Raimund, 69, Wiehl

„In der Jugend zufrieden sein, ist ein Verbrechen an eigenen Möglichkeiten,
im Alter zufrieden ankommen, das ist Glück.“


raimund

Lieber Raimund, du bist Regisseur und Schauspieler und hast darüber hinaus zahlreiche Schauspieler ausgebildet. Wie bist du zum Theater gekommen?
Als Sohn einer, im siebenbürgisch deutschen Raum, namhaften Schauspielerin und Regisseurin und eines dort ebenso bekannten Malers und Bühnenbildners, bin ich sozusagen im Theater aufgewachsen. Mutter war eine richtige Diva, hochgeschätzt und von ihrem Publikum bewundert. Ich erinnere mich eines Vorfalls während der Aufführung von „Drei Generationen“: Auf der Bühne schrie ihr verzweifelter (Rollen-)Vater sie nach dem unvermeidlichen Fehltritt, in dem zu spielenden Dramolette an: „Wer wird dich jetzt noch haben wollen ?“ Im Publikum sprang ein begeisterter Herr auf und antwortete: „Ich!“
Oder während „Mutter Courage“: Im Foyer des Theaters stand ich zufällig neben zwei Männern, die eines der Theaterfotos, das meine Mutter als „Courage“ mit einem Huhn in der Hand zeigte, kommentierten: „Kannst du dir vorstellen, dass die Göttlinger jemals ein Huhn gerupft haben soll ?“ Empört mischte ich mich ein: „Meine Mama wäscht, kocht und putzt für uns, wie jede andere Mama auch!“ Ich war höchstens zwölf und ließ die beiden ziemlich verdutzt zurück. Seit frühester Jugend fing der Tag mit Theater an und endete auch so. Ich konnte mir kein anderes Leben vorstellen, da es in meiner Umgebung nichts Wichtigeres gab. Von der siebten zur achten Klasse sollte eine Aufnahmeprüfung stattfinden. Ich ging bewusst nicht hin, um die Schule loszuwerden und endlich im Theater, meinetwegen auch nur als Bühnenarbeiter, anfangen zu können. Meine Mutter kam dahinter und peitschte mich in die Schule zurück. Mit einer extra Prüfung kam ich dann doch noch bis zum Abitur. Als ich anfing mir vorstellen zu können, dass es im Leben auch andere interessante Berufunge gibt, war es für ein Umsatteln zu spät.

Was bedeutet Theater für dich?
Meine Bestimmung. Aber meine Ansprüche machten es mir schwer, einen Platz zu finden, der befriedigt. In Siebenbürgen und im Banat war deutsches Theater in Rumänien, unter den Umständen des real existierenden Sozialismus, Pionierarbeit, erfahrbare kulturelle Aufgabe. Fünf Jahre lang habe ich es dabei zu höchsten Ehren gebracht, um schließlich festzustellen, dass es, für mich jedenfalls, ein Irrweg in einem unerträglichen Staatswesen war.
In Bielefeld, oder Krefeld-Mönchengladbach, wo ich in meinem Basis-Beruf als Schauspieler angestellt wurde und meine Aufgaben zu erfüllen hatte, fühlte ich mich, nach meiner Tätigkeit als Regisseur und Schauspiellehrer völlig unterfordert. Teils durch die festgefahrene Situation, die ein Stadttheater-Betrieb mit sich bringt, in dem die Schauspieler wie austauschbare Ware behandelt werden. Zwei Jahre dabei, dann weiter bewerben. Den „Glanzauftritt“ erledigen eilig engagierte Gäste im Vorbeigehen. Teils durch die leider nicht seltene Selbstzufriedenheit mit der Verträge erfüllt werden. Konkurrenz und Gerangel gibt es meistens nicht um die Qualität auf der Bühne, sondern um die Verhandlungsposition in der Fach-Einstufung. Erst in der Zusammenarbeit mit kleineren freien Bühnen und dann mit den oberbergischen Amateuren erlebte ich wieder, tatsächlich gebraucht zu werden. In all meinen Qualifikationen. Zehn Jahre lang war ich als Regisseur, Schauspiellehrer, Bühnenbildner und Theaterleiter tätig und stellte eine Kleinbühne auf die Beine, dank der ich in Wiehl richtig Heimat gefunden habe. Ohne die vielen Theaterbegeisterten, auf die ich gestoßen bin, wäre das alles natürlich nicht möglich gewesen. Man befruchtet sich gegenseitig und weiß, was man aneinander hat.

Wolltest du schon immer Theater machen?
In allen seinen Formen. Als Stückeschreiber ebenso wie als Regisseur, Bühnenbildner und Theaterpädagoge bzw. Schauspiellehrer.

Gibt es auch andere Kunstformen, die dich reizen oder interessieren?
Wie gesagt Schreiben, Handwerkern und Malen. Einige meiner Märchenstücke sind aufgeführt worden: Noch an dem Deutschen Staats-Theater Temeschburg „Das tapfere Schneiderlein“ und „Die Gänsehirtin am Brunnen“, zwei hintersinnige Märchenkomödien auch für Erwachsene. Die „Gänsehirtin“ wurde eingestampft, nachdem die Zensur erkannte, was dahinter steckt. Ein Gedichtband wurde, mangels notwendiger Lobhudeleien an die Adresse der kommunistische Partei, abgelehnt. 1987 hat das Theater Ulm meine „Drei Kaiserdiamanten“ uraufgeführt. Die Schloss Festspiele Neersen haben eine „Dornröschen“-Bearbeitung von mir auf die Bühne gebracht, das Theater der Altstadt Stuttgart meine Bearbeitung „Der verlorene Brief“ nach J.L.Caragiale. „Schneiderlein“ und „Kaiserdiamanten“ habe ich dann am Schau-Spiel Studio Oberberg in Wiehl wieder gezeigt. 
Jede Art praktischer Handarbeit, Dekoration bauen, malen, Kostüm schneidern, läuft mir leicht von der Hand. In dem Sinne waren die Ateliers meines Vaters seit Kindeszeiten meine Schule. Zur Entspannung fotografiere und male ich, ohne die Ambition zu haben, jemals etwas auszustellen.

Wo bist du aufgewachsen und wie erinnerst du dich an deine Kindheit und Jugend?
In dem über achthundert Jahre alten siebenbürgisch-deutschen Städchen Schäßburg habe ich die ersten sieben Jahre meines Lebens verbracht. Die mittelalterliche Burganlage an der Kokel, in der mein Geburtshaus steht, war der romantischste Spielplatz, den man sich vorstellen kann. Zu der Zeit kannte man auch noch jeden Bewohner der Burg. Als Deutsche hatten wir, nach dem verlorenen Krieg, das gleiche Schicksal. Es gab kaum eine Familie, in der nicht mindestens Onkel und Tanten, meist aber auch Väter und Mütter, zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt waren. Für uns, die verbliebenen Kinder und Großeltern, hatte das Warten auf Rückkehr eine besondere Bedeutung. Gleichzeitig wurden wir in unseren Lebensumständen, durch den Zuzug von Flüchtlingen aus den von der Sowjetunion annektierten rumänischen Gebieten, beengt. Eine bewegte Zeit, mit starken Umbrüchen, Hungersnot, Enteignung.
1953 wurde in Temeschburg wieder ein deutsches Theater zugelassen und meine dahin berufenen Eltern übersiedelten in das Banat. Der Wechsel aus der siebenbürgischen Kleinstadt, in der Gruppen Gleicher aufeinander hockten, in die Vielvölker-Großstadt Temeschburg, in der das Miteinander von Rumänen, Ungarn, Deutschen, Serben, Juden und Zigeunern (Ich nenne sie immer noch so, weil ihrer Viele sich selber nicht anders nennen, weil ich Freunde unter Ihnen hatte, sie so kennenlernte und ich letztendlich davon überzeugt bin, dass es nicht davon abhängt, wie man einen Menschen nennt, sondern was man zu dieser Benennung als grundsätzliche Einstellung empfindet. Nach dem Krieg war in Rumänien die Bezeichnung „Deutscher“ als Schimpfwort gebräuchlich. Hätte man die Bezeichnung abschaffen sollen? – Entschuldige die lange Klammer, die sich aus dem Gebrauch einer Bezeichnung ergibt, die besonders tiefschürfende Menschen darüber nachdenken lässt, ob man den „Zigeunerbaron“ nun umbenennen muss.) – also: diese Vielvölker-Situation in Temeschburg hatte einen sehr befruchtenden Einfluss auf mein weiteres Leben, weil sie viele kindlich aufgesogene Gewissheiten ins Wanken brachte. Von Geburt ist man nichts Besseres als jeder andere. Erst Leistung und Handlungsweise erbringen einen Unterschied. Aber es ist völlig unsinnig, den zu betonen. Er kann höchstens von anderen erkannt werden. Das musste ich allerdings erst lernen. Meine Schulzeit war keine Glanzleistung. Da mich nichts als Theater interessierte und die Schule mir davon rein gar nichts bot, trachtete ich nur danach, sie schnell und unbeschadet hinter mir zu lassen. Als Absolvent eines mindestens in meinen Augen einzigartigen Instituts zur Ausbildung professioneller Schauspieler für Film und Theater in Bukarest legte ich einen Berufsstart am Deutschen Staatstheater Temeschburg hin, der es in sich hatte. Drei Jahre nach meinem ersten Engagement als Anfänger war ich Regisseur des Hauses und bewarb mich um dessen Leitung. Gleichzeitig tauchte in einem meiner Gedichte die Zeile auf: “ …diese Wand um Wand der verwirklichten Träume.“
Motor meines Handelns war der Glaube, etwas bewegen zu können, wenn ich erst „Oben“ bin. Hinauf kam ich nur, um festzustellen, das es nirgends eine Türe gab, die einem Perspektive eröffnen konnte .Immer nur wieder die nächste Mauer.
Meine Frau und ich saßen uns in der neu erworbenen Eigentumswohnung gegenüber und ich fragte: „Willst Du hier alt werden?“ Ihr temperamentvolles „Nein!“ drückte alles aus, was auch ich empfand. Der real existierende Sozialismus unter Ceausescu, mit seiner nationalen Prägung, mit seinem Parteiwesen, seiner Securitate, Korruption und Verlogenheit, hatte in uns den Willen reifen lassen,Wege zu suchen, dieses Land zu verlassen.

Was hat dich nach Köln und schließlich ins Oberbergische verschlagen?
Die Reihenfolge ist umgekehrt. Meine Frau, der es als erste unserer Familie 1978 gelang, sich in die Bundesrepublik abzusetzen, kam über hier ansässige ehemalige Schulkolleginnen, also „Heimatverbundene“, nach Wiehl und fand glücklicherweise nahtlos eine Anstellung als Diplom-Sportlehrerin am Gymnasium. Als ich 1980 dann, im Rahmen von Familienzusammenführung, hier ankam, war sie schon in der glücklichen Lage, unsere Familie erhalten zu können. Erstmal war ich entsetzt. Was soll ich als Schauspieler in Wiehl?! Ich durchlief eine Reihe von Bewerbungen und Engagements. Die Erfahrungen waren traumatisch. Die Sprache, die Denke, die Kategorien der Bewertung – Originalität als oberstes Gebot –, sogar die Wahrnehmungsweise des Publikums war eine andere. Ich bekam keinen Bezug zu meinem Beruf, in den neuen Umständen einer satten Gesellschaft, die das Außergewöhnliche suchend, oft auch in Selbstzweck, meinem Empfinden nach nicht selten sinnentleert, herum tappt und sich dabei, soweit es den Star-Rummel betrifft, gerne übermäßig beweihräuchert. Ich war unfähig, in meinem Basisberuf Schauspieler als kleines Rädchen mittelmäßiger Inszenierungen einfach zu funktionieren. Dazu kam die Tatsache, dass ich nach der zweijährigen Trennung von meiner Frau vor der Entscheidung stand: Berufskarriere oder Familie. Da sich mir diese Frage in Rumänien nie stellte, musste ich mein ganzes Wertesystem völlig neu überdenken. Ohne zu hinterfragen hatte ich hingenommen, dass meine Frau bei unserem Umzug nach Bukarest meiner Karriere zuliebe (Dozent an der Schauspielschule, Mitwirkender bei Film, Radio, Fernsehen, Mitglied im Autoren-Kreis von „Volk und Kultur“ und „Neue Literatur“) ihre eigene Position als Lehrerin zeitweise aufgab. Jetzt war plötzlich ihre Position am Wiehler Gymnasium die materielle Basis der Familie. Die Erfahrungen während der Zeit unserer politisch bedingten Trennung, hatten sowohl bei mir als auch bei meiner Frau, die tiefe Überzeugung bestärkt, dass es für uns keinen wichtigeren Wert, als den Zusammenhalt unserer Familie geben konnte. Unsere Liebe aufs Spiel setzen? Nie wieder. Unser wahrer Lebensmittelpunkt blieb unser zu Hause.
Ich entschloss mich von hier aus freischaffend durch die Republik zu pendeln und nahm nur noch Regieaufträge an. Theater Ulm, Theater der Altstadt Stuttgart, Sandkorn Theater Karlsruhe, Schloss Festspiele Neersen, und dazu die Position am Theater der Keller Köln, wo ich als Schauspiellehrer, Regisseur, Bühnenbildner und manchmal auch als Schauspieler freischaffend tätig sein konnte, boten mir den nötigen Einblick in eine Szene, die auf jeden Fall wahrhaftiger und kreativer war als jedes mittlere Stadttheater.
Ein Zufall brachte mich mit dem Amateurtheater Gummersbach zusammen. Sie suchten einen Wochenend-Workshop zur Weiterbildung. Ich hielt ihn. Sie engagierten mich zu der Inszenierung „Gibt es Tiger am Kongo“, die von der Kreissparkasse gefördert wurde. Diese sprach mich an, die Pilot-Inszenierung eines Theater Festivals der Oberbergischen Amateurbühnen zu betreuen. Ich inszenierte „Lysistrate“, danach „Alles im Garten“ von Albee, und den „Sommernachtstraum“, in dem die Tanz-Truppe des Gymnasiums Wiehl, unter der Leitung meiner Frau, wunderbare Feen-Einlagen tanzte.
Dann drohte das Amateurtheater Gummersbach einzugehen, da ihnen der künstlerische Leiter abhanden kam. Die Erfolge, die sie mit meiner Arbeit hatten, das gute Miteinander, führten dazu, dass wir mit neuen Statuten und einer strafferen Organisation, erst ein oberbergisches Tournee-Theater und seit 1997 eine feststehende Bühne in der Aula der Grundschule Wiehl ausbauten, die bis heute und hoffentlich noch lange weiter, als Repertoire-Bühne mit einer beachtlichen Zahl an Auftritten funktioniert.

Du hast in zahllosen Stücken gespielt und wahrscheinlich mindestens ebenso viele inszeniert. Auf welches deiner kreativen Projekte bist du besonders stolz?
Als Schauspieler liegen meine größten Erfolge in der Zeit meiner Anfänge am Deutschen Staatstheater Temeschburg. Gegen Widerstände erklärte sich der Regisseur des Hauses 1970 bereit, mir die Rolle des Truffaldino im „Diener zweier Herren“ von Goldoni zu geben. Der Komödiant des Hauses war abgesprungen und ich wurde nur als der jugendliche Held gesehen. Meine Behauptung, als ausgebildeter Schauspieler nicht an ein Fach gebunden zu sein, wurde bloß belächelt. Doch meine Darbietung wurde ein Triumph. Ich konnte auf einer Wolke des Erfolgs schwimmen und hatte die Kollegen davon überzeugt, ein Rüstzeug als Schauspieler zu haben, von dem man lernen konnte. Ich bot im Ensemble Schauspieltraining an und suchte so den Weg in die Regie. Allerdings empfand ich auch damals schon, dass ich sehr abhängig von der kreativen Situation war, die sich während des Probierens über die Persönlichkeit des Regisseurs entwickelte.
Erst 1973 in der Zusammenarbeit mit Emmerich Schäffer, einem charismatischen Mann, gelang mir eine zweite außergewöhnliche Leistung: der psychisch belastete Front-Heimkehrer Paul Chaudras in Georg Kaisers „Die Spieldose“. 1972 wurde ich von Friedo Solter, damals Regisseur am Deutschen Theater Berlin in der DDR, zur Regie-Hospitanz während seiner „Amphitrion“-Inszenierung eingeladen. Diese Hospitanz und meine Studioarbeit führten dazu, dass ich an dem Deutschen Staatstheater Temeschburg auch als Regisseur geführt wurde.
Als meine wertvollste Inszenierung dieser Zeit betrachte ich Ibsens „Gespenster“, mit der mir eine sehr symbolistische Darstellung der individuellen Vereinsamung durch gesellschaftliche Verlogenheit gelungen war.
Erst im Schau-Spiel-Studio Oberberg hier in Wiehl konnte ich an diese Qualität der Inszenierung wieder anbinden. „Warten auf Godot“, „Urfaust“, „Dantons Tod“, „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ waren Leistungen, die den Rahmen eines Amateurtheaters sprengten.
Allerdings fühle ich mich dem Publikum verpflichtet. Es geht mir immer darum, den Rahmen des Verständlichen nicht zu verlassen. Theater ist für mich Kommunikation mit den Menschen, die im Saal sitzen. Und wenn die sich fragen: „Warum tu ich mir das hier an?“ dann hat meiner Meinung nach der Künstler versagt. Das Publikum, für das gespielt werden soll, kann nicht zu dumm sein, höchstens der Künstler, in seiner erzwungenen Originalität, zu überheblich. Deshalb finde ich es schade, dass man sich abgewöhnt hat, mit faulen Eiern ins Theater zu gehen. Das war wohl am Marktplatz einfacher. Heutzutage, wo man sich die Meinung über Kunst und Kultur aus Zeitung oder Fernsehen klaubt und das meiste zu viel mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern zu tun hat, wäre auch ein solches Verhalten höchstens manipuliert.

Du hast in Köln an der Schule des Theater der Keller unterrichtet. Was rätst du jungen Menschen, die Schauspieler werden wollen?
Sich Rilkes „Ratschläge für einen jungen Dichter“ eindringlich zu Gemüt zu führen. Oder verkürzt: „Versuch es zu lassen!“ Wenn dir das nicht gelingt und du es unbedingt tun musst, dann bleibt dir weiter nichts übrig, als alles, was du für dein Leben hältst, in Frage zu stellen, auf den Prüfstand zu stellen und dich mit Leib und Seele einem bewussten Spielen mit Empfindungen, Gedanken und körperlichen Fähigkeiten hinzugeben, bei dem immer die anderen darüber entscheiden, wie gut es dir gelingt und in dem kein Erfolg Garant für den nächsten sein kann.

Gibt es welche unter deinen Schülern, die berühmt geworden sind?
Ich glaube, jeder Lehrer wird den ein oder anderen nennen können der berühmt geworden ist. Wesentlich wäre, zu erfahren, was die Schüler selber von dem Beitrag halten, den der Lehrer an ihrer Karriere hatte. Till Schweiger ist einer der ganz Großen, der bei mir Rollen Unterricht hatte, aber ich finde er ist trotz der Schule des Theaters der Keller und nicht wegen ihr berühmt geworden. Ich erinnere, als es zu den Vorsprechen für die ZBF (Zentrale Schauspieler Vermittlung) gehen sollte, da winkte er ab. Er suche sich seinen Agenten selber. Zwei Jahre später besuchte er mich in der Schule, um mir voller Stolz mitzuteilen, dass er es „geschafft“ hatte. Intensiver und ebenso gerne habe ich auch mit Anette Frier gearbeitet. Von den ersten Improvisationsschritten bis zum Rollenstudium. Aber auch dazu muss ich sagen, dass ich eher versucht habe, ihr nicht im Weg zu stehen. Sie unterbrach ihre Beteiligung am Unterricht, wenn ich das richtig erinnere, zweimal, um an Projekten des Schauspiels Köln teilzunehmen. Bestimmt ein wichtiger Motor für ihre Karriere, zu dem ich ihr auch, gegen andere Widerstände von schulischer Seite her, den Weg ebnete.
Ich freue mich immer wieder, wenn ich den ein oder anderen (Max Landgrebe, Thomas Held, Volker Büdts und viele mehr) in Film oder Fernsehen wiederfinde und hoffe, dass ich ihnen einiges mit auf ihren Weg geben konnte. Dass aus unser Wiehler Truppe es einige auf den beschwerlichen Weg ins Profi-Lager geschafft haben, macht mich besonders stolz. Von Jörn Kolpe erwarte ich, über Lübeck hinaus, von einer großen Karriere zu hören und drücke ihm fleißig die Daumen.

Welches ist dein größter, noch unerfüllter kreativer Traum?
Mit siebzig sind die großen Träume eigentlich geträumt. Es ist eher die Zeit der Bilanz, der Ernte. Einst träumte ich anerkannter Schauspieler am Deutschen Staatstheater Temeschburg zu werden. Als ich das drei Jahre nach dem Abschluss meiner Ausbildung erreicht hatte, musste ich mich fragen: „Ja und?“. Jetzt habe ich mir hier in Wiehl eine Oase geschaffen, die aus sich selbst heraus existieren kann und mich trotzdem immer noch braucht. Wenn sich auf der Straße spontan Leute aus dem Publikum für eine gelungene Inszenierung bedanken, fühle ich mich anerkannt und in einer Heimat angekommen. Das macht glücklich. Ebenso wie die Überzeugung, dass es richtig war einem solchen zu Hause, eine vielleicht mögliche „große Karriere“ zu opfern. Manchmal sitze ich vor dem Computer und schreibe an so etwas wie einem Requiem für Siebenbürgen, aber ob das jemals ein fertiger Roman wird, weiß ich nicht.

Du hast vor einigen Jahren eine Krebserkrankung besiegt und dich kurz darauf wieder in die Arbeit an neuen Stücken gestürzt. Woher nimmst du deine Energie?
Das kann ich nicht sagen. Wie riesig die Anspannung während der Krankheit und deren Überwinden war, habe ich erst durch den Zusammenbruch erfahren, den ich hatte, als man mir versicherte, dass nichts zurückgeblieben ist. Während der ganzen Zeit merkte man mir weder Leid noch Belastung an. Die zehn Jahre seither erlebe ich als Geschenk, nach dem Motto: „Ich werde hundert. Sollte das nicht klappen, erfahre ich es immer noch früh genug.“
Und wenn ich hundert bin, werde ich mich darüber freuen und auf ein nächstes Jahr anstoßen.

Was inspiriert dich?
Hauptsächlich das Hinterfragen, das Durchdringen von Inhalten. Das Feststellen von Zusammenhängen. Das Aufdecken von Strukturen. Es gibt für mich nichts Fürchterlicheres, als den sogenannten Fachidioten, die enge Konzentration auf ein abgegrenztes Thema, das eine reduzierte Sicht auf Dinge und Geschehen eröffnet, als ob diese losgelöst im luftleeren Raum existieren würden. Dadurch kann man eine Menge stimmiger Unwahrheiten in die Welt setzen.

Hast du Vorbilder?
Dazu ist mir ein Zitat aus den „Neuen Leiden des jungen W.“ nie mehr aus dem Kopf gegangen. Frei nach Plenzdorf heißt es da: „Ich möchte so werden, wie ich einmal werde.“ Eine Provokation für sozialistische Erzieher. Was wurden wir von unseren Jugend- und Partei-Funktionären gelöchert, unsere Vorbilder zu wählen. Genosse Stalin gehörte dazu und andere Verbrecher mehr. Ich glaube, dass egal was man sich vornimmt, erst die Extremsituation darüber entscheidet, was für ein Mensch man wirklich ist. Solange man keine Extremsituation erlebt hat, kann man sich alles vornehmen, aber erst richtig hungrig trotzdem ein Brot zu teilen, unter Lebensgefahr trotzdem anderen helfen, unter Androhung trotzdem bei seinen Überzeugungen bleiben, als Erschiessungskommando die Waffe beiseite legen, als Sieger nicht morden, als Herrscher kein Unrecht tun, auch nicht dem eigenen Nachwuchs zuliebe, einzig das wären für mich wirkliche Maßstäbe. Man lebt allerdings glücklicher, in einer Welt, in der sich all diese Fragen, des Wohlstands wegen, nicht stellen, in der man sich Idole träumen kann und jedes Lippenbekenntnis unüberprüft stehen bleibt.

Was macht dich glücklich?
Ich kenne kein größeres Glück, als jenes, dass ich neben meiner Frau in einer erfüllten Ehe erlebe. Weder beruflicher Erfolg, noch materielle Anhäufungen, von denen ich früher einmal träumte, wie jeder wahrscheinlich, konnten diese immer tiefer werdende Überzeugung verdrängen. In der Jugend zufrieden sein, ist ein Verbrechen an eigenen Möglichkeiten, im Alter zufrieden ankommen, das ist Glück.

Du bist eine sehr reiselustige Person und bist mit deiner Frau viel unterwegs. Welches ist dein schönstes Reiseerlebnis bisher?
Ich habe immer noch eine riesige Neugier, so viel wie möglich von der Welt zu sehen. 35 Jahre im sozialistischen Osten eingesperrt gewesen zu sein und dabei die Abenteuerbücher über Weltentdecker wie Columbus, Magellan, Cook, Humboldt und wie sie noch alle hießen, zu verschlingen, hat nicht nur in mir ein solches Maß an Fernweh geschürt, dass wir nicht mehr zu halten sind. Wir flitzen fast rastlos mit unserem Reisemobil durch Europa. Und gönnen uns als Rast und Ruhe dazwischen mal eine gebuchte Flugreise.
Einzigartig war der Besuch der Owahimbas in Namibia, aber es ist immer die letzte Reise, die ich durch das Bearbeiten der zahllosen Fotos meist wieder erlebe, die ein neues Puzzle zu meinem Weltbild fügt. So wie jetzt die Indien-Reise im November 2013, unter deren Eindruck ich noch immer stehe. Das Maß an Elend, Reichtum, Menschenverachtung und sozialem Bemühen, diese Mischung aus Moderne und Mittelalter, die sich größte Demokratie der Welt nennt und einfach nur mit Extremen schockt, ist mir immer noch fast unbeschreiblich.

Hast du ein Lebensmotto?
Egal welches es wäre, ich finde es würde mich einschränken.

Das Interview führte Melanie Raabe. 

 

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