Bea, 37, Köln

„Ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf“


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Bea! Du lebst in Köln. Wo bist du geboren?
Sozusagen „In einem Land vor unserer Zeit“, nämlich 1977 in der DDR, genauer gesagt in Dessau. Ich bin also in zwei Ländern aufgewachsen. Bis zu meinem zwölften Lebensjahr in der DDR und dann in der BRD. Geprägt hat mich beides. Heute denke ich manchmal, wie verrückt und aufregend es doch ist, ein winziger Teil unserer Geschichte zu sein. Mir fallen dann meine Oma ein und ihre Erzählungen. Sie hatte in ihrem Leben auch drei Währungsreformen erlebt, genau wie ich.

Du arbeitest als Schauspielerin und Regisseurin. Wie bist du zum Theater gekommen?
Das Theaterblut fließt seit Generationen in den Adern meiner Familie. Urgroßvater Opernsänger, Großeltern Opernsänger, Vater Schauspieler… Naja, da war ich für jeden anderen Beruf verdorben. Ich bin schon als kleines Kind im Dessauer Theater auf der Bühne rumgesprungen, da ich dort im Chor gesungen habe. Es war eine tolle Kindheit, denn das Theater war für mich wie ein riesiger Abenteuerspielplatz, und so kam ich mir zwischen all den Kulissen und Kostümen wie Alice im Wunderland vor. Leider habe ich nie mit meinem Vater zusammen auf der Bühne gestanden, denn er starb als ich 10 war. Ab diesem Moment war der Wunsch, selber Schauspielerin zu werden und in seine Fußstapfen zu treten, noch größer. Der Beruf ist immer noch meine Verbindung zu ihm, und dadurch, dass ich seinen Künstlernamen angenommen habe, habe ich das Gefühl, sein Andenken zu bewahren.

Was würdest du machen, wenn du nicht am Theater gelandet wärst?
Zum Glück (oder leider?) gab es nie eine Alternative. Als es nach dem Abitur drei Jahre lang nicht mit einem Studienplatz für Schauspiel geklappt hat, begann ich für vier Semester Design am Bauhaus zu studieren. Glücklicherweise kam dann die „Erlösung“ durch den Ausbildungsplatz am Theater der Keller. Ich glaube, für jeden anderen Beruf fehlt mir das Talent.

Du hast also schließlich an der Schauspielschule des Theaters der Keller studiert. Wie war die Zeit dort?
Sie war der letzte Versuch nach drei erfolglosen Jahren des Vorsprechens. Ich weiß noch genau, dass ich den Nachtzug von Dessau nach Köln gar nicht nehmen wollte und mich erst in letzer Sekunde dazu aufraffen konnte, doch zu fahren. Als der Zug dann morgens um 7 Uhr über die Hohenzollernbrücke rollte, war ein wunderschöner Regenbogen über der Stadt zu sehen und ich wußte: „Das wird mein Tag.“ Wenn ich so zurückschaue, ist es gut, dass ich lange darum kämpfen musste, Schauspielerin werden zu dürfen. Ich habe mich dadurch auch geprüft und weiß, dass ich nie etwas anderes machen möchte, auch wenn es immer mal Rückschläge gibt. In der Schauspielschule habe ich eine richtige Wandlung durchgemacht, innerlich wie äußerlich, denn ich war anfangs extrem schüchtern und unscheinbar. Großartig war, dass man schon während der Ausbildung am „Keller“ spielen durfte und dadurch das Erlernte nicht im sterilen Klassenraum blieb, sondern sein Publikum fand. So war ich auf das Berufsleben da „draußen“ gut vorbereitet. Und ich hatte wunderbare Lehrer. Herbert Wandschneider zum Beispiel, bei dem ich mich ohne Angst in „Gombrichs Geschichte(n)“ freispielen und ausprobieren konnte.

Was würdest du jungen Schauspielerinnen raten?
Der Beruf ist hart, besonders für Frauen. Prüfe dich, ob du es wirklich willst, mit allen Konsequenzen. Und wenn du es wirklich von Herzen willst, dann mach es mit deinem ganzen Herzen.

Was liebst du an deinem Job?
Das Unerwartete, das Lampenfieber, die Kreativität, die Energie, und die Erleichterung und Freude nach einer gelungenen Premiere.

Und was weniger?
Es ist ein sehr unsicherer und manchmal auch unfairer Beruf. Oft entscheidet nur der „Typ“ und nicht die Leistung.

Ist Köln ein guter Ort für Theaterleute?
Es ist sicherlich ein guter Ort um gleichgesinnte, kreative Leute kennenzulernen und sich auszutauschen oder gegenseitig zu inspirieren. An den äußeren Bedingungen in der freien Szene ließe sich aber noch so einiges optimieren. Als freies Ensemble wie es das „Theater Skurreal Noir“ ist, muss man sich für ziemlich viel Geld in einer Spielstätte einmieten und trägt ganz allein das Risiko. Bekämen diese freien Spielstätten Zuschüsse, müssten sie keine so hohen Mieten nehmen, und es würden sicher noch mehr Stücke in Eigeninitiative produziert. Köln könnte in dieser Hinsicht also noch um einiges bunter sein. Obwohl die freie Szene in Köln auch jetzt schon beachtlich ist.

Welches ist deine Traumrolle? Hast du sie schon gespielt?
Ich mag es, Figuren mit Ecken und Kanten zu spielen. Eine Traumrolle selber gibt es nicht. Meist „verliebe“ ich mich in die Rolle, die ich gerade spiele, und versuche ihr Leben einzuhauchen.

Du hast mit einer tollen, unglaublich detailverliebten Inszenierung von „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ dein Regiedebüt gegeben. Was hat dich gereizt an diesem Stoff?
Danke. Ja, es war wirklich mein erstes eigenes „Baby“ und ist eigentlich aus der Not heraus geboren. 2013 war für mich ein schwieriges Jahr, viele Vorsprechen, viele Absagen, viele Selbstzweifel. Eines abends im Mai kam dieser großartige Film im Fernsehen. Ich liebe ihn schon seit meiner Kindheit und bleibe jedesmal davor hängen, wenn er läuft. Doch diesmal traf es mich wie ein Blitz und ich dachte: „Den Stoff muss ich auf die Bühne bringen“. Es ist eine makabere und düstere Geschichte mit abgründigem schwarzen Humor. Genau das, was ich liebe. Ab diesem Moment spürte ich eine enorme innere Kraft, die mich bis zur Premiere angetrieben hat. In relativ kurzer Zeit habe ich eine Bühnenfassung geschrieben, das Stück besetzt (denn die Schauspieler hatte ich bereits beim Schreiben vor Augen), das Bühnenbild entworfen und dann losgeprobt. Ich hätte mir das vorher nie zugetraut und ich habe auch einige damit überrascht. Vor allem mich selbst.

Wie ist das Projekt gelaufen? Und planst du, erneut als Regisseurin zu arbeiten?
Trotz aller Anfängerfehler, die ich gemacht habe, und um die ich auch weiß, bin ich stolz auf unser „Baby“. Ich sage ganz bewußt „unser“, denn es ist eine wirkliche Gemeinschaftsarbeit zwischen den Schauspielern und mir gewesen. Gerade Gisela Nohl, die als „Jane“ das Stück tragen musste, hat sich ohne zu zögern ganz der Rolle geöffnet und eine vielschichtige Figur erschaffen. Und mit Uta-Maria Schütze stand meine ehemalige Schauspiellehrerin als Blanche an ihrer Seite. Ich bin sehr dankbar, dass sie dieses Experiment mit mir gewagt hat. Sonia Fontana hat als Hausmädchen alle spanischen Texte beigesteuert und ganz nebenbei noch die Choreografie gezaubert. Es ist also das Ergebnis vieler fleißiger und selbstloser Menschen, die wie ich an die Sache geglaubt haben. Und wir wurden auch mit viel positivem Feedback belohnt. Eigentlich sollte das Stück auch ab Januar 2015 wieder laufen, aber leider ereilte mich im Oktober ein Anruf aus Amerika, und nun dürfen wir aus rechtlichen Gründen das Stück nicht mehr spielen. Das ist sehr bitter und ein herber Schlag, denn wir wollten alle unbedingt und mit Freude weiterspielen. Nun machen sich Entsetzen und Enttäuschung breit. Bevor der Anruf kam, begann sich in meinem Kopf schon das nächste Projekt zu formen. Ich spiele mit dem Gedanken, „Psycho“ auf die Bühne zu bringen. Bilder und Besetzung habe ich schon vor Augen und Lust wieder zu schreiben auch. Aber die Lähmung nach dem „Baby Jane“-Schock ist noch da. Aber ich bin ein Kämpfer und gebe nicht auf. Irgendwann muss die Energie wieder sprudeln, sonst platze ich.

Hast du Vorbilder?
Schon lange bewundere und verehre ich Judi Dench und Imelda Staunton. Zwei Ausnahmeschauspielerinnen.

Was macht dich glücklich?
Es sind die kleinen Dinge, die mich innerlich lächeln lassen. Mein Kater schnurrend auf meinem Schoß, ein schöner Abend mit Freunden, Besuche in der Heimat, ein Stück Schokolade langsam auf der Zunge zergehen zu lassen, lange Spaziergänge, ein guter Film. Es gibt so vieles.

Was inspiriert dich?
Andere Menschen und Kulturen. Musik.

Hast du ein Lebensmotto?
Gib niemals auf. Und gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.

Was ist das Interessanteste, das dir je passiert ist?
Das für mich wichtigste Erlebnis war der Mauerfall. Ohne den wäre ich jetzt nicht in Köln und vieles wäre anders.

 

Das Interview führte Melanie Raabe.

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