen aufgewachsen. In Deutschland wurden meine Eltern dazu aufgefordert, nur noch deutsch mit mir und meiner jüngeren Schwester zu sprechen. Das ist ein Grund dafür, das mein Polnisch es nie über die Kindergartensprache hinausgebracht hat und sich im Laufe der Jahre in den hintersten Synapsen-Knoten meines Gehirns verschachert hat. Ich kann nach dem Weg fragen und verstehe vieles, eine längere Konversation kann ich leider nicht mehr führen. Schade.
Die fünf Jahre in Polen und der Verlust meiner Muttersprache haben dazu geführt, dass ich mich eine lange Zeit meines Lebens in Deutschland fremd gefühlt habe. Keine richtige Deutsche aber auch keine Polin. Als junge Erwachsene habe ich oft gesagt, ich sei Europäerin, hat man mich nach meiner Herkunft gefragt. So fühle ich mich auch heute noch, denn ich reise unheimlich gerne und habe viele Eindrücke und kulturelle Besonderheiten der unterschiedlichen Nationen in mich aufgesogen.
Meine Kindheit in Polen war geprägt von Freiheit und Wildnis. Hinter keinem Busch hat sich eine Mutter versteckt, um nach dem Rechten zu schauen. Wenn es dunkel wurde, musste man zu Hause sein, das war die Regel. Ich habe auf sandigen Straßen gespielt, auf denen kein Auto fuhr und wenn, dann war das die Attraktion des Tages. Im Winter sind wir mit der Pferdekutsche durch den Wald gestreift, hinten dran eine Kette aus dreißig Schlitten mit vielen lachenden Kindern. Wir hatten ein Pferd. Es hieß Lalka, zu deutsch: Puppe. Ich erinnere mich an ein Foto, auf dem ich kleiner Knirps unter dem Pferd stehe, mein Kopf berührt knapp seinen Bauch. Irgendwie sieht das sehr geborgen aus.
Meine Zeit in Polen hat mich insofern geprägt, als ich als Kind von allen Vorteilen des Sozialismus profitieren konnte. Es gab ein großes Miteinander. Die Menschen hatten sehr wenig, doch sie hielten zusammen, feierten viel und halfen sich, wo sie konnten. Das habe ich später in Deutschland nicht mehr so wahrgenommen. Während meine Schulkameraden in den All-Inklusive-Urlaub nach Spanien oder Griechenland flogen, reisten wir in den großen Ferien in den Polenurlaub nach Masuren in Ostpreußen, wo ich geboren wurde. Ein zauberhafter Fleck Erde. Damals brauchte man ein Visum und musste durch die ehemalige DDR fahren. Überall standen bewaffnete Grenzsoldaten und schauten finster drein. Das Auto, bis oben hin bepackt mit Kaffee, Schokolade und Gummibärchen – Luxuskonsumgüter, die in Polen nicht gerade erschwinglich waren – rüttelte und schüttelte sich im Takt der alten Beton-Autobahn aus Hitlers Zeiten. Es war jedes Mal eine große Erleichterung, die Grenze zu passieren und endlich auf den Landstraßen Polens mit vielen Pferdekutschen und Autos wie aus einer anderen Welt, gelandet zu sein. Damals fuhren so wenige deutsche Autos, dass es jedes Mal ein Highlight war, einen Wagen mit deutschem Kennzeichen zu sehen. Lichthupe, anhalten und kurzer Austausch über Herkunft und Ziel inklusive. Polen war für mich als Kind und Jugendliche immer ein märchenhaftes Land. Ich durfte dort viele Abenteuer erleben. Nachts im Wald beim Lagerfeuer Würste auf dem Stock grillen, im kleinsten Auto der Welt, dem Fiat Bambino, zu acht Mann über buckelige Sandstraßen zur nächsten Dorfdisko fahren und immer und überall die betörende Weite des masurischen Himmels genießen. Polen, insbesondere Masuren, war für mich immer ein Land mit zauberhaften, freundlichen, lachenden und herzlichen Menschen, mit einem unermüdlichem Improvisationstalent. Ein Land mit einer fast beschämenden Gastfreundlichkeit, reich gedeckten Tischen mit allem, was die Jahreszeit so gerade her gab. Was in dem Land nicht wuchs oder gedieh, gab es einfach nicht. Alles war so natürlich und ursprünglich. Als in einem Sommerurlaub plötzlich Plastiktüten beim Obsthändler auftauchten, musste ich fast weinen, und als wenig später tatsächlich großformatige Werbeplakate an den Hauswänden hingen oder neben dem Ortseingangsschild die verschiedensten Produkte darboten, rollten tatsächlich die Tränen. Mein unschuldiges Märchenland hatte seine Seele verloren, und den Kapitalismus mit all seinen Nebenwirkungen gefunden.
Vielleicht sind mein soziales Wesen, mein Improvisationstalent und mein Helfersyndrom tatsächlich in meiner Herkunft begründet. Die Liebe zu Menschen der verschiedensten Kulturen, Gemeinschaft haben und feste Feiern, mit Tischen, wo sich die Balken biegen, sind auf jeden Fall Resultat meiner Herkunft und meiner Reiselust.

Du hast an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie studiert. Zudem hast du schon als Teenager auf Theaterbühnen gestanden. Welche Kunstform ist dir näher, Schauspielerei oder Regie?
Puh… die Frage meines Lebens! Mein Herz lacht und ist voller Freude, wenn ich als Schauspielerin auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen darf. Ich liebe es, eine Rolle mit Leben zu füllen und genauso liebe ich es, ein Werk zu erschaffen und als Regisseurin Sparringspartnerin der Schauspieler zu sein, um aus ihnen das Beste für das Gesamtkunstwerk heraus zu holen. Ich habe lange Zeit meines Lebens damit geliebäugelt, Schauspielerin zu werden. Zur Regie kam ich erst durch meine Ausbildung als Mediengestalterin in Bild und Ton beim WDR in Köln. Während des dritten Lehrjahrs kursierte ein Hochglanzmagazin der Filmakademie Baden-Württemberg in unserer Mediengestalter-Klasse. Alle waren fasziniert davon und meinten, wenn man hier aufgenommen würde, hätte man es geschafft. Ich hatte damals meiner Verwandtschaft zuliebe den Wunsch, Schauspielerei zu studieren, an den Nagel gehängt und eine „ordentliche“ Ausbildung begonnen. Zum Ende des dritten Lehrjahrs juckte es mich wieder in den kreativen Fingerspitzen, und so bewarb ich mich mit einigen meiner Ausbildungskameraden an der Filmakademie in Ludwigsburg und wurde genommen. Dies sah ich als Zeichen, vor allem, weil einige der meiner Meinung nach sehr begabten Mitbewerber nicht angenommen wurden. Ich kündigte meine unbefristete Stellung beim WDR und ließ mich auf das Abenteuer Regiestudium ein. Schon während des ersten Studienjahres vermisste ich die Schauspielerei so sehr, dass ich mich an einer Schauspielschule bewarb und ebenfalls genommen wurde. Die erste Hälfte meines zweiten Regie-Studienjahres verbrachte ich zum größten Teil an der Schauspielschule. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber ich hatte stets das Gefühl unterfordert zu sein. Ich wollte etwas Neues lernen und entschied mich für das Regiestudium. Irgendwann werde ich in meinem eigenen Film als Schauspielerin mitwirken, hatte ich damals beschlossen.

Welches war die wichtigste Lektion, die du während deines Studiums gelernt hast?
Nicht alles, was glänzt ist Gold, und der Weg zum Ziel ein hart umkämpfter! Wir waren privilegiert in Ludwigsburg. Acht Studenten in einem Kurs. Unsere Kantine war das Szene-Café „Blauer Engel“. Unser Campus, mitten in der schwäbischen Kleinstadt Ludwigsburg, gelegen wie ein Mikrokosmos. Ein Ort voller kreativer Köpfe aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Ein Ort, wo Magie, ewige Geschäftigkeit und Glamour auf ehrgeizige Kreative und Egozentriker trafen, ein Ort, der Konkurrenzkampf begünstigte, um auf das spätere so harte Filmgeschäft vorzubereiten. Für die einheimischen Ludwigsburger selber wohl auch ein Ort wie ein fremder Planet mit vielen Außerirdischen fernab von jeglicher schwäbischer Normalität. Während meines Studiums habe ich sehr viel Neid, Größenwahnsinn und die verrücktesten Psychosen erlebt. Genialität und Wahnsinn liegen ja oft nah beieinander. Lektionen habe ich in Ludwigsburg sehr viele gelernt. Die wichtigste war wohl, sich für Projekte mit positiven Menschen zusammen zu schließen, mit Menschen, die eine gewinnbringende Zusammenarbeit fördern und die eigene künstlerische Vision teilen bzw. unterstützen. Einer meiner Kommilitonen meinte in meinem ersten Studienjahr zu mir, einen Film zu drehen sei wie Krieg führen. Lange Zeit ging ich mit seinen düsteren Worten schwanger, denn tatsächlich kommt man bei dem Unterfangen Filmproduktion schnell an seine Grenzen und muss für seine Vision kämpfen. Im Laufe der Jahre konnte ich die Kriegsmetapher durch ein anderes Bild für mich ersetzen. Eines, das viel besser zu mir passt: Einen Film zu drehen ist wie Ballett. Stetig im Balanceakt und im Kontakt zu seinen Mittänzern für die perfekte Choreographie.

Was war dein stolzester kreativer Moment?
Auszeichnungen machen stolz und setzen unheimliche Glücksgefühle frei. Ich bin im Quadrat gehüpft, als ich erfahren habe, das mein Diplomfilm „Weiße Ameisen“ mit dem ARD CIVIS Preis für Integration und kulturelle Vielfalt prämiert wird. Positives Feedback von Kollegen, die gerne mit mir zusammen arbeiten, erfüllt mich ebenso mit Stolz und Dankbarkeit wie beflügelte Kommentare ergriffener Theaterbesucher nach einer Darbietung als Schauspielerin. Einen einzigen Moment kann ich gar nicht hervorheben.

Mit welcher Schauspielerin oder welchem Schauspieler würdest du gerne mal drehen?
Johnny Depp. Definitiv. Sophia Loren, Juliette Binoche, Robert de Niro, Jonathan Rhys-Meyers und da gibt es noch einige andere internationale Größen, wo ich zerplatzen würde vor Freude, wenn ich mit ihnen drehen könnte. Quatsch mit Soße. Wahrscheinlich würde ich vor Ehrfurcht im Boden versinken und jemand anderes müsste meinen Job übernehmen. Auf dem nationalen Feld stehen Hannelore Elsner, Nadja Uhl, Jürgen Vogel, Matthias Schweighöfer und Benno Führmann auf meiner Wunschliste ganz oben. Hey, das wäre doch eine schöne Kombi für einen spannenden Ensemblefilm und eine internationale Co-Produktion. Jetzt fehlt nur noch das Drehbuch. Wie schaut es aus Melanie? Hast Du Lust?

Aber immer, liebe Renate! Aber lass uns das später besprechen. 😉
Du bist sehr erfolgreich und enorm produktiv. Hast du noch unerfüllte, kreative Träume?

Oh, danke für die Blumen, Melanie. Tja, einen unerfüllten Traum habe ich soeben in der vorherigen Antwort genannt, wie gesagt, fehlt nur noch das Buch. Nach meinem Regiestudium bin ich sehr schnell in die Fernsehwelt eingetaucht und habe für viele unterschiedliche Serienformate gedreht. Meinen Debüt-Langspielfilm drehen und die Goldene Palme in Cannes gewinnen, stehen noch auf meiner To-Do-Liste. Klar. Ich habe noch hunderte unerfüllte kreative Träume. Das Leben ist zu kurz, um keine Träume zu haben, und jeder tut gut daran, einige von ihnen in Erfüllung gehen zu lassen.

Da stimme ich dir vollkommen zu. Hast du eigentlich einen absoluten, ultimativen Lieblingsfilm?
Den ultimativen Lieblingsfilm gibt es nicht, aber viele, die ich mehrfach gesehen habe oder die mich sehr beeinflusst und inspiriert haben. Dazu gehören Filme von Pedro Almodóvar, Krystof Kieslowski, Emir Kusturica, Lars von Trier, Tom Tykwer und James Cameron. Einen Lieblingsregisseur habe ich nicht.

Du reist gerne. Was war dein schönster Trip?
Tatsächlich waren die schönsten und intensivsten Trips diejenigen, bei denen ich für längere Zeit und alleine unterwegs war. Wie eine Therapie. Voller Abenteuer, Freiheit und seelischer Erneuerung. Südamerika und Asien, ich kann keine Präferenz geben, dafür waren die Reisen zu unterschiedlich. In Asien habe ich tauchen gelernt, war in einem buddhistischen Kloster und habe wilde Full-Moon-Partys an den thailändischen Stränden gefeiert. In Südamerika bin ich an der chilenisch-argentinischen Grenze in den Anden auf 5000 Meter Höhe rumgekrackselt, habe an den wunderschönen Küsten Brasiliens gebadet und in den ältesten Tangosalons von Buenos Aires mein Tanzbein geschwungen.

Was fasziniert dich am Tangotanzen? Denn das ist ja eines deiner liebsten Hobbys, oder?
Ich liebe es zu tanzen, egal ob auf elektronische Beats während einer vernebelten Party oder ganz klassisch im Tanzsalon. Beim Tanzen nutze ich meinen Körper, um mich auszudrücken und bringe mein Innerstes nach außen. Tango ist der Tanz des Herzens. Ich bin völlig erfüllt, wenn ich mit einem Tanzpartner in die Symbiose zur Musik gehe. Ich bin im Flow und mein Herz lacht und weint gleichzeitig, gerührt von den harmonischen Bewegungen und Drehungen im Tanz, sich verzehrend vor Sehnsucht und Melancholie durch den virtuosen, erdigen und so archaischen Klang des Bandoneons und des leidenschaftlichen Gesangs.

(Renate hat sich gewünscht, dass ich meinen lieben Leserinnen und Lesern an dieser Stelle ein Lied präsentiere, was ich gerne tue. Anmerkung der Bloggerin)

Ich habe mich schon als junges Mädchen dem Tango verbunden gefühlt. Ich weiß auch nicht genau warum. Ich habe einen Film gesehen und war seitdem verzaubert und wollte ebenfalls Tango tanzen. Vielleicht, weil der Tango so archaisch und temperamentvoll ist, voller Leben und Kreativität. Bei diesem Tanz wird einem niemals langweilig, denn er lebt von Improvisation. Kein Tanz ist gleich. Ich tanze auch Standard, Latein und karibische Tänze wie Salsa und Bachata, aber Tango Argentino ist definitiv mein Lieblingstanz. Mir gefällt auch die Kultur des Aufforderns. In Deutschland fordern auch die Frauen auf, in Argentinien ist diese Rolle natürlich immer noch nur den Männern vorbehalten. Ich selber kann nicht so gut auffordern. Aus Angst vor einer Ablehnung bleibe ich lieber sitzen und warte, bis mich jemand auffordert. Ich kann die Jungs gut verstehen, die ebenfalls große Angst vor einem Korb haben und sich nicht trauen, aufzufordern. Bei mir gäbe es deshalb sowieso keinen Korb. Never! Der Mut muss belohnt werden. Es ist verrückt, wenn ein wildfremder Mensch dich umarmt, man also als Paar in Tanzhaltung geht und die Energien fließen, bis man sich plötzlich im Gleichklang zur Musik bewegt. Was dabei heraus kommt, ist mit jedem Tanzpartner anders. Beim Tango verbinden sich zwei Körper, zwei Herzen und zwei Seelen im Rhythmus der Musik zu einem Ganzen für die Dauer eines Liedes. Ist der Tanz gelungen, strahlen sich zwei Augenpaare an. Ganz ehrlich: Tango ist fast so schön wie Liebe machen. Ich bin sehr dankbar, dass ich mir einen meiner großen Träume, in Buenos Aires Tango zu tanzen, bereits erfüllen konnte. Vielleicht sollte ich Mal einen Tango-Film drehen. Oh ja.

Wie erholst du dich am Liebsten?
Im Bett, auf dem Tanzparkett und im Düsenjet… ab in die Ferne!

Was würdest du dir von der berühmten guten Fee wünschen?
Liebe für alle! Einen 1963 Ferrari 250 GTO und ein lebenslang gültiges Around-the-World-Ticket.

Was inspiriert dich?
Die Natur, Musik, Kunst und Menschen, die aus dem nichts etwas geschaffen haben und immer wieder neue Ideen haben, um etwas zu starten.

Hast du ein Lebensmotto?
All you need is love! Tanze, als ob dir niemand zusieht, singe, als ob dich niemand hört, und liebe, als wärst du nie verletzt worden.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Foto: privat.

 

Mara, 29, Göttingen

„Mir kam niemals auch nur die Idee, dass ich nicht das Leben leben könnte, das ich leben wollte.“



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Mara, Du betreibst – offensichtlich mit viel Liebe und hohem zeitlichen Aufwand – den wunderbaren Literatur-Blog „Buzzaldrins Bücher“. Wie bist du zum Bloggen gekommen?
Ich war viele Jahre lang in einem Bücherforum aktiv – in der Büchereule. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich gerne mehr Raum für meine Besprechungen über Bücher haben möchte. Wenn ich lese, dann gehen mir immer so viele Worte und Gedanken durch den Kopf, die ich gerne dazu aufschreiben würde. Die Entscheidung, mir einen Blog einzurichten, ist dann relativ spontan gefallen, doch ich bin dabei geblieben und kann mir ein Leben ohne „Buzzaldrins Bücher“ heutzutage nur noch schwer vorstellen.

Wo bist du aufgewachsen?
Im hohen Norden, genauer gesagt in Bremen. Weggezogen hat es mich von dort erst, als mein Studium begann – über Bayreuth und Dresden hat es mich dann nach Göttingen verschlagen. Noch heute vermisse ich das Wasser und den Hafen mit all seinen Gerüchen.

Hast du einen „day job“? Welchen?
Ich habe Germanistik studiert und mit einer Masterarbeit über Uwe Tellkamp abgeschlossen – das Thema war naheliegend, denn ich habe damals in Dresden gelebt. Nun bin ich schon eine ganze Weile auf Jobsuche. Ich würde natürlich gerne in einem Verlag arbeiten und glaube auch, dass ich ganz gute Kenntnisse habe. Wer also das hier liest und einen Job zu vergeben hat: immer her damit!

Welche Menschen – ganz egal, ob aus deinem persönlichen Umfeld oder große Denker der Weltgeschichte – haben dich am meisten beeinflusst?
Am meisten beeinflusst hat mich wohl mein Hund Bandit, er ist kein Mensch und sicherlich auch kein großer Denker der Weltgeschichte, aber er ist mein ganz persönlicher Held. Seit einem schweren Unfall vor einigen Jahre ist er behindert, aber er hat nie seine Lebenslust verloren. Ich kenne kaum jemanden, der so viel Freude daran hat, da zu sein, wie Bandit und durch seinen ganz besonderen Blick auf das Leben, der nur nach vorne ausgerichtet ist, ist er mir ein ganz großes Vorbild.

 

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Was inspiriert dich?
Gute Bücher, gute Texte. Bei mir funktioniert fast alles über das geschriebene Wort. Aber auch die Natur inspiriert mich, genauso wie gute Gespräche.

Was macht dich glücklich?
Lange Spaziergänge durch den Wald. Kuschelstunden mit dem Hund. Überhaupt: das Zusammensein mit den Menschen, die ich liebe.

Was ist das Schönste, das dir je passiert ist?
Wahrscheinlich all das, was in den letzten dreieinhalb Jahren rund um meinen Blog geschehen ist. Ich habe wahnsinnig tolle Menschen kennengelernt, interessante Gespräche geführt, durfte Autoren und Autorinnen interviewen, habe Verlage von innen besichtigt. Ich glaube, dass ich mir all das nie habe erträumen können, als ich meinen Blog eingerichtet habe. Ich bin mir nicht sicher, ob es das Schönste ist, aber es sind wunderbare Erfahrungen, die ich machen durfte.

 

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Hast du Vorbilder? Helden?
Ich habe ein Vorbild in meinem Arbeitsbereich und ich glaube auch, dass es ganz wichtig ist, bei dem was man tut, Vorbilder zu haben. Mein Vorbild ist Karla Paul, die irgendwann auch einmal gebloggt hat und jetzt wieder damit anfängt, mittlerweile aber auch in einem Verlag arbeitet – bei Hoffmann & Campe. Ich bewundere sie für ihr unermüdliches Engagement und frage mich manchmal, ob ihre Tage nicht doch 48 Stunden haben. Es gibt noch nicht viele Menschen, die beides vereinen, was ich so liebe: gute Bücher und den gemeinsamen virtuellen Austausch darüber. Ich hoffe, dass ich als Bloggerin irgendwann selbst zum Vorbild für andere werden kann: ich gebe gerne Ratschläge und freue mich immer dann, wenn ich andere Blogger und Bloggerinnen unterstützend und helfend begleiten kann.

Hast du ein Lieblingszitat oder Lebensmotto?
Mein Lebensmotto ist zugleich Lieblingszitat und ich habe es mir bei Susan Sontag geklaut, die diese wunderschönen beiden Sätze gesagt hat: „Mir kam niemals auch nur die Idee, dass ich nicht das Leben leben könnte, das ich leben wollte. Ich dachte, ich gebe einfach nicht auf.“

 

Das Interview führte Melanie Raabe.
Alle Fotos: privat.

 

Rikje, 32, Hannover

„Den Blick auf das Gute wenden“

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Isabelle Hannemann




Rikje! Wenn ich versuche, mir dich als Kind vorzustellen, dann taucht vor meinem inneren Auge ein sehr cooles, sehr wildes kleines Mädchen auf, das auf die höchsten Bäume klettert und vor praktisch nichts Angst hat. Liege ich richtig? Wie war deine Kindheit?
Auha, nun kommt meine wahre Seite zum Vorschein. All diejenigen, die dachten, ich hätte bereits mit sieben Jahren Dreadlocks gehabt, da ich wild geknurrt habe, sobald meine Haare geschnitten oder gewaschen werden sollten, liegen leider falsch. Ich habe sogar, es fällt mir schwer das zu sagen, Matrosenkleidchen getragen, wenn es einen festlichen Anlass gab (jeder Mensch hat irgendwie ein Kindheitstrauma – danke Mama!). ABER: Deine Interpretation ist nicht ganz falsch. Meistens hat mich mein großer Bruder mitgenommen (von dem ich übrigens die alten Kleidungsstücke auftragen musste – das hat mich aber auch nicht sonderlich gestört um ehrlich zu sein), und dadurch kroch ich durch Matsch und Sand, versuchte mit meiner zarten Mädchenstimme grunzende und brutal klingende Geräusche nachzumachen und wurde eigentlich immer irgendwie geduldet. Mein großer Bruder hat mich aber überwiegend ohne Diskussionen im Schlepptau gehabt. Das hat sich ausgezahlt, dafür habe ich statt einer langweiligen Hochzeitsrede einen Text für ihn geschrieben, der die Geschichte des kleinen Zahnlücken-Cowboys auf der Suche nach der perfekten Frau erzählte. Aber die Jugend meines Bruders bot auch einfach das perfekte Futter für einen solchen Text.

Und wie war deine Jugend?
Oh, meine Jugend. Mein kleinster Bruder – ich habe noch zwei kleinere Halbbrüder – steckt mitten im kleinen Horrorladen namens „Pubertät“. Ich bin so unendlich dankbar, dass ich das hinter mich bringen durfte. Alles war peinlich. Selbst atmen in einigen Situationen. Ich war äußerst schüchtern, was Jungs betraf, in die ich „verknallt“ war. Kein Wunder, denn dadurch, dass ich nicht mehr atmete (die Nase könnte dabei ja komische Geräusche machen), sagte ich keinen Ton und rannte ziemlich schnell weg, um nicht zu ersticken. Somit war meine Jugend äußerst behütet – neben den üblichen Streitereien mit den peinlichen Eltern. (Wie sich das Blatt auch wendet: Heute bin ich ihnen eher peinlich – sehr witzig!) Also, Jugend-Rikje begann mit „Bravo“ lesen, in enge Hosen mit Schlag und übergroße Pullis gekleidet „Kelly Family“- und „Backstreet Boys“-Konzerte besuchend. (Jaja, lacht ihr alle). Mit fünfzehn oder sechzehn wurden es dann Hardcore- und Punk-Konzerte. Zum Glück, sonst wäre ich wohl heute noch Jungfrau.

Was wolltest du als Kind gerne werden, „wenn du mal groß bist“?
Da ich bei meinen Großeltern immer viel fernsehgucken durfte – ich bin die Tochter einer Pädagogin –, guckte ich auch viel die Fernsehserie „Quincy“. Damals war mir nicht klar, dass er Rechtsmediziner sein sollte, da er so viel im Gerichtssaal stand. Dadurch dachte ich immer, es wäre total aufregend Anwältin zu sein. Nun, Anwältin bin ich nicht geworden, scheint als hätte mein Verstand dann doch noch gesiegt.

Und was bist du geworden bzw. was wirst du?
Da mein Abi nicht den besten Schnitt hatte, war mir klar, dass das mit meinem Gedanken, „Tiermedizin“ zu studieren, schwierig werden könnte. Somit kombinierte ich knattertonartig und entschied mich dafür, eher ein Medizinstudium anzustreben. Zumindest war die Wartezeit etwas kürzer. Glücklicherweise war ich schlau genug zu wissen, dass ich bestimmt drei Jahre hätte warten müssen, und so begann ich eine Ausbildung zur examinierten Krankenschwester (heute: Gesundheits- und Krankenpflegerin). In meiner Ausbildung bemerkte ich die sehr dominierenden negativen Seiten des Medizinerlebens. Mein einer Lehrer in der Ausbildung brachte mich auf die Idee „Pflegewissenschaft“ und „Deutsch auf Sekundarstufe. II“ zu studieren. Bei diesem Studiengang war es damals noch möglich, mit zwei Abschlüssen abzuschließen. Und so habe ich mein erstes Staatsexamen auf Lehramt und zudem ein Diplom, das mich dazu berechtigt, in der Wissenschaft tätig zu sein. Somit habe ich beides für mich genutzt. Ich arbeite sowohl in einer Kranken- und Kinderkrankenpflegeschule an einer Universitätsklinik als Lehrerin sowie im Bereich der Versorgungsforschung im Bereich Palliativmedizin (Wissenschaftsstellen sind ja meist nur mit 50% Stellen ausgeschrieben – unfassbar!). Darin promoviere ich auch gerade, zumindest versuche ich es.

 

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Bellabellinsky Photographie

 

 

Gemeinsam mit deinem Kumpel Mirco Buchwitz hast du zudem ein sehr cooles, sehr lustiges Buch geschrieben, das kürzlich bei Rowohlt erschienen ist („Arschbacken zusammenkneifen, Prinzessin“). Wie kam es dazu?
Danke für dieses Lob, das freut mich! In Kurzfassung: Mirco und ich hatten mal einen Abend zu tief ins Glas geguckt – ach was rede ich, wir waren rotzevoll. Ich erzählte ihm, dass mich diese typischen „frechen Frauenromane“ annerven, da sie den Ist-Stand nicht wirklich darstellen. Meistens sind dies Frauen Mitte Dreißig, die ihren Typen scheiße finden, da er sich zu wenig um sie kümmert bzw. ihre Hollywood-Erwartungen nicht erfüllt. Sie trennen sich dann von ihm, und dort beginnt dann die eigentliche Story. Auf dem Weg der Trauerverarbeitung fahren sie nach Sylt oder zu einem anderen übermäßig teuren Ziel, schmeißen die Kohle zum Fenster raus und finden dann letztlich den perfekten Typen, der mit ihnen Kinder zeugt. Wer sagt, dass eine Frau Anfang/Mitte dreißig unzufrieden sein muss, da sie keine Kinder hat bzw. keinen Typen, der mit ihr potentiell Kinder machen könnte? Wieso dürfen Frauen nicht auch mal ihr „Leben leben“, ohne gleich als „Schlampe“ zu wirken, da sie das machen, worauf sie Lust haben und nicht dem Rollenbild der Gesellschaft entsprechen (es gibt Frauen, die auch gerne Sex haben und das auch gerne leben)? Und überhaupt, wer hat dieses Rollenbild überhaupt erfunden? Männer sind die geilen Hengste und Frauen eben Schlampen. Das Schlimmste: Dieses Urteil treffen überwiegend die Frauen selbst über ihre gleichgeschlechtlichen Mitstreiterinnen. Und welche Frau Mitte dreißig hat bereits selbstständig so viel Geld verdient, dass sie einen schwulen Star-Friseur bezahlen, ein abbezahltes geiles Auto fahren und ihrem überzüchteten Hund „Evian“ zu saufen geben kann? Lustige Passagen haben diese Romane, das möchte ich nicht bestreiten. Doch können wir Frauen nicht auch anders sein, als das, was von uns erwartet wird? Somit kamen wir auf die Idee. Mirco hat irgendwann einfach angefangen zu schreiben, da er viel mehr Erfahrung darin hat als ich. Wir sprachen immer wieder über den Story-Verlauf, über Charaktere, und er ließ mir dann immer wieder die Kapitel zukommen, wozu ich dann noch Dinge hinzugefügt oder verändert habe, und am Ende kam dabei ein Buch raus.

Wird es noch mehr Bücher geben – von euch als Duo oder von dir alleine?
Sowohl als auch. Mirco ist bereits fleißig am Schreiben anderer Romane (ja, der Plural an dieser Stelle war vollkommen bewusst gewählt), und ich plane gerade ebenfalls noch einen Roman. Alles ist denkbar. Mal gucken, was die Zukunft für uns bereits hält.

Als ich dich gegoogelt habe, bin ich über ein Projekt namens Demenz-Poesie gestolpert. Das klingt irre spannend. Was hat es damit auf sich?
Ich werde nun mal etwas förmlicher, da es mir wichtig ist, dabei die Ernsthaftigkeit des Projektes darzustellen und zu zeigen, dass dahinter ein durchdachtes Konzept steckt: DemenzPoesie® ist eine Therapieform zur Gedächtnisrehabilitation von Menschen mit Demenzerkrankung. Meine Kollegin Pauline Füg (sie selbst ist Diplom-Psychologin und ebenfalls Bühnenautorin) und ich machen das zusammen. Das Gedächtnis wird dabei rehabilitiert, indem bestehende Ressourcen genutzt und gefördert werden. Bei DemenzPoesie® erfolgt dies anhand eines sehr lebendigen Vortrags von Gedichten, die die demenzkranken Teilnehmer noch aus Kindertagen kennen. Dadurch werden sie in einer Gruppensitzung – „Session“ genannt – interaktiv und kreativ an Sprache und Rhythmus herangeführt. Anhand von audiovisuellen, haptischen, taktilen und olfaktorischen Reizen werden Menschen mit Demenzerkrankung stimuliert, an ihrer Umwelt aktiv teilzuhaben. Die Förderung der eigenen Sprache, des Ausdrucks, der Wahrnehmung und des positiven Gruppengefühls werden dabei verfolgt. Zum Ende jeder Session wird gemeinsam mit den erkrankten Teilnehmern ein so genanntes Improvisationsgedicht erschaffen. Nachdem ich in New York hospitierte, wird anlehnend an das im Museum of Modern Art in New York seit 2009 durchgeführte Projekt “The MoMA‘s Alzheimer‘s Project” (gefördert vom US-Ministerium für Bildung [Department of Education]), seit 2013 das DemenzPoesie®-Projekt in der Form erweitert, dass die Sessions neben in Seniorenheimen auch in Museen vor Kunstgemälden und -gegenständen stattfinden. Dazu werden die Gemälde und anderen Kunstwerke gemeinsam mit dem demenzerkrankten Menschen betrachtet, besprochen und dazu passende Gedichte vorgetragen. Diese Umsetzung erfreut sich steigender Beliebtheit, und so wurden Sessions in unterschiedlichen Museen (Kunst-, Historische- und Heimatmuseen) in ganz Deutschland durchgeführt. Die Konzeption und Durchführung der DemenzPoesie®-Sitzungen geschah in enger Zusammenarbeit mit dem Erfinder: Der amerikanische Poet Gary Glazner rief 2004 das Alzheimer‘s Poetry Project ins Leben.

Du hast auch noch in anderer Hinsicht mit Poetry zu tun: Du trittst bei Poetry Slams auf! Chapeau! Ich finde den Gedanken, bei einem Poetry Slam mitzumachen, in etwa so verlockend wie ein Date mit einem hungrigen Grizzly. Seit wann machst du das und was reizt dich am gesprochenen Wort?
Mit Poetry Slam wurde ich bereits 2004 in meinem Studium konfrontiert. Daraufhin fing ich an, öfter als Gast dort anwesend zu sein. Damals waren die Zuschauerräume noch übersichtlich gefüllt, und die Texte waren experimentell. Sehr spannend, teilweise etwas merkwürdig, aber individuell und angenehm fern vom Mainstream. Ich selbst hatte mich aber nie getraut, dort aufzutreten, obwohl es mich immer gereizt hat. Da ich mir 2009/2010 zum Jahreswechsel vorgenommen hatte, mich Herausforderungen zu stellen, die ich bis dato nicht durchgezogen hatte, kam es dann am 18.02.2010 zu meinem ersten Poetry-Slam-Auftritt in Hannover. Für zwei Jahre war ich dann, so wie es mein Arbeitspensum zuließ, auf einigen Poetry Slams und Lesebühnen unterwegs. Nach einer Zeit bemerkte ich auf den Slams eine Veränderung für mich, die mir selbst nicht mehr so gefiel. Es galt nur noch, den lustigsten Text mit der besten Performance zu haben und nicht mehr, sich auf schriftstellerischer Ebene auszuprobieren und neues zu probieren. Deine Aussage „ein Date mit einem hungrigen Grizzly zu haben“ trifft es meiner Meinung nach. Es hatte mich auch irgendwann so sehr blockiert, dass ich beim Schreiben darüber nachdachte, ob es denn beim Publikum „ankommen würde“, anstatt diese Geschichte nach meinen Ideen und Gedanken zu verfassen. Somit bin ich nicht mehr auf Slams unterwegs, denn das Format passt nicht mehr zu mir. Es gibt viele Menschen, die sind hervorragende Slammer und die bewundere ich dabei. Ich selbst hätte Lust, eine hervorragende Schriftstellerin zu werden, aber diesen Wunsch haben ja viele. Somit schreibe ich weiterhin für mich, habe Spaß dabei, und wer weiß, vielleicht darf ich irgendwann damit meinen Lebensunterhalt verdienen. Das wäre ein Lebenswunsch. Drückt mir die Daumen!

 

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Bellabellinsky Photographie

 

 

Die Daumen sind gedrückt. Welche Poetry Slammer sind es denn, die du bewunderst?
Pauline Füg – sie ist schon ewig dabei, hat einen eigenen Stil kreiert – der leider zu viel kopiert wurde – und kämpft sich mit ihren sehr guten lyrischen Texten (echte Lyrik, keine Hausfrauenlyrik) weiterhin auf den Bühnen durch, obwohl Personen aus dem Publikum anfangen, laut zu reden oder gar laut zu rülpsen. Schade! Sehr schade!

Und wen liest du? Wer sind deine Lieblingsautoren?
Ehrlich gesagt lese ich beruflich bedingt viel Fachliteratur und wenig Romane. Ich dürfte dies zwar nicht zugeben, aber ich oute mich jetzt hier. Ansonsten liebe ich Roald Dahl und Jonathan Safran Foer. Mirco Buchwitz schreibt auch in einer faszinierenden, individuellen Art, was ich unabhängig von unserer Zusammenarbeit hier mal erwähnen möchte.

Für wen – egal ob berühmt oder nicht, ob Mann oder Frau, lebendig oder tot, real oder fiktiv – schwärmst du?
Puh, früher hätte ich was von Johnny Depp erzählt, aber irgendwie wird der immer unspektakulärer, seit er in einer Art Midlife-Crisis steckt. Irgendwie habe ich aufgehört zu schwärmen. Wenn ich mir aber mal eine Person aussuchen dürfte, mit der ich eine Kneipentour machen möchte, dann sage ich selbstbewusst „Carolin Kebekus“. Obwohl sie unser Horbüch eingelesen hat, hatte ich leider nicht das Vergnügen, sie selbst kennen lernen zu dürfen. Ich denke aber, wir hätten gemeinsam verdammt viel Spaß.

Was ist das Schönste, das dir jemals passiert ist?
Ich war mal für vier Monate in Australien, aber bevor ich das machte, fragte ich mich, ob es denn so eine gute Idee sei, die ganzen Ersparnisse dafür zu verbraten und ganz allein mit mindermäßigen Englischkenntnissen dahin zu fliegen. (Meine Mutter ist Englisch-Lehrerin, ich denke jedem ist nun klar, welches mein schlechtestes Schulfach war). Ich war bereits im Studium und arbeitete nebenher auf einer Station als Krankenschwester. Ich war zum Spätdienst eingeteilt und ein Mann klingelte, sodass ich sein Zimmer aufsuchte. Er selbst war an Morbus Parkinson erkrankt und wollte vom Badezimmer zurück in sein Bett begleitet werden. Menschen mit Parkinson können einen so genannten Stupor bekommen. Sie können zwar klar denken, aber der Körper führt keine Bewegungen mehr aus, und sie verfallen in eine Art „Starre“. Er entschuldigte sich und sagte, dass er einen Moment brauche, bis er sich wieder bewegen könne. Ich verdeutlichte ihm, er solle sich die Zeit nehmen, die er brauche, und ich wäre jetzt nur für ihn da. Er erzählte mir, er habe früher viel gearbeitet, hätte eine eigene Gärtnerei gehabt und viel Geld damit verdient. Immer hätte er sich gesagt, er wollte auf Reisen gehen, wenn er in Rente sei. Mit seinem Rentenbescheid kam jedoch fast zeitgleich seine Diagnosestellung, weswegen er nichts von der Welt gesehen habe. Er klopfte mir auf die Schulter, sah mich an und meinte mit einer tiefen Weisheit in seinen Augen: „Mädchen, was immer Sie tun, tun Sie es jetzt.“
Nach meiner Schicht fuhr ich nach Hause und buchte sofort meinen Flug. Mein Australienaufenthalt im Jahr 2008 war mit das Beste, das ich in meinem Leben bisher getan habe. Ich sehe diesen Herrn als eine Art Erfüllungsgehilfen für einen absolut wichtigen Teil meines Lebens an. Durch ihn habe ich gelernt, dass ich keine Konjunktive in meinen Erzählungen finden möchte, da ich es getan und nicht „immer nur drüber nachgedacht“ habe. Ich konnte es ihm nie mitteilen, doch hoffe ich, dass er es spüren konnte.

Was ist das Schlimmste, das dir jemals passiert ist?
Meine Schulzeit in Verbindung mit meiner Pubertät – die Hölle!

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast?
Sei dankbar!

Was inspiriert dich?
Das Leben. Dazu muss ich viel reisen und viel erleben. Ich kann nur selten stillsitzen, da ich mich sonst langweile. Sonnenbaden beispielsweise wäre für mich eine Foltermethode!

Hast du Vorbilder?
Die Erfinder von „Dschungel-Camp“. Eine unglaublich geniale Idee, die die Menschen (vor allem die Akademiker, wie es ja immer gesagt wird) vor den Fernseher zieht ,um irgendwelche „Promis“ dabei zuzugucken, wie sie ekelige Sachen machen und essen müssen. Grandios! Die haben sich zu Recht eine goldene Nase verdient. Immer wieder frage ich mich: „Verdammt, wieso hattest du nicht einen so genieartigen Gedanken?“

Was macht dich glücklich?
Reisen, meine Familie, meine Freunde, Menschen treffen, viel reden – manchmal zu viel –, Essen, Bier, gute Filme, stumpfe TV-Shows (Bauer sucht Frau ist bei mir auch ganz weit oben), Fleisch und Wurst, Käse und Quark, Marmelade, Gartenarbeit, kochen, PC-Spiele spielen… Manchmal auch schreiben (an alle nicht Autoren: das kann verdammt harte Arbeit sein!).

Was ist der Sinn des Lebens?
Die Erfindung von kalorienarmer Schokolade bei gleicher Geschmacksintensität!
Ernsthaft: Mein Sinn liegt darin, den Blick auf das Gute zu wenden, auch wenn das Schlechte Oberhand gewinnt. Sonst gibt es irgendwann nur noch Psychiatrie-Blöcke, die wir als unsere Wohnadresse angeben.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

 

Bea, 37, Köln

„Ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf“


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Bea! Du lebst in Köln. Wo bist du geboren?
Sozusagen „In einem Land vor unserer Zeit“, nämlich 1977 in der DDR, genauer gesagt in Dessau. Ich bin also in zwei Ländern aufgewachsen. Bis zu meinem zwölften Lebensjahr in der DDR und dann in der BRD. Geprägt hat mich beides. Heute denke ich manchmal, wie verrückt und aufregend es doch ist, ein winziger Teil unserer Geschichte zu sein. Mir fallen dann meine Oma ein und ihre Erzählungen. Sie hatte in ihrem Leben auch drei Währungsreformen erlebt, genau wie ich.

Du arbeitest als Schauspielerin und Regisseurin. Wie bist du zum Theater gekommen?
Das Theaterblut fließt seit Generationen in den Adern meiner Familie. Urgroßvater Opernsänger, Großeltern Opernsänger, Vater Schauspieler… Naja, da war ich für jeden anderen Beruf verdorben. Ich bin schon als kleines Kind im Dessauer Theater auf der Bühne rumgesprungen, da ich dort im Chor gesungen habe. Es war eine tolle Kindheit, denn das Theater war für mich wie ein riesiger Abenteuerspielplatz, und so kam ich mir zwischen all den Kulissen und Kostümen wie Alice im Wunderland vor. Leider habe ich nie mit meinem Vater zusammen auf der Bühne gestanden, denn er starb als ich 10 war. Ab diesem Moment war der Wunsch, selber Schauspielerin zu werden und in seine Fußstapfen zu treten, noch größer. Der Beruf ist immer noch meine Verbindung zu ihm, und dadurch, dass ich seinen Künstlernamen angenommen habe, habe ich das Gefühl, sein Andenken zu bewahren.

Was würdest du machen, wenn du nicht am Theater gelandet wärst?
Zum Glück (oder leider?) gab es nie eine Alternative. Als es nach dem Abitur drei Jahre lang nicht mit einem Studienplatz für Schauspiel geklappt hat, begann ich für vier Semester Design am Bauhaus zu studieren. Glücklicherweise kam dann die „Erlösung“ durch den Ausbildungsplatz am Theater der Keller. Ich glaube, für jeden anderen Beruf fehlt mir das Talent.

Du hast also schließlich an der Schauspielschule des Theaters der Keller studiert. Wie war die Zeit dort?
Sie war der letzte Versuch nach drei erfolglosen Jahren des Vorsprechens. Ich weiß noch genau, dass ich den Nachtzug von Dessau nach Köln gar nicht nehmen wollte und mich erst in letzer Sekunde dazu aufraffen konnte, doch zu fahren. Als der Zug dann morgens um 7 Uhr über die Hohenzollernbrücke rollte, war ein wunderschöner Regenbogen über der Stadt zu sehen und ich wußte: „Das wird mein Tag.“ Wenn ich so zurückschaue, ist es gut, dass ich lange darum kämpfen musste, Schauspielerin werden zu dürfen. Ich habe mich dadurch auch geprüft und weiß, dass ich nie etwas anderes machen möchte, auch wenn es immer mal Rückschläge gibt. In der Schauspielschule habe ich eine richtige Wandlung durchgemacht, innerlich wie äußerlich, denn ich war anfangs extrem schüchtern und unscheinbar. Großartig war, dass man schon während der Ausbildung am „Keller“ spielen durfte und dadurch das Erlernte nicht im sterilen Klassenraum blieb, sondern sein Publikum fand. So war ich auf das Berufsleben da „draußen“ gut vorbereitet. Und ich hatte wunderbare Lehrer. Herbert Wandschneider zum Beispiel, bei dem ich mich ohne Angst in „Gombrichs Geschichte(n)“ freispielen und ausprobieren konnte.

Was würdest du jungen Schauspielerinnen raten?
Der Beruf ist hart, besonders für Frauen. Prüfe dich, ob du es wirklich willst, mit allen Konsequenzen. Und wenn du es wirklich von Herzen willst, dann mach es mit deinem ganzen Herzen.

Was liebst du an deinem Job?
Das Unerwartete, das Lampenfieber, die Kreativität, die Energie, und die Erleichterung und Freude nach einer gelungenen Premiere.

Und was weniger?
Es ist ein sehr unsicherer und manchmal auch unfairer Beruf. Oft entscheidet nur der „Typ“ und nicht die Leistung.

Ist Köln ein guter Ort für Theaterleute?
Es ist sicherlich ein guter Ort um gleichgesinnte, kreative Leute kennenzulernen und sich auszutauschen oder gegenseitig zu inspirieren. An den äußeren Bedingungen in der freien Szene ließe sich aber noch so einiges optimieren. Als freies Ensemble wie es das „Theater Skurreal Noir“ ist, muss man sich für ziemlich viel Geld in einer Spielstätte einmieten und trägt ganz allein das Risiko. Bekämen diese freien Spielstätten Zuschüsse, müssten sie keine so hohen Mieten nehmen, und es würden sicher noch mehr Stücke in Eigeninitiative produziert. Köln könnte in dieser Hinsicht also noch um einiges bunter sein. Obwohl die freie Szene in Köln auch jetzt schon beachtlich ist.

Welches ist deine Traumrolle? Hast du sie schon gespielt?
Ich mag es, Figuren mit Ecken und Kanten zu spielen. Eine Traumrolle selber gibt es nicht. Meist „verliebe“ ich mich in die Rolle, die ich gerade spiele, und versuche ihr Leben einzuhauchen.

Du hast mit einer tollen, unglaublich detailverliebten Inszenierung von „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ dein Regiedebüt gegeben. Was hat dich gereizt an diesem Stoff?
Danke. Ja, es war wirklich mein erstes eigenes „Baby“ und ist eigentlich aus der Not heraus geboren. 2013 war für mich ein schwieriges Jahr, viele Vorsprechen, viele Absagen, viele Selbstzweifel. Eines abends im Mai kam dieser großartige Film im Fernsehen. Ich liebe ihn schon seit meiner Kindheit und bleibe jedesmal davor hängen, wenn er läuft. Doch diesmal traf es mich wie ein Blitz und ich dachte: „Den Stoff muss ich auf die Bühne bringen“. Es ist eine makabere und düstere Geschichte mit abgründigem schwarzen Humor. Genau das, was ich liebe. Ab diesem Moment spürte ich eine enorme innere Kraft, die mich bis zur Premiere angetrieben hat. In relativ kurzer Zeit habe ich eine Bühnenfassung geschrieben, das Stück besetzt (denn die Schauspieler hatte ich bereits beim Schreiben vor Augen), das Bühnenbild entworfen und dann losgeprobt. Ich hätte mir das vorher nie zugetraut und ich habe auch einige damit überrascht. Vor allem mich selbst.

Wie ist das Projekt gelaufen? Und planst du, erneut als Regisseurin zu arbeiten?
Trotz aller Anfängerfehler, die ich gemacht habe, und um die ich auch weiß, bin ich stolz auf unser „Baby“. Ich sage ganz bewußt „unser“, denn es ist eine wirkliche Gemeinschaftsarbeit zwischen den Schauspielern und mir gewesen. Gerade Gisela Nohl, die als „Jane“ das Stück tragen musste, hat sich ohne zu zögern ganz der Rolle geöffnet und eine vielschichtige Figur erschaffen. Und mit Uta-Maria Schütze stand meine ehemalige Schauspiellehrerin als Blanche an ihrer Seite. Ich bin sehr dankbar, dass sie dieses Experiment mit mir gewagt hat. Sonia Fontana hat als Hausmädchen alle spanischen Texte beigesteuert und ganz nebenbei noch die Choreografie gezaubert. Es ist also das Ergebnis vieler fleißiger und selbstloser Menschen, die wie ich an die Sache geglaubt haben. Und wir wurden auch mit viel positivem Feedback belohnt. Eigentlich sollte das Stück auch ab Januar 2015 wieder laufen, aber leider ereilte mich im Oktober ein Anruf aus Amerika, und nun dürfen wir aus rechtlichen Gründen das Stück nicht mehr spielen. Das ist sehr bitter und ein herber Schlag, denn wir wollten alle unbedingt und mit Freude weiterspielen. Nun machen sich Entsetzen und Enttäuschung breit. Bevor der Anruf kam, begann sich in meinem Kopf schon das nächste Projekt zu formen. Ich spiele mit dem Gedanken, „Psycho“ auf die Bühne zu bringen. Bilder und Besetzung habe ich schon vor Augen und Lust wieder zu schreiben auch. Aber die Lähmung nach dem „Baby Jane“-Schock ist noch da. Aber ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf. Irgendwann muss die Energie wieder sprudeln, sonst platze ich.

Hast du Vorbilder?
Schon lange bewundere und verehre ich Judi Dench und Imelda Staunton. Zwei Ausnahmeschauspielerinnen.

Was macht dich glücklich?
Es sind die kleinen Dinge, die mich innerlich lächeln lassen. Mein Kater schnurrend auf meinem Schoß, ein schöner Abend mit Freunden, Besuche in der Heimat, ein Stück Schokolade langsam auf der Zunge zergehen zu lassen, lange Spaziergänge, ein guter Film. Es gibt so vieles.

Was inspiriert dich?
Andere Menschen und Kulturen. Musik.

Hast du ein Lebensmotto?
Gib niemals auf. Und gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Das für mich wichtigste Erlebnis war der Mauerfall. Ohne den wäre ich jetzt nicht in Köln und vieles wäre anders.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Annette, „39, mal wieder“, Köln

„Wahre Liebe lässt los“

 

faecher

Liebe Annette! Du machst so viele unterschiedliche und spannende Dinge. Wenn dich ein Fremder fragt, „was du beruflich machst“ – was antwortest du?
Am Liebsten sage ich: ICH BIN ICH … was auch immer das in dem Moment bedeuten mag. Ich habe so viele Berufe, dass ich manchmal denke, die Leute sind überfordert, wenn ich die alle aufzähle. Also wähle ich immer einen oder zwei aus, je nach Situation, aber ich kann ja mal den Versuch einer Aufzählung machen: Zigarenmanufactrice – das Wort hab ich selbst kreiert – Zigarrenrollerin, Autorin, Sängerin, Dolmetscherin, Künstleragentin, Eventmanagerin, Regisseurin …

Wie schöpfst du die Energie für all deine Projekte?
Ich hab sehr viel Energie von Natur aus. Und wenn ich Menschen begeistern kann, bekomme ich jede Menge zurück. Und wenn die Speicher mal leer laufen, gehe ich in die Natur oder singe.

Wo kommst du her und wie bist du aufgewachsen?
Ich komme aus einer Provinzhauptstadt in Südbaden namens Rheinfelden. Dort bin ich geboren, am südlichen Rande des Schwarzwaldes.

Du reist offensichtlich gerne und viel. Welches war dein schönstes oder interessantestes Erlebnis auf Reisen?
Als afrikanische Voodookünstler, die ich produziert und getourt habe, auf dem Marktplatz eines Dorfes in den Anden Glas zerkaut und runtergeschluckt haben, um den Indios, die noch nie schwarze Menschen gesehen hatten, ein Stück ihrer religiösen Kultur zu zeigen.

Welches ist der interessanteste Mensch, dem du je begegnet bist?
Ahmet Ertegün, der Gründer von Atlantic Records, New York, den ich zwei Jahre vor seinem Tod in Bodrum kennengelernt habe. Er hat mit den Rolling Stones, Led Zeppelin, Aretha Franklin und endlos vielen weltberühmten Musikern gearbeitet. Es war ein gegenseitiges „Sich-Erkennen“ von zwei Persönlichkeiten, als wir uns begegneten, eine Art „platonische Liebe auf den ersten Blick“.

Du bist Besitzerin einer Kölner Zigarrenbar. Wie kamst du auf die Idee? Erzähl doch ein bisschen von deinem Laden.
Das ist keine Zigarrenbar, sondern eine Zigarrenmanufaktur mit Laden und kleinem Salon, in dem wir Seminare abhalten. Die Zigarren sind mir zugeflogen wie ein verirrter Papagei. Ich liebe Kuba, die kubanische Musik und Kultur. Ich habe viele Tourneen kubanischer Künstler organisiert und irgendwann begann ich die „Kunst des Zigarrenrollens“ auf Events zu zeigen, also so eine Art mobile Zigarrenmanufaktur und eh ich mich versah, hatte ich meine eigene Zigarrenmanufaktur – ein Stück Kuba in Köln …

Zudem bist du Autorin. Was hat es mit deinem Buch auf sich? Was steht drin und warum hast du es geschrieben?
Ich erzähle von einem Liebesexperiment, das ich durchgeführt habe. Fünf Männer, fünf Beziehungen parallel wollte ich haben, und das ganz offen und ehrlich. Ich wollte mal was ganz Neues ausprobieren, ausbrechen aus den Konventionen unserer Vorstellung von Partnerschaft. Ich erzähle heiße Stories aus dem Nähkästchen, es geht um Sex, Eifersucht, wilde Experimente und die Sehnsucht nach Liebe. Das Buch hat in der Presse einige Wellen geschlagen, ich war bei vielen Talkshows zu Gast, u.a. bei Markus Lanz, bei Plasberg oder in Backes’ Nachtcafé und erntete nicht wenig pikierte Blicke der Männerwelt.

Du stehst auch immer mal wieder auf der Bühne. Was bedeutet es dir, vor Publikum zu stehen?
Ich liebe die Bühne, ich liebe es, meine innere Rampensau rauszulassen. Wenn ich dann noch Rückmeldungen bekomme, dass ich irgendwas in den Menschen bewege durch meine Musik oder meine Texte, dann bin ich glücklich!

Kennst du Lampenfieber?
Oh ja und wie! Aber ich glaube, das gehört zu einer guten Performance dazu.
 



zigarre

Welches ist die wichtigste Lektion, die du bisher gelernt hast im Leben?
Die wahre Kraft und das Glück liegt in Dir. Und in jeder Katastrophe, auch wenn du es erst nicht glauben kannst, ist irgendwo ein Geschenk versteckt.

Hast du ein Lebensmotto oder eine Lebensphilosophie?
Wahre Liebe lässt los.

Was inspiriert dich?
Städte wie Istanbul oder Paris. Am Liebsten sitze ich in Straßencafés und lasse das Leben an mir vorbeiziehen.

Was macht dich glücklich?
Musik. Sex. Sonne.

Gibt es etwas – eine Veranstaltung, ein Buch, eine Homepage – die oder das du gerne promoten würdest? Das ist die Gelegenheit!
Ab 24.10. trete ich mit meiner Show zum Buch „Fünf Männer für mich“ im Kölner Arkadastheater – Bühne der Kulturen auf, (Spieldaten: 24.10 / 30.10. / 11.11. / 18.11. / 11.12. / 23.12 jeweils 20.15 h ) Vorverkauf unter 0221-550 43 15, weitere infos hier www.annettemeisl.de
Mein Buch „Fünf Männer für mich“ kann man in allen Buchhandlungen bekommen oder hier: http://shop.lagalana.de/artikel/fuenf-maenner-fuer-mich
Und in meinem Zigarrensalon gibt es spannende Seminare zu Zigarrenherstellung und Rumverkostungen. www.lagalana.de

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

Fotos: Dario Scandura.